Hier ist es zu schön, um wahr zu sein, aber zu wahr, um es Ihnen zu verheimlichen: Wer nach dem reinen Glück sucht und einen Sinn hat für Bergidyll, musikalische Weine und feines Essen, wird sich in Südtirol wohlfühlen. Text: Harald Braun

Die Maria schaut aus, wie einem Heimatfilm entsprungen, aber sie singt nicht. Die Maria senst. Sie lebt in Radein, 1.500 Meter hoch, auf einem malerischen Plateau über dem Fleimstal. Bozen ist von hier nur rund 40 Kilometer entfernt, doch für Maria ist es grad so weit weg wie Rio, New York oder München. Auf die Frage nach ihrem Alter muss sie überlegen. »Jo, jetzt bin i scho’ sssehr olt.«

Sabine Braun

So genau weiß sie es offenbar nicht mehr, und das passt zu ihrer märchenhaften, aus der Zeit gefallenen Erscheinung. Mit ihrer rustikalen Handsichel steht sie breitbeinig im Hang, das Gewand aus alten Leinenstoffen von der Sonne golden eingerahmt, und mäht eine sattgrüne Blumenwiese. Im Hintergrund sind die Südtiroler Berge zu sehen: der Ortler, die Brenta-Gruppe; der sonnige Herbsttag lässt den Himmel dazu in einem beinahe unnatürlichen Blau erscheinen. Der Soundtrack dieses idyllischen Stilllebens ist unplugged: Das ständig präsente Glockengeläut der Radeiner Kühe ist eine Musik, die sich wie ein Samtcape über die Seele legt.

Einmal über den Brenner und schon ist man da

Wir sind nicht einmal 15 Minuten hier, und schon erfüllt von diesem erhabenen Gefühl, dass uns in den nächsten Tagen nicht wieder loslassen wird: Da reicht schon eine Autofahrt über den Brenner bis hinauf auf 1.500 Metern Höhe und ein bisschen Glück mit dem Wetter – schon ist man angekommen in einer schöneren Welt. Wobei das mit dem Wetter so eine Sache ist. »Im Sommer ist es eh schön«, sagt die Maria mit einem milden, nachsichtigen Lächeln, »aber im Winter erscht, do is es da heroben ein Paradiesch.«

Südtirol halt. Kann alles … Vor allem Hochgefühl. Das hängt nicht nur mit den atemberaubenden Bergwelten zusammen, die es seinen geneigten Gästen fast beiläufig präsentiert. Wer hinter dem Schalk und dem brummigen Schmäh des Eingeborenen seine Gastfreundschaft spürt, wer die zahllosen Burgen und Schlösser für sich entdeckt – und zwar nicht nur die, aus denen der Messner, Reinhold eigenwillige Museen gemacht hat – , wer gutes Essen und vorzügliche Weine schätzt und schon einmal von einer Blumenwiese von einem der vielen Bergbauernhöfe hinunter in ein weites Tal blicken durfte, der weiß, was genau das bedeutet, dieses Hochgefühl.

Sabine Braun

Und wie es sich äußert: in dem Wunsch, zu bleiben. Nicht weggehen zu müssen. Mehr davon zu spüren. Und die Menschen zu treffen, die hier leben, und auch seine berühmten Toten.

Den Ötzi zum Beispiel. Auch der ist einst gekommen, um länger zu bleiben: Ein Mumien-Mann aus dem Eis mit 5.000 Jahren auf dem Buckel, er liegt seit 1998 im Südtiroler Archäologie-Museum, 300.000 Besucher kommen jährlich nach Bozen, um den Südtiroler Gletschermann zu sehen. Interessant ist das schon, aber muss es sein, macht es glücklich?

Einen Törggelen, bitte!

Nicht besonders, behauptet Alois Lageder, den ich auf der Seiser Alm in seiner kleinen Hütte treffe. Er empfiehlt mir stattdessen etwas, das ich noch nie gehört habe: Törggelen. Das hat mit Wein zu tun hat, was wiederum kein Wunder ist, denn Alois Lageder ist einer der bekanntesten Winzer in Südtirol. Einmal den »Törggelen« zu bestellen bei einem der vielen Südtiroler Bergbauern, sollte man sich aber tunlichst verkneifen, wenn man nicht als Tourist auffallen möchte. Der Begriff  »Törggelen« – hergeleitet von der Südtiroler Weinpresse, dem Torggl – bezeichnet nämlich keinen Wein, sondern den schönen Brauch, im Herbst durch die Täler Südtirols zu ziehen und bei den Bauern »jungen Wein« zu probieren. Oder, wie es Wikipedia ungewohnt prosaisch formuliert, »in geselliger Runde eine Mahlzeit einzunehmen«. Dass Südtiroler Speck, Käse und Kastanien ohne einen feinen Tropfen nicht munden, dürfte einleuchten.

Sabine Braun

Alois Lageder hat an diesem Tag noch mehr Tipps für mich: den Meraner Höhenweg zum Beispiel. Vorbei an Wiesen und Wäldern, 80 Kilometer vom Pfelderertal bis zum Katharinaberg. Geschlafen wird in Hütten, für die Brotzeit gibt es Jausenstationen, für den Körper Blasen und Schmetterlinge im Bauch. Und wo er schon einmal dabei ist, der Lageder Alois, da sagt er noch: »Wenn Sie noch Zeit haben, dann gehen Sie auf einen der vielen Bergbauernhöfe. Arbeiten Sie dort eine Weile. Es wird einen anderen Menschen aus Ihnen machen.«

Ja klar, denke ich insgeheim, einen müden. Doch ich will nicht unhöflich sein und informiere mich. Lese von 10.000 Menschen, die hier auf Höfen in Steillagen leben und Ackerbau und Viehzucht betreiben wie vor 300 Jahren. Vom Überleben in der Natur. Von einer Idylle für Besucher, die für Südtiroler Bergbauern harten Existenzkampf bedeutet. Von über 1.000 Freiwilligen, die jährlich auf die Almen steigen, um zu helfen. Menschen, die nur durch das hart erarbeitete Gefühl belohnt werden, für einen kurzen Zeitraum im Einklang mit der Natur zu leben. Aber was heißt hier: Nur!?

Früher war der Wein süffig und leicht

Alois Lageder reicht mir Wein wie jemand, dem das Wohl seiner Gäste am Herzen liegt. Keine überflüssigen Gesten, keine Hektik, keine Phrasen. »Nein, das hätte ich meinem Großvater sicher nicht erklären können, was ich aus unserem Weingut gemacht habe.« Er lacht. Hätte er ja selber nicht gedacht. Vor 25 Jahren noch hatten Südtiroler Weine den gleichen Ruf wie der deutsche Schlager: süffig, aber seicht. Lageder gehörte zu den Ersten, die erkannten, dass man einen neuen Weg einschlagen muss. Kompromisslos. Das Diners Club Magazin kürte Alois Lageder 2007 zum Winzer des Jahres.

Was genau hat Lageder getan? Nun – er hat zum Beispiel den Neubau des historischen Weinguts »Ansitz Löwengang« in Margreid konsequent nach baubiologischen und ökologischen Kriterien durchgeführt, und zwar schon 1996. Doch Alois Lageder ist auch ein Mann der Kunst. Seine große Leidenschaft, sein zweites Leben. Er hat, als er »Löwengang« plante, einen Wettbewerb für namhafte Künstler ausgeschrieben, hat sie zu sich nach Margreid eingeladen und schließlich fünf von ihnen gebeten, einen Beitrag für »Ansitz Löwengang« zu leisten. Alois Lageder ist es wichtig, auch in seiner »Arbeitswelt« eine schöne, lebenswerte Umgebung zu schaffen, für ihn, für seine Mitarbeiter. Ganzheitliches Denken, immer wieder, in jedem Detail verankert. Das heißt dann auch, dass der Wind bei Lageder schon einmal die Musik macht.

Ein Segen für Südtirol

Fragezeichen? Gut, präziser: Wenn der Wind über den Dächern von Margreid weht, sendet eine der Turbinen des Weinguts Energie in den Barrique-Keller, was automatisch die Stereoanlage in Gang setzt. Dann beginnen die Brandenburgischen Konzerte – sphärisch verlangsamt –, auf den Wein einzuwirken. »Wiegenlied für Barrique-Fässer und Streicher« nennt der Installationskünstler Mario Airò sein Werk. Und wer das für ausgemachten Blödsinn hält, für den hat Alois Lageder nur ein mildes Lächeln über und ein Schulterzucken. Er glaubt daran, dass der Wein davon profitiert, und er verweist auf die Erkenntnisse des japanischen Forschers Masaru Emoto, der mit seiner revolutionären Wasserkristall-Fotografie nachwies, dass Wasser sich durch die Einwirkung von Gefühlen, Worten und Musik verändert. Ob Lageders Wein so gut schmeckt, weil er Musik hören durfte? Wer weiß das schon. Dass Menschen wie die Maria aus Radein, der Ötzi oder Alois Lageder ein Segen sind für Südtirol aber, das ist eine ganz sichere Sache.

Weingut Alois Lageder. Gegründet 1823 wird das Familienweingut  heute in fünfter und sechster Generation geführt. St. Gertraud Platz 10, 39040 Margreid an der Weinstraße, Italien. Mehr Infos unter:  www.aloislageder.eu

Info. Viel Wissenswertes und Hilfreiches über Südtirol findet man unter: www.suedtirol.info/de

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