Wer im The Cormorant at 55 South eincheckt, hat keine zwei Wochen Strandurlaub vor sich. Auf die Gäste warten Pinguinkolonien, Eisberge und Temperaturen, bei denen selbst hartgesottene Reisende die Handschuhe anbehalten. Das Hotel ist eine Zwischenstation auf dem Weg ins ewige Eis.
Mit dem Haus wagt Silversea, eine Marke der Royal Caribbean Group, erstmals den Schritt an Land. Den Betrieb plant die Reederei saisonal von Oktober bis März, parallel zur Antarktissaison.
Puerto Williams: Wo die Zivilisation allmählich endet
Wo liegt’s? Das The Cormorant at 55 South steht in Puerto Williams, einer kleinen chilenischen Stadt auf der Insel Navarino, südlich des Beagle-Kanals. Sie gehört zur Region Magallanes und gilt als südlichste Stadt der Welt. Gegenüber liegt Feuerland, weiter westlich das argentinische Ushuaia. Bis zur Antarktischen Halbinsel sind es noch rund 1.000 Kilometer.
Der Hotelname verweist auf den 55. südlichen Breitengrad. Der Kormoran erinnert an die Yagán: In ihrer Sprache heißt der Vogel Lakutaia, er gilt als Symbol der Seefahrer.

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Puerto Williams liegt zwischen bewaldeten Hängen, schroffen Bergen und dem Beagle-Kanal. Die Landschaft ist spektakulär, die Erschließung dürftig. Eine Straßenverbindung zum übrigen Chile existiert nicht. Wer herkommt, fliegt oder nimmt das Schiff.
Silversea macht aus der abgeschiedenen Lage einen Standortvorteil. Das Hotel ist fester Bestandteil der Antarctica Fly Cruises, bei denen Reisende einen Teil der Strecke zur Antarktis fliegen. Puerto Williams dient dabei als Ausgangspunkt und Zwischenstation.
150 Zimmer mit Blick auf Wasser, Wald und Wildnis
Wie viele Zimmer? Das Hotel hat nach Betreiberangaben 150 Gästezimmer. Für eine Stadt mit rund 1.500 Einwohnern ist das eine beachtliche Größe. Sie erklärt sich aus dem Zweck: Hier übernachten ganze Reisegruppen vor und nach ihren Antarktisexpeditionen. Die Zimmer blicken entweder auf den Beagle-Kanal oder auf Wälder und Berge.

Foto: Silversea Cruises (Rendering)
Was verspricht das Interieur? Wer ein an Land gesetztes Kreuzfahrtschiff erwartet, dürfte überrascht werden. Silversea orientiert die Gestaltung an Landschaft und Kultur des äußersten Südens Chiles. Hohe Decken, große Fenster und offene Gemeinschaftsbereiche holen Beagle-Kanal und patagonische Berge ins Haus.
Hölzer aus der Andenregion, erdige Farben und natürliche Oberflächen bilden die gestalterische Grundlage. Auch die Zimmer setzen auf Holz, warme Farbtöne und chilenisches Kunsthandwerk statt maritimer Dekoration.

Foto: Silversea Cruises (Rendering)
Mittelpunkt der Fireplace Lounge ist ein Kamin mit kupferner Haube. Das Feuer verweist auf die Bedeutung gemeinsamer Zusammenkünfte in der regionalen Kultur. Rundherum gruppieren sich Polstersofas, kleinere Sitzecken und Rückzugsbereiche.
Der Ansatz ergibt Sinn. Das Wetter wechselt hier innerhalb weniger Stunden zwischen Sonne, Regen und kräftigem Wind. Großzügige Aufenthaltsräume entscheiden dann darüber, ob Gäste im Hotel nur schlafen oder auch gern den Nachmittag verbringen.
Patagonien auf dem Teller und Pisco im Glas
Wo essen und trinken? Kulinarisch will das Cormorant seine Gäste schon vor der Expedition mit dem äußersten Süden Südamerikas vertraut machen. Im Mittelpunkt steht das Restaurant Latitude 55, dessen Name ebenfalls auf den Breitengrad anspielt. Die Küche soll regionale Zutaten, traditionelle chilenische Gerichte und zeitgemäße Zubereitung verbinden.

Foto: Silversea Cruises (Rendering)
Abends essen die Gäste auch im Family-Style, die Küche serviert Speisen zum Teilen. Das passt zum Publikum: Viele Reisende begegnen sich hier zum ersten Mal, bevor sie gemeinsam aufs Expeditionsschiff steigen.
Welche Gerichte auf der Karte stehen, hat Silversea noch nicht verraten, einen Küchenchef ebenso wenig. Die Region bietet reichlich Anknüpfungspunkte, von der Königskrabbe Centolla aus dem Beagle-Kanal bis zum patagonischen Lamm.
Konkreter sind die Pläne für die Bar Sur, geöffnet vom Morgen bis in den Abend. Tagsüber gibt es chilenischen Kakao, Tee und handwerklich hergestelltes Gebäck, später regionale Weine und Cocktails.
Auf der Karte steht etwa der Calafate Sour, ein Sour mit der in Patagonien heimischen Calafate-Beere. Eine Hauptrolle spielt der chilenische Traubenbrand Pisco. Im Rahmen des Silversea-Kulinarikprogramms S.A.L.T. lernen Gäste bei Verkostungen und Cocktailkursen, einen Pisco Sour zu mixen.
Zwischen Beagle-Kanal und den Zacken der Dientes de Navarino
Was kann man in der Umgebung unternehmen? Die Attraktion von Puerto Williams liegt außerhalb der kleinen Stadt, in einer Landschaft aus Bergen, Mooren, Wäldern und Wasserwegen. Die gezackten Gipfel der Dientes de Navarino erinnern an ein überdimensionales Gebiss. Ihr mehrtägiger Trekkingrundweg gilt als eine der anspruchsvollsten Wanderungen im südlichen Patagonien.

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Auf dem Beagle-Kanal bietet Silversea geführte Kajaktouren und Naturbeobachtungen an. Ein lohnender Abstecher führt ins Museo Antropológico Martín Gusinde. Es erzählt unter anderem von der Kultur der Yagán, deren Vorfahren die Inseln Feuerlands über Jahrtausende bewohnten.
Der Haken: Die Aufenthalte vor und nach der Expedition sind kurz, meist eine Nacht. Dazu kann das Wetter jeden Tagesausflug vermasseln. Für den Dientes-de-Navarino-Trek reicht die Zeit ohnehin nicht. Wer Navarino wirklich kennenlernen will, sollte zusätzliche Tage einplanen.
Flug statt Drake-Passage: Das Cormorant als Basis für die Antarktis
Highlight des Hotels? Seine Rolle bei einer der außergewöhnlichsten Reisen der Welt. Silversea schafft hier eine eigene Infrastruktur, zugeschnitten auf die Anforderungen von Antarktisexpeditionen.
Klassische Antarktiskreuzfahrten queren die Drake-Passage zwischen Südamerika und der Antarktis, berüchtigt für ihren teils extremen Seegang. Die Überfahrt dauert rund zwei Tage pro Richtung. Bei den Fly Cruises ersetzt ein Flug zur King-George-Insel die Seefahrt. Dort gehen die Gäste an Bord ihres Expeditionsschiffs.
Das Hotel gibt diesem Konzept eine feste Basis am südlichen Ende Chiles. Gerade bei wetterbedingten Planänderungen zahlt sich das aus: Schon Nebel kann einen Flug zur Antarktis verzögern, auch kurzfristig. Die Unwägbarkeiten der Region beseitigt das Cormorant nicht, es macht das Warten aber komfortabler.
Was kostet der Spaß? Einen regulären Übernachtungspreis veröffentlicht Silversea nicht. Das Hotel ist Teil der Antarctica Fly Cruises, die Nächte vor und nach der Expedition sind im Reiseablauf enthalten.
Wer hier schlafen möchte, bucht nach bisherigem Stand eine Silversea-Antarktisreise. Ob das Haus künftig auch unabhängige Reservierungen annimmt, ist offen. Weitere Informationen auf der Website des The Cormorant at 55 South.


