New York, Los Angeles, Washington – da fährt doch jeder hin. Aber wie wäre es mit einem Trip nach Denver, Colorado? Die Hauptstadt des US-Bundesstaats ist weit mehr, als »nur« das Tor zu den Rocky Mountains. Martin Häußermann hat sich auf eine Reise zwischen Murals, Micro Breweries und Museen gemacht.

Text: Martin Häußermann

Deshalb ist Denver die »Mile High City«

Hier geht‘s hoch hinaus. Im US-Bundesstaat Colorado locken 54 sogenannte »Fourteener« zum Gipfelsturm. So nennen Amerikaner Berge, die mehr als 14.000 Fuß hoch sind – umgerechnet also etwa 4.267 Meter über Meereshöhe. Darauf lässt es sich im Sommer wunderbar wandern und bergsteigen. Im Winter locken die Skiresorts von Vail, Beaver Creek oder Snowmass.

Wir sind im Herbst hier – und wollen in erster Linie die Stadt erleben. Die ist auch ganz schön hoch, nach offiziellen Angaben genau 1.609 Meter, weshalb sich Denver stolz die »Mile High City« nennt. Bergstiefel brauchen wir dennoch keine und Outdoor-Kleidung eigentlich auch nicht. Denver ist schließlich eine Großstadt mit fast 750.000 Einwohnern, in der Metropolregion wohnen rund drei Millionen Menschen. Hierher zieht es viele junge Leute, die eine liberale Lebenseinstellung pflegen. Schließlich wählen die meisten in diesem Bundesstaat traditionell demokratisch. Auch für Kreative ist Denver ein gutes Pflaster. Kultur und Kunst haben hier ein breites Fundament.

Ein weiter Blick von einem hohen Punkt auf das weit ausgebreitete Denver. Im diesigen Horizont wird die Skyline der Stadt erkennbar.

Foto: Martin Häußermann

Kunst der Extraklasse im Denver Art Museum

Christoph Heinrich kam im Jahr 2007 nach Denver. Der Kunsthistoriker wechselte von der Hamburger Kunsthalle als Kurator ans Denver Art Museum (DAM) und wurde 2009 stellvertretender Museumsleiter. Seit 2010 ist er Chef und zeigt sich zufrieden, ja sogar stolz auf die Entwicklung des Hauses, vor allem auf die Breite des Angebots: »Wir sind das größte enzyklopädische Museum zwischen Chicago und Los Angeles und haben fast alle Weltkulturen unter einem Dach.« Zur Dauerausstellung gehört auch eine umfassende Sammlung indigener Kunst Nordamerikas. Zu unserer Freude gibt es auch einiges an zeitgenössischer Fotografie zu sehen.

Ein modernes Museumsgebäude mit einer Fassade aus glänzenden Metallplatten. Mittig ragt ein Gebäudeteil wie eine Spitze aus dem Gebäude heraus.

Das Denver Art Museum | Foto: Martin Häußermann

Weil Heinrich aber auch junge und jüngste Besucher ins Museum locken will, macht er vor Popkultur nicht halt. 2024 zeigte das DAM die Sonderausstellung »Wild Things«, eine Retrospektive zu Maurice Sendak. Den Illustrator und Autor sowie das Kinderbuch, um das es in der Ausstellung ging, kennen große und kleine Leser in Deutschland unter dem Titel »Wo die wilden Kerle wohnen«. In dem 1963 erstmals veröffentlichten Buch hat Heinrich, Jahrgang 1960, selbst als Kind geschmökert und es auch mit seinen beiden Kindern gelesen. Dieses Buch und seine wuscheligen Figuren haben Generationen begeistert – ein echter Klassiker.

Nicht nur die eigenen Erinnerungen lassen Christoph Heinrichs Augen blitzen, auch die Freude darüber, beim Kuratieren mal wieder mitwirken zu dürfen: »Dafür hat man als Museumsdirektor im Grunde keine Zeit.« Wie wohl er sich in Denver und »seinem« Museum fühlt, zeigt die Tatsache, dass er 2016 einen Ruf als Direktor des renommierten Frankfurter Museumsverbundes Städel, Schirn, Liebieghaus ablehnte.

Außergewöhnliche Architektur in Colorado

Diese deutschen, altehrwürdigen Häuser sind auch von außen sofort als Museen zu identifizieren. Das ist beim DAM nur bedingt der Fall. Es ist ein Komplex aus drei Gebäudekörpern, die sich gestalterisch komplett widersprechen und dennoch wie eine Einheit wirken. Kern ist das nach den Museumsgönnern Lanny und Sharon Martin benannte achtstöckige Gebäude, das vom Mailänder Architekten Gio Ponti konzipiert und 1971 fertiggestellt wurde. Mit seinen länglichen, schießschartenähnlichen Fassadendurchbrüchen wirkt es wie eine Trutzburg.

Hinter einer Reihe Bäume in einem Park wird das graue State Captiol Colorado in Denver mit seiner goldenen Kuppel sichtbar.

Das State Captiol | Foto: Martin Häußermann

Türmchen suchen Architekturfans zwar vergebens, doch bietet die Terrasse auf der obersten Etage einen wunderbaren Rundumblick – unter anderem auf das Colorado State Capitol. Das Sie Welcome Center erfüllt mit seiner gerundeten Glasfassade auch optisch seinen Zweck und heißt Besucher willkommen. Regelrecht futuristisch wirkt das Frederic C. Hamilton Building, das weit mehr als ein Anbau ist. Es folgt einem Konzept des Stararchitekten Daniel Libeskind, der sich die schroffen Felsformationen der Rockies als Vorbild nahm, diese aber mit rund 9.000 Titanplatten verkleiden ließ, die sich bei gutem Wetter in der Sonne spiegeln.

Street Art in Denver

Gutes Wetter braucht es auch, um Denvers riesige Outdoor-Galerie zu genießen. Die Rede ist vom Stadtbezirk River North, den die Denverites mit RiNo abkürzen. Das wird zwar wie das Tier Rhino (»Raino«) ausgesprochen, hat aber mit einem Nashorn ganz und gar nichts zu tun. RiNo ist vermutlich das krasse Gegenteil zu Trumps Vorstellung einer idealen amerikanischen Stadt und ein Ausdruck von Lebenslust und Weltoffenheit.

Neben einem Hauseingang ist ein großflächiges, buntes, abstraktes Graffiti auf eine Ziegelwand aufgebracht.

Foto: Martin Häußermann

Die Wände hier dienen Straßenkünstlern gleichsam als Leinwand, die sie mit ihren Sprühdosen in regelrechte Kunstwerke verwandeln. Das geschieht teilweise recht anarchisch in den Hinterhöfen und Nebengassen des Bezirks, die dadurch ihre Tristesse zumindest teilweise verlieren. Dies geschieht teilweise aber auch organisiert. Wie selbstverständlich lassen Gewerbetreibende hier ihre Fassaden von Straßenkünstlern verschönern.

Bunte Wände, wohin das Auge blickt

Doch auch private und institutionelle Hausbesitzer unterstützen mit der Freigabe ihrer Wände diese Kunstform, die in den Festivals Denver Walls im Oktober 2023 und Oktober 2024 ihre Höhepunkte fanden. Denver Walls ist ein Ableger der Non-Profit-Organisation World Wide Walls, die 2010 gegründet wurde und derzeit mehr als 25 Städte weltweit bespielt.

Ein weißes Coupé steht vor einer bunt besprayten Häuserwand.

Foto: Martin Häußermann

Der Charme des Festivals besteht darin, dass einerseits lokale Künstler hier die Gelegenheit bekommen, sich großflächig auszudrücken, andererseits verspricht die Einladung von Straßenkünstlern aus aller Welt Internationalität. Das lässt sich auf eigene Faust bei einem gemütlichen Spaziergang erobern. Denver Walls bietet hierfür auf seiner Website eine interaktive Karte.

Die Hauptstadt des Biers

Wir entscheiden uns für eine organisierte Variante, bei der auch der Genuss nicht zu kurz kommt: die RiNo Beer and Graffiti Tour. Ohne falsche Bescheidenheit bezeichnen die Denverites ihre Stadt als das Napa Valley des Biers. Tatsächlich finden sich in diesem Stadtbezirk nicht nur die meisten Murals und Graffitis, sondern auch die meisten Brauereien: mehr als 20 Braustätten im Umkreis von einer Meile. Im ganzen Stadtgebiet sind es mehr als 150.

In einer Kneipe sitzen mehrere Menschen an einer langen Bar und schauen ein Sportspiel im Fernsehen. Hinter der Bar ist eine Zapfanlage mit mehr als 20 Hähnen.

Foto: Martin Häußermann

Insofern ist der Vergleich mit dem bekannten Weinanbaugebiet Napa Valley nicht ganz abwegig. Erst recht vor dem Hintergrund, dass in der Region Denver mit der 1873 gegründeten Coors Brewing Company die weltweit größte Einzelbraustätte der Welt residiert. Allerdings ist das auch eine seelenlose Fabrik, in der sich Coors unter Bierfreunden insbesondere mit seinem Light-Beer einen zweifelhaften Ruf erbraut hat. Böse Zungen sagen Plörre dazu.

Diese Biere sollte jeder in Denver probieren

Da loben wir uns die Craft-Biere aus den RiNo-Mikrobrauereien. Die meisten zumindest. Das Peanut Butter Beer der Denver Brew Company fällt da ein wenig aus dem Rahmen und ist mehr als gewöhnungsbedürftig. Ansonsten erfreute sich unser Gaumen auch an vielem, was dem deutschen Reinheitsgebot nicht unbedingt standhalten würde. Höchstens vielleicht in der Brauerei Bierstadt Lager, deren Namen schon deutsche Wurzeln verrät. Hier wird tatsächlich in einem Kupferkessel gebraut, den die Eigentümer der fränkischen Ammerndorfer Brauerei abgekauft haben. Wer keine Experimente mag, trinkt hier.

Eine Brauerei in Denver, deren Fassade mit einem bunten Mural bedeckt ist.

Foto: Martin Häußermann

Wer gerne Neues probiert, könnte schon am Startpunkt unserer Tour, der Brauerei Ratio Beerworks, wohl einen ganzen Abend verbringen, um sich systematisch durchs reichhaltige Sortiment zu trinken. Aber so richtig gesund ist das ja nicht und auch nicht zielführend. Schließlich wollen wir noch weitere vier Brauereien besuchen und noch viel mehr Straßenkunst schauen. Wie viele Murals und Graffitis es insgesamt waren, lässt sich nicht mehr sicher sagen. Nein, das lag nicht am Bier, sondern an der Vielfalt.

Unser Highlight ist zweifellos das Werk »Larimer Boy and Girl«. Der Künstler Jeremy Burns nutzte eine bestimmt fünf Meter hohe Betonwand und deren regelmäßige Auskragungen für ein eindrucksvolles Doppelbild, das Betrachter sich regelrecht erarbeiten müssen und das ausschließlich in der Schrägansicht sichtbar wird. Von der einen Seite zeigt es das Gesicht eines erstaunten Jungen, von der anderen ist ein Mädchen mit melancholischem Blick zu erkennen.

Die Rocky Mountains vor der Tür

Unser Blick geht in Richtung Rockies. Denn wenn wir schon mal in Denver sind, sollten wir auch mal raus in die Natur. Für den Anfang muss es ja nicht gleich einer der eingangs erwähnten »Fourteeners« sein. Wir entscheiden uns für den Red Rocks Park vor den Toren der Stadt. Nach etwa einer halben Stunde Autofahrt sind wir da, gehen vor Ort ein wenig spazieren und entdecken das Red Rocks Amphitheatre, eine historische Konzertstätte, die von rotem Sandstein umgeben ist. 1964 spielten die Beatles hier, 2025 hatte Sting einen großen Auftritt. Heute sind es sportive Mittfünfzigerinnen, die das frei zugängliche Gelände mit seinen vielen Stufen für Konditions- und Beweglichkeitstrainings nutzen.

Ein Amphitheater aus rotem Stein, eingelassen in die schroffe Umgebung der Rocky Mountains. Einige Leute machen auf den Stufen Sport.

Foto: Martin Häußermann

Wir sind aber durchaus auch für passiven Sportgenuss empfänglich. Auf dem Heimweg fahren wir am Empower Field at Mile High vorbei, dem Stadion der Denver Broncos. Die spielen aber erst am Wochenende. An diesem Abend verfolgen wir ein Vorbereitungsspiel der Denver Nuggets, dem lokalen Basketballteam. Das spielt ebenso wie die Colorado Rockies (Baseball) und die Colorado Avalanche (Eishockey) in der jeweils obersten amerikanischen Liga. Die Gastmannschaften laufen hier übrigens nicht immer erfreut auf. Denn in einer Meile Höhe kann auch für Hochleistungssportler die Luft mal dünn werden.


Weitere Infos zu Denver

  • Denver ist die Hauptstadt von Colorado, USA. Der Bundesstaat gehört zu den sogenannten Mountain States. Die Rocky Mountains sind vom Stadtzentrum aus zu sehen.
  • Lufthansa und United fliegen jeweils zweimal täglich von Frankfurt und München nach Denver. Ein Zug bringt Reisende in etwa 45 Minuten zur Union Station im Stadtzentrum.
  • Das Hotel The Maven ist im Dairy Block integriert ist. Beste Lage im Bezirk Lower Downtown (LoDo) mit vielen Restaurants und Kneipen.
  • Im Denver Art Museum läuft noch bis Ende Juli eine Ausstellung mit indigener Kunst aus Australien, mehr unter www.denverartmuseum.org.
  • Zu Fuß geht sehr viel. Auf der Einkaufsstraße 16th Street fährt ein kostenloser Bus-Shuttle zwischen Union Station und Civic Center Station.

Wer die klassischen Sehenswürdigkeiten abhaken möchte, macht sich mit unserem Denver-Guide vertraut.