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Reichhaltige Geschichte und noch reichhaltigere Sandwiches – viel mehr braucht es nicht, damit sich Redakteur Konrad Bender auf große Tour begibt. In Krakau, der zweitgrößten Stadt Polens, wird er fündig. Und muss sich in einem Bartduell gegen einen jahrhundertealten Kontrahenten geschlagen geben.

Es ist August, Sommer, Hochsaison. Die Sonne brät unerbittlich auf die Dächer und meinen Kopf. Um mich herum wuselt und trubelt es, in Cafés genießen Einwohner und Touristen gleichermaßen das süße Leben bei herben Getränken, während Touristengruppen kundig von Schirm haltenden Guides über den Marktplatz geführt werden. Und ob es nun das sommerlich-heiße Wetter, der Esprit auf den Plätzen oder die kunstvolle Architektur ist: Ein bisschen fühle ich mich dabei fast wie in Italien. Es wird gelebt in Krakau – und das nicht erst seit heute.

Blick über Krakau im Sommer mit Menschen im Gras sitzend

Foto: Mazur Travel/Shutterstock.com

Denn die Stadt an der Weichsel war vor langer Zeit das Zentrum der Macht im Königreich Polen. Und das merke ich bei meinem Gang durch die Straßen. Prunk- und prachtvoll erheben sich die Renaissance- und Barockfassaden links und rechts von mir in die Höhe, eine majestätische Pferdekutsche überholt mich klangvoll auf dem Kopfsteinpflaster und als ich auf den Hauptmarkt einschwenke, halte ich kurz inne, um die imposanten Krakauer Tuchhallen zu bestaunen, ein echtes Bonbon der polnischen Renaissancearchitektur. Dann aber suche ich schnell ein bisschen Schatten.

Altstadt von Krakau: Rund um den Burgberg Wawel

Die gesamte Altstadt ist heute gemeinsam mit dem weithin sichtbaren Burgberg, dem Wawel, sowie dem südlich angrenzenden Viertel Kazimierz als Ensemble Teil des Unesco-Welterbes. Trotzdem habe ich zu keinem Zeitpunkt meines Aufenthalts das Gefühl, mich unter einer Käseglocke zu bewegen, sondern, im Gegenteil, in einer in höchstem Maße lebendigen und dynamischen Stadt. Gleichzeitig kann ich mich gar nicht entscheiden, in welches Museum ich zuerst gehen möchte! Die Katakomben unter der Stadt bei einer geführten Tour erkunden? Oder lieber im Czartoryski-Museum »Die Dame mit dem Hermelin« von Leonardo da Vinci bewundern? An kulturellen Angeboten mangelt es wahrlich nicht an der Weichsel.

Da Vincis Dame Hermelin in Krakau

Foto: Konrad Bender

Doch zuerst will ich mir einen Überblick verschaffen. Dafür, Reiseredakteursstolz, ist mir auch der Gang an mein körperliches Limit nicht zu viel. Im sprichwörtlichen Schweiße meines Angesichts – in Anbetracht der Temperaturen jenseits der 30 Grad – stapfe ich mit Hunderten Anderen die Rampe zum Wawel hinauf. Der Burgberg mit seinen mächtigen Wehranlagen und der altehrwürdigen Wawel-Kathedrale ragt direkt an der Weichsel gen Himmel und thront unübersehbar über den Dächern der Stadt. Praktisch, denke ich mir, da musste man als Reisender früher gar nicht erst fragen, wer hier das Sagen hat.

Einstige Hauptstadt von Polen

Von 1038 bis 1596 war Krakau die Hauptstadt des Königreichs Polen und damit Residenzstadt der polnischen Könige. Und nirgendwo sonst als hier auf dem Wawel lässt sich diese mehr als 500-jährige Zeitspanne in kondensierter Form so gut nachvollziehen. Die verschiedenen Bauabschnitte werden auch Laien auf den ersten Blick ersichtlich; besonders die Wawel-Kathedrale mit ihren zahlreichen kleinen Anbauten aus verschiedenen Epochen sticht ins Auge. Für meinen Besuch der Kathedrale besorge ich mir gemeinsam mit meinem Ticket einen (deutschsprachigen) Audioguide, der mich gut eine Dreiviertelstunde bei meinem Gang durch das Gotteshaus begleitet. Positiver Nebeneffekt: Im Inneren der Kathedrale ist es deutlich angenehmer als im riesigen, überraschend begrünten Innenhof.

Schloss Wawel in Krakau

Foto: Daniel Turbasa/Shutterstock.com

Mit gekühltem Gemüt bilde ich mich also über die verschiedenen Herrscher und Dynastien, die hier vom Wawel aus regiert haben und zum größten Teil auch in der Kathedrale bestattet sind. Für einen atemberaubenden Ausblick auf die Stadt lohnt auch der Aufstieg auf den Turm. Aber Achtung: Es geht dabei quer durchs Gebälk, hohe Kopfstoßgefahr. Oben angekommen darf ich als Belohnung für die körperliche Betätigung den Schlegel der mehr als elf Tonnen schweren Sigismundglocke berühren. Das so gesammelte Glück kann ich beim nicht minder abenteuerlichen Abstieg gleich gebrauchen.

Viertel Kazimierz: Das trubelige jüdische Viertel

Nach so viel kulturellem Genuss brauche ich jetzt etwas für den gänzlich irdischen Hunger. Ich mache mich auf in das südöstlich der Altstadt und des Wawels gelegene Viertel Kazimierz – so benannt, da die ehemals eigenständige Gemeinde im 14. Jahrhundert von König Kasimir III. »dem Großen« das Stadtrecht erhielt. Unter ihm brach in Polen und auch dem Herrschaftssitz Krakau ein »Goldenes Zeitalter« an. Kasimir reformierte das Recht, gründete 1364 die Universität Krakau und stellte die Juden im Königreich Polen unter seinen Schutz. Im Lauf der Jahre wuchs so in Kazimierz zunehmend eine jüdische Gemeinde und prägte den Ort.

Vom Wawel aus ist es nur ein kleiner Fußmarsch bis in das trubelige Viertel. Auch hier herrscht ein reges touristisches Treiben. Auf offenen Karts fahren Grüppchen über die Straßen auf und ab, während ein Guide über die Geschichte des Viertels aufklärt. Andere sind zu Fuß unterwegs, erforschen das Viertel mithilfe der vielen Informationstafeln auf eigene Faust. Grund dafür ist die reiche jüdische Vergangenheit – und Gegenwart! – von Kazimierz.

Auf den Spuren der dunklen Vergangenheit wandeln

Um mehr über das jüdische Leben in der Stadt zu lernen, suche ich zwei besondere Orte im Viertel auf. Zuerst mache ich mich auf den Weg in die Remuh-Synagoge. Das historische Gebäude beherbergt heute noch eine jüdische Gemeinde, kann aber besichtigt werden. Im Innenhof fällt mein Blick als Erstes auf die zahlreichen Gedenkplaketten für die im Holocaust ermordeten Juden Krakaus. Nach kurzem Innehalten mache ich mich auf den Weg in den Hauptraum, um den wunderschönen Toraschrein zu bewundern – ein steinerner Renaissancetorbogen, überdacht von hebräischen, in Gold eingelassenen Inschriften.

Informationstafel im jüdischen Viertel bei einem Städtetrip in Krakau

Foto: Konrad Bender

Ein Besuch der Remuh-Synagoge ist allerdings nicht vollständig ohne einen Gang über den angrenzenden jüdischen Friedhof. Die ältesten Gräber stammen aus dem 16. Jahrhundert, erst um 1800 wurde der Friedhof geschlossen. Unter der deutschen Besatzung wurde die Ruhestätte teilweise zerstört. Zahlreiche Grabsteine wurden entwendet und als Pflastersteine im nahe gelegenen Vernichtungslager Auschwitz genutzt. Heute ist der Friedhof größtenteils wiederhergestellt – und bietet mir eine friedliche Ruhe, die ich hier mitten in der Stadt nicht erwartet hätte. Die Grabsteine sind wild umwuchert, nur ein schmaler Pfad führt durch die Ruhestätte. Besonders eindrücklich erhebt sich am Rand des Friedhofs die »Klagemauer«, 1959 zusammengestellt aus den Fragmenten zerstörter Grabsteine.

Nur einige Schritte entfernt von der Remuh-Synagoge finde ich dann noch die Alte Synagoge – tatsächlich die älteste in ganz Krakau. Im heute profanierten Bau besuche ich das Museum für jüdische Kultur, ein Ableger des Historischen Museums Krakau. Die Dauerausstellung gewährt einen tiefen Blick in das jüdische Leben in Kazimierz und Krakau, mit einer Vielzahl an Ausstellungsstücken: Religiöse Ritualgegenstände, Gemälde und Kleidungsstücke zeichnen ein umfangreiches Bild. Ich bedauere allerdings, nicht an einer Führung teilgenommen zu haben. Auf eigene Faust habe ich das Gefühl, nicht ganz in die mir fremde Welt eintauchen zu können. Dennoch ein lohnender Besuch!

Einkehr ins Lokal »Hamsa«

Nun aber habe ich wirklich Hunger. Auch da bin ich in Kazimierz am richtigen Ort. Fußläufig von der Alten Synagoge entfernt nehme ich im Außenbereich des außen wie innen wunderschönen Lokals »Hamsa« Platz. Bei einem kurzen Blick hinein bleibt mein Blick am himmelblau gekachelten Barbereich hängen, bevor ich mich auf meinem Außenplatz dem ausführlichen Studium der Speisekarte widme. In dem bestens gelegenen Bistro kommt levantinische Küche allererster Güteklasse auf die Teller. Für mich heißt das: ein zu Recht als »scharf!« gekennzeichneter Harissa-Hummus mit Brotfladen als Vorspeise und dann das beste Pastrami-Sandwich, das ich in meinem Leben gegessen habe; mit saftigem Sauerkraut und herzhafter Honig-Senf-Soße mit ganzen Senfkörnern. Einfach köstlich, genauso wie die hausgemachte Limo. Mit neu gewonnener Energie aus dem abschließenden Mokka stürze ich mich wieder ins Getümmel.

Hummus im Restaurant Hamsa in Krakau

Fotos: Konrad Bender

Noch eine Weile schlendere ich durch die Straßen. Überall sind kleine Cafés und Restaurants, auch bereiten einige Bars sich schon auf den Abend vor. Denn Kazimierz ist sehr studentisch geprägt und gilt als Ausgehviertel. Zentrum des Abend- und Nachtlebens ist der Neue Platz mit seinem kreisrunden, zentralen Marktgebäude. Tagsüber reihen sich hier die Flohmarktstände aneinander, abends treffen sich viele kleine Grüppchen, um gemeinsam in den Feierabend zu starten. Besonders beliebt: die an ein Croque Monsieur erinnernden Zapiekanki – gut einen Unterarm lange, überbackene Baguettes, die traditionell mit Ketchup garniert werden. Schnell, deftig, lecker, sättigend.

Das Salzbergwerg in Wielickza

Ich sehne mich aber mittlerweile nach etwas Abkühlung. Und nur knapp eine Stunde vom Krakauer Zentrum entfernt finde ich dafür den perfekten Ort. Denn im kleinen Vorort Wieliczka steht noch heute das gleichnamige historische Salzbergwerk. Der imposante Förderbock auf dem Gelände sieht zwar nach modernen Zeiten aus, doch die Geschichte des Bergwerks reicht bis ins 13. Jahrhundert. Mit Hunderten anderen Touristen mache ich mich auf den Weg hinab in die Erde, über eine gefühlt nicht enden wollende Holztreppe. Nicht wenige besuchen die Minen, weil sie sich von der salzhaltigen Luft positive Effekte für die Atemwege erhoffen. Ich aber stiefele für die Geschichte unter Tage – und natürlich für das erfrischende Grubenwetter.

Salzbergwerk bei Krakau

Foto: Mo Wu/Shutterstock.com

Nach gut 180 Metern linksherum und mit einem leichten Drehwurm unten angekommen, wird mir schnell klar, warum das Bergwerk 1978 ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurde: Zwischen den Gängen tun sich immer wieder Kammern auf, die von den Bergleuten vergangener Tage kunstvoll bearbeitet wurden. Mal eine Kapelle mit Heiligenfiguren, mal meterhohe Holzstützwerke, mal in die Wand gearbeitete Darstellungen von Grubenarbeiten. An vielen Stellen zeigen aber auch lebensgroße Modellfiguren anschaulich, wie die schweißtreibende und mitunter lebensgefährliche Arbeit der Bergleute früher aussah. Und fast am Schluss meines erfrischenden Gangs unter Tage treffe ich noch einen ganz besonderen Bewohner des Bergwerks: Kasimir der Große, höchstpersönlich; als überlebensgroßer Steinkopf mit imposantem Bart, bei dessen Anblick ich mich unweigerlich an die Zwerge aus »Der Herr der Ringe« erinnert fühle. Nicht ohne Grund wacht der alte König hier unter der Erde. Denn unter seiner Herrschaft wurde der Salzausbau hier erst richtig in Gang gebracht – und das weiße Gold bildete den Grundstein für die goldene Zeit Krakaus. Und die glänzt noch heute.

Konrad Bender in Krakau

Foto: Konrad Bender

Mehr Infos zu Krakau

Krakau wird von der Lufthansa (München; Frankfurt) und Eurowings (Düsseldorf) täglich angeflogen. Von Berlin aus geht zweimal täglich eine direkte Zugverbindung (gut sieben Stunden Fahrt).

Unser Hoteltipp: Das »Garamond, a Tribute Portfolio Hotel« (hier geht es zur Webseite) liegt zentral in der Altstadt und bietet gleichzeitig eine herrliche Ruhe. Designtraum im Stil der 1920er-Jahre.

Hier stellen wir dir Aktivitäten für Krakau im Sommer vor. In unserem Polen-Quiz kannst du dein Wissen über unser Nachbarland testen. Hier kommst zu unseren Kultur-Tipps für Krakau.