Redakteur Konrad, seines Zeichens Geschichtsnerd und Zugfan, war in Tschechien bisher »nur« in Prag. Kein Wunder, dass er die Gelegenheit zu einer rollenden Reise von Prag nach Brünn gleich beim Schopf gepackt hat. Eine Tour mit dem Zug durch Tschechien.
»Příští zastávka: Česká Třebová«, klingt es leicht blechern aus dem Lautsprecher. Ich schrecke aus meinem ungeplanten Nickerchen auf und schaue aus dem Fenster. Nein, noch nicht mein Zielort, sondern weiterhin die grünen, sanft geschwungenen Hügel der tschechischen Provinz, bei deren Anblick ich gar nicht anders konnte, als gemütlich wegzunicken. Das sanfte Ruckeln des Waggons hat sein Übriges dazu beigetragen.
Ich bin mit dem Zug unterwegs, einmal quer durch Tschechien. Drei Tage dauert meine Tour von Prag bis nach Brünn, der zweitgrößten Stadt des Landes und Zentrum der Region Mähren. Klar, die Strecke ließe sich ohne Probleme auch mit dem Schnellzug in knapp drei Stunden erledigen, nur etwas mehr als 200 Kilometer trennen die beiden Städte. Aber, obgleich eine etwas klischeebehaftete Weisheit, der Weg ist schließlich das Ziel, und auf diesem Weg kann ich noch einen Zwischenhalt in Pardubitz und Olmütz einlegen. Und so ein bisschen (geplante) Entschleunigung tut dem gestressten Redakteursherz nur gut.
Am wunderschönen Prager Hauptbahnhof beginnt die Zugreise durch Tschechien
Heute Morgen ging meine Reise in Prag los. Die Fahrt mit dem Zug hielt schon als Allererstes den Vorteil parat, dass ich quasi im Vorbeigehen die wunderschön restaurierte Jugendstilhalle im alten Teil des Prager Hauptbahnhofs bewundern konnte. Dann ging es aber auch schon ans Gleis und hinein in den blau-weißen Waggon der tschechischen Bahn, die »České dráhy«. Ich machte es mir in meinem Abteil bequem, der Zug rollte an, nach und nach zog die Hauptstadt am Fenster vorbei. Gerade noch den Hradschin, der mächtige Burgberg mitten in Prag, im Blick und als Nächstes das platte Land mit weitläufigen Mohnfeldern, die gerade in voller weißer Blüte stehen. Wie viel Reiseidyll kann ein Mensch ertragen? Kein Wunder, dass ich eingenickt bin.
Erster Stopp: Altstadt und Industriecharme in Pardubitz
Dann bin ich aber auch schon da. Nur eine knappe Stunde dauert die Fahrt bis zu meinem ersten Etappenziel, der Industriestadt Pardubitz (beziehungsweise Pardubice im Tschechischen). Schon unter den Habsburgern war der heute knapp 100.000 Einwohner starke Ort ein regionales Eisenbahndrehkreuz, im Sozialismus entwickelte Pardubitz sich dann zu einer Industriestadt. Bei der Einfahrt mit dem Zug entdecke ich auch gleich das große Chemiewerk am Ortseingang. Das lasse ich aber links liegen und mache mich stattdessen flugs auf in den historischen Ortskern.

Foto: Miloslav Junek
Schnell fällt mir das prächtige weiße Schloss auf, das von vielen Stellen in der Altstadt sichtbar ist. Das steht genau an der Mündung der Chrudimka in die Elbe und ist somit nur von einer Seite von Land aus zugänglich. Im Mittelalter als Befestigung angelegt, konnten die Burgherren von hier aus den Verkehr auf der vorbeifließenden Elbe kontrollieren, die hier bereits schiffbar ist. Auch bei historischen Trutzbauten zählt also: Lage, Lage, Lage!
Heute dienen das Schloss und der umliegende Park weniger der Verteidigung und weit mehr der Erholung. Überhaupt wandelt sich Pardubitz gerade vom Industriemoloch zum gut erreichbaren Tagesausflugsziel für gestresste Prager. Auf den Flüssen lässt es sich beim Stand-up-Paddling oder Kanufahren entspannen, im Schloss selbst gewährt eine historische Ausstellung Einblick in die Vergangenheit der Stadt, und bei einem Bummel durch die gemütlichen Gässchen der Altstadt verliert auch der letzte Bürohengst seine KPI-induzierten Stresswallungen. Mein Highlight ist allerdings die ehemalige Industriemühle gleich neben der Altstadt, die heute nach und nach zu einer Kultur- und Begegnungsstätte umgebaut wird.

Foto: Archiv TO Pardubicko
Zweiter Stopp: Olmütz
Nun aber weiter zum nächsten Stopp. Wieder rein in den Zug, wieder die grüne Landschaft vorbeifliegen sehen, ein paar Bauernhäuser hier, ein gründerzeitlicher Bahnhof dort, ein Sowjetbau dahinten, dann wieder etwas dösen. Das ist meine Art zu reisen! Nach einer guten Stunde steige ich in Olmütz (Olomouc) aus. Auf dem Weg zum Hotel laufe ich durch die Flora, den botanischen Garten der Stadt. Jetzt im Sommer steht hier alles kunterbunt in Blüte, um mich herum summen außerordentlich fleißige Bienchen, und ich genieße für einen Moment die erholsame Ruhe, wie man sie beim Städtereisen nur selten erleben kann. Dann aber geht es für mich hinein in den Trubel der Altstadt.
Dass die Flora sich wie ein grüner Gürtel (Grüße an der Stelle an meine Heimatstadt Köln) um die Altstadt schmiegt, ist übrigens kein Zufall, wie mir Guide Štefan Blaho erklärt.
»Olmütz war immer schon durch seine Lage wichtig, zwischen Prag, Krakau und Breslau. Doch nach dem ersten Schlesischen Krieg im 18. Jahrhundert haben die Habsburger die Stadt zur Festung ausgebaut.«
Eine Festungsmauer suche ich aber weit und breit vergeblich. Nur ein einsames Tor im Grüngürtel gewährt noch einen Einblick in die ehemalige Verteidigungsfähigkeit der Stadt. Die aber lange aufrechterhalten wurde. »Erst im späten 19. Jahrhundert wurde die Befestigung aufgegeben«, erklärt Štefan. Dadurch entstanden der Grüngürtel und eine flanierenswerte Promenade mit prächtigen Gründerzeitbauten.
Barock, wohin das Auge reicht
Die Altstadt selbst hingegen ist ein bombastisches Barockbonbon. Durch den Festungsring gab es keinen Raum zum Ausbau, in den Weltkriegen wurde die Stadt größtenteils verschont und auch die Bauwut des Sozialismus hat einen Bogen um Olmütz gemacht, sodass ich beim Gang über das historische Kopfsteinpflaster fast nicht überrascht wäre, wenn gleich Sissi höchstpersönlich um die Ecke käme, die immerhin während der Revolution 1848/49 gemeinsam mit dem restlichen Hof aus Wien hierhin geflüchtet ist.

Foto: Olomouc Tourismus
Aber bevor etwaige Sorgen aufkommen: Olmütz liegt nicht unter einer Käseglocke, ganz im Gegenteil. In der Stadt herrscht wuseliges Leben, an zig Ecken wollen gemütliche Cafés entdeckt werden und noch in der letzten Nebenstraße findet sich ein Stückchen Streetart. Der Esprit der Stadt rührt nicht zuletzt daher, dass auf die rund 100.000 Einwohner etwa 20.000 Studierende kommen.
In der Coffee Library in der Nähe des Erzbischöflichen Palastes fühle ich mich für ein paar Minuten in meine eigene Unizeit zurückversetzt. Kleine Details wie in einem Erker von der Decke fliegende Bücher (okay, eigentlich hängen sie von dünnen Nylonfäden, aber mit ein bisschen Fantasie …) oder die efeubegrünte Fassade erfreuen das Auge, während die gar nicht mal so leichte mährische Konditoreikunst den Magen füllt. Das Kalorienzählen kann man sich bei den domácí koláče – kleinen Hefeküchlein mit zuckersüßer Füllung – oder einem gigantischen Schaumkuss getrost sparen.
Von Olmützer Quargel und anderen Leckereien
Apropos Kalorienzählen beziehungsweise das Unterlassen dessen: Ich mache mich auf die Suche nach einem Abendessen. Nicht aber ohne vorher noch in einer Tour de Force diverse Kulturhighlights abzuklappern. Bei einem Abstecher im Erzdiözesanmuseum wird mir der Reichtum der Stadt schnell bewusst, denn wie sonst hätte der Erzbischof sich damals eine mehr oder weniger komplett vergoldete Kutsche leisten können? Und das in einem Format, das jeden SUV-Fahrer vor Neid erblassen lässt. Danach eile ich noch zur barocken Dreifaltigkeitssäule auf dem Oberen Platz, seit dem Jahr 2000 Teil des Unesco-Weltkulturerbes. 35 Meter in die Höhe geht das gute Stück und um alle Details der zig Figuren, die an ihr angebracht sind, zu entdecken, bräuchte ich den ganzen Tag.

Foto: Konrad Bender
Dafür habe ich leider keine Zeit, der Hunger treibt mich aus der Altstadt hinaus und hin zum Telegraph Pulse, einem in einer alten Telefonfabrik untergebrachten, modernen Restaurant. So gar nicht Barock, sondern mit viel Industrial Chic. Auch das ist Olmütz. Tschechische Knödel in schwerer Soße sind von gestern, stattdessen vielfältige Fusionsküche im Tapasformat. Ein bisschen traditionell wird es aber doch: Als Vorspeise kommt Olmützer Quargel auf den Tisch, ein würziger Rohmilchkäse, der an Harzer Rolle erinnert. Reisen bildet, auch den Gaumen.
Letzter Stopp: Brünn
Zum Abschluss wartet die dritte und größte Stadt meiner Reise auf mich: Brünn (Brno). Auch hier nur etwa eine Stunde Fahrtzeit mit der Bahn. Die mit gut 400.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Tschechiens enttäuscht nicht. Mich erwartet gleich das urbane Gewimmel einer europäischen Metropole. Rund um den Hauptbahnhof wird zurzeit fleißig gebaut. Ich lasse Gruben und Kräne allerdings schnell hinter mir und stoße weiter ins Zentrum vor.

Foto: TIC BRNO/Pavel Gabzdyl
Breite Straßen und Boulevards bestimmen das Stadtbild, gemeinsam mit einem wilden Stilmix durch die Jahrhunderte. Die Stadt ist anders als Prag, anders als Wien, irgendetwas dazwischen. Das erklärt mir auch mein dortiger Guide Marina Sedláková.
»Für die Prager war die Stadt nicht tschechisch genug, für die Wiener war sie zu tschechisch.«
Und so waren Vielfalt und Toleranz schon immer Teil der Stadt-DNA. Auch heute sind hier viele Expats unterwegs, internationale Tech-Unternehmen haben sich ebenfalls in der Stadt angesiedelt. Beim Gang durch die Straßen wundere ich mich kurz über die hohe Dichte an vietnamesischen Restaurants, als mir Marina erklärt, dass im Sozialismus eben auch in der damaligen Tschechoslowakei zahlreiche Gastarbeiter mit Familien aus Vietnam hierherkamen und heute fester Teil der tschechischen Gesellschaft sind und nach Ukrainern und Slowaken die drittgrößte ethnische Minderheit des Landes. Und wie so oft profitiert nicht nur, aber auch die gastronomische Vielfalt von diesem Einfluss.
Ab in die Unterwelt von Brünn
Nach einem kurzen Zwischenstopp in der St.-Jakobs-Kirche, in deren Dachstuhl ich durch eine hervorragende Videoinstallation einen Expresskurs durch die Geschichte des Gemäuers und gleichsam die Geschichte der Stadt machen konnte, will Marina mir aber noch eines der am besten behüteten Geheimnisse Brünns zeigen. Mehr braucht es nicht, um mich neugierig zu machen. Wir bewegen uns auf eine Anhöhe außerhalb der Altstadt, noch hinter der weithin sichtbaren Festung Spielberg. Städteurlaub heißt schließlich auch Schritte machen.

Foto: TIC BRNO/Pavel Gabzdyl
Marina führt mich auf eine weite Wiese. Wenig beeindruckend, offen gestanden. Doch durch ein kleines Ziegelgebäude gehen wir eine Treppe hinab – und vor mir öffnet sich eine riesige gemauerte Halle mit unzähligen Säulen und einem aus nach unten gewölbten Bögen gebildeten Boden. »Der erste der drei Speicher wurde 1874 gebaut, um den Wasserbedarf der rasant wachsenden Stadt zu decken«, erklärt Marina. »Dafür holte man damals sogar einen Architekten aus London.« Nach und nach kamen die beiden anderen Speicher dazu, insgesamt war das Trio bis 1997 in Betrieb. Und geriet dann bei der Bevölkerung in Vergessenheit.
»Erst durch ein Fotoprojekt 2014 erfuhren wieder mehr Menschen von diesem Bauwunder«,
berichtet Marina. Durch eine Bürgerinitiative konnte dann der Denkmalschutz für die Speicher erreicht werden. Heute sind sie ein echter Publikumsmagnet – was ich mir leicht vorstellen kann. Wie unterirdische Kathedralen schlummern die menschengemachten Hohlräume unter den Füßen der Brünner. Heute dienen die Speicher teilweise als Ausstellungsfläche oder auch Konzertsaal. Ich muss wohl noch einmal wiederkommen.
Meine Reise nähert sich dem Ende. In der Bar, který neexistuje, der Bar, die nicht existiert, genehmige ich mir zum Ausklang einen Longdrink und lasse die Eindrücke Revue passieren. Tschechien, das habe ich gemerkt, ist so viel mehr als Prag. Und lässt sich in drei Tagen absolut nicht fassen – aber hervorragend mit dem Zug bereisen. Morgen geht es für mich weiter Richtung Wien. Natürlich auch auf der Schiene. Aber das ist eine andere Geschichte.

Foto: Konrad Bender
Mehr Infos zu einer Zugreise nach Tschechien
Direkte Bahnverbindungen nach Prag gehen aus Deutschland mehrmals täglich von Berlin aus (der sogenannte »Knödelexpress« mit erstklassigem Speisewagen), Brünn wiederum erreicht man sehr einfach mit der Bahn aus Wien.
Tschechien verfügt über ein sehr dichtes Bahnnetz und größtenteils störungsfreie Verbindungen. Wie bei uns gilt: Wer früher bucht, spart beim Preis. Die Verbindung Prag–Brünn ist bei Frühbuchungen etwa schon für unter 10 Euro zu haben. Mehr Infos unter www.visitczechia.com/de-de/travel-info/bahnen
Neugierig auf Brünn geworden? Online haben wir noch mehr Tipps parat: www.auf.reise/bruenn-tipps

Foto: Tupungato/Shutterstock.com


