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Literarische Hotels: Wo Bestseller entstanden und Bücherfans wohnen

Oscar Wilde starb in einem Pariser Hotelzimmer, angeblich im Streit mit der Tapete. In Agatha Christies Lieblingszimmer im Istanbuler Pera Palace tauchte nach ihrem Tod ein rätselhafter Schlüssel auf. Acht Hotels, die auf ganz unterschiedliche Art Literaturgeschichte geschrieben haben.

Es gibt Hotels, in denen die Geschichten schon in den Fluren hängen. In manchen schrieben Autoren ganze Romane, in einem bestellte ein Verleger beim Dinner gleich zwei Klassiker. Wer in einem dieser Häuser eincheckt, schläft mitten in der Literaturgeschichte.

1. GoldenEye, Jamaika: Der Schreibtisch von 007

Ian Fleming lernte Jamaika im Zweiten Weltkrieg kennen, als Marineoffizier im Geheimdienst. Er verliebte sich in die Insel und kaufte 1946 ein Stück Küste im Norden, früher eine Rennbahn für Esel. Dort baute er sich ein Haus und nannte es GoldenEye, nach einer Militäroperation aus seiner Kriegszeit und nach einem Roman von Carson McCullers, den er gerade las. Von da an floh er jeden Winter vor dem Londoner Nebel hierher. Am 17. Februar 1952 setzte er sich an den Schreibtisch und begann »Casino Royale«, den ersten Bond-Roman. Bis zu seinem Tod 1964 schrieb er alle seine Bond-Geschichten in GoldenEye.

Schreibtisch von Ian Fleming in der Fleming Villa im Resort GoldenEye

Foto: GoldenEye

Heute gehört das Anwesen Island-Records-Gründer Chris Blackwell, Flemings eigenes Haus lässt sich als Villa mieten. Bond an seinem Geburtsort zu lesen, mit dem Meer ein paar Stufen tiefer, hat schon etwas. Der Martini dazu kommt, wie sollte es anders sein, geschüttelt.

Foto: GoldenEye · Foto: arcona Hotels & Resorts

2. Hotel Elephant, Weimar: Ein Roman als Hotelempfehlung

Das Elephant am Weimarer Marktplatz ist seit 1741 Hotel, Goethe soll im Keller seinen Madeira-Wein getrunken haben. Berühmt wurde das Haus aber durch einen Roman. Goethe hatte sich als junger Mann in Charlotte Buff verliebt und sie zur Heldin seines »Werther« gemacht. Jahrzehnte später, im Herbst 1816, besuchte sie ihn in Weimar. Aus diesem Wiedersehen machte Thomas Mann seinen Roman »Lotte in Weimar«. Darin steigt Lotte im Elephant ab, und kaum hat sich ihre Ankunft herumgesprochen, drängen sich Neugierige in der Halle. Als das Hotel nach dem Zweiten Weltkrieg wieder öffnete, war Thomas Mann 1955 der erste Gast. Heute trägt eine Suite seinen Namen. Wer den Roman in der Hotelbar aufschlägt, sitzt mitten im ersten Kapitel.

Fassade des Hotel Elephant am Marktplatz in Weimar mit Terrasse und Sonnenschirmen

Foto: arcona Hotels & Resorts

3. Pera Palace, Istanbul: Die Legende von Zimmer 411

Das Pera Palace öffnete 1892, damit die Passagiere des Orient-Express in Istanbul standesgemäß übernachten konnten. Agatha Christie war zwischen 1926 und 1932 regelmäßig Gast und verlangte stets Zimmer 411. Die Strecke kannte sie aus eigener Erfahrung, denn auch sie kam mit dem Zug in die Stadt. Ob sie im Hotel an »Mord im Orient-Express« schrieb, ist nicht belegt. Krimireif wurde es auch nach Christies Tod: Eine Hellseherin behauptete, die Autorin habe in Zimmer 411 ein Geheimnis versteckt. Die Hotelleitung sah nach und fand unter einer Diele tatsächlich einen Schlüssel. Wozu er passt, weiß bis heute niemand. Hercule Poirot hätte seine Freude gehabt. Wer den Krimi heute dort liest, wo die Zugreisenden einst abstiegen, horcht bei jedem Knarzen der Dielen unwillkürlich auf.

Kuppelsaal des Pera Palace in Istanbul am Abend mit Kronleuchter und roten Samtvorhängen

Foto: editorial_head/Shutterstock.com

4. The Langham, London: Ein Dinner mit Folgen

Am 30. August 1889 saßen im Langham Hotel in London zwei Autoren am Tisch, die sich noch nie begegnet waren: Arthur Conan Doyle und Oscar Wilde. Eingeladen hatte ein amerikanischer Verleger, der Romane für sein Monatsmagazin suchte. Beide gingen mit einem Auftrag nach Hause.

Doyle notierte in seinem Tagebuch: 45.000 Wörter für 100 Pfund. Daraus wurde der zweite Sherlock-Holmes-Roman »Das Zeichen der Vier«, Wilde lieferte »Das Bildnis des Dorian Gray«. Doyle nannte das Treffen später einen »goldenen Abend« und ließ in seinen Geschichten mehrere Figuren im Langham absteigen. Eine Gedenktafel am Eingang erinnert heute an das Dinner. Im Palm Court gibt es inzwischen eher Scones als Buchverträge. Das Hotel erzählt gern, hier habe die Tradition des Afternoon Tea ihren Anfang genommen.

Fassade des Langham Hotel in London in der Abenddämmerung mit rotem Doppeldeckerbus

Foto: William Barton/Shutterstock.com

5. L’Hotel, Paris: Oscar Wildes letzte Adresse

Elf Jahre nach dem Dinner im Langham lebte Oscar Wilde verarmt im Pariser Exil. Er wohnte im damals recht schäbigen Hôtel d’Alsace in Saint-Germain-des-Prés und starb dort im November 1900. »Ich sterbe über meine Verhältnisse«, soll er gesagt haben. Über die Tapete seines Zimmers angeblich: »Entweder geht sie oder ich.« Seine letzte Rechnung hat er nie bezahlt, sie hängt heute gerahmt in Zimmer 16. Seit 1963 heißt das Haus schlicht L’Hotel. Innenarchitekt Jacques Garcia hat die 20 Zimmer opulent ausgestattet, mit viel Samt und einer Pfauentapete als Augenzwinkern in Richtung Wilde. Im Gewölbekeller wartet ein kleiner Pool, die Bar trägt heute seinen Namen. Wildes Roman »Das Bildnis des Dorian Gray« liest sich dort jedenfalls angemessen dekadent.

Foto: L'Hotel

6. Montreux Palace, Genfersee: Ein Hotel als Zuhause

Eigentlich wollte Vladimir Nabokov 1961 nur ein paar Monate bleiben. Am Ende wohnte er 16 Jahre mit seiner Frau Véra im Montreux Palace, bis zu seinem Tod 1977. Möglich machte das der Welterfolg von »Lolita«, den Roman hatte er noch in den USA geschrieben, oft unterwegs in Motels auf Schmetterlingsjagd. Das Paar lebte im sechsten Stock des Flügels Le Cygne, zu Deutsch »Schwan«. Nabokov trug deshalb gern den Spitznamen »schwarzer Schwan von Montreux«.

Er schrieb auf Karteikarten und spielte mit Véra auf dem Balkon Schach. In Montreux entstand »Ada oder Das Verlangen«. Die Titelheldin benannte er unter anderem nach einem seltenen Schmetterling, denn Falter waren seine zweite große Leidenschaft. Besucher empfing er im Salon de Musique, den Aperitif nahm er in der Bar Rose d’Or. Zum 100. Geburtstag des Autors taufte das Hotel 1999 den sechsten Stock auf seinen Namen.

Statue von Vladimir Nabokov im Garten vor dem Fairmont Le Montreux Palace am Genfersee

Foto: Alexander Gafarro/Shutterstock.com

7. Hotel Chelsea, New York: Schreibwerkstatt der Boheme

Das Chelsea in Manhattan war jahrzehntelang mehr Künstlerkolonie als Hotel. Arthur C. Clarke arbeitete hier an »2001: Odyssee im Weltraum« und nannte das Haus seine geistige Heimat. In Zimmer 205 wohnte der walisische Dichter Dylan Thomas, der 1953 nach einem letzten Trinkgelage starb. Eine Plakette an der Fassade erinnert an ihn.

Zusammengehalten hat die Boheme Hotelmanager Stanley Bard. Wer die Miete nicht aufbringen konnte, durfte bei ihm auch mit Gemälden bezahlen, die anschließend in der Lobby hingen. Nach elf Jahren Schließung und Renovierung eröffnete das Chelsea 2022 als Luxushotel. Ein Veranstaltungsraum trägt heute Bards Namen, und einige langjährige Mieter wohnen noch immer im Haus. Die Legenden ziehen also nicht aus, sie haben nur bessere Minibars bekommen.

Lobby Bar im Hotel Chelsea in New York mit Kronleuchter und Kunstwerken an den Wänden

Foto: The Hotel Chelsea

8. Gladstone’s Library, Wales: Schlafen zwischen den Bücherregalen

Zum Schluss ein Haus, in dem Literatur nicht entstand, sondern gesammelt wird. William Gladstone, viermal britischer Premierminister, besaß rund 32.000 Bücher. Etwa 22.000 davon hatte er gelesen, das verrät sein Tagebuch. Im Jahr 1894 beschloss er, seine Sammlung allen zugänglich zu machen. Mit über 80 Jahren schob er die Bücher gemeinsam mit seinem Diener und einer Tochter per Schubkarre von seinem Landsitz ins Dorf Hawarden.

Heute gilt die Gladstone’s Library als einzige Wohnbibliothek Großbritanniens. Rund 150.000 Bücher stehen in den Lesesälen. Seit 1906 dürfen Gäste auch über Nacht bleiben, heute in 26 Zimmern. Einmal im Jahr lockt außerdem das Literaturfestival Gladfest ins Dorf. Lesestoff für den Rest des Lebens wäre hier jedenfalls gesichert.

Lesesaal der Gladstone’s Library in Hawarden mit hölzernen Galerien und Bücherregalen über zwei Etagen

Foto: Gladstone’s Library

Häufige Fragen

Welche weiteren Berühmtheiten haben im Hotel Elephant eigene Suiten?
Neben Thomas Mann sind zwei Suiten nach Walter Gropius und Lyonel Feininger benannt. Beide prägten das frühe Bauhaus in Weimar. Auch die Einrichtung des Hotels greift Art déco und Bauhaus auf.
Was gibt es im Langham außer Afternoon Tea?
Die Cocktailbar Artesian zählt zu den bekanntesten Bars Londons. Dazu kommt das Pub The Wigmore. Beide stehen unter der kulinarischen Leitung von Spitzenkoch Michel Roux Jr.
Wo erinnert in Montreux noch mehr an Nabokov?
Nabokov und seine Frau Véra liegen auf dem Friedhof im nahen Clarens begraben. Seine Schmetterlingssammlung vermachte er dem Zoologischen Museum in Lausanne.
Was ist vom alten Hotel Chelsea geblieben?
Das Restaurant El Quijote öffnete 2022 wieder, samt restaurierter Wandmalereien aus den 1930er-Jahren. Auch der Veranstaltungsraum The Bard Room erinnert an die Boheme-Zeit.
Dürfen auch Tagesgäste in die Gladstone's Library?
Ja, die Bibliothek steht Lesern ohne Übernachtung ebenso offen. Im hauseigenen Bistro Food for Thought treffen sich Tagesgäste und Hausgäste.
Ulrike Herder
Ulrike probiert gerne alles aus und liebt den guten Mix. Ob exotisches Essen, heilende Rituale, treibende Megastädte oder einsame Landschaften. So möchte sie ein Land gerne auf die Weise der Einheimischen erleben. Am liebsten stillt sie ihre Neugier in Asien, in Flip-Flops. Tragen die Einheimischen ja schließlich auch.