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Capri lebt vom Tourismus, droht aber zugleich an ihm zu ersticken. In der Hochsaison verwandelt sich die kleine Insel im Golf von Neapel regelmäßig in ein Nadelöhr: enge Gassen, wenige zentrale Plätze, begrenzte Hafen- und Verkehrsflächen. Genau dort prallen die Interessen von Bewohnern, Tagesgästen, Reiseveranstaltern und Guides aufeinander. Nun reagiert die Gemeinde mit einem Maßnahmenpaket, das vor allem ein Touristensegment ins Visier nimmt: große Reisegruppen.

Der Kern der neuen Regeln ist ein Limit für geführte Gruppen. Auf dem Gebiet der Stadt Capri dürfen Besuchergruppen, die von touristischen Begleitern oder Reiseleitungen geführt werden, künftig nur noch maximal 40 Personen umfassen (Kinder bis 5 Jahre werden dabei ausgenommen). Für Gruppen mit mehr als 20 Teilnehmenden gilt zusätzlich: Erklärungen dürfen nicht mehr »laut in die Menge« erfolgen, sondern müssen über Kopfhörer übertragen werden. Die Maßnahme soll vor allem Lärm reduzieren.

Touristen auf Capri genießen den Ausblick auf den Faraglioni-Felsen

Foto: IgorZh/Shutterstock.com

Ein weiteres Detail wirkt auf den ersten Blick banal, ist im Alltag aber entscheidend: Touristenführer müssen klar erkennbar sein und dafür eine geeignete »Paletta« (eine professionelle Signaltafel) verwenden. Improvisierte Erkennungszeichen wie Schirme, Tücher oder ähnliche Gegenstände sollen nicht mehr als »Fahne« dienen.

Warum Capri gegen Overtourism vorgeht

Italienischen Medienberichten zufolge machen die neuen Maßnahmen deutlich, dass es Capri nicht allein um die Gruppengröße geht, sondern um Stauvermeidung und bessere Nutzbarkeit öffentlicher Räume. Die neuen Regeln sind Teil einer Anpassung des kommunalen »Regolamento di polizia urbana« (städtische Ordnungsvorschriften). Im Vordergrund steht dabei der Schutz der Fußgängermobilität und die bestmögliche Nutzung gemeinsamer Flächen, sowohl für Einheimische als auch für Touristen.

Die Guides sind künftig auch angewiesen, darauf zu achten, dass Gruppen nicht »ausfransen« und Engstellen nicht blockieren.

Warum Capri handelt – und warum gerade jetzt

Die Begründung ist so nachvollziehbar wie unerquicklich: Capri zählt nur rund 13.000 Einwohner, kann in der Hochsaison aber bis zu 50.000 Besucher am Tag empfangen. Viele davon kommen als Tagesgäste, gebündelt auf wenige Stunden rund um die Fährankünfte.

Touristen-Ankünfte am Fährhafen Marina Grande auf der Insel Capri

Foto: IgorZh/Shutterstock.com

In dieser Taktung werden große Reisegruppen zum Multiplikator. Wo 40 Menschen gleichzeitig stehen bleiben, Fotos machen und zuhören, wird aus einer Gasse schnell eine Sperre.

Hinzu kommt ein Faktor, der in italienischen Medien auffällig oft genannt wird: die Lärmkulisse durch Guides, die sogar mit Lautsprechern arbeiten. Die angeordnete Kopfhörerpflicht für Gruppen ab 20 Personen ist daher  Teil eines »Dezibel-Managements« für eine Insel, deren Alltag vor allem im Sommer längst nicht mehr im Takt der Bewohner läuft.

Ein Baustein in Italiens größerer Overtourism-Debatte

Capri steht mit dem Schritt nicht allein. In Italien wächst der politische und gesellschaftliche Druck, Hotspots nicht nur zu bewerben, sondern aktiv zu steuern. Reisegruppen-Limits sind dabei ein relativ »pragmatisches« Instrument. Es greift direkt in die Stau-Spitzen ein, ohne gleich ein generelles Besuchermaximum festzulegen. Auch andere Destinationen experimentieren mit Gruppengrößen, Zeitfenstern oder Zugangslogik. Die Stadt Rom etwa probiert es mit Eintrittspreisen. Wer zum dortigen Touristen-Hotspot Trevi-Brunnen will, muss seit Anfang des Monats ein Ticket kaufen, zwei Euro werden nun fällig, berichtet u.a. die Tagesschau auf ihrer Website.

Reicht das?

Die Maßnahme dürfte kurzfristig helfen, Engpässe zu entschärfen – insbesondere dort, wo sich Reisegruppen in engen Korridoren begegnen. Gleichzeitig bleibt das strukturelle Problem bestehen. Wenn an einem Tag zehntausende Menschen anreisen, verteilt sich die Masse nur begrenzt, selbst wenn sie in kleineren Gruppen aufgeteilt wird. Die Regel dürfte damit eher ein Druckminderer sein.

Capri sendet aber ein klares Signal. Die Insel will nicht länger nur Kulisse für den schnellen Foto-Stopp sein. Stattdessen soll Capri wieder ein Ort werden, der auch in der Hochsaison für die Einheimischen lebenswert bleibt. Ob das gelingt, hängt am Ende an zwei Dingen: konsequenter Kontrolle und einem Tourismusmodell, das nicht ausschließlich auf den Kurzbesuch setzt, sondern Aufenthalte und Zeiten besser verteilt.

Warum Capri so beliebt ist

Capri zählt seit Jahrzehnten zu den ikonischsten Reisezielen Italiens. Die Insel vereint auf engstem Raum spektakuläre Natur mit mediterranem Lebensgefühl: steil aus dem Meer aufragende Felsen, türkisblaues Wasser, duftende Zitronengärten und immer neue Panoramablicke über den Golf von Neapel. Berühmt sind die Faraglioni-Felsen, die Blaue Grotte (Grotta Azzurra) und die eleganten Gassen rund um die Piazzetta.

Hafen von Capri

Foto: Martyna Bober

Hinzu kommen historische Villen, gepflegte Wanderwege wie der »Sentiero dei Fortini« und kleine Badebuchten. Auch eine Küche, die von frischem Fisch bis zur Caprese-Salat-Ikone reicht, lockt. Diese Mischung aus Natur, Kultur, Dolce Vita und exklusivem Flair macht Capri zu einem Sehnsuchtsort für Tagesgäste ebenso wie für Reisende, die länger bleiben und erklärt, warum die Insel Jahr für Jahr Menschen aus aller Welt anzieht.