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Taiwan steht bislang nur bei wenigen westlichen Touristen auf der Bucketlist. Ein Fehler! Über das Land erstrecken sich bewaldete Berge, türkisblaue Seen und palastartige Tempel. Und wer genau hinschaut, findet in der demokratischen Republik sogar richtig viel Glitzer!

Die Regentropfen sammeln sich an diesem Abend zu bunt leuchtenden Pfützen. Sie spiegeln die Lichter der mehr als 300 riesigen Laternen und Lichtinstallationen, die den Platz vor der HSR Station in Taoyuan schmücken. Der gesamte Boden glitzert und leuchtet. Obwohl es wie aus Eimern schüttet, ist das Plätschern des Regens kaum zu hören. Zu laut ist die Musik und das Stimmengewirr der Besucher, die sich auf dem riesigen Areal drängen, um die Eröffnung des staatlichen taiwanischen Laternenfests miterleben zu können.

Dieses bildet jedes Jahr den Abschluss des 15-tägigen chinesischen Neujahrfests und zieht neben Taiwanern auch viele Touristen aus Nachbarländern wie Japan, Südkorea und den Philippinen an. Westliche Touristen wie wir sind eine Ausnahme.

Das Laternenfest in Taiwan im Jahr 2025.

Foto: Jana Freiberger

Als der taiwanische Präsident, Lai Ching-Te, auf der Hauptbühne seine Rede hält und allen Anwesenden ein glückliches neues Jahr wünscht (es ist das Jahr der Schlange), blickt man vom erhöhten Pressebereich auf ein riesiges Mosaik aus bunten Regenschirmen. Alle Besucher stehen eng gedrängt vor der Bühne und hören höflich zu, warten vermutlich aber wie wir nur darauf, dass der Höhepunkt des Abends folgt.

Dann ist es so weit: Die 18 Meter hohe Hauptlaterne »Infinite Paradise«, ein Unendlichkeitszeichen, wird erleuchtet und die Show beginnt: Theatralische Musik schallt durch die Lautsprecher und dann startet eine aufwendig inszenierte Lichtershow. Boden und Himmel glitzern und strahlen nun um die Wette. In etwa so habe ich mir als Kind immer vorgestellt, was in der Zauberkugel der Mini-Playback-Show so vor sich geht. Nun ja. Die Stimmung ist auf jeden Fall gut, trotz Regen und nassen Socken.

Die Hauptlaterne »Infinite Paradise«.

Foto: TTA Lantern Festival

»Wir sorgen uns mehr um Geld als um China«

Dieser Gemütszustand lässt sich wohl auch auf die Lebenseinstellung vieler Taiwaner ummünzen. Die Menschen im demokratisch regierten Taiwan, offiziell »Republik China«, leben ihr Leben. Trotz des seit Jahrzehnten schwelenden Konflikts mit der kommunistischen Volksrepublik China und der ständigen Gefahr einer Eskalation. »Wenn die Chinesen kommen, dann nehme ich eben die chinesische Flagge in die Hand«, sagt Cheng Chin, Schreinermeister in einer Werkstatt im Daxi District in Taoyuan. Der 61-Jährige hat fünf Kinder, mag seinen Job. Politik interessiert ihn nicht besonders, und so blickt er sehr pragmatisch in die Zukunft.

Aber wie sehen das die Jüngeren?  »Wir sorgen uns mehr um Geld als um China«, sagt die 27-jährige Alice Chen, die sich in Taipeh eine Wohnung mit ihrer Schwester teilt. Die Mieten in der Hauptstadt sind hoch. Eigentum kann sie sich nicht leisten – dabei ist ein eigenes Zuhause in Taiwan eigentlich Standard, zur Miete lebt hier nur ein geringer Prozentsatz. Aber klar, ein Thema sei die drohende Invasion Chinas schon. In vielen Familien diskutiere man deswegen intensiv. Ihre persönliche Meinung behält sie größtenteils aber lieber für sich. Nur so viel sagt sie: Wenn in ihrem Pass mal »Taiwan« statt »Republik China« stünde, das fände sie gut.

Taipei 101: Ein Must-do für Foodies

Dafür informiert sie uns ausführlich über Taipei 101, das höchste Gebäude des Landes. (Das ist schließlich auch ihr Job als Guide im Gebäude.) Bei seiner Fertigstellung im Jahr 2004 sei der Wolkenkratzer sogar der höchste der Welt gewesen. Was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. 508 Meter – das beeindruckt mittlerweile niemanden mehr.

Blick von Elephant Mountain auf Taipei 101.

Foto: TTA Taipei

Doch es gibt andere Dinge, die im Taipei 101 auch heute noch begeistern: Foodies (hier!) werden lieben, was sich im Tiefgeschoss des Gebäudes befindet – eine Filiale der bekannten taiwanischen Restaurantkette Din Tai Fung, die zum Beispiel auch in Großbritannien und den USA zu finden ist. Bekannt sind die Restaurants hauptsächlich für ihre Xiaolongbao – mit Fleisch und Brühe gefüllte Teigtaschen. Und das absolut zu Recht. In Kombination mit einem Dip aus Reisessig, Sojasauce und Ingwer ist dieses Gericht eine Umami-Explosion.

Zum ersten Mal auf unserer Reise wird Taiwan seinem Ruf als Food-Hochburg gerecht. So richtig überzeugen kann ansonsten nur noch ein knuspriger Schweinebauch auf einem Nachtmarkt. Memo an mich selbst: Beim nächsten Besuch mehr Zeit für Snacks auf den Nachtmärkten mitbringen – und mehr Appetit. Auf den war bei dieser Reise (für mich ungewöhnlich!) leider kein Verlass.

Eine Kugel, so schwer wie 132 Elefanten

Ungewöhnlich ist übrigens auch, was sich zwischen dem 87. und 92. Stockwerk des Taipei 101 befindet. Also rein in den Highspeed-Aufzug, und mit Druck auf den Ohren geht’s in etwa einer halben Minute von ganz unten nach fast ganz oben. Befestigt an acht dicken Stahlseilen hängt dort eine 660 Tonnen schwere Kugel (»Stellt euch vor, hier wären 132 Elefanten, so schwer ist sie«, erklärt Alice Chen), mit einem Durchmesser von 5,50 Meter, die als Pendel dient und den Turm bei starken Winden und Erdbeben vor gefährlichen Schwankungen schützen soll. Insgesamt gibt es 17 solcher Pendel im Taipei 101, in unterschiedlichen Größen und Formen. Und so gilt Taipei 101 als einer der sichersten Orte, wenn die Erde in Taiwan mal wieder bebt.

Kugel in Taipei 101.

Foto: Taipei 101

Da Taiwan genau an der Schnittstelle zwischen der Philippinischen und der Eurasischen Erdplatte liegt, sind Erdbeben hier keine Seltenheit. Und diese ziehen oft große Zerstörung nach sich, die, Überraschung, auch vor bedeutenden Gebäuden nicht Halt macht – auch nicht vor dem Wenwu-Tempel, der sich über dem nördlichen Ufer des Sonne-Mond-Sees erhebt. Bei einem Erdbeben im Jahr 1999 wurde der Tempel fast vollständig zerstört, nur dank der großen Spendenbereitschaft der Taiwaner gelang der Wiederaufbau. »Es wurde sogar zu viel gespendet«, erzählt Johannes Hsu, unser taiwanischer Reiseleiter. »Von dem restlichen Geld wurde einfach noch ein Tempel gebaut, für einen Liebesgott.« Wie viel Geld genau gespendet und investiert wurde, darüber wurde die Bevölkerung nicht informiert, so Hsu. Das sei in Taiwan nicht üblich.

Die Dächer des Wenwu-Tempels am Sonne-Mond-See in Taiwan.

Foto: Jana Freiberger

Was Taiwan abseits der Hauptstadt zu bieten hat

Hübsch anzuschauen ist der neue Tempel auf jeden Fall. Und die Aussicht auf den zu Füßen des Tempels liegenden, türkisblauen Sonne-Mond-See, der bei strahlendem Sonnenschein wie ein Meer aus Diamanten funkelt, macht den Besuch zu einem echten Highlight. Kein Wunder, dass sich hier viele Touristen tummeln, einfach nur Fotos machen, in einem der Restaurants direkt am Wasser entspannen, auf einem Rad um den See fahren oder die Gegend um den See zu Fuß erkunden.

Und wer beim Wandern nach einer körperlichen Herausforderung sucht, ist in Taiwan generell genau richtig. Über zwei Drittel des Landes erstreckt sich bewaldetes Bergland mit 268 Gipfeln über 3.000 Metern! Wobei der höchste Berg Taiwans der Jade-Berg ist – mit 3.952 Metern. Und diese Dreitausender können in Taiwan ganz wunderbar bestiegen werden, da alle Wege mindestens alle 500 Meter mit Wegschildern ausgestattet sind, auf den schwierigsten Strecken sogar alle 200 Meter.

Ein kleiner Anstieg ist zwar schön, aber eine Dreitausender-Besteigung muss es nicht unbedingt sein? Dann ist der gerade einmal 183 Meter hohe Elephant Mountain in Taipeh eine passende Alternative. 600 Stufen führen zum »Gipfel« des Bergs, dessen Form an einen Elefantenkopf erinnert. Wir brauchen für den Aufstieg etwa eine halbe Stunde (ehrlicherweise vielleicht auch etwas länger, es war sehr, sehr früh am Morgen) und sind bei unserer Ankunft auf der Aussichtsplattform fast die einzigen Besucher. Was auch an dem zunächst wolkenbehangenen Himmel liegen dürfte. Aber nach einiger Zeit setzt sich die Sonne durch und entfernt den grauen Schleier, der den Taipei 101 gerade noch umgab – und nun glitzert uns der Riese unter blauem Himmel freundlich entgegen.

Noch ist Hoffnung da

Dass wir uns in einem Land befinden, das jederzeit in einen Kriegszustand rutschen könnte, scheint in diesem Moment kaum greifbar. Und unser Reiseleiter versucht, diesen aufkommenden Gedanken auch sofort wieder wegzuwischen: »Ich weiß, viele Europäer haben Angst, aber ich würde sagen, Taiwan ist sicher. Ich und meine Familie, wir haben keine Angst. Denn China sagt schon seit meiner Kindheit, dass es uns vernichten will. Aber wir leben bis heute. Ich glaube, ich werde es in meinem Leben nicht erleben, dass Taiwan und China durch einen Krieg wieder zusammengeführt werden.« Und beim Blick auf das friedlich wirkende Taipeh, dessen Hochhäuser sich kunstvoll glitzernd in den Pfützen spiegeln, die der Regen in der Nacht zuvor hinterlassen hat, möchte man ihm das auch gerne glauben. Und die Hoffnung bleibt, dass Touristen noch lange die Möglichkeit haben werden, dieses vielseitige Zauberland zu besuchen!


Mehr Infos zu Urlaub in Taiwan

Anreise

Direktflüge von Frankfurt nach Taipeh gibt’s von China Airlines für rund 800 Euro.

Unterkunft

Das Hotel »Palais de Chine« (hier geht’s zur Website) liegt mitten in Taipeh. Im Inneren warten viel dunkles Holz und neoklassizistisches Design. Und das 3-Sterne-Restaurant »Le Palais«.

Das »Wyndham Sun Moon Lake« ist fußläufig fünf Minuten vom Sonne-Mond-See entfernt. Einige Zimmer sind mit einem privaten Hot Spring ausgestattet.

Restaurant

Ein Muss für alle Foodies: Das Din Tai Fung im Tiefgeschoss des Taipei 101. Hier geht’s zur Website.

Laternenfest 2026 in Taiwan

Das nächste Laternenfest findet vom 3. bis zum 15. März 2026 in Chiayi statt.