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Die sechste Staffel von »Emily in Paris« wurde zum Teil in Griechenland gedreht, genauer gesagt, auf Mykonos. Was das für die Insel, ihre Wirtschaft und den Screen Tourism bedeutet.

Am 19. Mai 2026 rollten auf Mykonos die Kamerawagen an. Rund 250 Crewmitglieder bezogen Position vor den weißen Häusern der Chora, an den Windmühlen oberhalb von Alefkandra, in den Gassen rund um die Kirche Panagia Paraportiani. Die Anwohner hatten bereits Bescheid bekommen: Straßensperrungen, Parkverbote, etwa zwei Wochen Drehzeit.

Netflix produziert aktuell die sechste Staffel von »Emily in Paris«, und die Kykladeninsel liefert die neue Kulisse.

Der weibliche Cast von Emily in Paris - Drei Frauen in glamourösen Abendkleidern posieren auf einem Holzsteg am Canal Grande in Venedig, im Hintergrund die Kuppel der Basilika Santa Maria della Salute im Abendlicht

Foto: Giulia Parmigiani/Netflix

Von Paris über Rom an die Ägäis

Die Serie um Emily Cooper, die US-Marketerin im Pariser Exil, lebt seit 2020 von ihren Schauplätzen. Lily Collins spielt eine Figur, deren Alltag aus Mode, Social-Media-Kampagnen und romantischen Verwicklungen besteht, eingebettet in postkartengleiche Stadtansichten. Paris war fünf Staffeln lang das Zentrum. Staffel fünf, im Dezember 2025 veröffentlicht, schickte Emily bereits regelmäßig nach Rom und Venedig, inklusive italienischer Romanze und beruflicher Neuorientierung.

Junge Frau in Jeansshorts und weißem Hemd steht im Abendlicht vor einer traditionellen Mykonos-Windmühle, daneben der kleine Souvenirshop „Mytho"

Foto: Alexandra Tran

Der erzählerische Übergang nach Griechenland steht seit dem Staffelfinale fest. Gabriel, der französische Koch und ewige Beinahe-Partner der Hauptfigur, schickt Emily eine Postkarte aus Griechenland. Er arbeitet inzwischen als Koch auf einer Yacht. Die Einladung ist mehr als ein Plotpunkt: Sie ist die Brücke, über die das Drehbuch die Marke »Emily in Paris« auf das nächste Sehnsuchtsziel verlängert.

Mykonos als Bühne: weiße Würfel, Windmühlen, Klein-Venedig

Die geplanten Drehorte auf Mykonos lesen sich wie die touristischen Greatest Hits der Insel. Bestätigt sind Aufnahmen an den Kato-Mili-Windmühlen, im Viertel Alefkandra, das wegen seiner ans Meer gebauten Häuser »Klein-Venedig« heißt, und rund um die mehrfach übereinandergebaute weiße Kapelle Panagia Paraportiani. Auch die Straßen Agias Paraskevis und Mitropoleos im Zentrum der Chora gehören zum Drehplan.

Frau in weißem Top und schwarzem Boho-Rock steht in einer engen weißgetünchten Gasse und blickt auf das tiefblaue Ägäische Meer, im Vordergrund Holztische einer Taverne

Foto: Alexandra Kirr

Die Bildsprache passt perfekt zur Serie. Kykladische Architektur arbeitet mit denselben Elementen, die »Emily in Paris« visuell trägt: klare Flächen, hoher Kontrast, viel Sonne, ein Hintergrund, vor dem jedes Outfit zur Hauptdarstellerin wird. Die engen Gassen der Chora ergeben das, was Pariser Cafészenen seit fünf Staffeln liefern, nur in Weiß: einen Bilderrahmen, in dem die Figur immer richtig steht.

Wahrscheinlich, aber nicht offiziell bestätigt, sind weitere Schauplätze auf Mykonos und auf Santorini. Andere Medien berichten von ergänzenden Drehs auf der Caldera-Insel. Bei den ikonischen Strandzonen der Insel, Psarou, Paradise, Super Paradise, würde sich anbieten, was die Serie immer schon gemacht hat: Beachclubs, Sundowner, DJ-Sets. Verbindlich ist das nicht. Netflix hat die vollständige Drehortliste bislang nicht veröffentlicht.

Monaco kommt dazu, der Fokus bleibt griechisch

Neben Griechenland wird auch Monaco zur sechsten Staffel gehören. Yachthafen, Casino, Grandhotels, die Marken-Codes des Fürstentums fügen sich in die Logik einer Serie, die ihre Heldin zunehmend zwischen Jetset-Destinationen pendeln lässt. Der Schwerpunkt der neuen Staffel liegt jedoch in der Ägäis. Monaco bleibt Abstecher, Mykonos wird Hauptkulisse.

Blick auf Monaco

Foto: Mark de Jong

Der Emily-Effekt: Was Screen Tourism oder Setjetting  mit Orten macht

Dass Serien Reiseentscheidungen treiben, ist seit der ersten Staffel »Emily in Paris« empirisch belegt. Pariser Adressen wie das Café de Flore, die Place de l’Estrapade, die Boulangerie Moderne in der Rue des Fossés Saint-Jacques, allesamt Schauplätze der Serie, gehören seit 2020 zu den meistfotografierten Locations der Stadt. Reiseanbieter haben »Emily in Paris«-Touren im Programm. In Rom wiederholte sich das Muster ab Dezember 2025 binnen Wochen.

Für Mykonos wird derselbe Mechanismus erwartet, mit einem entscheidenden Unterschied: Die Insel ist bereits am Anschlag. Während Paris und Rom Millionenstädte sind, die Serienpilger absorbieren, ist Mykonos eine 85 Quadratkilometer kleine Insel, die in den Hochsommermonaten bereits an ihre Belastungsgrenze stößt. Kreuzfahrtschiffe, Charterflüge, internationale Beachclubs, die Inflation der vergangenen Jahre hat sich an Sonnenliegenpreisen und Restaurantrechnungen ablesen lassen. Ein zusätzlicher Emily-Effekt verschiebt diese Dynamik weiter. Und zwar drastisch.

Cafégäste sitzen an einem Holztisch in einer schmalen weißen Gasse auf Mykonos mit direktem Blick auf das türkisblaue Meer

Foto: Fineas Anton

Für die griechische Tourismusbranche ist das zunächst eine Chance. Internationale Sichtbarkeit ohne Marketingbudget, neue Zielgruppen jenseits der traditionellen Mittelmeer-Klientel, eine Verlängerung der Saison über September hinaus, weil Fans die Drehorte sehen wollen, wenn die Sonne tiefer steht und die Bilder cinematischer werden. Die Kehrseite: Was an Sichtbarkeit gewonnen wird, geht oft an Authentizität verloren. Gassen, in denen früher Einheimische Kaffee getrunken haben, werden zu Foto-Spots. Tavernen mit Kamerasichtbarkeit erhöhen die Preise. Wer zurück will zum Mykonos vor Instagram, wird es nach Staffel sechs schwerer haben.

Wer als Fan hinreisen will: Praktische Hinweise

Mykonos liegt zentral in den Kykladen, etwa 150 Kilometer südöstlich von Athen. Anreise im Sommer entweder über den internationalen Flughafen mit Direktverbindungen aus den meisten europäischen Drehkreuzen oder per Fähre von Piräus und Rafina, mit Fahrzeiten zwischen zweieinhalb und fünf Stunden je nach Schiffstyp.

Die ikonischen Spots der Chora liegen fußläufig beieinander. Die Kato-Mili-Windmühlen erreicht man von Klein-Venedig in fünf Minuten zu Fuß. Wer typische Serien-Bildwelten sucht, ohne in den Trubel zu geraten, kommt im Mai oder Oktober. Im Mai 2026, also genau zur Drehzeit, dürfte die Chora streckenweise gesperrt sein, das ist eher etwas für Schaulustige als für Reisende, die in Ruhe fotografieren wollen. Oktober bleibt das ehrlichere Reisefenster: Wetter noch stabil, Wasser warm, Beachclubs zum Teil noch offen, aber spürbar entspannter.

Elegantes Paar mit Espresso-Martini-Gläsern auf einer sonnigen Rooftop-Party in Italien, Frau im schwarzen Kleid mit roten Rosen, Mann im hellblauen Anzug, weitere Gäste im Hintergrund

Foto: Giulia Parmigiani/Netflix

Für die ruhigeren Postkartenmomente lohnt sich der Blick auf die kleinen Kapellen der Insel, auf das Hinterland um Ano Mera und auf Strände wie Agios Sostis im Norden. Sie tauchen in keinem Drehplan auf, liefern aber das, was Emily in der Serie selten findet: Stille.

Was bleibt, wenn die Crew abreist

Nach zwei Wochen Drehzeit auf Mykonos zieht die Produktion weiter. Auf der Insel bleiben Erinnerungsfotos der Crew, Lizenzgebühren für die griechische Filmkommission und die Aussicht auf einen weiteren Schub für ein bereits überbuchtes Reiseziel. Ob »Emily in Paris« Griechenland nutzt oder Griechenland die Serie, wird sich erst nach der Ausstrahlung Ende 2026 zeigen. Sicher ist nur: Wer Mykonos im Sommer 2027 besucht, wird die Insel nicht mehr ohne Drehbuch erleben.