Nordamerika

Alternativen zu New York: Diese 4 nordamerikanischen Städte haben ihren eigenen Charakter

New York lockt. Die Skyline, das Tempo, das Gefühl, mitten im Zentrum der Welt zu stehen. Doch die Suchanfragen erzählen noch eine zweite Geschichte: Immer mehr Reisende aus Deutschland googeln nach Alternativen. Manche wollen dem Trubel entkommen, andere den hohen Preisen. Ein paar suchen einfach etwas Neues. Und einige machen um die US-Politik gerade lieber einen weiten Bogen.

Das ist doch New York, oder? | Foto: Yulia Matvienko

Die gute Nachricht: Nordamerika hält mehr bereit als eine einzige Weltstadt. Vier englischsprachige Metropolen übersetzen jeweils einen Teil des New-York-Gefühls in ein eigenes Erlebnis. Wir gehen rein.

Boston: Die kompakte Ostküstenstadt für Geschichte, Harvard und Hafenflair

Boston spielt in einer eigenen Liga: klein, alt und zu Fuß erlebbar. Wer dieses Ostküstenflair sucht, ist in der Neuengland-Metropole goldrichtig.

Boston Harbour bei Nacht; links die Promenade mit Laterne, rechts das Hafenbecken, im Hintergrund die beleuchtete Skyline

Foto: Marcio Jose Bastos Silva/Shutterstock.com

Wo Boston an New York erinnert

In Boston erinnert vieles an den Big Apple, sobald man durch die Straßen geht. Da ist die typische Ostküstenlage am Wasser, die salzige Hafenluft und die roten Backsteinfassaden, die den Vierteln ihren warmen, altehrwürdigen Ton geben. Da ist die dichte, ambitionierte Restaurantszene. Und natürlich die glühende Sportbegeisterung, die an Spieltagen die ganze Stadt einfärbt. Boston lebt in echten urbanen Quartieren, vom eleganten Back Bay über das viktorianische Beacon Hill mit seinen Gaslaternen bis ins lebhafte, italienisch geprägte North End, dazu das moderne Seaport und die weite Waterfront. Auf den Teller kommt eine vertraute Großstadtvielfalt: frische Lobster Rolls und Seafood direkt aus dem Atlantik, Pasta und Cannoli im North End, dazu die junge, experimentierfreudige Küche in Cambridge und Seaport. Und dann ist da noch das VIP-Kapitel. Stars wie Matt Damon, Ben Affleck und Mark Wahlberg sind hier aufgewachsen und bekennen sich mit hörbarem Stolz, also ihrem Akzent, zu ihrer Stadt. Diese Mischung aus Bodenständigkeit und Leinwand-Glamour hat durchaus etwas von New York.

Gebäude auf der Harvard University, errichtet aus den typisch roten Ziegeln der Region.

Foto: Jon Bilous/Shutterstock.com

Wo Boston eben Boston ist

Ihr eigenes Gesicht zeigt die Stadt in ihrer Geschichte. Statt Wolkenkratzer-Dramaturgie und Dauertempo bekommt man hier Kopfsteinpflaster, alte Kirchtürme und ein Tempo, bei dem der Tag noch atmet. Der rote Strich des Freedom Trail führt auf gut vier Kilometern zu 16 historischen Orten, vom weiten Boston Common bis zur Takelage der USS Constitution, und macht die Gründungsgeschichte der USA zu einem Spaziergang. Gleich über den Charles River liegt Cambridge, wo Harvard und MIT der Stadt ihr junges, akademisches Flair verleihen. Wo? In Buchläden, Cafés und auf den belebten Plätzen von Harvard Square und Kendall Square. Dazu das irische Erbe, das in den dunklen, holzvertäfelten Pubs bis heute den Ton angibt.

Philadelphia: Die Mutter aller Städte

Philadelphia inszeniert sich zurückhaltender als New York, liefert aber echtes Ostküsten-Großstadtgefühl. Center City durchquert man laut Tourismusbüro zu Fuß von Fluss zu Fluss.

Skyline von Downtown Philadelphia

Foto: f11photo/Shutterstock.com

Was in Philly an New York erinnert

An New York erinnert die komplette urbane Grundausstattung. Auch hier zählen die Ostküstenlage, eine lange, vielschichtige Einwanderungsgeschichte, dichte Viertel mit eigenem Charakter sowie eine vitale Kulturszene. Fishtown und Northern Liberties liefern kreative Energie. Unbedingt besuchen sollte man die Craft-Bars und sich ins Nachtleben stürzen, das hier erst spät in Fahrt kommt. Rund um den grünen Rittenhouse Square reihen sich elegante Restaurants, Boutiquen und Cafés, in denen das Flanieren wie selbstverständlich wirkt. Und dann ist da der Reading Terminal Market, eine überdachte Schlemmerhalle mit mehr als 80 unabhängigen Händlern und 30 Gastrobetrieben, in der Amish-Bäcker neben Dim-Sum-Ständen und dem berühmten Philly Cheesesteak stehen.

Panoramaaufnahme der Independence Hall in Philadelphia, davor ein Rasen, dahinter einige Hochhäuser.

Foto: Eddie J. Rodriquez

Wo Philadelphia ganz eigen ist

Sein eigenes Gesicht zeigt Philadelphia dort, wo die USA begonnen haben. In der historischen Old City steht die Independence Hall, Unesco-Welterbe und Geburtsort von Unabhängigkeitserklärung und Verfassung. Und gleich um die Ecke hängt die gesprungene Liberty Bell. Der breite Benjamin Franklin Parkway zieht als grüne Kulturachse nach dem Vorbild der Champs-Élysées quer durch die Stadt und führt am Philadelphia Museum of Art, der Barnes Foundation und dem Franklin Institute vorbei. Vor dem Kunstmuseum liegen die berühmten Rocky Steps, die jeder Filmfan kennt, seit Sylvester Stallone sie mit erhobenen Fäusten in seinem legendären Boxerfilm erklommen hat. Dieser Underdog-Stolz passt zur Stadt: bodenständig, direkt, nachbarschaftlich, mit einem Selbstbewusstsein, das direkt aus den Vierteln kommt.

Nicht umsonst besingt der wohl berühmteste Sohn der Stadt, Will Smith, sein »West Philadelphia born and raised«.

Ach ja, und die Umgebung ist sehr reizvoll und auch noch ein echter Geheimtipp. Wer nach Philly fährt sollte sich unbedingt die Countryside ansehen.

Christopher Alvarenga · Sawyer Bengtson

Chicago: The Windy City am Lake Michigan

Für New-York-Fans, die vor allem Skyline, Kultur und Architektur lieben, ist Chicago der stärkste US-Kandidat. Die Stadt ist dicht, gut begehbar und mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht zu erkunden.

Wo Chicago an New York erinnert

Kurzum: Die schiere Metropolen-Wucht. Chicago hat herausragende Architektur. Große Namen reihen sich aneinander. Hier empfiehlt sich dringend eine Architektur-Tour, selbst wenn das Interesse bisher nicht so groß war. Das Verständnis verschiebt sich und die Aufmerksamkeit für die Details sind spannend. Dazu hat Chicago auch die großen Bühnen und Museen, eine leidenschaftliche Sportkultur und eine internationale Küche, die von Fine Dining bis Streetfood reicht. Nicht vergessen: Die Serie »The Bear« spielt hier. Und basiert teilweise auf echten Food-Spots.

Italien Beef Sandwich im Chicago Style wie in der Serie »The Bear«

Foto: Leigh Loftus/Shutterstock.com

Die Viertel bieten Stoff für Tage: Loop und River North für das klassische Downtown-Gefühl, das West Loop für eine der spannendsten Restaurantszenen des Landes, Wicker Park und Logan Square für Kreative, Vintage und Livemusik, Pilsen für mexikanisch geprägtes Leben mit Wandmalereien und Taquerías, Hyde Park für Universitätsflair und Museen. Dazu kommt die berühmte Improv- und Comedy-Tradition rund um Second City, aus der John Belushi, Bill Murray und Tina Fey hervorgingen. Auch diese kulturelle Anziehungskraft hat viel von New York.

Und dann ist da die Starparade. Nach Hollywood schickte Chicago Namen wie Harrison Ford und Vince Vaughn, Oprah Winfrey baute hier über 25 Jahre ihr Fernsehimperium auf, und aus der Musikszene kommen Chance the Rapper, Common und Jennifer Hudson. Die Obamas nennen die South Side ihre Heimat, Michelle stammt gebürtig von dort.

Wo Chicago ganz Chicago ist

Seinen eigenen Charakter offenbart Chicago vom Wasser. Der Lake Michigan liegt wie ein Binnenmeer vor der Stadt, der Chicago River schiebt sich mitten durch die Downtown, und immer wieder heben sich die alten Klappbrücken, wenn ein Segelboot hindurchzieht. Weil das Wasser ringsum so viel Raum lässt, kommen die Wolkenkratzer voll zur Geltung, und genau hier beginnt die Faszination der Stadt. Ihr Zentrum trägt den Namen Loop, nach der Schleife der Hochbahn, die sich quietschend um das historische Kerngebiet legt. Dieser Loop wirkt wie eine Freiluftgalerie der Baugeschichte, vom frühen Stahlskelett-Hochhaus bis zur Glasmoderne.

Architektur in Chicago

Foto: Pedro Lastra

Das Chicago Architecture Center macht daraus mit über 85 geführten Touren – viele davon per Boot auf dem Fluss –, den eigentlichen Reisegrund. Architektur wird hier zum Erlebnis, das man langsam vom Wasser aus auf sich wirken lässt. Wer danach Kultur sucht, findet im Art Institute of Chicago die bedeutendste impressionistische Sammlung der westlichen Hemisphäre außerhalb von Paris. Und abends legt sich der raue, warme Chicago Blues über die Stadt, in verrauchten Clubs geboren und bis heute lebendig. So entsteht ein Vibe, der sich deutlich von Manhattan unterscheidet: weitläufiger, gerasterter, vom See her gedacht, großzügig und entspannt, mit breiten Schultern statt hektischem Gedränge.

Hubert Kang/ Destination Canada · Foto: FCB-Ryan-Lee

Toronto: Kanadas Weltstadt mit Skyline, Filmkulisse und eigener Identität

Die naheliegendste Alternative liegt nördlich der Grenze, in einem geordneteren und weniger konfrontativen Rahmen. Toronto bietet ein internationales Downtown, Hochhäuser, vielfältige Nachbarschaften und eine globale Food-Szene.

Was in Toronto an New York erinnert

Auf den ersten Blick könnte man meinen, man sei falsch abgebogen und doch in New York gelandet. Die Skyline am Lake Ontario reckt sich in den Himmel. Dabei setzt der schlanke CN Tower das Ausrufezeichen. Und wo bei New York Hafen und Flüsse glitzern, dehnt sich hier ein See bis zum Horizont, weit und offen wie ein Meer. In Downtown drängen sich Glastürme und Bankenviertel, dazwischen mischen sich lebhafte Ausgehquartiere, Rooftop-Bars und ein quirliges Leben, das auch die Nacht zum Tage macht. Und gegessen wird hier übrigens auf Weltniveau: Die Food-Szene reicht vom dampfenden Dim Sum in Chinatown über griechische Tavernen und italienische Trattorien bis zum Fine Dining, das die halbe Welt auf einen einzigen Teller holt.

Blick vom Ufer des Lake Ontario auf die Skyline von Toronto. Am Ufer stehen vier bunte Liegestühle aus Holz, darauf vier Personen, die auf den See blicken

Foto: Arshiya Anjum/Shutterstock.com

Kein Wunder also, dass Hollywood die Stadt seit Jahrzehnten als Double einsetzt. In unzähligen Filmen und Serien gibt Toronto mal New York, mal Chicago, mal eine beliebige amerikanische Metropole, und kaum ein Zuschauer merkt den Unterschied. Seit 1979 kümmert sich die Toronto Film Office um diese Verwandlungskünste, Branchenberichte nennen die Stadt längst ein filmisches »Chamäleon«. Zum Bild einer echten Weltstadt gehört auch das passende Staraufgebot: Drake und The Weeknd sind hier groß geworden und haben ihre Heimat so stolz »The 6« getauft, dass der Spitzname heute weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlt.

Was Toronto so besonders macht

Sein eigenes Antlitz trägt Toronto mit spürbarem, freundlichem Stolz. Die Stadt liegt in Kanada, und wer die USA unter Donald Trump derzeit lieber meidet, bekommt hier das nordamerikanische Metropolengefühl, ohne US-amerikanischen Boden zu betreten.

Das Stadtbild fällt außergewöhnlich international aus. Nach einer Vergleichsquelle sind 54,6 Prozent der Bevölkerung außerhalb Kanadas geboren, und das schmeckt und hört man in Kensington Market, Chinatown, Little Italy, Greektown und Little India. Alles bleibt dabei eine Spur kleiner und ruhiger: rund drei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner gegenüber über 8,5 Millionen in New York. Toronto hat ein U-Bahn-Netz aus vier Linien und rund 75 Stationen. Das ist geradezu niedlich gegenüber 27 Linien und 472 Stationen im Big Apple.

Zwei Menschen unterhalten sich in einer Bar in Toronto

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Und dann ist da das große Draußen. Was Long Island für New York ist, übernimmt für Toronto der Algonquin Provincial Park, nur eine ganze Nummer wilder. Ein paar Autostunden nördlich beginnt ein Reich aus glasklaren Seen, endlosen Ahornwäldern und Kanurouten, in das es die Städter am Wochenende in ihre Lodges zieht. Die ein oder andere Elchbegegnung inklusive. Sogar das Ritual gleicht sich: So wie sich die New Yorker am Freitagabend im zähen Stau Richtung Long Island quälen, kriecht auch Torontos Wochenendkolonne geduldig nordwärts, ganz dem kanadischen Lebensgefühl folgend: wild at heart.

Häufige Fragen

Was ist die beste Alternative zu New York?
Das hängt vom Reisetyp ab. Toronto kommt New York im Stadtbild am nächsten, Chicago überzeugt mit Skyline und Architektur, Boston und Philadelphia mit Geschichte und Ostküstenflair.
Gibt es eine Alternative zu New York außerhalb der USA?
Ja, Toronto in Kanada. Die Stadt bietet internationale Downtown, Skyline und Weltstadt-Flair, ohne dass man amerikanischen Boden betritt.
Sind diese Städtereisen günstiger als New York?
Bei Hotels und Restaurants liegen Boston, Philadelphia, Chicago und Toronto meist unter dem New Yorker Niveau. Der eigentliche Reiz liegt aber im eigenen Charakter jeder Stadt.
Brauche ich für die USA und Kanada ein Visum?
Für kurze Reisen genügt deutschen Staatsbürgern eine elektronische Genehmigung: ESTA für die USA, eTA für Kanada. Beide beantragt man vorab online, den aktuellen Stand prüft man vor der Buchung.
Welche Alternative eignet sich für Geschichtsinteressierte?
Boston mit dem Freedom Trail sowie Philadelphia mit Independence Hall und Liberty Bell erzählen die Gründungsgeschichte der USA besonders anschaulich.
Welche Stadt hat die eindrucksvollste Skyline?
Chicago mit seinen Wolkenkratzern am Chicago River und Toronto mit dem CN Tower am Lake Ontario liefern die stärksten Panoramen.
Warum reisen viele statt nach New York nach Toronto?
Toronto bietet ein vertrautes Metropolengefühl mit Skyline und Vielfalt. Dazu liegt die Stadt in Kanada, außerhalb der US-Politik unter Donald Trump.
Welche der vier Städte hat die beste Food-Szene?
Kulinarisch punkten alle vier. Toronto glänzt mit globaler Vielfalt, Chicago mit dem West Loop, Philadelphia mit dem Reading Terminal Market, Boston mit Seafood.
Jennifer Latuperisa-Andresen
Je kälter, karger und einsamer es um sie herum wird, desto höher schlägt Jennys Herz. Wer braucht schon Palmen im Urlaub, wenn man auch Eisberge haben kann? Deshalb verbringt die Chefredakteurin aus dem Ruhrpott ihre Sommer auch gerne mal in der Arktis bei den Eisbären. Sie sagt: Das ewige Eis kann zur Sucht werden.