Bereits seit 2020 halten uns die romantischen Irrungen und Wirrungen in der Netflix-Hitproduktion »Bridgerton« fleißig auf Trab, und die aktuelle, vierte Staffel bildet da keine Ausnahme. Ein großer Teil dieser Faszination gründet, neben den Charakteren und der eigentlichen Handlung, im Setting. Die Serie ist in der Epoche der »Regency« im Vereinigten Königreich angesiedelt. Aber was hat es damit eigentlich auf sich? Unser Redaktionshistoriker Konrad hat sich schlau gemacht.
Was ist die »Regency«?
Machen wir uns zuerst an die schnöden Fakten. Hinter dem Begriff »Regency« verbirgt sich in der engeren Definition genau das, nämlich die Regentschaft des britischen Kronprinzen Georg August Friedrich von Hannover für seinen Vater George III., von 1810 bis 1820. Der König war aufgrund einer Stoffwechselerkrankung nicht mehr in der Lage, sein Amt auszuführen, deshalb musste mit parlamentarischer Unterstützung der Filius ran. Nach dem Tod des alten Königs am 29. Januar 1820 wurde er schließlich als George IV. gekrönt.
Meist wird aber ein breiterer Zeitrahmen gemeint, der etwa vom späten 18. Jahrhundert bis in die 1830er-Jahre reicht. Denn in dieser Phase wurde die britische Gesellschaft von massiven gesellschaftlichen, technischen und politischen Veränderungen geprägt. Und die wirken teilweise bis heute nach.
Blick in die Antike
In der High Society begeisterten die Menschen sich zunehmend für die griechische Antike. In der Mode äußerte sich das durch Kleider und Schnitte, die an antike Statuen angelehnt waren. Wo vormals enge Korsette eine starre Form vorgaben, ließen weicher fallende Stoffe nun Raum für den tatsächlichen Körper. Vorangetrieben durch die freiheitlichen Ideen der französischen Revolution wurde Kleidung weniger ein Zeichen des gesellschaftlichen Stands und mehr ein Ausdruck der eigenen Individualität.
Noch mehr Bestand haben die baulichen Ausformungen der Zeit. Zwei Gebäude kennt in England und darüber hinaus vermutlich auch jeder: der Buckingham Palace in London und der Royal Pavilion in Brighton. Auch hier sind die Anleihen bei der griechischen Antike, mit marmorweißer Fassade und mächtigen Säulen, unübersehbar. Kein Wunder, dass dieser Stil auch »Klassizismus« genannt wird. Besonders deutlich wird das in Bath – wo auch große Teile von »Bridgerton« gedreht wurden. Ein Set-Jetting-Muss für jeden Fan der Serie. Der charakteristische weiße Stein, aus dem viele Gebäude in der Stadt gebaut sind, heißt sogar »Bath Stone«. Der kam auch beim Bau vom Buckingham Palace zum Einsatz. Ganz persönlich lässt sich die Ära in diesen schnieken Boutiquehotels erleben.
Kunst und Kultur
Und dann sind da noch die Künste! Allen voran die Literatur. Wohl keine Schriftstellerin hat das Bild der Epoche so sehr geprägt wie Jane Austen. Und mit der Behauptung, dass die meisten Fans von »Bridgerton« auch »Stolz und Vorurteil« in und auswendig kennen, lehnen wir uns wohl kaum aus dem Fenster. Die Autorin beschreibt dabei mehr als nur romantische Ausnahmegeschichten, sondern zeichnet ein vielschichtiges Bild der britischen Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Zu den bedeutenden Schriftstellern zählt auch der Dichter Lord Byron, der maßgeblich die englische Romantik mitprägte.
So gilt die Epoche der Regency noch heute als eine Hochzeit der Kultur und der Künste. Zur Wahrheit gehört aber auch: Solche Umbrüche sind scheinbar nicht ohne Verlierer möglich. Denn während die High Society sich in der Tat auf schillernden Bällen vergnügte und den schönen Künsten frönte, griff unter der einfachen Bevölkerung die Armut um sich. Die napoleonischen Kriege, in denen Großbritannien eine führende Rolle einnahm, kosteten nicht nur Menschenleben, sondern wurden auch durch steigende Steuern finanziert. Neue Produktionsmethoden wie der mechanische Webstuhl führten dazu, dass viele Handwerker ihre Arbeitsstelle verloren. Und ein rasanter Anstieg der Bevölkerung führte zum Entstehen von Slums in den größeren Städten, allen voran London.
Ende gut, alles gut?
Als Ende der Epoche gilt daher der Reform Act von 1832. Durch zunehmenden Druck aus der Bevölkerung und einen Regierungswechsel sorgte die Reform für ein gerechteres Wahlrecht, das nun weitaus mehr Menschen die politische Teilhabe ermöglichte und somit den Einfluss der reichen Großgrundbesitzer eingrenzte.
Das heißt aber natürlich nicht, dass wir uns nicht völlig ungehemmt unserem »Bridgerton«-Wahn hingeben können, ganz im Gegenteil. Im Mittelpunkt steht die Handlung, das Setting ist und bleibt eben der Rahmen. Und der darf ruhig überzogen, farbenfroh und aufgedreht sein. Nicht zuletzt deshalb schalten wir ja ein.
Teil 2 der vierten Staffel läuft seit dem 26. Februar 2026 auf Netflix. Eine fünfte und sechste Staffel sind bereits bestätigt.
Hier lässt sich die Regency noch heute erleben
Zwar ist die »Regency« schon gut 200 Jahre her, doch an einigen Orten in England lässt sie sich noch heute erfahren. Vor allem in Form steinerner Zeugen. Ein zentraler Ort der Epoche ist Bath in der Grafschaft Sommerset. Zum einen, weil viel der Architektur hier aus dem schon erwähnten »Bath Stone« bestehen, der für die Zeit zu prägend ist. Zum anderen aber auch, weil Jane Austen hier lange Zeit gelebt und gewirkt hat. Einen besonderen Einblick in das Leben der Schriftstellerin gewährt das »Museum Jane Austen Centre«. Hier geht’s zur Website des Jane Austen Centre.
Am deutlichsten zeigt sich die Regency heute in London, im Herzen der Nation. Der Buckingham Palace ist ein unübersehbares Zeichen der Ära, in seiner heutigen Form 1826 in Auftrag gegeben von George IV. – also technisch gesehen nach der eigentlichen Regentschaft. Ebenfalls in der Epoche entstanden ist das British Museum mit seiner mächtigen, an die griechische Antike angelehnten Fassade.
- Der Royal Pavilion von außen … | Foto: Julian Torres / shutterstock
- … und von innen. | Foto: Nigel Jarvis / shutterstock
Nicht griechisch inspiriert, aber dennoch stellvertretend für die Epoche ist der Royal Pavilion im Seebad Brighton. Der Grundstein für den Rückzugsort des Kronprinzen und späteren Königs George IV. war bereits 1787 gelegt worden, in mehreren Abschnitten wurde aber bis ins frühe 19. Jahrhundert weiter gebaut. Äußerlich sind die Inspirationen, die der Architekt John Nash einfließen hat lassen, deutlich zu erkennen. Heute ist in dem Gebäude ein Museum untergebracht, in dem Besucher einen Einblick in das royale Leben in der »Regency« erhalten. Hier geht’s zur Website des Museums.






