Achtung: Teil 19 unserer Reise-Fails sollte nicht beim Essen gelesen werden. Denn ein ehrlicher Reisebericht verschweigt auch die Tiefpunkte nicht, und dieser beginnt für Redakteurin Uli mit einem Stück Fisch. Und endete am Welterbe Machu Picchu, mit einem Opfer, das dort so nicht vorgesehen war.

Noch am Vortag hatte ein Schamane mich gereinigt. Im Heiligen Tal, dem Valle Sagrado der Inka in Peru, führte er eine Zeremonie durch, die Körper und Geist von allem Schweren befreien sollte. Ich nahm das dankbar an. Nur nahm es mein Körper wenige Stunden später wörtlicher als geplant und reinigte sich mit einer Gründlichkeit, die selbst den Schamanen beeindruckt hätte.

Am Nachmittag hatten wir einen Ausflug gemacht und anschließend in einem Hotelrestaurant ein spätes Mittagessen eingenommen. Unter anderem wurde eine herzhafte Torte, gefüllt mit Forelle, serviert. Sah gut aus und schmeckte unverdächtig. Alle griffen zu. So begann, was aus einer feinen Pressereise eine gemeinsame Leidensgeschichte machte. Ich sage nur: Eine Fischvergiftung kommt selten allein.

Illustration einer Forellentorte auf einem gedeckten Tisch im Heiligen Tal in Peru

Illustration: Gemini

Kofferpacken für Fortgeschrittene

Nachts sollte ich feststellen: Die Forellentorte war, gelinde gesagt, schwer verdaulich. Plötzlich befand ich mich im sehr regen Pendelverkehr zwischen Bett und Toilette. Was ich nicht wusste: Acht von zehn Teilnehmern der Pressereise hatten die volle Bandbreite erwischt, Erbrechen und Durchfall.

Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, hatte ich ohnehin nicht. Als ich völlig ermattet irgendwann akzeptierte, dass die Fliesen meines Bads die weniger kraftraubende Alternative zum Bett waren, schoss mir ein anderer Gedanke durch den Kopf: Morgen früh ist Abfahrt zum Machu Picchu. In dem Moment schien es mir völlig utopisch, mein kühles Plätzchen auf den Fliesen zu verlassen. Noch schlimmer: Ich musste ja auch noch meinen Koffer packen.

Mein System: einmal übergeben, dann ein Kleidungsstück verstauen. Und wieder von vorn. Irgendwann war der Koffer gepackt und ich gefühlt halb tot, aber bereit zur Abfahrt. Theoretisch.

Gourmetzug ohne Gourmets

Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, aber irgendwie stand ich am Morgen pünktlich an der Rezeption, mit gepacktem Koffer. Dann die Erleichterung: Ich war nicht die Einzige. Fast die ganze Gruppe wankte heran, sichtlich erschöpft und blass um die Nase. Geteiltes Leid ist eben doch halbes Leid. Sofort begannen wir zu rätseln, wer der Übeltäter sein könnte. Schließlich war es klar: Die beiden Unversehrten hatten bei der Forellentorte nicht zugegriffen.

Es folgte, was das Programm vorsah: Transfer und Luxuszug, eine Art rollendes Gourmetrestaurant mit mehrgängigem Menü. Nur blieb der Speisewagen von uns gänzlich unbesucht, keiner konnte Essen auch nur riechen. Die meisten flüchteten in den Barwagen und harrten halb liegend im Sessel aus. Während es einigen langsam besser ging, behielt ich nicht einmal einen Schluck Wasser in mir. Vier Stunden Schaukeln bis zum Bahnhof, danach eine halbe Stunde Serpentinen im Bus. Ganz vorne sitzend starrte ich stoisch auf die Straße, mit einem inneren Mantra bei jeder Kurve: einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen.

Blasse Reisende im Barwagen eines Luxuszuges auf dem Weg zum Machu Picchu

Illustration: Gemini

Weltwunder mit flauem Magen

Noch heute ist mir unvorstellbar, wie ich die Serpentinenfahrt hinter mich gebracht habe, ohne die Mülltüte zu benutzen, die ich krampfhaft in den Händen hielt. Doch kaum ausgestiegen, war es vorbei mit der Selbstbeherrschung. Ich legte mich flach auf den Asphalt, mitten zwischen die Touristengruppen. Und es war mir völlig egal. Mir war so schwindelig und übel, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Hinzu kam die Höhe: Auf 2.430 Metern half die dünne Luft meinem Zustand auch nicht gerade. Mehrere Anläufe brauchte ich, um mich bis zum Eingang des Machu Picchu zu schleppen. Aber vor einer der berühmtesten Ruinen der Welt zu stehen und sie nicht anzusehen? Definitiv keine Option.

Reise-Fail Peru, erschöpfte Person liegt am Eingang des Machu Picchu auf 2.430 Metern

Illustration: Gemini

Irgendwann stand ich dann tatsächlich zwischen den Terrassen, Wolkenfetzen über den Bergen, alles so erhaben, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nur noch viel beeindruckender. Eine Stimmung, wie ich sie so noch nirgends erlebt hatte. Kurz vergaß ich sogar meine Übelkeit. Doch dann kam es, wie es kommen musste: Mitten in den jahrhundertealten Ruinen musste ich mich erneut übergeben. Zu meiner Verteidigung muss ich leider ins Detail gehen: Viel war es nicht mehr, nur Wasser und der Rest meiner Kohletabletten.

Bei den Göttern des Machu Picchu, oder wer auch immer über diesem Ort wacht, entschuldige ich mich in aller Form. Es war nicht respektlos gemeint, es ging nur leider nicht anders.

Fazit mit Nachgeschmack

Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, vergesse ich diesen Besuch nie. So elend habe ich mich selten gefühlt. So beeindruckt aber auch. Was der Schamane am Vortag begonnen hatte, brachte mein Körper dort oben zu Ende, gründlicher als jede Zeremonie es vorsah. Immerhin war es das letzte Mal, dass ich mich übergeben musste. Ob das als bestandene Reinigung durchgeht, müssen die Geister entscheiden. Fest steht seither nur eines: Fisch auf Pressereisen beäuge ich sehr gründlich, bevor er auf meinem Teller landet.


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