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Fallen die Namen Como, Lugano oder Verbania, dann denkt man das Wort »See« gleich mit. Dabei tut man diesen Regionen Unrecht, sie nur auf das Leben rund um Uferpromenaden zu reduzieren. Manchmal erstreckt sie das Schöne ein bisschen abseits, beim Wandern etwa – inklusive unzähliger Blicke auf das Wasser.

Text: Andreas Dauerer

Ein kurzer Pfiff, ein kleiner Ruck und schon setzt sie sich in Bewegung, die Standseilbahn »Funicolare di Como«. Was seit 1894 der schnellste Weg zwischen Como und Brunate war, ist heute vor allem ein beliebtes Ausflugsziel. Von oben nämlich hat man einen unversperrten Blick auf die Dächer Comos und den Anfang jenes berühmten Sees, dessen Name sich von ebendieser Stadt ableitet. Wer sich die Mühe macht, hinaufzufahren – oder die 500 Höhenmeter per pedes gar hinaufläuft –, der wird belohnt.

Vielleicht mit einem Cappuccino samt Blick auf die Bergkulisse, auf die roten Ziegeldächer und einen Ausschnitt des glitzernden Sees, der im Frühling und Spätsommer gerne auch mal morgens in feinen Nebel gehüllt ist. Je nach Tageszeit könnte es aber auch ein Aperitivo Amargo oder Vino Bianco sein. Einfach kurz innehalten und genießen. Denn wenn es eins ist, weshalb wir alle so gerne auf die andere Seite der Alpen fahren, dann doch, weil die Italiener wissen, wie man ganz ungezwungen im Moment leben kann. Dolce Vita eben – und da macht die Lombardei natürlich keine Ausnahme.

Blick auf Como

Blick auf Como I Foto: Andreas Dauerer

Von der Station aus bin ich ein paar Schritte nach unten gewandert, immer den Schildern zu Aussichtspunkten folgend, und gucke von einer Brüstung den steilen Abhang hinunter auf Como und den See, einem der schönsten in Italien. Hier beginnt sie also, jene italienische Sehnsucht nach Schönheit, ein bisschen Reichtum und auch ein wenig Jetset, wofür der Comer See berühmt und auch ein bisschen berüchtigt ist. Genau das kann man sogar im Vorbeifahren miterleben. Von Como etwa hinauf nach Tremezzo, immer am Westufer gen Norden.

Hier wohnen? Ein Traum!

Bereits nach den ersten Metern ertappe ich mich, einfach aussteigen, an den mitunter sehr schweren Gittern der Einfahrten klingeln und schlicht nach dem Weg fragen zu wollen. Immer in der kindlichen Hoffnung, irgendjemand in den altehrwürdigen Villen dahinter könnte auf den Summer drücken. Ich würde dann schnell zur hölzernen Eingangstür fahren und standesgemäß mit einem Campari Soda begrüßt werden, nur um dann sogleich im Bauch des Herrenhauses verschwinden zu können und den unverbauten Seeblick in allen Facetten genießen zu dürfen. Sehr gerne zum Sonnenuntergang, grazie mille.

Garten am Lago Maggiore in Italien

Garten am Lago Maggiore in Italien I Foto: Andreas Dauerer

Häufig bleibt es beim Traum, denn wer sich hier eine Villa oder einen Palazzo am Wasser leisten kann, ist selten erpicht auf nach dem Weg fragende Touristen. Temporäre Abhilfe könnte aber das »Hotel Villa d’Este« schaffen. Altehrwürdig in zartem Ockergelb begrüßt es seine Besucher, drum herum mit wunderbaren Gärten versehen, bei denen man auf den ersten Blick kein Unkraut sieht (und auch auf den zweiten nicht!) und in denen man nur zu gerne wandeln möchte. Das d’Este zählt nach wie vor zu den besten Adressen des Landes. Die Aussicht von der Terrasse über den See und die gegenüberliegenden Berge ist, sogar im engeren Wortsinn, unbezahlbar. Aber eben auch: unbezahlbar schön.

Idylle pur am Seeufer

Das kleine Fischerdorf Blevio gegenüber scheint uns mit dem Glockenschlag seiner Kirche San Gordiano ebenso zu begrüßen wie die immer wiederkehrenden Wellen, die ans Ufer plätschern, wenn die Wassertaxis oder die weißen, sehr herausgeputzten Schnellboote vorbeifahren. Dann hüpft auch der Hotelpool im Takt des Schiffsverkehrs, schließlich schwimmt er gut befestigt an Pontons direkt auf dem Comer See.

Ufer des Comer Sees

Foto: Andreas Dauerer

Irgendwann geht es weiter. Erst kommen die Örtchen Laglio und Tremezzo und dann Menaggio. Dort könnte man wieder einen Stopp machen, weil am anderen Ufer Bellagio liegt, also das echte, nicht das in Las Vegas, das den Namen einfach mal geklaut hat. Aber aus sehr gutem Grund, wie ich finde. Nicht umsonst wird der Ort die Perle des Comer Sees genannt. Allen voran die »Villa Melzi d’Eril« mit ihren englischen Gärten zeugt von genau dem Luxus und der Schönheit, wofür der Comer See berühmt geworden ist. Aber hier teilt sich auch der Comer See auf. Geht man weiter nach Norden, wird es sehr ursprünglich und wild, der Ostarm hingegen ist vor allem der Industrie vorbehalten.

Weiter zum Luganer See

Mein Weg führt mich jetzt aber von Menaggio aus über die Bergstraßen hinüber nach Porlezza, zum Luganer See. Der nämlich steht dem Comer See in nichts nach, vielleicht eine Spur unprätentiöser, ruhiger, ehrlicher. Und dann geht’s weiter nach Seghebbia, ein winziger Ort mit nur wenigen Häusern, aber ein idealer Ausgangspunkt, um sich die Natur zu erwandern. Ziel: Rifugio San Lucio.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Bergpfade zu kleinen Schmuggelrouten. Vor allem Kaffee, Reis, Pasta und Alkohol wurden zwischen der Schweiz und Italien hin- und hergebracht.

Sogar die Polizei drückte damals das ein oder andere Auge zu, so meine Bergführerin Francesca. Schließlich ging es der ganzen Bevölkerung so elend, dass sie die Schmuggelware schlichtweg zum Überleben brauchte.

Wandern in den Bergen rund um den Luganer See

Foto: Andreas Dauerer

Heute sind die Pfade willkommene Wanderwege, die auch noch erstaunlich gut beschildert sind. Eine furchtlose Ziege begleitet uns ein erstes Stück und lutscht auch mal am Finger, nur um etwas Wegzehrung von den Wanderern zu erhalten. Irgendwann aber ist man im Rhythmus gefangen. Gut zweieinhalb Stunden Fußmarsch dauert der Aufstieg zum Rifugio. Belohnt wird man ständig. Mit einem beinahe immergrünen Farbenspiel der Berge in allen Nuancen.

Ruhe pur auf schmalen Bergpfaden

Wer im Herbst kommt, freut sich über die entsprechenden braun-gelb-roten Töne. Kühe grasen, eine Stute mit ihrem Fohlen steht auf einer kleinen Anhöhe und beäugt die eher seltenen Wandergenossen. Das nämlich ist das wirklich Schöne: Die Wege sind nicht ausgetrampelt, im Gegenteil, man ist fast allein und wie von Zauberhand stellt sich nach kürzester Zeit eine kontemplative Ruhe ein. Nur das Knirschen der Sohlen, das eigene Schnaufen, vielleicht eine Glocke um den Hals einer Ziege – und das Rascheln der Blätter, wenn der Wind vorbeizieht.

Pferd in den Bergen beim Luganer See

Foto: Andreas Dauerer

Schon während der ersten halben Stunde eröffnen sich immer wieder wunderbare Ausblicke auf den kleinen Comer See. Hat man es dann bis zur steinernen Hütte geschafft, sehen wir auch den Luganer See, den Lago Maggiore und das Tessin. Sogar die Dufourspitze, der zweithöchste Berg der Alpen nach dem Mont Blanc, zeigt sich an guten Tagen in voller Pracht.

Einkehren ins Rifugio San Lucio

Selbstverständlich darf man hier im Steinhäuschen auf exakt 1.554 Metern ein wenig verweilen, ja, man sollte es sogar. Der Aussicht wegen über die vier Täler, na klar, aber auch wegen der Wiederaufnahme verlorener Kalorien. Ein Schluck Rotwein vielleicht, dazu eine Salami-Schinken-Käseplatte mit Brot. Warmes dann in Form von Pizzoccheri, für die der Deutsche den Begriff Hausmannskost wohl erfunden haben dürfte. Buchweizenspätzle mit Wirsing, Kartoffeln und einer Käsesoße, in die man sich hineinlegen könnte, wüsste man nicht, dass man irgendwie auch wieder hinuntergehen muss. Irgendwann jedenfalls. Aber das fällt bekanntermaßen gestärkt noch einmal leichter und beschwingt sowieso.

Schinken- und Käseplatte auf einer Hütte am Luganer See

Foto: Andreas Dauerer

Abends dürfen die müden Beine dann schon mal ins Spa bewegt werden. Das Hotel San Marco ist dafür die erste Adresse. Selbst wer nicht im neuen Fünf-Sterne-Komplex untergebracht ist, kann sich hier einbuchen. Es lohnt sich auf jeden Fall. Pool, Dampfbad, verschiedene Anwendungen. Nach zwei Saunaaufgüssen habe ich genug. Ich bin einfach nur müde.

Nächster Stopp: Val Vigezzo

Von Porlezza bringt mich das Schiff dann nach Lugano und der Zug weiter nach Locarno. Ein willkommener Halt, um kurz in der Altstadt eine Schweizer Schoki mitzunehmen, ehe der Schaffner der Centovalli-Bahn in die Pfeife bläst und der Zug sich schnaufend in Bewegung setzt. Ziel: Domodossola, aber nicht direkt. Dazwischen steige ich in Santa Maria Maggiore im Val Vigezzo aus. Und bis es so weit ist, gucke ich einfach gebannt durch das Fenster auf die teilweise spektakulären Aussichten, die mir das Val Vigezzo bietet.

In Santa Maria wurde der Vorläufer des Kölnisch Wasser erfunden. Dazu ist es nicht nur der Ort mit der ältesten Malschule der Alpen – und einem angeschlossenen Museum mit wechselnden Ausstellungen von lokalen Künstlern –, sondern auch jener mit der größten Bewunderung der Schornsteinfeger. Ja, richtig gelesen.

Einmal im Jahr treffen sich hier Schornsteinfeger aus aller Welt. Die Geschichte dahinter ist eher eine traurige.

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Armut hier an den Seen in Italien groß, die Schornsteinfeger hatten weniger Arbeit und gingen vermehrt nach Deutschland, Österreich und Frankreich. Die Arbeit war beschwerlich, die Kamine schmal, sodass Erwachsene immer mehr Schwierigkeiten hatten, diese zu reinigen. Also wurden Kinder rekrutiert, die die schlecht bezahlte Arbeit machen mussten und nebenbei in ärmlichsten Verhältnissen irgendwie versuchten, zu überleben. Das Museum taucht hier tief in die Geschichte ein.

Frau macht Stinchett, eine Spezialität aus Santa Maria in Oberitalien

Foto: Andreas Dauerer

Ehe ich wieder in den Zug steige, muss ich aber noch Stinchett probieren, eine Spezialität Santa Marias. Ein hauchdünner Pfannkuchen mit Butter und Salz, der bei jeder Feierlichkeit kredenzt wird. Dazu noch ein winziger Schluck Weißwein und schon ist die ehrlich dampfende Gaumenfreude perfekt.

Zu Gast bei Sternekoch Giorgio Bartolucci in Domodossola

Apropos Gaumenfreude: In Domodossola bin ich verabredet. Bei Giorgio Bartolucci, einem jungen Koch, der seit 2019 für den elterlichen Familienbetrieb nun durchgehend einen Michelin-Stern erkocht hat. Wie es sich für ein exzellentes Restaurant-Atelier gehört, ist das natürlich durchgehend ausgebucht. Wer ohnehin auf der Durchreise ist, sollte direkt im Familienhotel »Eurossola« schlafen. Das hat den Vorteil, dass man dort abends im Hotel mit bestem Blick auf die offene Küche speisen kann. Das Essen hat so viele Überschneidungen mit der Atelier-Karte, dass man hier in ganz lockerer Atmosphäre eben in den Genuss von Sterneküche kommen kann, die nicht als solche deklariert ist. Ein Beispiel: Antipasto aus Käse-Teigbällchen mit hausgemachtem Cracker auf Prosciutto. Oder die Gnocchi mit Kürbissoße in einem kleinen, krossen Roggenteigmantel. Das Kalbsmedaillon mit Porcini und Kartoffeln steht ebenso auf der »richtigen« Karte wie der Blaubeerkuchen mit Eis.

Küche im Eurossola an den Seen in Italien

Foto: Andreas Dauerer

Bartolucci verwendet ausschließlich das, was er in der Region kriegen kann, schafft es aber, dieses Regionale auf eine andere Ebene zu heben, eben zum Fine-Dining-Erlebnis zu machen. Ehrliche Küche mit herausragenden Zutaten. Für wandernde Hotelgäste hat der Kniff mit der Übernachtung übrigens noch einen Vorteil parat: Statt eines klassischen Degustationsmenüs sind es im Hotelbereich nur fünf Gänge. Dafür mit Portionen, die niemanden hungrig zurücklassen. Wer dabei dem Chef über die Schulter gucken möchte, wählt bitte einen Platz mit den Augen zur offenen Küche. So kann man ihn auch gut für einen kleinen Plausch abpassen. Denn, noch so ein Vorteil, er ist so gut wie immer selbst da.

Das Val Grande am Lago Maggiore

Frühmorgens kann man so mit Leichtigkeit in Richtung Lago Maggiore aufbrechen. Unzählige Wanderwege laden im Val Grande dazu ein, erkundet zu werden. Ein halber Tag oder gleich Mehrtagestouren sind hier möglich. Doch dann sollte man gut ausgerüstet sein und sich die Routen vorher genau anschauen. Das Val Grande ist zwar ein Mekka für Wanderwillige, aber infrastrukturell etwas zurück. Doch die einschlägigen Wander-Apps und -karten schaffen hier schon mal eine ideale Grundlage.

Villa Taranto in Verbania

Villa Taranto in Verbania I Foto: Andreas Dauerer

Der inneren Einkehr tut das freilich keinen Abbruch, im Gegenteil. Zwischen den Seen, zwischen Piemont, Lombardei und der Schweiz lässt es sich hier wunderbar entspannen, immer ein wenig abseits der Uferpromenaden und des Wassers. Wobei das natürlich nie ganz stimmt. Zu prominent – und schön – sind die Gärten der Villa Taranto in Verbania, die Isola Madre oder die Isola Bella mit ihren unvorstellbar prächtigen Palästen, Gärten und Kunstsammlungen, als dass man sie links liegen lassen könnte.

Spätestens wenn man dann auf der Dachterrasse des am Boutiquehotel angeschlossenen Restaurants Bolle auf der Westseite des Lago Maggiore sitzt, einen Spritz in der Hand hält und der Sonne beim Untergehen zuschaut, wie sie den See und die Berge zunächst feuerrot und bald blassrot und pink einfärbt, dann braucht man kein weiteres Wort, um zu verstehen, dass der See eine ganz besondere Magie versprüht.

Garten am LagoMaggiore

Foto: Andreas Dauerer

Mehr Infos zu den Seen in Italien

Anreise. Mit dem Flieger erfolgt die Anreise zu den Seen in Italien über Mailand und nach einer kurzen Autofahrt in Richtung Como. Nachhaltiger kann man mit dem Zug anreisen, dann geht es direkt zum Bahnhof in Como. Idealerweise nimmt man sich ein Mietauto, um weitgehend unabhängig zu sein und bequem die Startpunkte etwaiger Wanderrouten anzusteuern.

Wandern. Kartenmaterial gibt es in den einschlägigen Fachbüchereien. Wer zusätzlich digital auf der sicheren Seite sein möchte, dem sei die App Bergfex ans Herz gelegt, die gerade in der Pro-Variante jede Menge zusätzliche Funktionen bietet und durch die man seine Routen auch punktgenau planen kann.

Übernachten. Luxus pur gibt’s im Fünf-Sterne-Hotel Aria Retreat & Spa – inklusive spektakulärer Aussichten auf den Luganer See. Hier beginnen die Zimmerpreise bei etwa 800 Euro. Dort ist übrigens auch das opulente Spa untergebracht, das man als Hausgast für 65 Euro Gebühr pro Tag ebenfalls nutzen kann. Hier kommst du zur Website.

Das Boutiquehotel »Stresa« am Lago Maggiore ist eine Luxusunterkunft mit nur 26 teils sehr geräumigen Suiten. Besonders hervorzuheben ist das Spa im Hotel. Gleich vier Räume stehen vollständig zur privaten Nutzung und für verschiedenste Anwendungen bereit. Hier geht es zur Website.


In diesem Beitrag geben wir dir sieben Tipps für deinen Urlaub an den Seen in Oberitalien.


Risotto auf einem Teller angerichtet am Comer See in Italien

Foto: Andreas Dauerer