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Drei Handtücher auf dem Sand, ein Boot in der Bucht, sonst nichts. So sieht ein Nachmittag an der Cala Pregonda aus. Auf Mallorca wäre dieses Szenario undenkbar. Während die große Schwester jährlich über 13 Millionen Touristen empfängt, bleibt Menorca bei 1,5 Millionen. Warum Massentourismus auf der Insel kein Thema ist. Und welche Orte besonders schön sind.

Die Felsen über der Bucht leuchten rotbraun in der tief stehenden Sonne. Das Wasser schimmert in einem Grün, das auf Postkarten künstlich wirken würde. Wer hierher will, parkt eineinhalb Kilometer entfernt und geht zu Fuß, eine Strandbar gibt es hier nicht, auch kein Hotel. Bootsanlegestelle? Fehlanzeige!

Luftaufnahme der Cala Pregonda im Norden Menorcas mit rostroten Klippen, goldenem Sand und türkisblauem Meer mit vorgelagerten Felsinseln.

Cala Pregonda im Norden Menorcas. I Foto: Balate Dorin/Shutterstock.com

Die Cala Pregonda liegt im Norden Menorcas, eine Stunde Autofahrt von der Hauptstadt Mahón entfernt. Sie ist kein Geheimtipp. Reiseführer empfehlen sie seit Jahrzehnten. Trotzdem bleibt sie leer, zumindest außerhalb der zwei Stunden um Mittag, in denen einige Tagesgäste eintreffen. Am späten Nachmittag gehört die Bucht den Verbleibenden, die ausgeharrt haben.

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Auf Mallorca, vierzig Kilometer weiter westlich, wäre an dieser Stelle längst eine Promenade. Eine Strandbar mit Happy Hour, ein Parkplatz mit Schranke eventuell sogar ein Beachclub mit reservierten Liegen und tanzbarer Housemusik. So funktioniert der Tourismus im Mittelmeerraum seit den 1970er-Jahren. Außer auf Menorca.

Eine gute Entscheidung aus dem Jahr 1993

Menorca hätte den gleichen Weg gehen können wie ihre Balearenschwestern Mallorca und Ibiza. In den 1980er-Jahren lagen Bauanträge für Großhotels auf dem Tisch, Investoren aus dem Norden Spaniens, aus Deutschland, aus Großbritannien zeigten Interesse. Die Inselregierung jedoch blieb sich treu und entschied sich anders.

Weißer Leuchtturm Far de Cavalleria auf einer kahlen Klippe im Norden Menorcas vor weitem Himmel mit Schleierwolken

Leuchtturm Far de Cavalleria. I Foto: Jenny Latuperisa-Andresen

1993 erklärte die Unesco ganz Menorca zum Biosphärenreservat. Nicht eine Bucht, nicht einen Küstenabschnitt, sondern die gesamte Insel samt umliegender Gewässer. Damit verband sich eine Selbstverpflichtung der Region. Neue Hotels nur in Bestandsgebäuden, keine Hochhäuser, keine Verdichtung bestehender Resorts über eine festgelegte Bettenzahl hinaus. Zwei Drittel der Küste blieben unbebaut.

Mallorca diskutiert seit Jahren über Overtourism, Anwohnerproteste in Palma, Mietpreisexplosionen und Wasserknappheit. Menorca führt diese Debatten nicht.

Wasser, das zweimal arbeitet

Die größte ökologische Herausforderung der Insel trägt einen unspektakulären Namen: Trinkwasser. Menorca hat keine Berge mit Schmelzwasser, keine großen Flüsse, keine Stauseen von Bedeutung. Süßwasser kommt fast vollständig aus Grundwasserleitern unter dem Kalksteinboden. In trockenen Sommern sinkt der Pegel, manchmal drastisch.

fischerboot-menorca.jpgVerfallene Steinmauern eines alten Bootshauses am Wasser auf Menorca, dahinter ein weiß-blaues Fischerboot vor strahlend blauem Himmel.

Foto: Hector Barcelona/Shutterstock.com

Ein Pilotprojekt der Initiative Illes Sostenibles arbeitet an einer Antwort. Aufbereitetes Abwasser wird gefiltert und kontrolliert in die Grundwasserleiter zurückgeführt. Die natürlichen Gesteinsschichten übernehmen die letzte Reinigungsstufe, Bakterien und Mikroplastik bleiben hängen. Nach Monaten steht das Wasser wieder als Trinkwasser zur Verfügung. Ein Kreislauf, der die Insel unabhängiger von Niederschlägen macht.

Parallel laufen Projekte zur intelligenten Steuerung von Energie und Mobilität. Straßenbeleuchtung dimmt automatisch, wenn niemand unterwegs ist. Öffentliche Gebäude regeln Heizung und Klimaanlage nach Belegung. Verkehrsflüsse werden in Echtzeit ausgewertet, um Engpässe in der Hochsaison zu entschärfen. Für eine Insel mit knapp 100.000 ständigen Bewohnern und saisonalen Spitzen von mehreren hunderttausend Gästen entscheidet diese Steuerung darüber, ob die Infrastruktur trägt oder bricht.

Camí de Cavalls, der Weg der Pferde

Wer Menorca verstehen will, geht oder, noch besser, reitet den Camí de Cavalls. Der historische Küstenweg umrundet die gesamte Insel auf 185 Kilometern, aufgeteilt in zwanzig Etappen unterschiedlicher Länge und Schwierigkeit. Sein Name verrät seinen Ursprung. Im 14. Jahrhundert verpflichtete König Jaume II. die Grundbesitzer der Insel, einen Reitweg um die Küste zu unterhalten, damit berittene Wachen jeden Quadratmeter Küste innerhalb weniger Stunden erreichen konnten. Schließlich musste der  Schutz vor Piraten und Invasionen über Jahrhunderte aufrechterhalten werden.

Mann mit Lederrucksack und Vollbart steht an einer Aussichtsplattform aus Treibholz und blickt im Abendlicht auf eine Bucht mit Segelyachten und Steilklippen Menorcas.

Foto: tolobalaguer.com/Shutterstock.com

Dann verwilderte der Weg. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwand er teilweise unter Macchia, dem typischen dichten und immergrünen Gestrüpp.  Ab und an gelangten über die Jahre auch Teile des Weges hinter die Zäune privater Grundbesitzer. Erst 2010 wurde er nach langen juristischen Auseinandersetzungen vollständig wiederhergestellt und für die Öffentlichkeit gesichert. Heute zählt er zu den schönsten Küstenwegen Europas.

Panoramablick auf die geschützte Bucht Cala Macarelleta mit türkisblauem Wasser, weißem Sandstrand und Pinienwald an den Kalksteinklippen, Menorca

Die Cala Marcarella. I Foto: Balate Dorin/Shutterstock.com

Jede Etappe hat ihren eigenen Charakter. Im Süden führt der Weg über weiße Kalksteinklippen, durch Pinienwälder, vorbei an Buchten die eher an die Karibik erinnern, als an die Balearen. Strandlieberhaber sollten sich folgende Namen merken: Cala Macarella, Cala Mitjana, Cala Trebalúger. Im Norden wird die Landschaft rauer, die Felsen dunkler, die Buchten einsamer. Cala Pregonda mit ihren rostroten Klippen, Cala del Pilar, zugänglich nur über einen einstündigen Marsch durch dichten Wald, Cala Algaiarens mit ihrem türkisfarbenen Wasser unter Steineichen.

Auf dem Rücken der Pferde

Besonders eindrücklich ist der Camí, wie bereits angeteasert, auf dem Rücken eines menorquinischen Pferdes. Die Cavall Menorquí ist eine eigene Rasse, schwarz, schlank, hochbeinig, seit Jahrhunderten auf der Insel gezüchtet. Bei den traditionellen Sant-Joan-Festen in Ciutadella tanzen sie auf den Hinterbeinen durch die Menge, in einer Choreografie, die sich seit dem 14. Jahrhundert kaum verändert hat. Im Alltag arbeiten sie als Reittiere auf den Höfen der Insel.

Drei Reiterinnen auf einem Schimmel, einem Rapphengst und einem zweiten Schimmel auf einem Schotterweg durch die wilde Macchia-Landschaft Menorcas

Foto: Jenny Latuperisa-Andresen

Mehrere Reiterhöfe bieten geführte Ausritte auf dem Camí de Cavalls an, von einer Stunde bis zu mehreren Tagen. Eine empfehlenswerte Strecke führt von Cala Galdana entlang der Südküste bis zur Cala Macarella, etwa zweieinhalb Stunden, gut für Anfänger geeignet. Wer mehr will, bucht eine mehrtägige Tour mit Übernachtungen in Fincas im Inselinneren. Das Pferd findet seinen Weg über Wurzeln und Felsen, an steilen Abhängen und durch flaches Wasser. Vom Sattel aus sieht man Menorca, wie es die Bewohner seit 700 Jahren sehen.

Spuren aus der Talayot-Zeit

Wer den Camí verlässt und ins Inselinnere abbiegt, stößt auf Steine, die älter sind als die Pyramiden von Gizeh. Vor mehr als 3.000 Jahren errichteten die Bewohner Menorcas massive Türme aus unbehauenen Felsblöcken, sogenannte Talaiots, dazu T-förmige Kultsteine, die Taulas, und schiffsförmige Grabkammern, die Navetas. Niemand weiß genau, wozu sie dienten. Wachtürme, Kultplätze, Versammlungsorte, Mausoleen, jede Theorie hat ihre Anhänger.

Silhouette einer prähistorischen Talayot-Anlage mit T-förmigem Trilithon und Menhiren gegen die untergehende Sonne, Menorca.

Silhouette einer prähistorischen Talayot-Anlage. I Foto: Francisco Gabriel Toledo/Shutterstock.com

Die Unesco nahm die talayotische Kultur Menorcas 2023 in die Liste des Weltkulturerbes auf. Die Naveta des Tudons bei Ciutadella gilt als das älteste vollständig erhaltene Bauwerk Europas. Sie steht frei auf einem Acker, ohne Eintritt, ohne Sicherheitspersonal, ohne Souvenirshop. Wer kommt, kommt zu Fuß oder mit dem Mietwagen, geht um den Stein, legt vielleicht die Hand auf das warme Gestein, und geht wieder. Der Schutz der Stätte beruht weniger auf Absperrung als auf einer menorquinischen Grundhaltung: Geschichte gehört zur Landschaft, nicht ins Museum.

Der andere Tourismus: Lohnt sich das?

Menorcas Modell kostet die Insel ganz sicher Tourismuseinnahmen. Ein Großhotel mit 500 Zimmern bringt mehr Wertschöpfung pro Hektar als eine intakte Bucht. Diese Rechnung kennt jede Inselregierung im Mittelmeer. Menorca hat sich dagegen entschieden und gewinnt langfristig genau das, weswegen Reisende kommen. Leere Buchten, dunkle Sternenhimmel, eine Küstenlinie ohne Promenadenketten, eine Sprache, die noch lebt,  und eine Küche, die noch von alten Bauern stammt.

Drohnenaufnahme der Cala Macarella mit kristallklarem türkisblauen Wasser, weißem Sandstrand und Pinienhängen, ein einzelnes weißes Boot ankert in der Bucht. Foto: we-bond-creations / Shutterstock

Foto: we-bond-creations/Shutterstock.com

Die ökologische Touristensteuer von 1 bis 4 Euro pro Person und Nacht fließt zurück in Schutzprojekte, in Wasserwirtschaft, in den Erhalt des Camí. Die Insel finanziert ihre Erhaltung aus den Einnahmen der Gäste, die sie wertschätzen. Ein Modell, das andere Mittelmeerregionen mittlerweile studieren.

HÄUFIGE FRAGEN ZU URLAUB AUF MENORCA STATT MALLORCA
Wann ist die beste Reisezeit für Menorca?
Mai, Juni und September gelten als ideal. Angenehme Temperaturen um 24 bis 28 Grad, weniger Touristen als im Hochsommer, Buchten ohne Gedränge. Juli und August sind heiß und voll, der Frühling besonders grün.
Wie kommt man am besten nach Menorca?
Per Direktflug zum Flughafen Mahón (MAH), in der Sommersaison mehrmals täglich aus Deutschland. Alternativ Fähre ab Barcelona, Valencia oder Mallorca, vor allem für Reisende mit eigenem Fahrzeug eine Option.
Welches Hotel empfiehlt sich auf Menorca?
Das »Hotel Son Vell« im Nordwesten der Insel. Ein historisches Landgut aus dem 18. Jahrhundert, restauriert als Boutique-Resort mit Restaurant, Pool und Pferdestall. Ruhige Lage, hoher Designanspruch, ideal für Reisende mit Sinn für stille Eleganz.
Kann man auf Menorca reiten?
Ja, und das mit Stil. Die menorquinischen Pferde, eine eigene Rasse mit schwarzem Fell, sind seit Jahrhunderten Teil der Inselkultur. Reiterhöfe bieten Ausritte am Camí de Cavalls an, dem historischen Küstenweg. Besonders schön: geführte Touren bei Sonnenuntergang.