Am Bodensee, dem drittgrößten Binnensee Mitteleuropas, gehen Urlauber bis heute selbst in die Luft: mit einem Zeppelinflug über den See.
»Steigen Sie mit mir hinauf in die Hindenburg und begleiten Sie mich auf eine Zeitreise nach Amerika«,
sagte Ingrid Kunze bei unserem Besuch und marschierte die enge Stiege hinauf ins Luftschiff. Für die sympathische Mittsechzigerin mit adretter, grauer Kurzhaarfrisur gehört die Hindenburg zur Familie. Ihr Schwiegervater Richard Kunze war Maschinist auf dem Luftschiff.

Ulrike Herder
Die erste Fahrt nach Nordamerika dauerte im Mai 1936 gut zweieinhalb Tage. Allein in jenem Jahr flog die Hindenburg zehnmal nach Nordamerika und zurück. Eine einfache Fahrt kostete 400 bis 450 US-Dollar. So bestand die Passagierschar aus Politikern, Schauspielern und Industriellen, die über den Wolken im Luxus reisten. Anders als frühere Zeppeline trug die Hindenburg ihre Gäste nicht in einer Gondel unter dem Rumpf, sondern auf zwei Passagierdecks in seinem Inneren.
Zeppelin Museum Friedrichshafen: an Bord der Hindenburg
Mit rund 245 Metern Länge war die Hindenburg mehr als dreimal so lang wie ein Airbus A380. Sie hatte gut 41 Meter Durchmesser und fasste rund 200.000 Kubikmeter Wasserstoff. Zusammen mit ihrem Schwesterschiff LZ 130 »Graf Zeppelin II« gehört sie zu den größten Luftfahrzeugen, die je gebaut wurden. Am 6. Mai 1937 ging sie bei der Landung in Lakehurst an der amerikanischen Ostküste in Flammen auf und verbrannte in rund einer halben Minute. Das Unglück beendete die Ära der Passagierluftschiffe.
Wie eng die Luftschiffe mit dem NS-Staat verbunden waren, zeigt das Museum zu seinem 30. Jubiläum im Hafenbahnhof in der Sonderausstellung »Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus«, noch bis zum 4. April 2027. An den Leitwerken der Hindenburg prangten Hakenkreuze. Die Zeppeline flogen zu den Reichsparteitagen 1933 und 1936 und über die Olympischen Spiele in Berlin 1936, auf ihren Linienfahrten nach Brasilien und in die USA repräsentierten sie das Regime. Auch die Beerdigungen der Toten von Lakehurst inszenierten die Nationalsozialisten mit militärischen Ehren. Die Ausstellung räumt mit dem verbreiteten Bild der unpolitischen Technik auf und blickt auch auf die eigene Geschichte: Das 1938 eröffnete Werksmuseum der Luftschiffbau Zeppelin GmbH nutzte das Regime, um den Grafen als nationales Vorbild zu feiern.
Erfinder des Luftschiffs war Graf Ferdinand von Zeppelin, 1838 in Konstanz geboren. Er starb 1917 und erlebte das Unglück von Lakehurst nicht mehr. Sein Werk zeigt heute das Zeppelin Museum in Friedrichshafen, das nach eigener Angabe die weltweit bedeutendste Sammlung zur Luftschifffahrt besitzt. Höhepunkt ist der originalgetreue Nachbau eines rund 33 Meter langen Teilstücks der Hindenburg mit den Passagierräumen.
Ingrid Kunze führte uns die schmalen Gänge entlang, vorbei an den Schlafkabinen, die für damalige Verhältnisse mit fließend warmem und kaltem Wasser ausgestattet waren. Am Ende des Rundgangs warteten der Salon mit seinen Bauhaus-Möbeln und der Speisesaal, in dem die Gäste einst à la carte speisten.
Rund um die Hindenburg zeigt das Museum auf über 4.000 Quadratmetern Gerippe, Propeller, Gondeln und Motoren historischer Luftschiffe. An Experimentierstationen und in einem Flugsimulator lässt sich das Prinzip »leichter als Luft« selbst ausprobieren. Weniger bekannt ist die Kunstsammlung des Hauses, mit Meistern aus Süddeutschland vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Einen Schwerpunkt bilden Künstler wie Otto Dix, Max Ackermann und Willi Baumeister, die sich während der NS-Zeit an den Bodensee zurückzogen.
Der Zeppelin gehört zum Bodensee wie das Alpenpanorama
»Mein Schwiegervater erzählte, dass sie auf 400 bis 600 Höhenmetern wohlig dahingeschwebt seien, während unter ihnen die Menschen zusammenliefen«,
erinnerte sich Ingrid Kunze. Die Menschen hätten Bettlaken zum Gruß geschwenkt, und in den Dörfern hätten die Kirchenglocken geläutet.
Bis heute schauen Spaziergänger nach oben, wenn ein Zeppelin fast lautlos über den Bodensee gleitet. Friedrichshafen verdankt dem Grafen viel: Aus seiner Zeppelin-Stiftung gingen Unternehmen wie die heutige ZF Friedrichshafen, der Motorenbauer Maybach, heute Rolls-Royce Power Systems, und Dornier hervor. Bei Zeppelins Tod 1917 gehörten über 50 Firmen zu diesem Verbund, und die Stadt war zum Industriestandort geworden.
Zu Besuch in der Werft des Zeppelin NT
Die Werft des Zeppelin NT liegt in der Nähe des Flughafens. Von außen fällt der Hangar vor allem durch seine Größe auf. Drinnen lagen bei unserem Besuch zwei Zeppeline wie gestrandete Wale in der Halle. Einer stand ohne Hülle da, sein Gerüst wurde vermessen und geprüft. Der andere war startbereit und wartete auf die nächsten Passagiere.

Ulrike Herder
Mit 75 Metern ist der Zeppelin NT zwar länger als ein A380, an die Maße der Hindenburg kommt er aber nicht heran. Anders als sie ist er mit unbrennbarem Helium gefüllt. Er ist ein halbstarres Luftschiff: Ein Gerüst aus Aluminium und Carbon trägt Gondel, Motoren und Leitwerk, die Hülle hält ihre Form durch den Innendruck. Ein Blimp dagegen hat überhaupt kein inneres Gerüst.
»Luftschifffliegen ist etwas für Liebhaber«,
sagte der damalige Geschäftsführer Thomas Brandt. Seit 2001 fliegt die Deutsche Zeppelin-Reederei Passagiere über den Bodensee. Heute hat sie drei Zeppeline im Einsatz, zwei in Friedrichshafen und seit 2024 einen im Ruhrgebiet.
Zeppelinflug über den Bodensee
Die Passagiere warteten im Empfangsgebäude neben dem Hangar auf ihren Flug. Manche strahlten, andere kneteten nervös ihre Hände. Dann hob der Zeppelin ab, fast senkrecht wie ein Hubschrauber und dabei erstaunlich leise. Für reisen EXCLUSIV ist ein Zeppelinflug die sanfteste Art, den Bodensee von oben zu sehen. Die Routen führen je nach Dauer über Friedrichshafen, nach Lindau und Meersburg oder bis zur Insel Mainau und ans Schweizer Ufer.
»Weltweit existieren gerade einmal fünf Zeppeline und zehn Blimps«,
erzählte Brandt damals. Viel mehr sind es bis heute nicht geworden.
Dornier Museum Friedrichshafen
In Sichtweite der Werft steht das Dornier Museum, benannt nach Claude Dornier. Der Ingenieur, 1884 in Kempten geboren, begann 1910 bei der Luftschiffbau Zeppelin GmbH. Graf Zeppelin förderte ihn. Eines seiner ersten Projekte war eine drehbare Halle für Luftschiffe. 1922 gründete Dornier sein eigenes Unternehmen, die Dornier-Metallbauten GmbH in Friedrichshafen, und baute Flugzeuge fast vollständig aus Metall.

Ulrike Herder
Seine Flugzeuge gingen um die Welt. Das Passagierflugzeug »Merkur« stellte sieben Weltrekorde auf und flog 1926 als erstes Linienflugzeug der Deutschen Luft Hansa. Der Polarforscher Roald Amundsen startete 1925 mit zwei Flugbooten vom Typ »Wal« Richtung Nordpol. Das Flugschiff Do X war bei seinem Erstflug 1929 das größte Flugzeug der Welt.

Ulrike Herder
Rundgang durch das Dornier Museum
Das Museum öffnete 2009 direkt am Flughafen Friedrichshafen. Im Obergeschoss erzählen Modelle und interaktive Stationen vom Leben des Flugpioniers, auch Kinder und Jugendliche kommen hier auf ihre Kosten. Im Untergeschoss stehen die Flugzeuge in Originalgröße, darunter ein Nachbau der »Merkur« und ein Hubschrauber Bell UH-1D, den Dornier in Lizenz baute.

Ulrike Herder
Als wir das Museum verließen, tauchte die tief stehende Sonne die metallfarbene Fassade in warmes Licht. In der Ferne wartete der Zeppelin darauf, in den Hangar zurückzukehren.
Zeppelin Museum, Zeppelinflug und Dornier Museum: Infos für den Besuch
Zeppelin Museum Friedrichshafen: Von Mai bis Oktober täglich 9 bis 17 Uhr, von November bis April dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr geöffnet, Einlass bis 16.30 Uhr. Erwachsene zahlen 14,50 Euro, Kinder und Jugendliche von 6 bis 16 Jahren 8 Euro, die Familienkarte kostet 33 Euro. Ab 16 Uhr gilt ein Schnupperpreis von 9 Euro. Dieser Link führt auf die Seite des Zeppelin Museums.
Sonntags gibt es öffentliche Führungen, auf Anfrage auch auf Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, in Einfacher Sprache und in Gebärdensprache. Donnerstags lädt das Museum zum OPEN HOUSE mit kostenlosen Vorträgen und Lesungen. Tipp: Im Zeppelindorf zeigt das Schauhaus am König-Wilhelm-Platz 12, wie Arbeiterfamilien der Zeppelin-Werke seit 1914 lebten. Es ist von Mai bis Oktober sonntags von 12 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet 5 Euro.
Zeppelinflüge: Die Saison läuft von Ende März bis Mitte November. Ein 30-minütiger Flug über Friedrichshafen kostet 340 Euro, eine Stunde mit Bregenz, Schweizer Ufer und Mainau 630 Euro (Stand 2025). Werftführungen gibt es ab Ende März, sie dauern rund 45 Minuten. Dieser Link führt auf die Seite der Deutschen Zeppelin-Reederei.
Dornier Museum: Dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr geöffnet, montags nur an Feiertagen und in den baden-württembergischen Schulferien. Dieser Link führt auf die Seite des Dornier Museums.
Tipp: Vom 22 Meter hohen Moleturm am Hafen blicken Besucher über die Stadt und bei klarem Wetter über den See bis zu den Alpen. Der Turm ist frei zugänglich und kostenlos.

Jan Hendrik
Weitere Infos zur Region gibt es bei der Internationalen Bodensee Tourismus GmbH. Dieser Link führt auf die Seite der Bodensee-Region. Wer danach noch Lust auf den See hat, findet bei uns Tipps zum Fischen am Bodensee.


