Drei Tote am Mount Dukono, ein ignoriertes Verbot, eine zehn Kilometer hohe Aschewolke. Der Vorfall vom 8. Mai 2026 in Indonesien wirft eine Frage auf, die Reisende und Reiseindustrie gleichermaßen betrifft: Wo verläuft die Grenze zwischen spektakulärem Naturerlebnis und vermeidbarer Tragödie?

 

Drei Tote am Dukono: Was an einem Freitagmorgen in Indonesien geschah

Um 7:41 Uhr Ortszeit, am Freitag, dem 8. Mai 2026, schoss eine Aschesäule zehn Kilometer hoch in den Himmel über der Insel Halmahera. Etwa 20 Bergsteiger befanden sich in diesem Moment auf den Hängen des Mount Dukono, darunter neun Ausländer und elf einheimische Wanderer. Drei von ihnen überlebten den Ausbruch nicht: zwei Bürger Singapurs und eine indonesische Person. Fünfzehn Personen konnten sich bis zum Abend selbst retten oder wurden geborgen, mehrere mit Verletzungen. Die Leichen blieben zunächst auf dem Berg. Anhaltende Eruptionen machten eine Bergung über Stunden unmöglich.

Ausbruch des Vulkans Dukono in Indonesien

Foto: Anak Esa/Shutterstock.com

Was den Vorfall von einem reinen Naturereignis unterscheidet: Das Gebiet war seit dem 17. April 2026 für Besucher gesperrt. Eine Vier-Kilometer-Sperrzone um den Krater Malupang Warirang gilt sogar bereits seit Dezember 2024. Die indonesische Vulkanbehörde PVMBG hatte die Warnstufe auf Stufe 2 von 4 angehoben, fast 200 Eruptionen waren seit Ende März registriert worden, im Schnitt 95 pro Tag. Schilder am Aufstieg und Hinweise in sozialen Netzwerken wiesen auf das Verbot hin. Die Gruppe ging trotzdem.

Damit ist der Dukono kein Einzelfall, sondern Symptom eines Phänomens, das sich in den vergangenen Jahren verschärft: der wachsende Drang, aktive Vulkane nicht nur aus sicherer Entfernung zu sehen, sondern sie zu betreten.

Die Psychologie des Verbotenen

Aktive Vulkane lösen etwas aus, das tief in der menschlichen Wahrnehmung verankert liegt. Die Kombination aus Urgewalt, sichtbarer Erdgeschichte und kontrollierter Gefahr erzeugt einen Reiz, dem sich nüchterne Risikoabwägung kaum entgegensetzen lässt.

Reisepsychologen sprechen vom »Edgework«, einer Form des bewussten Grenzgangs zwischen Faszination und Bedrohung.

Wer einen rauchenden Krater fotografiert, holt sich nicht nur ein Bild, sondern eine Erzählung über sich selbst. Der Soziologe Stephen Lyng hat dieses Verhalten bereits in den Achtzigerjahren beschrieben als das Bedürfnis, in einer durchorganisierten Gesellschaft Momente echter Unmittelbarkeit zu erleben. Vulkane bieten genau das. Sie sind unverhandelbar, sie reagieren nicht auf Argumente, sie folgen keiner App-Logik. Wer ihnen nahekommt, spürt die eigene Verletzlichkeit als seltenes Lebensgefühl.

Hinzu kommt ein neuerer Faktor, den die indonesische Polizei nach dem Dukono-Ausbruch ausdrücklich nannte: der Druck, Online-Inhalte zu produzieren. Polizeichef Erlichson Pasaribu sagte, viele Wanderer ließen sich »vom Wunsch leiten, Inhalte für soziale Medien zu schaffen«. Was früher ein Souvenir-Foto war, ist heute ein Asset im persönlichen Aufmerksamkeitsmarkt.

Je verbotener der Ort, desto wertvoller die Aufnahme.

Das erklärt, warum offizielle Sperrzonen nicht abschrecken, sondern manchmal den umgekehrten Effekt erzeugen. Verbot wird zur Beglaubigung. Wer trotzdem geht, signalisiert: Ich war dort, wo andere nicht hindurften. Der Dukono-Vorfall zeigt, wohin diese Denke führen kann.

 

Wenn es schiefgeht: Drei Tragödien, ein Muster

Der Dukono ist nicht der erste Fall, in dem Vulkan-Tourismus tödlich endete. Am 9. Dezember 2019 brach der Whakaari, besser bekannt als White Island, vor der Küste Neuseelands aus. 47 Touristen befanden sich auf der Insel, viele davon Kreuzfahrtgäste auf einem Tagesausflug für 398 US-Dollar pro Person. 22 Menschen kamen ums Leben, darunter ein Deutscher, der später an seinen Verletzungen starb. Über 20 Personen wurden teils schwer verletzt. Der Vulkan, in Privatbesitz und als »aktivster Vulkan Neuseelands« vermarktet, hatte bis zu 10.000 Touristen pro Jahr empfangen. Die Eruption erfolgte phreatisch, also durch Wasserdampf-Explosionen, praktisch ohne Vorwarnung. Der Touranbieter räumte später ein, gegen Sicherheitsverpflichtungen verstoßen zu haben. Millionenentschädigungen folgten.

Touristen auf White Island beim Vulkan Trekking

Touristen auf White Island beim Vulkan Trekking. Das Foto ist vor der Tragödie entstanden I Foto: Nava Fedaeff/shutterstock.com

In Island, wo Vulkanologie zur Alltagskompetenz gehört, ging man andere Wege. Die Blue Lagoon, eines der bekanntesten Spa-Resorts der Welt, liegt auf der Reykjanes-Halbinsel, 40 Kilometer von Reykjavik entfernt. Seit 2020 erschüttern Erdbebenschwärme die Region als Vorboten von Eruptionen. Im November 2023 wurde die Lagune wegen einer Bebenserie geschlossen, einige Erdstöße erreichten Stärke 4,0. Im April 2025 kam es zum Ausbruch, die Anlage wurde evakuiert, Lava bedrohte die Gebäude. Die wiederholten Schließungen sind kein Ärgernis, sondern Ausdruck eines funktionierenden Sicherheitssystems. Niemand starb.

Menschen ind er Blauen Lagune in Island

Blue Lagoon in Island I Foto: Jeff Sheldon

 

Checkliste · Sicheres Vulkan-Trekking
1. Aktuellen Status prüfen
Vor jeder Tour den offiziellen Vulkanstatus bei der zuständigen Behörde abrufen, in Indonesien beim PVMBG, in den USA beim USGS, in Italien beim INGV.
2. Zertifizierten Anbieter wählen
Lizenzen, Versicherung und Ausbildung der Guides erfragen. Seriöse Anbieter informieren ungefragt über Sicherheitsprotokolle und sagen Touren bei erhöhter Aktivität ohne Diskussion ab.
3. Sperrungen respektieren
Kein Foto, kein Video, kein Erlebnis rechtfertigt das Betreten einer offiziellen Sperrzone. Verbote basieren auf Daten, nicht auf Vorsicht.
4. Ausrüstung mitführen
Festes Schuhwerk, lange Kleidung, Atemschutz gegen Asche, Schutzbrille, Stirnlampe, ausreichend Wasser. Ein Helm ist in aktiven Bereichen Pflicht.
5. Anmeldung dokumentieren
Bei jedem Aufstieg offiziell registrieren. Im Notfall ist das die Grundlage jeder Rettung.
6. Wetter und Tageszeit beachten
Eruptionen häufen sich oft nach Phasen scheinbarer Ruhe. Frühe Aufstiege reduzieren das Risiko von Wetterumschwüngen, nicht das von Eruptionen.
7. Im Zweifel umkehren
Ein abgebrochener Aufstieg ist kein verlorener Tag. Vulkane gibt es übermorgen noch.

Wie verantwortungsvoller Vulkan-Tourismus aussieht

Es geht auch anders. Der Ätna auf Sizilien gilt seit Jahrzehnten als Modellfall. Mit 3.350 Metern einer der aktivsten Vulkane weltweit, wird er rund um die Uhr von Vulkanologen überwacht. Eine Seilbahn bringt Besucher von 1.920 auf 2.500 Meter, von dort übernehmen 4×4-Busse mit zertifizierten Vulkanführern den Aufstieg bis fast 3.000 Meter. Der letzte Abschnitt zu den Hauptkratern ist nur mit Guide erlaubt, auf genehmigten Routen, fernab der jeweils aktiven Bereiche. Bei sich anbahnenden Ausbrüchen wird der Berg gesperrt, ohne Diskussion. Wer den Ätna besucht, kauft Sicherheit als Teil des Erlebnisses.

Ausgebrochener Vulkan Ätna, Sizilien

Foto: Iapissable/Shutterstock.com

Mount Rinjani auf Lombok arbeitet mit einem ähnlichen Prinzip. Der 3.726 Meter hohe Vulkan darf nur mit registriertem Guide bestiegen werden, jeder Aufstieg wird offiziell erfasst. Wer ohne Begleitung geht, macht sich strafbar. Die Pflichtregistrierung dient nicht der Bürokratie, sondern der Rettungslogistik. Im Notfall weiß die Behörde, wer wo unterwegs ist.

Auf Hawaii Volcanoes National Park, im Timanfaya-Nationalpark auf Lanzarote und an den isländischen Vulkangebieten gelten vergleichbare Standards: vulkanologische Echtzeit-Überwachung, klar markierte Zonen, frühzeitige Sperrungen, professionelle Guides. Indonesien selbst verfügt über ein engmaschiges Netz an Überwachungsstationen. Das Problem liegt selten in fehlenden Informationen, sondern darin, dass Reisende sie nicht abrufen oder bewusst ignorieren.

Wer Vulkane verantwortungsvoll erleben will, sollte vor jeder Tour drei Fragen klären: Existiert eine offizielle Vulkanüberwachung mit aktuellem Statusbericht? Ist der Anbieter zertifiziert und versichert? Wird die Tour bei Sperrungen abgesagt oder ausgeweicht?

Wenn auch nur eine dieser Fragen unbeantwortet bleibt, ist die Buchung das falsche Produkt. Seriöse Anbieter beantworten alle drei ungefragt.

Spektakel mit Maß

Vulkane gehören zu den eindrucksvollsten Naturerlebnissen, die Reisen heute zu bieten haben. Der Blick in einen Krater, das Knirschen frisch erstarrter Lava unter den Schuhen, die Wärme aus dem Boden, die Erzählung der Erdgeschichte in Echtzeit. All das lässt sich erleben, sicher, geführt, mit ruhigem Gewissen. Es braucht dafür drei Dinge: einen seriösen Anbieter, das Befolgen offizieller Warnungen und den Verzicht auf jenen Reiz, der aus dem Verbotenen seine Bedeutung zieht.

Der Dukono wird wieder eruptieren, wahrscheinlich noch heute, morgen, übermorgen. Er ist seit 1933 fast ununterbrochen aktiv. Wer ihm in einigen Jahren wieder begegnen möchte, mit Abstand, mit Respekt, mit den Augen eines Reisenden statt eines Content-Produzenten, wird das tun können. Die Voraussetzung steht in jedem Hinweisschild, das in diesem Frühjahr ignoriert wurde.

Empfehlung · Fünf Vulkane für sicheres Erleben
Ätna, Sizilien
3.350 Meter, einer der aktivsten Vulkane weltweit, rund um die Uhr vulkanologisch überwacht. Seilbahn von 1.920 auf 2.500 Meter, 4×4-Busse mit zertifizierten Guides bis fast 3.000 Meter. Der letzte Abschnitt zu den Hauptkratern nur in Begleitung, auf genehmigten Routen.
Hawaii Volcanoes National Park, USA
Der Kīlauea zählt zu den am besten überwachten Vulkanen der Welt. Klar markierte Wege, regelmäßige Statusberichte des US Geological Survey, Sperrungen werden konsequent durchgesetzt. Lava-Erlebnisse gibt es aus sicherer Distanz, das macht den Park nicht weniger spektakulär.
Timanfaya-Nationalpark, Lanzarote
Eine Mondlandschaft aus Lava und schwarzer Asche, entstanden bei den Eruptionen von 1730 bis 1736. Der Park ist nur mit Bus oder geführter Wanderung zugänglich, ein perfektes Modell für streng kuratierten Vulkan-Tourismus mit höchstem Schutz für Besucher und Landschaft.
Mount Rinjani, Lombok
3.726 Meter, einer der schönsten Vulkanaufstiege Indonesiens. Pflichtregistrierung und Guide-Pflicht, ohne Begleitung ist der Aufstieg illegal. Anspruchsvoll, mehrtägig, lohnend für erfahrene Bergwanderer mit Akklimatisierungsplan.
Tangkuban Perahu, Westjava
Kraterrand-Vulkan in der Nähe von Bandung, mit dem Auto erreichbar. Bei stabilem Status erlauben offizielle Aussichtspunkte den Blick direkt in die dampfenden Krater. Die indonesische Vulkanbehörde PVMBG sperrt das Areal bei erhöhter Aktivität konsequent.