Die Maria schaut aus, als sei sie einem Heimatfilm entsprungen, aber sie singt nicht. Die Maria senst. Sie lebt in Radein, rund 1.500 Meter hoch auf einem Plateau über dem Fleimstal. Bozen ist mit dem Auto nur eine gute halbe Stunde entfernt, doch für Maria ist es grad so weit weg wie Rio, New York oder München. Auf die Frage nach ihrem Alter muss sie überlegen. »Jo, jetzt bin i scho’ sssehr olt.«

Foto: sabinebraun.de
So genau weiß sie es offenbar nicht mehr, und das passt zu ihrer märchenhaften, aus der Zeit gefallenen Erscheinung. Mit ihrer rustikalen Handsichel steht sie breitbeinig im Hang, das Gewand aus alten Leinenstoffen von der Sonne golden eingerahmt, und mäht eine sattgrüne Blumenwiese. Dahinter reihen sich die Südtiroler Berge, und der sonnige Herbsttag lässt den Himmel in einem beinahe unnatürlichen Blau erscheinen. Der Soundtrack dieses idyllischen Stilllebens ist unplugged: Das Glockengeläut der Radeiner Kühe legt sich wie ein Samtcape über die Seele.
Einmal über den Brenner und schon ist man da
Wir sind nicht einmal 15 Minuten hier und schon erfüllt von diesem erhabenen Gefühl, das uns in den nächsten Tagen nicht wieder loslassen wird. Da reichen eine Autofahrt über den Brenner hinauf auf 1.500 Meter und ein bisschen Glück mit dem Wetter, und schon ist man angekommen in einer schöneren Welt. Wobei das mit dem Wetter so eine Sache ist. »Im Sommer ist es eh schön«, sagt die Maria mit einem milden, nachsichtigen Lächeln, »aber im Winter erscht, do is es da heroben ein Paradiesch.«
Südtirol halt. Kann alles, vor allem Hochgefühl. Das hängt nicht nur mit den atemberaubenden Bergwelten zusammen, die das Land seinen Gästen fast beiläufig präsentiert. Wer hinter dem Schalk und dem brummigen Schmäh der Einheimischen ihre Gastfreundschaft spürt, wer die zahllosen Burgen und Schlösser für sich entdeckt, auch die, aus denen Reinhold Messner eigenwillige Museen gemacht hat, wer gutes Essen und vorzügliche Weine schätzt und schon einmal von der Blumenwiese eines Bergbauernhofs hinunter in ein weites Tal blicken durfte, der weiß, was dieses Hochgefühl bedeutet.

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Und wie es sich äußert: in dem Wunsch, zu bleiben. Nicht weggehen zu müssen. Mehr davon zu spüren. Und die Menschen zu treffen, die hier leben, und auch seine berühmten Toten.
Den Ötzi zum Beispiel. Auch der ist einst gekommen, um länger zu bleiben: Rund 5.300 Jahre hat der Mann aus dem Eis auf dem Buckel, seit 1998 liegt er im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. 2024 kamen erstmals mehr als 300.000 Besucher, um ihn zu sehen. Ein Neubau für das Museum ist geplant, über den Standort wird allerdings noch diskutiert. Interessant ist das schon, aber macht es glücklich?
Einen Törggelen, bitte!
Nicht besonders, behauptet Alois Lageder, den ich auf der Seiser Alm in seiner kleinen Hütte treffe. Er empfiehlt mir stattdessen etwas, von dem ich noch nie gehört habe: Törggelen. Das hat mit Wein zu tun, was wiederum kein Wunder ist, denn Alois Lageder ist einer der bekannten Winzer Südtirols. Einen »Törggelen« bei einem der vielen Südtiroler Bergbauern zu bestellen, sollte man sich aber tunlichst verkneifen, wenn man nicht als Tourist auffallen möchte. Der Begriff, abgeleitet von der hölzernen Weinpresse, dem Torggl, bezeichnet nämlich keinen Wein, sondern den schönen Brauch, im Herbst durch die Täler Südtirols zu ziehen und bei den Bauern den jungen Wein zu probieren. Dass Südtiroler Speck, Käse und Kastanien ohne einen feinen Tropfen nicht munden, dürfte einleuchten.

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Alois Lageder hat an diesem Tag noch mehr Tipps für mich, den Meraner Höhenweg zum Beispiel. Knapp 100 Kilometer führt der Rundweg um die Texelgruppe, vorbei an Wiesen und Wäldern und über Etappenorte wie Pfelders und Katharinaberg. Geschlafen wird in Hütten, für die Brotzeit gibt es Jausenstationen, für den Körper Blasen und Schmetterlinge im Bauch. Und wo er schon einmal dabei ist, der Lageder Alois, sagt er noch: »Wenn Sie noch Zeit haben, dann gehen Sie auf einen der vielen Bergbauernhöfe. Arbeiten Sie dort eine Weile. Es wird einen anderen Menschen aus Ihnen machen.«
Ja klar, denke ich insgeheim, einen müden. Doch ich will nicht unhöflich sein und informiere mich. Lese von mehr als 8.000 Bergbauernfamilien in Südtirol. Vom Überleben in der Natur. Von einer Idylle für Besucher, die für die Bauern harten Existenzkampf bedeutet. Und von rund 2.000 Freiwilligen, die jedes Jahr auf die Höfe kommen, um zu helfen. Menschen, die nur durch das hart erarbeitete Gefühl belohnt werden, für eine kurze Zeit im Einklang mit der Natur zu leben. Aber was heißt hier: nur!?
Weingut Alois Lageder: früher süffig, heute biodynamisch
Alois Lageder reicht mir Wein wie jemand, dem das Wohl seiner Gäste am Herzen liegt, ohne überflüssige Gesten und ohne Phrasen. »Nein, das hätte ich meinem Großvater sicher nicht erklären können, was ich aus unserem Weingut gemacht habe.« Er lacht. Hätte er ja selbst nicht gedacht. Lange hatten Südtiroler Weine den gleichen Ruf wie der deutsche Schlager: süffig, aber seicht. Lageder gehörte zu denen, die einen neuen Weg einschlugen, und zwar kompromisslos. In den 1990er-Jahren stellte er auf biodynamischen Anbau um, seit 2004 sind alle 55 Hektar eigener Rebfläche Demeter-zertifiziert. Seit 2024 arbeiten auch alle rund 60 Partnerwinzer des Hauses biologisch oder biodynamisch. 2016 wurde Lageder Präsident von Demeter Italien.

Foto: aloislageder.eu
Die Geschichte des Familienweinguts beginnt 1823, als Johann Lageder in Bozen mit dem Weinhandel startete. 1995 stieß Alois Lageder den Neubau in Margreid an, mit baubiologischen Materialien und erneuerbarer Energie, einem 14 Meter hohen Turm für die Presse und einem Keller, der in den Kalkfels gebohrt wurde. Heute führt sein Sohn Clemens Lageder das Weingut in sechster Generation, gemeinsam mit seinen Schwestern Helena und Anna. Alois Lageder ist weiter im Haus. Und auch die Kunst gehört bei Lageder dazu: Vier Kunstwerke sind heute am Hof zu sehen, mit Arbeiten von Mario Airò, Christian Philipp Müller und Matt Mullican sowie einer gemeinsamen Arbeit von Carsten Höller und Rosemarie Trockel.
Musik für den Wein
Eines der Werke ist eine Klanginstallation von Mario Airò. »Ninna-nanna per barriques e archi« heißt sie, Wiegenlied für Barriques und Streicher. Wer das für ausgemachten Blödsinn hält, für den hat Alois Lageder nur ein mildes Lächeln und ein Schulterzucken übrig. Er glaubt daran, dass der Wein von der Musik profitiert, und verweist auf den japanischen Autor Masaru Emoto, der behauptete, Wasser verändere sich durch Gefühle, Worte und Musik. Wissenschaftlich gelten Emotos Thesen als widerlegt. Ob Lageders Wein so gut schmeckt, weil er Musik hören durfte? Wer weiß das schon. Dass Menschen wie die Maria aus Radein, der Ötzi oder Alois Lageder ein Segen für Südtirol sind, ist dagegen eine ganz sichere Sache.
Service: Weingut Alois Lageder besuchen
Die Begegnungen in diesem Text stammen von einer früheren Reise, die Angaben im Service entsprechen dem Stand von Oktober 2026.
Weingut
Weingut Alois Lageder, Grafengasse 9, 39040 Margreid an der Weinstraße. Alle Infos zu Weinen und Besuch auf der Website des Weinguts. Dieser Link führt auf die Seite des Weinguts Alois Lageder.

Foto: aloislageder.eu
Paradeis
Am St.-Gertraud-Platz 5 in Margreid betreibt das Weingut das Paradeis, eine Vineria für Verkostung und Verkauf mit bio-zertifiziertem Restaurant. Das Gemüse kommt aus dem eigenen Garten. Geöffnet ist montags bis samstags zu saisonal wechselnden Zeiten, warme Küche gibt es von März bis Oktober montags bis freitags von 12 bis 15 Uhr. Sonntags bleibt das Paradeis geschlossen.
Führungen
Die Führung »Eine Reise durch unseren Hoforganismus« dauert rund zweieinhalb Stunden und führt durch Weinberge und Keller, mit einer Verkostung von sechs Weinen zum Abschluss. Außerdem gibt es »Vino & Orto« mit Mittagessen. Anfragen und Preise per E-Mail an paradeis@aloislageder.eu.
Anreise
Mit dem Zug geht es von Bozen nach Auer oder Neumarkt-Tramin, von dort fährt der Bus 122 nach Margreid. Mit dem Auto nimmt man die A22 bis zur Ausfahrt Neumarkt/Auer und folgt dann der Südtiroler Weinstraße.
Übernachten
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Info
Mehr über Südtirol als Reiseziel gibt es bei Südtirol Marketing. Dieser Link führt auf die offizielle Tourismusseite von Südtirol.


