Text: Peter Pfänder
Die kalte, stürmische Nacht am Berg Sakureisan endet um halb sechs. Der Duft von Räucherstäbchen zieht durch den Schlaftrakt des Tempels Senyu-ji auf der Insel Shikoku. Zeit für Otsutome, die allmorgendliche Sutra-Rezitation der Priester. Das vorabendliche Bad im Thermalwasser des Tempel-Onsen konnte es nicht verhindern: Alles ist nach der Nacht auf der dünnen Matratze eingeschlafen, der Rücken ist total verkrampft, die Hüfte taub, die Schultern lahm. Da hilft nur Yoga. Also den Futon beiseitegeräumt für Paschimottanasana, Chakravakasana und Adho Mukha Svanasana, den Hund, der nach unten schaut. So komme ich halbwegs auf die Beine und schlurfe in den viel zu kleinen Plastikpantoffeln zum Hondo, dem Gebetsraum des Tempels.

Foto: Peter Pfänder
Mitmachen, aber mit Respekt
Die anderen Gäste laufen auch alle etwas steif ein. Zum Glück müssen wir unsere Beine nicht zum Lotussitz verknoten. Auf niedrigen Stühlen verfolgen wir die Zeremonie. Harmonischer Singsang, Dröhnen einer gigantischen Klangschale. Der Priester reicht ein rotes Büchlein und ermuntert uns, mitzusingen. Davor opfern wir etwas Räucherpulver, gehen in die Knie, falten die Hände und verbeugen uns. Aber: Ist das nicht schon kulturelle Aneignung? Nein, keinesfalls, versichert mir der Priester im Anschluss. Menschen in Japan schätzen es vielmehr, wenn Ausländer respektvoll mitmachen.
Ein Gasradiator faucht vor uns. Das erste Mal seit dem Bad im Onsen friere ich nicht. Die Luft ist schwer vom Qualm der Räucherstäbchen, kratzt im Hals. Jetzt nur nicht in den Gesang husten! Zum Abschluss gibt es eine moralische Unterweisung und die Aufforderung zum nachhaltigen Lebenswandel.
Kurz danach sitze ich, nicht erleuchtet, sondern etwas ratlos, vor dem Frühstück: Das wird in einer Einweg-Bentobox aus dickem Plastik serviert. Dazu schlürfe ich Do-it-yourself-Instant-Misosuppe aus der Plastiktube. Zum Glück ist der Grüntee heiß und stark. Und kommt nicht aus Beuteln.
Auf dem Weg der 88 Tempel
Der Shukubo-Tempel Senyu-ji, der mich rückenlahm futonierte, ist die Nummer 58 des Pilgerwegs. Er geht auf das Jahr 670 zurück und fiel 1947 einem verheerenden Waldbrand zum Opfer. Nur die Statue des Mönchs Kūkai (Begründer des japanischen Shingon-Buddhismus) und die über 1.350 Jahre alte Statue des vielarmigen Kannon blieben verschont.
Ausdauernde spirituelle Wanderer lieben den Pilgerweg Shikoku Henro mit seinen 88 Tempeln und 1.200 Kilometern Gesamtlänge auf der Insel Shikoku. Nur noch etwa 100 Kilometer der Strecke sind ungeteert. Eine dieser Etappen will ich begehen. Die Wahl fällt auf das historisch so bedeutende wie topografisch hinterhältige Stück zwischen der Schutzhütte Yunami und dem Tempel Yokomine-ji, dem am zweithöchsten gelegenen Tempel der Insel.

Foto: Wakayama Tourism Federation
Übernachten im Tempel
Shukubo nennen Japaner die Tempelübernachtungen für Pilger. Die Zimmer sind eher spartanisch, aber oft wartet ein tempeleigener Onsen. Ab 35 bis 50 Euro inklusive Abendessen und Frühstück gibt es Futons in kleinen, zugigen Zimmern mit Tatami-Matten, einen Heizlüfter für die kalte Jahreszeit sowie blitzsaubere Gemeinschaftsbäder und -toiletten.











