Es gibt Hotels, an denen man ehrfürchtig vorbeiläuft. Und dann gibt es das Brenners. Das Grandhotel in Baden-Baden hat 150 Jahre Geschichte, Könige, Kanzler und Kinostars als Gäste und gerade die größte Baustelle seiner Geschichte hinter sich. Warum das alles so faszinierend ist, und was die neue ARD-Doku »Fünf Sterne Baustelle« nicht zeigt: ein Hintergrundstück.
Ich bin oft in Baden-Baden, die Kurstadt im Schwarzwald. Mein Mann ist dort aufgewachsen. Er und seine Eltern kennen die Stadt in- und auswendig. Dennoch hat sich die Familie nicht getraut, einen Fuß in die Lichtentaler Allee Nummer 4-6 zu setzen. Das Brenners Park-Hotel strahlt eine Art stille Einschüchterung aus. Man läuft daran vorbei, schaut kurz rüber, bewundert die Fassade, und geht weiter. So, als wäre es ein Museum. Nur ein Museum, das auch Zimmer vermietet.

Foto: Fassade vom Brenners Park-Hotel & Spa
Ich kenne das Gefühl. Erst nach der großen Renovierung war ich zum ersten Mal drin: zum Abendessen. Und schon beim Betreten der Lobby verstand ich: Das hier ist keine Kulisse. Das ist ein Ort, der tatsächlich Geschichte geatmet hat.
In der ARD Mediathek ist jetzt zu sehen, wie das Brenners diese Geschichte fast verloren hätte und sie gerade noch rechtzeitig gerettet hat. »Fünf Sterne Baustelle – alles auf Anfang im Luxushotel Brenners« begleitet die Mitarbeitenden durch zwei Jahre Generalsanierung und die emotionale Wiedereröffnung.
1872: Ein Hofschneider kauft ein Hotel – und verändert Baden-Baden für immer
Die Geschichte beginnt mit einem Mann, der eigentlich Kleider nähte. Anton Alois Brenner, Hofschneider am badischen Hof, kauft 1872 das Hotel »Stéphanie-les-Bains« an der Lichtentaler Allee. Vermutlich hätte er nicht gedacht, dass sein Name 150 Jahre später noch auf einem der besten Briefköpfe Europas stehen würde.

Foto: Brenners Park-Hotel & Spa
Sein Sohn Camille macht aus dem Haus unter dem Namen »Hotel Stephanie« die erste Adresse für die vermögende Gesellschaft der Belle Époque. In den 1920ern entsteht das Kasino Stephanie als gesellschaftlicher Hotspot. Hier trifft sich, wer Rang und Namen hat. Das Motto lautet sehen und gesehen werden. Auch Geschäfte werden hier abgeschlossen, Ehen sowieso und gelegentlich auch Frieden.

Foto: Brenners Park-Hotel & Spa
1941 übernimmt Rudolf-August Oetker das Haus. Der Backmittel-Erbe und Unternehmer erkennt das Potenzial: Brenners wird zur Keimzelle der späteren Oetker Collection, eines der renommiertesten Hotelportfolios Europas. Heute gehören zur Collection Häuser in London, Paris, Mallorca und auf den Bahamas. Aber das Brenners bleibt das Original.
Das »Cradle of Europe« – als sich Geschichte im Frühstückssaal abgespielt hat
Wer über Brenners schreibt, kommt an diesem Satz nicht vorbei: In den 1960er Jahren finden im Hotel Vorgespräche im Kontext des Élysée-Vertrags statt. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle – die beiden Väter der deutsch-französischen Aussöhnung – tagen hier, bevor 1963 jener Freundschaftsvertrag unterzeichnet wird, der Europa neu definiert. Das Brenners trägt deshalb den inoffiziellen Titel »Cradle of Europe« – Wiege Europas.

Foto: Brenners Park-Hotel & Spa
Man muss sich das kurz vorstellen: Dieselben Gänge, durch die ich neulich zum Abendessen geschlendert bin, haben Adenauer und de Gaulle auf dem Weg zu Gesprächen begangen, die die Nachkriegsgeschichte des Kontinents formten. Das ist keine Hotelbroschüre – das ist Realgeschichte.
Und es blieb nicht bei diesem Kapitel. Das Gästebuch des Brenners liest sich wie ein Who’s Who des 20. Jahrhunderts.
Das Gästebuch: Kaiser, Kanzler, Kinostars
Wenn das Brenners eines hat, dann Geschichten. Und Gäste. Viele davon so bekannt, dass man den Nachnamen weglassen kann.
Aus der Welt der Politik: Barack Obama war hier. Bill Clinton. Nelson Mandela. Henry Kissinger. Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker, Walter Scheel. Und – etwas unerwarteter in dieser Gesellschaft – Hosni Mubarak und Yassir Arafat.
Aus der Welt des Adels: Das liest sich wie ein Almanach de Gotha. Edward, Prince of Wales und späterer König Eduard VII. König Chulalongkorn von Siam. Der Maharadscha von Kapurthala – später auch mit seinem Sohn. Der Fürst von Monaco. Großfürst Michael von Russland. Königin Friederike von Griechenland. Otto von Bismarck.

Fotos: Bundesarchiv; 360b/magicinfoto/mark reinstein/Sean Aidan Calderbank/lev radin/ DFree/Tinseltown/Shutterstock.com; Eric Koch / Anefo
Aus der Welt der Wirtschaft: Henry Ford war Gast. John Jacob Astor, der leider auf der Titanic verstarb. J. Paul Getty, der zu seiner Zeit, also in den 1960er Jahren, als reichste Person der Welt galt. Wer also das Gefühl hat, beim Frühstück im Brenners neben Geld zu sitzen, liegt historisch gesehen richtig.
Aus der Welt der Kultur: Der Tenor Enrico Caruso. Franz Lehár. Richard Tauber. Wilhelm Furtwängler. Johann Strauß. Gerhart Hauptmann. Walt Disney. Und – weil es immer eine gibt – Marlene Dietrich. Heute käme man wohl George Clooney über den Weg, der in den einschlägigen Lifestyle-Reportagen als aktueller Stammgast gilt. Das Brenners kommt auch in der Netflix-Doku von Vicotria Beckham vor und auch Robbie Williams ist dem Haus nicht abgeneigt.
Was das alles zusammenfasst: Das Brenners war nie nur ein Hotel. Es war ein Verhandlungsort, eine Bühne, ein Refugium. Und gelegentlich auch ein Ort, an dem die Weltgeschichte kurz Pause machte und ein Glas trank.
Die Baustelle des Jahrhunderts – 316 Kilometer Kabel und kein Ende in Sicht
Und dann, im Oktober 2023, schließt das Hauptgebäude. Was folgt, ist keine Renovierung im üblichen Sinne. Es ist eine Kernsanierung – komplett, radikal, ohne Kompromisse.

Foto: Claire Cocano
Das Haupthaus hat knapp 7.000 Quadratmeter. Es ist denkmalgeschützt, hat ein Schieferdach, das mit rund 65.000 lokal gewonnenen Ziegeln neu gedeckt wird. Es bekommt neue dreifach verglaste Holzfenster und sieben große Versorgungsschächte, die mitten ins historische Gebäude integriert werden – eine logistische Aufgabe, die man sich ähnlich vorstellen kann wie eine Herzoperation an einem wachen Patienten.
Die Zahl, die am besten vermittelt, was hier passiert ist: 316 Kilometer Kabel werden verlegt. Das entspricht in etwa der Strecke zwischen Baden-Baden und Bonn. In einem einzigen Gebäude. Das sagt alles darüber, was »Generalsanierung« in diesem Kontext bedeutet.
Hinzu kommen: eine neue zentrale Kälteanlage, Wärmerückgewinnung, moderne Heiz- und Kühlsysteme, Photovoltaik auf den Flachdächern, ein separater Personalaufzug, verbesserter Schall- und Brandschutz, Barrierefreiheit. Das Brenners wollte nicht nur schöner werden – es wollte fit sein für die nächsten 150 Jahre.

Foto: Jan Dmitrovic
Das Bemerkenswerte dabei: Der Betrieb lief weiter. In anderen Gebäudeteilen, mit reduziertem Zimmerkontingent, aber mit geöffnetem Spa, Pool und Fitness. Ein Umbau im laufenden Betrieb – organisatorisch die Königsdisziplin.
Wie es jetzt aussieht – und warum »Renaissance« kein Marketing-Wort ist
Ich war nach der Renovierung dort. Nur zum Abendessen im Fritz & Felix, zugegeben – kein Zimmer, kein Spa, keine Nacht. Aber schon der Empfangsbereich und auch das Restaurant erzählen: Hier ist etwas passiert, das über einen neuen Anstrich hinausgeht.
Die 79 Zimmer und Suiten im Hauptgebäude sind komplett neu gestaltet. Stoffe von Colefax & Fowler, Pierre Frey und De Gournay – Namen, die Einrichtungsbegeisterte aufhorchen lassen und alle anderen zumindest ahnen: Das ist teuer und mit Bedacht ausgewählt. Die Farbwelt bewegt sich zwischen Koralle und Pastellblau, Waldgrün und Elfenbein. Und dann: freigelegte Holzbalken aus dem 19. Jahrhundert, die als sichtbare Geschichtsschicht in die neuen Räume integriert wurden.

Foto: Brenenrs Park-Hotel & Spa
Man hat also bewusst nicht alles versteckt. Man hat die Patina gezeigt, wo sie erzählt. Das ist das Gegenteil von Tabula rasa – und es ist genau das Richtige für ein Haus, dessen größtes Asset seine Geschichte ist.
Was das alles kostet – und ob es sich lohnt
Falls du jetzt überlegst, selbst vorbeizuschauen: eine Übernachtung kostet im Durchschnitt 1.000 Euro. An stark nachgefragten Terminen – Feiertage, Events, Rennwochenenden – geht es nach oben. Mit etwas Vorausbuchung und in ruhigeren Zeiten kann man deutlich darunter einsteigen.
Zum Vergleich: Eine Nacht im Brenners kostet ungefähr so viel wie ein sehr gutes E-Bike. Dafür schläfst du in Zimmern, in denen möglicherweise Otto von Bismarck seinen Hut aufgehängt hat. Das muss jeder selbst bewerten.

Foto: Claire Cocano
Das Brenners ist kein anonymes Kettenhotel. Es hat Charakter. Und Charakter entsteht durch Menschen – durch die Mitarbeitenden, die seit Jahren oder Jahrzehnten dabei sind, durch Stammgäste, die wiederkommen, durch Geschichten, die man nicht in Broschüren findet.
Die Schwiegereltern meines Mannes sind nie reingegangen. Vielleicht ist jetzt die Zeit, das zu ändern. Nicht nur vorbeischlendern. Reingehen. Einmal zumindest einen Kaffee trinken – und dabei wissen, dass an demselben Tisch schon jemand saß, der die Welt ein kleines bisschen anders hinterlassen hat.


