Fünfzig Kilometer westlich von Philadelphia beginnt eine andere Zeitrechnung. Der Brandywine River zieht in weiten Schleifen durch grüne Hügel. Auf den Wiesen stehen Anwesen, die einst der Familie du Pont gehörten. In den Kleinstädten duftet es nach Pilzragout und frisch gebackenem Sauerteig. Willkommen in The Countryside of Philadelphia, der Gartenhauptstadt Amerikas.
Mehr als 35 öffentliche Gärten und Arboreten verteilen sich in The Countryside of Philadelphia auf einem Umkreis von rund 50 Kilometern. Eine solche Dichte an botanischer Schönheit findet sich nirgendwo sonst in den USA. Im Brandywine Valley, dem Herzstück der Region, geben die Jahreszeiten den Ton an. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Im Frühjahr leuchten die Magnolien, im Sommer öffnen Rosen und Hortensien ihre Blüten, und im Herbst stehen Ahorn und Eiche in flammendem Rot.
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Hinter vielen dieser Anlagen steckt ein Name: du Pont. Die Familie zählte über Generationen zu den reichsten und einflussreichsten Dynastien Amerikas, mit einem Faible für Kunst, Wissenschaft und vor allem für schöne Gärten. Ihr Vermächtnis besteht heute aus Museen, Bibliotheken und Gartenanlagen, die alle öffentlich zugänglich sind. Wer hierher reist, bekommt nebenbei eine kleine Lektion in amerikanischer Familiengeschichte.
Longwood Gardens: Das Kronjuwel zwischen Brunnen und Blüten
Die Longwood Gardens sind die Königsdisziplin der Region. Auf weitläufigen Anlagen wachsen Pflanzen aus aller Welt, von tropischen Orchideen bis zu seltenen Baumarten, die anderswo schon längst vom Aussterben bedroht wären. Das dramatische Herzstück ist der Main Fountain Garden mit der bedeutendsten Brunnenkollektion Nordamerikas. Zwischen Mai und Oktober tanzen die Wasserfontänen während des »Festivals of Fountains« zu farbig beleuchteten Choreografien, die mitunter ganze Symphonien begleiten.

Das ist der Main Fountain Garden in Longwood Gardens. | Foto: The Countryside of Philadelphia
Zur Adventszeit verwandelt sich die Anlage komplett. »A Longwood Christmas« taucht das Gelände in Millionen Lichter, beleuchtet Bäume, Wege und die historischen Konservatorien. Im Fine-Dining-Restaurant 1906 landen Gerichte mit Zutaten aus dem eigenen Garten auf dem Teller. Ein Tipp am Rande: Wer rechtzeitig reserviert, bekommt vielleicht einen Fenstertisch mit Blick auf die Springbrunnen.

Lichtshow in Longwood Gardens. | Foto: Becca Mathias
Auf den Spuren der du Ponts
Wer tiefer ins du-Pont-Erbe eintauchen will, findet weitere Anlagen in der Nähe. Jede erzählt eine andere Facette dieser amerikanischen Familie.
Historic by Nature: Eine Region mit Patina
The Countryside of Philadelphia versteht sich als »Historic by Nature«. Die Ateliers entlang des Brandywine River prägten ganze Künstlergenerationen. Die Anwesen erzählen vom Aufstieg amerikanischer Dynastien. In den Kleinstädten stehen Fieldstonehäuser aus dem 18. Jahrhundert neben weiß gestrichenen Holzfassaden mit Veranden. Für einen Tagesausflug in die amerikanische Gründungsgeschichte lohnt sich der nahegelegene Valley Forge National Historical Park, in dem die Kontinentalarmee – also die vereinten Kräfte der 13 rebellierenden britischen Kolonien – im Winter 1777/78 ihr legendäres Lager aufschlug.
Wyeth, Holz und der Brandywine Valley Artscape
Das Brandywine Valley hat eine eigene Kunstgeschichte hervorgebracht. Zwei Adressen lohnen den Umweg besonders.
Outdoor-Abenteuer zwischen Fluss, Feld und Heißluftballon
Die Hügellandschaft des Brandywine Valley lädt zu jeder Form aktiver Erkundung ein. Kilometerlange Wander- und Radwege durchziehen Naturschutzgebiete und Waldstücke. Auf Seen und Flüssen finden Kajakfahrer, Stand-up-Paddler und Kanuten ihr Revier. Besonders der Brandywine River selbst gilt als beliebte Route, weil seine Strömung sanft bleibt und Reiher, Schildkröten und Eisvögel den Weg säumen.

Kanu fahren auf dem Brandywine River. | Foto: The Countryside of Philadelphia
Über sechzig Golfanlagen verteilen sich auf dem Gebiet. Manche Bahnen verlaufen entlang historischer Steinmauern aus dem 18. Jahrhundert. Der Reitsport hat in der Region tiefe Wurzeln. Die »Devon Horse Show«, eines der ältesten und renommiertesten Pferdesport-Events der USA, zieht seit 1896 jedes Frühjahr Tausende von Zuschauern an.

Winzer präsentiert eine Flasche Weißwein von Wayvine Winery | Foto: The Countryside of Philadelphia
Eine besonders ruhige Form der Erkundung bieten Heißluftballonfahrten. Beim Aufstieg über die Hügel öffnet sich der Blick auf Patchwork-Felder, Flussschleifen und die roten Dächer kleiner Farmen. In der Morgendämmerung steigt oft Nebel aus den Tälern, während die Sonne die Konturen schärft.
Charmante Kleinstädte mit eigenem Charakter
Die Main Streets der Kleinstädte prägen den Alltag der Region. Kennett Square, West Chester und Phoenixville haben jeweils einen eigenen Charakter bewahrt. Boutiquen verkaufen kleine Modelabels, Galerien zeigen regionale Künstler, in Cafés werden Croissants nach Pariser Schule gebacken. Studenten treffen sich in gemütlichen Pubs und Buchläden. Wer durch die Straßen schlendert, begegnet Altbauten aus dem 18. Jahrhundert. Beliebt sind auch hier die Vintage-Läden und Antiquitätengeschäfte.

Café Philter in Kennett Square | Foto: The Countryside of Philadelphia
Phoenixville, einst Industriestadt mit Stahlwerken, gilt heute als hippstes Comeback der Region. In West Chester treffen sich Studenten der West Chester University in Brewpubs und Buchläden. Und dann gibt es da noch diesen einen Ort, in dem Pilze quasi Staatsangelegenheit sind.
Kennett Square: Die Pilzhauptstadt Amerikas
Über 60 Prozent aller Pilze, die in den USA geerntet werden, kommen aus Kennett Square. Den Titel »Mushroom Capital« trägt der Ort also zu Recht. Auf den Speisekarten landet das Thema in jeder denkbaren Form: cremige Pilzsuppen, Portobello-Burger, eingelegte Shiitake, frittierte Pfifferlinge im Tempura-Mantel.

Tadaa! Kennett Square ist das Mushroom Capital. | Foto: The Countryside of Philadelphia
Im September feiert das »Mushroom Festival« diese Spezialität. Tausende Besucher reisen an, kosten sich durch die Stände und erfreuen sich am vielseitigen Einsatz des Pilzes. Beispielsweise auch in der Schokolade. Abseits des Festivals lohnen sich Besuche in den Weingütern der Umgebung, in kleinen Craft-Brauereien und in Farm-to-Table-Restaurants. Die Zutaten stammen oft von Höfen, die weniger als zehn Kilometer entfernt liegen.
Shopping ohne Steuern auf Mode
Pennsylvania erhebt keine Steuern auf Kleidung und Schuhe. Das macht The Countryside of Philadelphia zu einem überraschend reizvollen Ziel für alle, die ihrem Kleiderschrank gerne mal etwas Neues gönnen. In den Boutiquen der Kleinstädte hängen unabhängige Labels, Vintage-Funde und handgenähte Lederjacken, die in Europa schnell zu Statement-Pieces werden.

Malena’s Vintage Boutique in West Chester Foto: The Countryside of Philadelphia
Wer es größer mag, fährt zur King of Prussia Mall, dem größten Einkaufszentrum der amerikanischen Ostküste mit über 450 Geschäften unter einem Dach. Und seit November 2025 lockt dort das weltweit erste Netflix House, eine immersive Welt aus Themenrestaurant, Theater und begehbaren Serienkulissen. Auf mehr als 11.000 Quadratmetern warten virtuelle Squid-Game-Challenges, eine Mini-Golfanlage zwischen Netflix-Lieblingen und regelmäßig wechselnde Settings, wie aktuell ein Jahrmarkt aus der Welt von Wednesday Addams. Im hauseigenen Restaurant Netflix Bites landen Gerichte wie das »Red Bite, Green Bite« Korean Fried Chicken auf dem Teller, inspiriert von den größten Serienhits des Streaming-Giganten.
Übernachten zwischen Kaminfeuer und Country-Charme
Die Übernachtungsmöglichkeiten in The Countryside of Philadelphia tragen den Charakter der Region. Charmante Inns aus dem 18. und 19. Jahrhundert empfangen ihre Gäste in Zimmern mit knarrenden Holzdielen und Kaminen aus Feldstein. Bed & Breakfasts werden oft seit Generationen von denselben Familien geführt, die ihre Häuser kennen wie ihre Westentasche. Boutiquehotels auf dem Land setzen auf reduzierte Einrichtung, lokale Küche und Fenster, die so groß sind, dass die Landschaft gleich mit ins Zimmer kommt.

The Bookhouse at Faunbrook wurde in den 1860er-Jahren erbaut und ist ein prachtvolles Anwesen. I Foto: The Countryside of Philadelphia
Eine Nacht reicht hier selten. The Countryside of Philadelphia ist eine Region, in der morgens das Frühstück mit selbstgemachter Marmelade ausgiebig zelebriert wird, in der man zwischen Gärten und Weinhängen die Zeit vergisst und abends mit einem Glas Pennsylvania-Riesling vor dem Kamin sitzt. Fünfzig Kilometer von Philadelphia entfernt, und doch eine ganz eigene Welt.
