Abenteuerliche Traumreise auf Schienen: Reporter Norbert ist mit dem Luxuszug »African Explorer« vom Indischen Ozean durch das südliche Afrika zu den Victoriafällen gefahren. In dieser Reportage berichtet er von seiner Erfahrung.
Text. Norbert Eisele-Hein
»Shongololo, Shongololo« – freudestrahlend stürmt die gesamte Schulklasse aus dem Schatten riesiger Baobab-Bäume. Schon tanzen sie johlend auf den Gleisen, winken dem »African Explorer« noch lange hinterher.
Aber alles der Reihe nach: »Shongololo« bedeutet in der Sprache der Zulu »Tausendfüßer«, erklärt Rohan Vos, der Gründer von Rovos Rail schon vor der Reise, die uns von Pretoria über Eswatini nach Mosambik und Simbabwe zu den Victoriafällen führen wird. Der charismatische 78-Jährige besteht auch heute noch darauf, jeden Einzelnen vor der Reise persönlich zu begrüßen. Mit überwältigendem Charme, feinsinniger Ironie und faszinierender technischer Rhetorik führt er die Gäste durch »Capital Park«, seinen im viktorianischen Glanz erstrahlenden, firmeneigenen Zentralbahnhof am Rand der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria. Bei Sekt und Häppchen plaudert er humorvoll und schonungslos offen, wie es ihm über Jahrzehnte hinweg gelang, technokratische Hürden und politische Widerstände, die es im südlichen Afrika zuhauf gebe, zu meistern. Etliche Beinahe-Pleiten zu überdauern.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Wie viel Herzblut und welch titanische Arbeitsleistung seiner gesamten Familie nötig waren, um das Unternehmen »Rovos Rail« in der Spur zu halten. Anschaulich demonstriert er auf seinem Werksgelände, wie Waggons, die anderswo schon auf dem Abstellgleis standen, mit handwerklichem Geschick und viel Liebe wiederbelebt werden. Ursprünglich wollte Rohan nur eine Lok und vier Waggons für einen Familienausflug organisieren. Heute, bald 40 Jahre später, fahren seine Luxuszüge Touristen durch acht afrikanische Staaten. Verbinden Kapstadt mit Windhoek, der Hauptstadt Namibias, und Pretoria mit Daressalam, der Hauptstadt Tansanias.
Los geht dir Fahrt mit dem »African Explorer«
Die Signalpfeife ertönt. Einsteigen! Eine erste Stippvisite offenbart mit Mahagonifurnier getäfelte Maßmöbel, Armaturen mit Porzellangriffen in den – für einen Zug – opulent bemessenen Duschbädern. In den Salonwagen regieren schwere, brokatverzierte Stoffe, edle Ledersessel und blank gewienertes Messing. Das nostalgisch anmutende Interieur lässt eine romantisch-verträumte Stimmung entstehen. Schnell kristallisiert sich heraus, dass die meisten Zuggäste über die WDR-Dokuserie »Verrückt nach Zug« von dieser einzigartigen Afrikareise erfahren haben. Von Capital Park tuckern wir gemächlich Richtung Osten auf das Highveld. Dieses innere Plateau gleicht einem umgedrehten Suppenteller und steigt bis auf – für afrikanische Verhältnisse frostige – 3.000 Meter über dem Meeresspiegel an. Gestern wurden die beheizbaren Betten noch belächelt. Heizdecken in Afrika? Beim fürstlichen Frühstück schwärmen die Gäste dann davon.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Der »African Explorer« bietet den Komfort eines rollenden Fünf-Sterne-Luxushotels. Der Dresscode für die Gäste ist ein legerer Safari-Style. Aufmerksame Kellner in Livree servieren neben einem opulenten À- la-carte-Frühstück mittags und abends Drei-Gänge-Menüs auf Haubenniveau. Die Weinkarte lässt selbst Kenner frohlocken. Nur Internet gibt es auf der Strecke nicht. Somit tauschen sich die Gäste in den Salonwagen untereinander aus oder lauschen spannenden Vorträgen der Reiseleitung und des Zugarztes. Doktor Martin Lücke hat die Tour schon mehrmals begleitet und empfiehlt uns etwa, »die bereitgestellten Duschmatten nicht zu verwenden. Wenn der Zug tatsächlich mal bremsen muss, wird die Matte zum Surfboard.«
Bananen pflücken während der Fahrt
Wieder in tieferen Gefilden passiert der »African Explorer« mit maximal 60 Kilometern pro Stunde fruchtbare Kulturlandschaften. In den bis zu 10.000 Hektar großen Farmen gedeihen prächtige Mangos, Papayas, Litschis. Bananen könnten während der Fahrt schier von den Palmen gepflückt werden.

Foto: Norbert Eisele-Hein
In Kaapmuiden wechseln wir für einen Ausflug in das nahe Königreich Eswatini, das bis April 2018 noch Swasiland hieß, in den Bus. Unsere Reiseleitung Ute du Plessis, eine Deutsche, die schon über 30 Jahre in Südafrika lebt, weiht uns in die Besonderheiten des Zwergstaats ein:
»Mit gut 17.000 Quadratkilometern ist Eswatini gerade mal halb so groß wie die Schweiz und wirkt ebenso aufgeräumt und gut organisiert.«
Flora, eine Einheimische, die ihre selbst gewebten Tücher mit einer Spange mit Chanel-Aufdruck zusammenhält, gibt uns inmitten eines mustergültigen Kraals einen spannenden Crashkurs über die sozialen Strukturen ihrer ethnischen Gruppe. Vor allem das Thema Polyandrie sorgt für erstaunte Gesichter. Männer dürfen so viele Frauen ehelichen, wie sie möchten beziehungsweise sich leisten können. König Mswati III. verfügt scheinbar über das nötige Vermögen. »Er hat erst letzten Oktober noch die 21-jährige Tochter des früheren südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma geheiratet.« Nomcebo Zuma wurde somit die 16. Frau des 56-jährigen Herrschers.
Von Mpaka nach Malalane
In Mpaka sammelt uns der Zug wieder auf. Spielt schon bald sein meditatives Wiegenlied, eine sanfte Melange klingender Gläser und klackernder Kupplungen. Gut ausgeruht erreichen wir Maputo, die Hauptstadt Mosambiks am Indischen Ozean. Der Bahnhof wurde 1910 fertiggestellt und gilt als der schönste Afrikas. Eine City-Runde durch die einstmals portugiesische Kolonie und das bis 1990 sozialistisch regierte Land beschert höchst kontroverse Blickwinkel. Zwischen der Ho-Chi-Minh- und der Karl-Marx-Straße mit ihren Plattenbauten ragen prächtige Kokospalmen in den Himmel. An den Bilderbuchstränden der Delagoa Bay parken teure Sportwagen vor noblen Restaurants. Erinnern fast schon an Saint-Tropez.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Nächster Halt: Malalane, nahe dem weltberühmten Kruger-Nationalpark. Mit dem Bus geht es zum monumentalen Eingangstor, wo wir beim Ausstieg sogleich von einem Ranger gestoppt werden. Zwei Hippos haben sich scheinbar verlaufen. Dann rasen wir am Parkplatz vorbei zum nahen Crocodile River, wo bis zu sechs Meter lange Krokodile scheinbar leblos am Ufer faulenzen. Nur wenig später bestaunen wir Büffel, Giraffen, Nashörner und eine Herde Elefanten. Drei Löwinnen laufen nur wenige Schritte entfernt von unserem offenen Safari-Jeep. Scheinen auf Dutzende Zebras und Antilopen fixiert zu sein. Kurz vor Sonnenuntergang sorgt ein Leopard, der seelenruhig über die Schotterpiste schlendert, für einen handfesten Verkehrsstau. »So schnell habe ich die Big Five noch nie vollbekommen«, lacht Guide Ute.
Panoramaroute durch die Drakensberge
Eine weitere Bustour bringt uns in die Drakensberge, wo uns auf der Panoramaroute atemraubende Tiefblicke in den gewaltigen Blyde River Canyon begeistern. Im Makalali-Schutzgebiet dürfen wir eine Elefantenherde beim Babybaden und Duschen am See bestaunen. Paviane wollen auch mitspielen und werden von halbwüchsigen Bullen mit ausgeklappten Ohren und lautem Trompeten vertrieben. Zurück im Zug fahren wir auf den Schienen nordwärts.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Reihen weiterhin all die überwältigenden Sehenswürdigkeiten des südlichen Afrikas wie Perlen einer Kette aneinander. Queren die Soutpansberg-Region und überqueren bei Beitbridge den Limpopo, den Grenzfluss zu Simbabwe. Dort besuchen wir die über 1.000 Jahre alten Ruinen von Groß-Simbabwe, seit 1986 Unesco-Weltkulturerbe und Namensgeber des Lands, denn »Dzimba dza mabwe« stammt aus der Sprache der Shona und bedeutet passend »Häuser aus Stein«. Die Wälle aus perfekt ineinandergefügten Granitsteinen gelten nach den Pyramiden als das größte vorkoloniale Bauwerk Afrikas.
Matobo-Nationalpark: 20.000 Jahre alte Felszeichnungen
Nächster Halt: Bulawayo, die zweitgrößte Stadt Simbabwes inmitten des Gebiets der Matabele. Rings um den Bahnhof erstreckt sich ein ausgedehnter, kunterbunt-wuseliger Wochenmarkt. Ein Bustransfer bringt uns auf einer Holperpiste zum 35 Kilometer südlich davon liegenden Matobo-Nationalpark. Parkranger – mit auffallend kurzen Hosen im 70er-Jahre-Style – zeigen uns bis zu 20.000 Jahre alte Felszeichnungen der früher hier jagenden San. Unter ihrer kundigen Führung pirschen wir so nah an Breitmaulnashörner heran, bis unser Puls mit den Kameras um die Wette rattert.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Auf der majestätischen Anhöhe »World’s View«, wo riesige Granitkugeln mit mehreren Metern Durchmesser frei zu balancieren scheinen, wurde inmitten lokaler Machthaber auch Cecil John Rhodes beigesetzt. Der höchst umstrittene Industrielle und Politiker, der mit dem Glen Grey Act die Grundlagen für die Apartheid-Gesetzgebung im späteren Südafrika schuf, galt gegen Ende des 19. Jahrhunderts dank seines Diamantenimperiums als reichster Mann der Welt.
Giraffen vor dem Zugfenster
Wieder im Zug führen uns die Schienen über Kennedy Siding am Nordostrand des riesigen, wildreichen Hwange-Nationalparks entlang. Beim High Tea, den man am besten auf der Panoramaterrasse des Aussichtswaggons genießt, sehen wir Giraffen aus dem Dickicht ragen, Antilopen mit luftigen Sprüngen das Weite suchen. Rhodes ließ kurz vor seinem Tod im Jahr 1902 noch den letzten Streckenabschnitt zu den Victoriafällen an der Grenze zu Sambia erbauen. Es war sein erklärter Traum, das britische Empire von Kapstadt bis Kairo auszuweiten – und es mit einer Bahnstrecke zu verbinden. Er bestand auch darauf, dass die »Gäste die Gischt von den Zugfenstern aus sehen sollten«.
So ruckelt der metallene Tausendfüßer »Shongololo« weiterhin herrlich entschleunigt seinem Ziel entgegen, dem Nationalpark »Mosi-oa-Tunya«. Benannt nach dem »Donnernden Rauch«, jener weithin sichtbaren Gischt der auf einer Breite von 1.688 Metern zu Tal stürzenden Wassermassen des Sambesi. Ein letztes Mal ertönt die Signalpfeife. Erweckt die Zugreisenden aus einem tiefen Traum voller Schönheit, Wildheit und Abenteuer.

Foto: Norbert Eisele-Hein
Mehr Infos zur Reise mit dem »African Explorer«
Anreise. Der Veranstalter organisiert die Flüge und Visa für die Einreise in die vier afrikanischen Länder: Südafrika, Eswatini, Mosambik und Simbabwe. Die An- und Rückreise via Johannesburg erfolgt je nach Verfügbarkeit mit Lufthansa, Emirates über Dubai oder Ethiopian Airlines über Addis Abeba.
Mehr Infos und die Preise für den »African Explorer«-Zug findest du auf der Webseite von Lernidee.
Weitere spektakuläre Luxuszüge stellen wir dir in diesem Artikel vor.

Foto: Norbert Eisele-Hein
