Das Maskenfest in Kokopo zelebriert die überwältigende spirituelle und materielle Kultur Papua-Neuguineas derart intensiv, dass Zuschauern nicht selten an ihrem Verstand zweifeln. Unser Autor Norbert Eisel-Hein, der einst Ethnologie studiert hat, war live vor Ort mit dabei und berichtet für uns von dieser Feierlichkeit.
Text: Norbert Eisele-Hein
Tausende Funken stieben meterhoch in die Nacht. Brennende Äste ziehen Feuerschneisen. Auflodernde Flammen verstärken das gespenstische Schattenspiel. Im Dorf Kainagunan, mitten im Urwald, tanzen die Baining zum wilden Trommelwirbel durch die Feuersbrunst, Gänsehaut garantiert. Im Feuerschein wirken ihre Masken aus Rindenbast wie unwirkliche Zerrbilder aus einer anderen Welt. Die Gesichter mit ihren riesigen, spiralförmigen Augen und überdimensionalen Schnuten scheinen wie die psychedelischen Protagonisten eines ausufernden LSD-Trips.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Dieser Feuertanz der Baining ist nur einer von vielen integralen Bestandteilen des »National Mask & Warwagira Festivals«, das einmal jährlich im Juli in Kokopo, an der Spitze der Insel New Britain, ausgetragen wird. Das drei Tage währende Fest findet fast vollständig im Multifunktionsstadion der Stadt statt.
Das »National Mask & Warwagira Festivals« auf der Insel New Britain
Einzig die Baining tanzen zu Hause in Kainagunan. Die Feuertänzer sind barfuß. Tragen nur Gamaschen und ein Cape aus Pflanzen. Der Unterleib ist der Glut und den Flammen ausgesetzt. Ben, unser Guide, kommentiert flüsternd das Geschehen. »Ich bin zwar ein Tolai, kenne dieses Ritual aber oberflächlich. Die Tänzer der Baining bilden eine Geheimgesellschaft, da sickert seit Jahrhunderten kaum was durch. Nur so viel: Die Tänzer präparieren ihre Waden mit Ameisensäure, das macht sie unempfindlicher. Der runde Schild vor dem Penis wird von einem Pflanzenstängel fixiert. Der Penis selbst wird mit einem geflochtenen Baststrick nach hinten gebunden. Der Strick auf der Höhe des Steißbeins wird heute mit einer Sicherheitsnadel in der Haut fixiert. Früher verwendete man dafür Bambussplitter oder zugespitzte Knochen des Kasuarvogels. Das funktioniert wie ein Piercing. Die Tänzer haben dort alle Wülste von den Narben, daran erkennt man sie.«

Foto: Norbert Eisele-Hein
Die Musiker trommeln weiterhin pausenlos mit dicken Bambusröhren auf eine hölzerne Plattform. Immer wieder trampeln die sieben Tänzer mit festen Schritten und flinken Drehungen durch den Glutteppich. Zwei Tänzer verschwinden kurz im Buschwerk, tauchen dann unvermittelt wieder mit einem meterlangen Python auf, den sie mehrmals am Feuer vorbeitragen. »Die Schlange steht für das höchste Wesen, a chamhi. Sie wird morgen auf dem Festplatz geschlachtet und im Erdofen zubereitet. Ihr seid dazu eingeladen«, erklärt Ben.
Diese sogenannten Kavat (Maske), die nur für eine einzige Zeremonie benutzt werde, sind begehrte Exponate, besonders in den berühmtesten Museen der Welt, wie zum Bespiel dem British Museum in London und dem New Yorker Metropolitan Museum.
Über die Kultur der Baining in Papua-Neuguinea
Nach der Vorstellung kraxeln die paar Handvoll Touristen auf die Ladefläche der Pick-ups und schlingern auf matschigen Urwaldpfaden zurück nach Kokopo. Über den Köpfen strahlt das monströs funkelnde Kreuz des Südens durch das Blätterdach. In den Köpfen irrlichtern stapelweise Impressionen, die sich nur schwer in die sogenannte Neuzeit einsortieren können.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Die Literatur zum Feuertanz der Baining ist spärlich. Somit ist es ein großer Glücksfall, dass Dr. Antje Kelm, eine renommierte Hamburger Ethnologin, die seit Jahren über das Maskenfest forscht, am folgenden Abend einen Vortrag hält.
»Die Baining glauben an zwei Welten. Eine reale, in der die echten, aber übernatürlichen Wesen agieren, und eine, die den Menschen vorbehalten ist, die aber nur ein Abbild der echten Welt darstellt«,
erzählt Dr. Antje Kelm. »In der wirklichen Welt handeln die echten Kavat-Geister und halten mit ihrem Hineinspringen ins Feuer und dem Auflodernlassen des Lichts die Sonne am Leben. Die Menschen, die sich als Kavat-Geister verkleiden, spielen dabei nur nach, was zur gleichen Zeit die echten Geister tun«, erklärt sie weiter die komplexe Dualität. Dass die Schlange am Ende im Kochtopf landet, ist eine Form der Inkorporation, die Katholiken aus der eigenen Kultur- und Religionsgeschichte kennen, wenn beim christlichen Abendmahl der Leib Christi in Form einer Hostie gereicht wird.
Über die Ethnie der Tolai
Die offizielle Eröffnung des Maskenfestivals gebührt den Tolai, der größten und wohlhabendsten ethnischen Gruppe des Bismarck-Archipels. Noch bevor ihre drei prächtigen Auslegerboote im Halbdunkel des Morgengrauens am Strand von Rabaul sichtbar werden, ist ihr lautes Trommeln zu hören. Bei der Kinavai-Zeremonie rudern ihre Boote kreuz und quer. Tumbuane, Spirits in voluminösen Pflanzenmasken mit spitzen Hüten, liefern sich in den schmalen Einbäumen eine Art spirituellen Machtkampf. Scheinen mit ruckhaften Tanzfiguren die Fahrrichtung zu bestimmen.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Endlich an Land, werden sie von den Melem, den Aufsehern dieser Spirits zum Festplatz, der Multisports-Arena gebracht, wo bereits ein Schutzhaus errichtet wurde. Hunderte einheimische Zuschauer gehen auf Distanz. Die Masken, also die Spirits, dürfen auf keinen Fall berührt werden, denn von ihnen gehen mächtige Kräfte aus. Wenig später defilieren sie in das große Multifunktionsstadion, wo die Werbebanner des Hauptsponsors Coca-Cola in der leichten Brise wehen. Die Melem tragen nur einen roten LapLap, ein Wickeltuch, und eine kunstvoll geflochtene Bananenblatttasche. Ihr »Chairman« Isaac Ilom rammt einen Speer in den Boden. Ruft lautstark ein paar schwer verständliche Parolen aus. Das »National Mask & Warwagira Festival«, mit etwa 2.000 Darstellern eines der größten indigenen Feste der Welt, möge beginnen.
Von Spirits, Muschelgeld und den verschiedenen Tanzgruppen
Auf Geheiß der Melem beginnen die Tumbuane zu tanzen. Die Tänzer stecken nackt in einer kugelrunden Pflanzenmaske, wirken damit wie ein Buchsbaum auf zwei Beinen, der nur von einem kegelförmigen Hut mit aufgemaltem Gesicht ergänzt wird. Gelegentlich wird der Po sichtbar. Die Schrittfolge zur Trommelmusik gleicht einem leichtfüßigen Pas-de deux. Nach der Darbietung werden die Tumbuane entlohnt. Das geschieht, indem die Melem mehrere Klafter auf Schnüren aufgereihtes Muschelgeld, tambu, auf die Spirits werfen. Das Muschelgeld dient auch heute noch als Bezahlmittel und ist vor allem für das Prestige des Eigentümers von höchstem Stellenwert.

Foto: Norbert Eisele-Hein
In den folgenden drei Tagen zeigen an die 100 Clans und ethnische Gruppen aus allen Landesteilen Papua-Neuguineas ihre Tänze und Gesänge. Dahinter steht die Idee der Regierung, die kulturelle Identität des jungen Staates zu stärken. Dafür standen noch vor wenigen Jahren üppige Fördergelder aus einem Kulturfonds zur Verfügung.
Aus dem ganzen Land sind die Tanzgruppen für das Maskenfest in Kokopo angereist
Die nahen Ethnien aus der nördlichen Inselwelt des Bismarck-Archipels und der Salomonensee können mit Booten anreisen. Aber für die Bewohner des Südens oder des Hochlands bleibt nur das Flugzeug, denn auf Papua gibt es kaum Straßen. Doch die Tickets sind teuer und im Subventionstopf herrscht Ebbe. Die maximal 50 Touristen aus allen Ecken der Welt haben keinen Grund zur Klage, denn das Programm ist, auch wenn ein paar ethnische Gruppen aus dem Hochland fehlen, überwältigend. An Opulenz kaum zu überbieten.
Tänzer von der nahen Insel Matupit performen bis zum Umfallen. Sie werden vorab von ihren spirituellen Begleitern mit gebetsartigen Formeln eingestimmt. Diese spirituellen Helfer stupsen die nackten Oberkörper der Tänzer mit verästelten Blütenzweigen und versetzen sie mit hundertfachen, schnellen Berührungen in einen annähernd hypnotisch wirkenden Bewusstseinszustand. Dann werden die Tänzer in Trance zum Tanzplatz geführt. Zwischen den Zähnen klemmen kleine Holzstöckchen, damit sie sich nicht die Zunge abbeißen. Mit verdrehten Augen tanzen sie über 20 Minuten zum furiosen Rhythmus der Trommeln. Ohne Unterbrechung. Das ist wie ein Zwölf-Runden-Boxkampf ohne Gong dazwischen. Körperliche Höchstleistung. Sobald die Trommeln verstimmen, kollabieren nicht wenige an Ort und Stelle. Die Helfer stehen mit Getränken und Wassereimern parat.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Die vier Meter hohe Maske der Baining – in Form einer Eidechse – benötigt mehrere Helfer mit Bambusstützen und Seilzügen zur Stabilisierung. Auch die doppelköpfige, pinkfarbene Maske der Sulka, über deren Entstehung und Bedeutung Dr. Kelm bereits ein ganzes Buch verfasst hat, wird von einem Team vorgeführt. Während der Darbietung laufen die Kinder plötzlich am Spielfeldrand zusammen, wo der Python vom Vorabend mithilfe einer Schar von Kindern geschlachtet, gehäutet und für ein feierliches Mumu, ein Festmahl aus dem Erdofen, zubereitet wird.
Ein Fest für alle Sinne
Es gibt keine Pause. Eindrücke folgen auf Staunen. Tänze folgen auf Tänze. Sie spiegeln den Alltag, tradieren Mythen, kosmologische Vorstellungen oder schildern herausragende Ereignisse der eigenen Identität. Die Masken stellen häufig direkte Verbindungen zum Tierreich her. Ein paar Gruppen peitschen sich gegenseitig mit Weideruten aus und tragen schlimme Striemen davon.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Den Höhepunkt des zweiten Tages bescheren die Virjan. Sobald sie auftauchen, drängen sich die Papuas um gute Plätze. Im Nu bildet sich ein enger Kreis. Ein untrügliches Indiz für eine gute »Show«. Ein großer, hagerer Akteur der Insel Mioko macht den Auftakt. Er beißt in glühende Holzscheite. Die Glut fliegt aus seinen Mundwinkeln, aber er lächelt sofort danach mit rabenschwarz vom Ruß gefärbten Zähnen. Scheint unverletzt zu sein.
Virjan: Performance mit Bierflasche
Und als wäre das noch nicht Spektakel genug, folgt ein kleinerer, stämmiger Typ vom Volk der Virjan. Er wird vor seinem Auftritt randvoll abgefüllt. Ein paar Biere, eine Flasche Schnaps, die ihm fast schon gewaltsam eingetrichtert wird. Er wirkt elend, ja rotzbesoffen und wird von seinen Helfern zur Arena gestützt. Seine Begleiter nehmen ihn in die Mitte. Berühren ihn überall mit Pflanzenstängeln, zerstäuben Flüssigkeiten über seinem Kopf.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Urplötzlich wandelt sich sein Gesichtsausdruck. Gerade noch wirkte er betrunken. Und jetzt, als hätte irgendwer den Schalter umgelegt, wirkt er komplett entrückt. Gespenstisch – als hätte er Geist und Körper entkoppelt, steht er kerzengerade und mit starrem Blick in der Menge. Er zerschlägt ein paar Bierflaschen. Beißt unter dem Raunen der Menge in die scharfen Kanten der kaputten Flaschen. Das quietschende Geräusch seiner Zähne beim Zersplittern des Glases geht durch Mark und Bein. Wird sich auf immer und ewig im Gedächtnis verankern. Er zerkaut etliche Scherben. Zeigt seine Zähne. Streckt seine unverletzte Zunge weit heraus und genießt mit einem diabolischen Jack-Nicholson-Grinsen das Bad in der Menge.
Die Frauengruppe aus dem Dorf Vairiki tanzt zum Erntedank
Am dritten und letzten Tag bereitet die Frauengruppe aus dem Dorf Vairiki sich hinter der Bühne auf ihren Auftritt vor. Passend zu ihren grünen Kleidern schminken Helfer sie mit grüner Farbe aus einer 1,5-Liter-PET-Flasche. Sattgrün tanzen und singen sie das Lied »A Libung« zum Erntedank. Der Wind wird stärker. Etliche Gruppen wie auch die Tolai-Männer aus Tavuiliu tragen handwerklich meisterhaft geschnitzte Kopfaufbauten mit bis zu 120 Zentimeter Höhe. In diesen konischen Strukturen sehen wir Schiffe, humanoide Wesen, Tiere, die häufig noch mit Gräsern, Moosen, Pflanzen, Muscheln und Vogelfedern geschmückt werden. Die genaue Bedeutung jeder einzelnen Maske wissen nur die initiierten Männer selbst.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Auf dem Maskenfestival zeigen die Clans und ethnischen Gruppen Papua-Neuguineas, wie intensiv ihre komplexe, häufig duale Geisterwelt – ungeachtet der offiziellen Christianisierung – ihr Leben bestimmt. Fernab jeder Folklore gewähren uns die Papuas einen authentischen Einblick in ihre überreiche und ansonsten nur schwer zugängliche Kultur. Schon dieser bewusstseinserweiternde Blick durch den Türspalt ist Grund genug, die lange Reise auf ferne Inseln im Pazifik anzutreten.
Mehr Infos zum Maskenfest in Kokopo in Papua-Neuguinea
Mehr Infos unter www.papuanewguinea.travel
Anreise. Am besten mit Lufthansa oder Singapore Airlines nach Singapur und mit Air Niugini weiter zur Hauptstadt Port Moresby. Air Niugini bietet zahlreiche Inlandsflüge zu allen touristischen Zielen im Hochland und der kompletten Inselwelt.
Reiseveranstalter. Der Papua-Neuguinea und Ozeanien-Spezialist »Pacific Travel House« bietet individuelle Touren nach einem ausgeklügelten Baukastenprinzip und Gruppenreisen mit Aktivprogramm zum National Mask & Warwagira Festival, den Sing Sings in den Highlands und zur Region um den Fluss Sepik an.
Mehr Infos gibt es auf der Website: www.pacific-travel-house.com
Nicht weniger spannend ist der Sing Sing in Papua-Neuguinea. Unsere Reise-Tipps für Papua-Neuguinea findest du hier.

Foto: Norbert Eisele-Hein
