Foto: Wakayama Tourism Federation
Japan

Pilgern in Japan: Auf spirituellen Wegen zwischen Tempeln, Onsen und heiligen Bergen

Spirituelles Wandern statt der neongrellen Hektik in Tokio und Osaka? Auch das kann Japan, und zwar beim Pilgern. Wer zu Fuß unterwegs ist, findet ein anderes Land: Pilgerwege, die zwischen 24 und 1.200 Kilometer lang sind, gesäumt von fast 500 Tempeln, die Wanderer aufnehmen und verpflegen. Eine Reise durch diese Welt lässt sich freilich nur in Etappenunternehmen, denn wer den längsten Weg komplett abläuft, ist zwei Monate unterwegs.

Text: Peter Pfänder

Die kalte, stürmische Nacht am Berg Sakureisan endet um halb sechs. Der Duft von Räucherstäbchen zieht durch den Schlaftrakt des Tempels Senyu-ji auf der Insel Shikoku. Zeit für Otsutome, die allmorgendliche Sutra-Rezitation der Priester. Das vorabendliche Bad im Thermalwasser des Tempel-Onsen konnte es nicht verhindern: Alles ist nach der Nacht auf der dünnen Matratze eingeschlafen, der Rücken ist total verkrampft, die Hüfte taub, die Schultern lahm. Da hilft nur Yoga. Also den Futon beiseitegeräumt für Paschimottanasana, Chakravakasana und Adho Mukha Svanasana, den Hund, der nach unten schaut. So komme ich halbwegs auf die Beine und schlurfe in den viel zu kleinen Plastikpantoffeln zum Hondo, dem Gebetsraum des Tempels.

Eine liegende Buddha-Statue aus Stein unter bunten buddhistischen Bannern, davor eine goldene Lotusblumen-Skulptur, am Ishiteji-Tempel Nummer 51 des Pilgerwegs auf Shikoku.

Foto: Peter Pfänder

Mitmachen, aber mit Respekt

Die anderen Gäste laufen auch alle etwas steif ein. Zum Glück müssen wir unsere Beine nicht zum Lotussitz verknoten. Auf niedrigen Stühlen verfolgen wir die Zeremonie. Harmonischer Singsang, Dröhnen einer gigantischen Klangschale. Der Priester reicht ein rotes Büchlein und ermuntert uns, mitzusingen. Davor opfern wir etwas Räucherpulver, gehen in die Knie, falten die Hände und verbeugen uns. Aber: Ist das nicht schon kulturelle Aneignung? Nein, keinesfalls, versichert mir der Priester im Anschluss. Menschen in Japan schätzen es vielmehr, wenn Ausländer respektvoll mitmachen.

Ein Gasradiator faucht vor uns. Das erste Mal seit dem Bad im Onsen friere ich nicht. Die Luft ist schwer vom Qualm der Räucherstäbchen, kratzt im Hals. Jetzt nur nicht in den Gesang husten! Zum Abschluss gibt es eine moralische Unterweisung und die Aufforderung zum nachhaltigen Lebenswandel.

Kurz danach sitze ich, nicht erleuchtet, sondern etwas ratlos, vor dem Frühstück: Das wird in einer Einweg-Bentobox aus dickem Plastik serviert. Dazu schlürfe ich Do-it-yourself-Instant-Misosuppe aus der Plastiktube. Zum Glück ist der Grüntee heiß und stark. Und kommt nicht aus Beuteln.

Auf dem Weg der 88 Tempel

Der Shukubo-Tempel Senyu-ji, der mich rückenlahm futonierte, ist die Nummer 58 des Pilgerwegs. Er geht auf das Jahr 670 zurück und fiel 1947 einem verheerenden Waldbrand zum Opfer. Nur die Statue des Mönchs Kūkai (Begründer des japanischen Shingon-Buddhismus) und die über 1.350 Jahre alte Statue des vielarmigen Kannon blieben verschont.

Ausdauernde spirituelle Wanderer lieben den Pilgerweg Shikoku Henro mit seinen 88 Tempeln und 1.200 Kilometern Gesamtlänge auf der Insel Shikoku. Nur noch etwa 100 Kilometer der Strecke sind ungeteert. Eine dieser Etappen will ich begehen. Die Wahl fällt auf das historisch so bedeutende wie topografisch hinterhältige Stück zwischen der Schutzhütte Yunami und dem Tempel Yokomine-ji, dem am zweithöchsten gelegenen Tempel der Insel.

Zwei Pilgerinnen in rot-weißer traditioneller Kleidung mit Strohhüten stehen an einem gepflasterten Weg durch einen alten Zedernwald am Daimonzaka auf der Nakahechi-Route des Kumano Kodo.

Foto: Wakayama Tourism Federation

Übernachten im Tempel

Shukubo nennen Japaner die Tempelübernachtungen für Pilger. Die Zimmer sind eher spartanisch, aber oft wartet ein tempeleigener Onsen. Ab 35 bis 50 Euro inklusive Abendessen und Frühstück gibt es Futons in kleinen, zugigen Zimmern mit Tatami-Matten, einen Heizlüfter für die kalte Jahreszeit sowie blitzsaubere Gemeinschaftsbäder und -toiletten.

Foto: Peter Pfänder

Wichtig bei Tempelübernachtungen ist der japanische Pantoffel-Knigge. Die häufig blauen Toilettenpantoffel zieht man beim Verlassen des WC-Bereichs und vor dem Betreten des Gangs nicht einfach aus. Man dreht sie so hin, dass der nächste Gast einfach hineinschlüpfen kann: mit dem Absatz zur Türschwelle. Wer in Toilettenpantoffeln den WC-Bereich verlässt oder damit gar in den Speisesaal marschiert, steckt bis über beide Ohren im größtmöglichen Fettnapf. Wer die Wanderschuhe nicht gleich am Eingang auszieht, auch.

Die Ur-Veganer

Die Mahlzeiten in den Tempeln sind meist vegetarisch, oft sogar vegan. Und das seit Jahrhunderten. Die »Shojin Ryori«-Küche ist eine kontemplativ-kulinarische Entdeckungsreise mit Dutzenden von Schälchen und Tellerchen mit kleinen Gerichten voller Raffinesse. Man isst langsamer und bewusster. Auch weil man bei jedem Bissen grübelt, was einem da gerade von den Essstäbchen auf den Schoß fällt. Bei »Shojin Ryori« gibt es alle fünf Geschmacksrichtungen. Süß, sauer, salzig, bitter – und umami, was so viel wie herzhaft-vollmundig bedeutet. Die Zutaten spiegeln die Saison wider. So gibt es im schwülheißen japanischen Sommer kühlende Gurke und kalten Tofu mit Ingwer, Shiso und Sojasoße, im Winter wärmendes Wurzelgemüse.

Traditionelle Tempelküche mit mehreren lackierten Tabletts und Schälchen auf Tatami, darauf Reis, Tofu, Gemüse und weitere Speisen.

Foto: Peter Pfänder

Wer nur kurz ins japanische Pilgerwandern hineinschnuppern will, nimmt den 24 Kilometer langen Weg »Choishi Michi« vom Tempel Jison-in in Kudoyama zum heiligen Berg Koyasan unter die Wanderschuhe und bucht sich dort für eine Nacht in einen der 50 Shukubo-Tempel ein.

Heiliger Berg Koyasan

Der Koyasan, der heilige Berg des Shingon-Buddhismus, liegt gut 80 Kilometer Luftlinie südöstlich von Osaka in der Präfektur Wakayama. Es ist ein großartiges Ensemble aus Tempeln und einem verzauberten Friedhof unter uralten Zedern. Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten zählen der Tempel Kongobu-ji mit dem größten Zen-Steingarten Japans sowie der Danjo-Garan mit der leuchtend roten Pagode Konpon Daito und seiner majestätischen Kondo-Halle. Stundenlang spaziert man auf dem Koyasan von Tempel zu Tempel und über den Friedhof Okunoin. Über 200.000 moosbewachsene Grabstätten unter bis zu 600 Jahre alten Sugi-Zedern ehren Japans größte Denker, Künstler, Feldherren, Priester und Unternehmer.

Mehrere Mönche in orangefarbenen und gelben Gewändern stehen bei Abendlicht vor einer großen historischen Tempelhalle auf dem Koyasan.

Foto: Wakayama Tourism Federation

Von den einst über 2.000 Tempeln stehen noch 117, dort leben fast 700 Mönche. Einer der wenigen Gast-Tempel mit eigenem Onsen ist der ruhig am Waldrand gelegene »Rengejo-in«. In den großen Familienzimmern mit kunstvoll bemalten Schiebetüren und Wänden und bequemen Futons kommt man der besonderen Ästhetik der traditionellen Wohnkultur Japans wunderbar nahe. Und man erlebt verblüffende Kontraste: Neben dem Erker zum Garten versteckt sich ein hochmodernes Washlet-WC. Öffnet man die Tür, geht das Licht an, der Deckel hebt sich und das WC wird mit UV-Licht desinfiziert.

Japans Jakobweg

Der Kumano Kodo auf der Halbinsel Kii südlich von Osaka besteht aus fünf Pilgerwegen. Der »kaiserliche« Kumano Sankeimichi Nakahechi ist der bekannteste. Und den nehmen wir unter die Sohlen. Spirituelle Herzstücke sind die Shinto-Schreine Kumano Hayatama Taisha, Kumano Nachi Taisha und Kumano Hongu Taisha. Seit über 1.600 Jahren koexistieren der originär japanische Shintoismus und der aus China importierte Buddhismus. Die Japaner folgen beiden spirituellen Schulen und interpretieren, ganz pragmatisch, die vielen Shinto-Gottheiten als Manifestationen Buddhas.

Die dreistöckige Pagode des Seiganto-ji-Tempels vor dem Nachi-Wasserfall unter einem dramatisch orange gefärbten Abendhimmel.

Foto: Wakayama Tourism Federation

Dieses Nebeneinander symbolisieren der Schrein Kumano Nachi Taisha und der benachbarte Tempel Seiganto-ji beim heiligen Wasserfall Nachi. Der mit 133 Metern höchste Wasserfall Japans hinter der Sanjudo-Pagode bläst uns Gischt um die Nase, eine willkommene Abkühlung. Hier findet in der Nacht des 14. Juli das spektakuläre Feuerfest Nachi-no-Ogi Matsuri statt: Riesige Fackeln werden in einer Prozession zum Schrein hochgetragen. Daimonzaka, die moosüberzogene, von hohen Zedern gesäumte Steintreppe zum Schrein, wirkt wie aus einer alten Tuschemalerei.

Menschen in weißer Kleidung tragen große brennende Fackeln beim Nachi-no-Ogi-Feuerfest im Kumano Nachi Taisha durch den Wald.

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Erst die Arbeit, dann die Entspannung

Der Pilgerweg Kumano Sankeimichi Nakahechi führt durch das waldige, bis zu 1.915 Meter hohe Gebirge Kii Sanchi. Start ist im Pilgerzentrum Takijiri-oji, eine Busstunde von der Stadt Tanabe entfernt. Erster Übernachtungsstopp ist meist nach vier Kilometern das Dorf Takahara mit dem ältesten Schrein des Kumano Kodo, dem mehrere Jahrhunderte alten Takahara Kumano-jinja. Für die Nacht haben wir eines der grasig-würzig duftenden Tatami-Zimmer in der modernen »Kirinosato Takahara Lodge« mit hübschem Onsen reserviert.

Am Folgetag marschieren wir durch ausgedehnte Pinien- und Zedernwälder zum Tsugizakura Oji Schrein, der umstanden von hohen, bis zu 800 Jahre alten Zedern ist. Nach 13 Kilometern und 1.400 Höhenmetern bergauf und bergab erreichen wir Nonaka. Am dritten Tag sind es knapp zehn Stunden und 22 Kilometer bis zum Schrein Kumano Hongu Taisha. Die Belohnung für die rund 40 Kilometer Pilgerwandern auf dem Nakahechi? Ein Bad im Yunomine Onsen, zu dem wir uns ein Taxi gönnen. Was für eine Wohltat für die müden Muskeln, nach gründlicher Reinigung ins heiße Thermalwasser einzutauchen.

Die Reise der Wiedergeburt

800 Kilometer weiter nördlich warten die »Reise der Wiedergeburt« und lange Zeit Japans längste Treppe. Spirituelles Zentrum des Shugendo, einer alten Bergreligion, sind die drei heiligen Berge von Dewa (Dewa Sanzan): Hagurosan, Gassan und Yudonosan. Sie verbindet die »Reise der Wiedergeburt«, eine Pilgerroute auf den Spuren der Yamabushi-Bergmönche.

Foto: Peter Pfänder

Hinter dem Tempel Shozen-in beginnt die 2.446 Stufen starke Treppe. Hunderte hohe, uralte Zedern säumen den Weg. Nur wenige Schritte von der fünfstöckigen Pagode Gojunoto entfernt ragt die gut 1.000 Jahre alte »Opa-Zeder« Jiji-sugi in die Höhe. Beim Abstieg kommen uns Dutzende Pilger in weißen Yamabushi-Gewändern entgegen. Nach insgesamt vier Stunden und 4.892 Stufen bergauf und bergab stehen wir wieder vor dem Koganedo, der goldenen Haupthalle des Tempelkomplexes.

Symbolisiert der Hagurosan Geburt und Gegenwart, steht der 1.948 Meter hohe Gassan für den Tod. Der sechs Kilometer lange Weg zum Gipfel fordert mit 600 Höhenmetern etwas Kondition. Letzte Station ist der 1.500 Meter hohe Yudonosan. Er steht für die Wiedergeburt. Dort ist kein Schrein das Ziel der Pilger, sondern der heilige Felsen Goshintai, aus dem Thermalwasser fließt.

Drei Yamabushi in weißer Kleidung steigen mit Holzstäben eine steinerne Treppe durch dichten Wald hinauf, im Dewa Sanzan in der Präfektur Yamagata.

Foto: JNTO

Dieses Wasser füllt den hölzernen Onsen der »Yudono Sanrojo Lodge« zu Füßen des Yudonosan. Die Nacht im großen Tatami-Zimmer mit Gemeinschaftsbad, Shojin-Ryori-Dinner und Nutzung des Onsen kostet rund 75 Euro, ein so authentisches wie günstiges Erlebnis. Und sehr entspannend.

Der schönste Bergtempel

70 Kilometer südlich liegt das Bergdorf Yamadera. Der Name bedeutet »Bergtempel«. Dort zieht sich die weitläufige Tempelanlage Risshaku-ji aus dem 9. Jahrhundert einen steilen Berghang hinauf. Die Halle Konpon Chudo bildet das spirituelle Zentrum am Fuß des Bergs. Dessen heilige Flamme brennt der Legende nach seit 860 ohne Unterbrechung.

Eine Person in weißer Pilgerkleidung geht eine Steintreppe zu einem großen roten Torii hinauf, am Yudonosan im Dewa Sanzan.

Foto: JNTO

Ein steiler Weg führt über 1.000 Stufen durch einen verwunschenen, dichten Wald und das Niomon-Tor mit kunstvollen Schnitzereien hoch zum Gipfelplateau. Beim Aufstieg passiert man bemooste Buddha-Statuen und Steinlaternen zwischen Ahornbäumen und Zypressen. Ein inspirierendes Erlebnis, das auch den großen Haiku-Meister Matsuo Basho nicht unberührt ließ. Eines seiner bekanntesten Haiku-Gedichte soll 1689 entstanden sein, als er diesen Weg ging:

Ruhe und Gelassenheit. Der Klang der Zikade. Durchdringt den Fels.


Anreise

Flüge nach Tokio z.B. mit Finnair via Helsinki, mit KLM via Amsterdam oder direkt mit Lufthansa und ANA All Nippon Airlines. Vor der Reise bei Visit Japan Web anmelden, dann geht die Einreise viel schneller. www.vjw.digital.go.jp/main

Shukubo

Übernachtung im Senyu-ji auf der Insel Shikoku ab 45 Euro. Im Tempel Fukuchi-in auf dem Koyasan kostet die Nacht je nach Saison 150 bis 300 Euro, im schicken Rengejo-in, ebenfalls auf dem Koyasan, je nach Saison und Zimmerkategorie 180 bis 600 Euro. Die Nacht in der Yudono Sanrojo Lodge kostet ab 75 Euro. Alle Preise mit Halbpension.

Weitere Auskünfte unter japan.travel/de/de

Übrigens: Diese Gerichte sollten Touristen in Japan auf jeden Fall probieren.

Und auch die Must-sees in Japan kennen wir.

Häufige Fragen

1. Welche bekannten Pilgerwege gibt es in Japan?
Zu den bekanntesten Pilgerwegen zählen der Kumano Kodo auf der Kii-Halbinsel, ein Unesco-Welterbe mit mehreren Routen zwischen heiligen Schreinen, und der Shikoku-Pilgerweg, der auf rund 1.200 Kilometern 88 buddhistische Tempel umrundet. Beide verbinden Naturerlebnis mit shintoistischer und buddhistischer Spiritualität.
2. Wie lange dauert eine Pilgerreise in Japan typischerweise?
Für eine komplette Umrundung des Shikoku-Pilgerwegs zu Fuß werden etwa 40 bis 60 Tage veranschlagt, je nach Tempo und Wegvariante. Auf dem Kumano Kodo dauern die populären Teilrouten wie Nakahechi oder Kohechi zwischen zwei und sechs Tagen, sodass sich der Weg gut in eine Japanreise integrieren lässt.
3. Wie lässt sich Pilgern in Japan praktisch organisieren?
Die meisten Pilger kombinieren heute das Gehen mit Bus, Bahn oder gelegentlich Taxi, um Etappen zu verkürzen. Übernachtet wird in Ryokan, Gästehäusern oder Tempelunterkünften, die oft Pilgermahlzeiten anbieten. Markierte Wege, Gepäcktransport auf einigen Abschnitten und Pilgerpässe mit Stempeln erleichtern die Planung.