Noch vor rund zehn Jahren schien es, als würden Nachtzüge langsam aus dem europäischen Bahnnetz verschwinden. Viele Linien wurden eingestellt, Flugreisen wurden günstiger, Hochgeschwindigkeitszüge übernahmen tagsüber immer mehr Strecken. Doch inzwischen passierte etwas Überraschendes: Nachtzüge sind wieder da. Das sind die neuen Strecken für Nachtzüge in Europa in 2026.
Am Bahnsteig ist es noch hell, Menschen ziehen ihre Koffer hinter sich her, irgendwo pfeift ein Zugbegleiter. Man steigt ein, verstaut das Gepäck im Abteil – und kurz darauf setzt sich der Zug langsam in Bewegung. Während draußen die Lichter der Stadt vorbeiziehen, wird es im Wagen ruhiger. Türen schließen sich, Gespräche verstummen. Und am nächsten Morgen öffnet man die Vorhänge und befindet sich plötzlich in einer anderen Stadt, oft mitten im Zentrum. Alles also wunderbar? Die romantische Vorstellung einer nächtlichen Zugreise spielt sicher eine Rolle. Doch sie erklärt nicht allein, warum Nachtzüge gerade wieder populärer werden.
Eine Reiseform, die wieder in die Zeit passt
Denn viele Reisende suchen heute bewusst nach nachhaltigen Alternativen zum Flugverkehr, vor allem auf Strecken innerhalb Europas. Die Bahn verursacht im Durchschnitt deutlich weniger CO₂-Emissionen als ein Flugzeug, insbesondere wenn der Strom aus einem vergleichsweise klimafreundlichen Energiemix stammt.
Dazu kommt ein praktischer Vorteil: Zeit. Wer abends in den Zug steigt, kommt oft am nächsten Morgen an. Für Wochenendtrips oder kurze Städtereisen kann das schon recht praktisch sein, weil eine Hotelnacht entfällt und der erste Urlaubstag direkt vor Ort beginnt.

Foto: European Sleeper
Wahr ist natürlich auch: Ganz wie ein Hotel fühlt sich ein Nachtzug nicht an. Aber gerade diese Mischung aus Zugreise und Übernachtung macht für viele den besonderen Reiz aus.
Mehr Komfort als früher
Ein weiterer wichtiger Grund für den Hype liegt auch darin, dass viele Nachtzüge heute deutlich moderner ausgestattet sind als noch vor einigen Jahrzehnten. Besonders die österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben enorm in neue Wagen investiert. Sie sind Europas Platzhirsche unter den Nachtzug-Anbietern.
Die aktuelle Generation der Nightjet-Züge der ÖBB bietet unterschiedliche Kategorien. Neben klassischen Liegewagen gibt es kleine Einzelkapseln, sogenannte Mini Cabins, die vor allem für Alleinreisende gedacht sind. Daneben existieren weiterhin traditionelle Schlafabteile für ein oder zwei Personen. In einigen Deluxe-Varianten gehört sogar ein eigenes Bad mit Dusche und WC zur Ausstattung.

Foto: ÖBB / Harald Eisenberger
Die unterschiedlichen Angebote haben durchaus Sinn: Familien buchen häufig ein eigenes Abteil, Gruppen entscheiden sich für Liegewagen, während Alleinreisende eher zu Einzelkabinen greifen. Wer etwas mehr Privatsphäre möchte, wählt einen klassischen Schlafwagen.
Das europäische Nachtzugnetz wächst wieder
Während Nachtzüge in den 2000er-Jahren vielerorts verschwanden, wächst das europäische Netz inzwischen wieder. Mittlerweile sind Städte wie Wien, Berlin, München, Zürich, Amsterdam oder Rom gut miteinander verbunden. Die Deutsche Bahn mischt allerdings nicht mit. Sie stellte ihr Angebot 2016 ein, weil die Verbindungen als wirtschaftlich nicht mehr tragfähig galten. Viele Verbindungen, die heute von deutschen Städten starten oder durch Deutschland führen, werden deshalb von anderen europäischen Bahnen gefahren, allen voran von den ÖBB.
Einige dieser Strecken sind mittlerweile feste Bestandteile des europäischen Nachtzugnetzes. Wer abends in Berlin einsteigt, kann am Morgen in Wien ankommen; von München aus geht es über Nacht nach Norditalien, während Züge aus Österreich bis in die Niederlande fahren. Neben den großen Staatsbahnen drängen inzwischen auch private Anbieter auf den Markt. Einer der bekanntesten ist European Sleeper, der internationale Nachtzuglinien aufbauen will. Für Ende März 2026 ist etwa eine Verbindung zwischen Paris und Berlin geplant, die zunächst mehrmals pro Woche über Brüssel verkehren soll.

Foto: European Sleeper
Wie schwierig es dennoch sein kann, ein Nachtzugnetz aufzubauen, zeigte zuletzt genau diese Strecke. Die von den ÖBB betriebenen Züge der Marke Nightjet zwischen Paris und Berlin wurden Ende 2025 wieder eingestellt, nachdem Frankreich seine staatlichen Zuschüsse für die Verbindung gestrichen hatte. Das berichtete u.a. die Tagesschau auf ihrer Website. Trotz guter Auslastung ließ sich der Betrieb ohne Subventionen wirtschaftlich nicht aufrechterhalten. Umso größer sind nun die Erwartungen an neue Anbieter, die versuchen, solche Verbindungen langfristig zu etablieren.
Nachtzüge in Europa: Diese Strecken sind 2026 neu
- Paris – Brüssel – Berlin
Betreiber: European Sleeper
Start: 26. März 2026, zunächst dreimal pro Woche. Die Verbindung soll die Lücke schließen, die nach der Einstellung des Nightjets auf dieser Strecke entstanden ist. - Paris – Brüssel – Hamburg – Berlin
Erweiterung der Paris–Berlin-Linie von European Sleeper.
Geplant ab Sommer 2026 mit zusätzlichem Zugteil über Hamburg. - Basel – Frankfurt – Hamburg – Kopenhagen / Malmö (Nachtzug)
Start: ab 15. April 2026, etwa dreimal pro Woche.
Betreiber: SBB gemeinsam mit RDC Deutschland.
Neue Nachtverbindung zwischen der Schweiz und Skandinavien.
Warum nicht jede Strecke für Nachtzüge geeignet ist
Aber ist die Fahrt mit dem Nachtzug immer die beste Wahl? Entscheidend sind vor allem Distanz und Reisedauer. Eine Strecke muss lang genug sein, damit sich eine Fahrt über Nacht überhaupt lohnt. Gleichzeitig müssen Abfahrts- und Ankunftszeiten in ein relativ enges Zeitfenster passen, typischerweise spät abends und früh am Morgen.

Foto: ÖBB / Christian Blumenstein / Bearbeitung Blaupapier
Ob sich neue Linien dauerhaft etablieren, hängt nicht nur vom Angebot der Bahnunternehmen oder politischer Unterstützung ab. Entscheidend ist letztlich die Nachfrage der Reisenden.
Und dabei spielt der Preis natürlich eine wichtige Rolle. Eine komfortable Nacht im Schlafwagen kann schnell rund 250 Euro kosten. Auf den ersten Blick wirkt das im Vergleich zu günstigen Flugtickets teuer. Allerdings sind Nachtzüge für die Betreiber relativ kostspielig. Sie haben weniger Sitzplätze als normale Fernzüge, benötigen mehr Personal und aufwendig gestaltete Innenräume. Außerdem stehen sie tagsüber oft still, während andere Züge weiter im Einsatz sind. All das macht Dumpingpreise in Zukunft eher unwahrscheinlich.
Nachteile der Nachtzüge: Das sollte man wissen
- So romantisch eine Reise durch die Nacht auch klingt, in der Praxis kann es immer wieder zu Problemen kommen. Nachtzüge sind Teil eines komplexen Geflechts internationaler Bahnverbindungen, die unterschiedliche Bahninfrastrukturen und Stromsysteme miteinander verknüpfen. Bauarbeiten oder technische Unterschiede können deshalb schneller die Reise verhageln als im nationalen Bahnverkehr.
- Auch die Preise überraschen manche Reisende. Ein Sitzplatz ist meist relativ günstig, doch Schlafwagen oder private Abteile kosten deutlich mehr. Wer kurzfristig bucht, zahlt manchmal sogar mehr als für einen Flug.
- Hinzu kommt die geringe Flexibilität: Die meisten Verbindungen verkehren nur einmal pro Nacht. Verpasst man den Zug, bleibt oft nur die Wartezeit bis zum nächsten Tag.
- Und wer ohnehin schlecht schläft, findet im rollenden Wagen selten echte Ruhe. Lärm, Vibrationen und die mitunter engen Platzverhältnisse sind nicht jedermanns Sache.
Aber: Eine Reise mit dem Nachtzug kann eben auch eine einzigartige und nachhaltige Urlaubserfahrung sein!
Weitere Informationen finden sich auf den Websites der ÖBB und von European Sleeper.

