Maharaja Umaid Singh ist leider nicht zugegen. Auch in den nächsten zwei Tagen wird er nicht auf seinem Anwesen weilen, teilen uns seine Angestellten mit bedauerndem Blick mit. Einem waschechten Maharadscha hätte ich zu gerne einmal die Hand geschüttelt. Stattdessen stattet mir Mister Sharma im Umaid Bhawan Palace einen Besuch ab – und das ist von größerer Bedeutung für meine Zukunft. Im indischen Bundesstaat Rajasthan, dem Land der Könige, nächtigen die Urlauber beim Maharadscha persönlich. Text: Ulrike Klaas

Daheim bei Maharadscha Umaid Singh in Jodhpur. Akkurat gekleidet, sein Aktenkoffer liegt fest in der Hand, betritt Mr. Sharma die Lobby des Umaid Bhawan Palace. Sein Hemd hat trotz der Hitze keine Knitterfalten, und seine Schuhe glänzen frisch poliert. Er bleibt kurz stehen, blickt sich um und scheint für einen kurzen Moment abgelenkt. Verständlich: Die Lobby des Umaid Bhawan Palace ist so prächtig, dass man sie anstarren muss wie einen schillernden Regenbogen. Obwohl prachtvoll nicht ganz das richtige Wort ist. Der Palast ist so gigantisch und pompös, dass man noch einen Superlativ kreieren müsste. Ich schweife ab. Das ist die Wirkung, die der Palast von Maharaja Umaid Singh auf seine Gäste hat.

Im Taj Umaid Bhawan schlafen die Hotelgäste im linken Flügel, der Maharadscha residiert im rechten.

Ulrike Klaas

Er begeistert und irritiert, lässt mich täglich auf halber Strecke wieder umkehren, weil ich vor lauter Staunen vergessen habe, warum ich mein Zimmer verlassen habe.

Pompöser geht kaum: der Taj Umaid Bhawan in Jodhpur - Rajasthan

Ulrike Klaas

Doch zurück zu Mr. Sharma. Er wartet. Hat geschäftig seine rote Schreibtischlampe aufgestellt, an der der Lack bröckelt. Einen Taschenrechner, eine Lupe, ein Stift und Blöckchen darunter gestellt. Seine Arbeitsutensilien wirken herrlich deplatziert in dem ansonsten feudalen Zimmer, wo dicke Teppiche die Schritte verschlucken, die Gäste in voluminösen Ohrensesseln versinken, beobachtet von Maharaja Umaid Singh persönlich, der von schweren, in Gold umrahmten Ölgemälden auf die Sitzenden hinabblickt.

Mein Schicksal liegt nun in Mr. Sharmas Hand. Oder in meiner Hand? Wie man es nimmt. Mr. Sharma ist Palmist, ein Handlinienleser. Schnell schaltet er noch sein iPhone auf lautlos. In Indien gehen Tradition und Moderne Hand in Hand.

Mr. Sharma tippt Zahlen in seinen Taschenrechner und wirkt dabei äußerst effizient, als hinge von der Berechnung, die er tätigt, ein Leben ab. Tut es auch. Meines. Mr. Sharma – in seiner Rolle als tüchtiger Wahrsager – malt mir eine rosige Zukunft aus. Ohne Geldsorgen. Mit treusorgendem Ehemann und mehreren Kindern. Ach, und um meine Gesundheit, ja, da bräuchte ich mir überhaupt keine Gedanken zu machen. Doch dann bekommt seine Stirn plötzlich tiefe Furchen. Erneut zieht er seinen Taschenrechner zurate, malt nach der Berechnung mit seinem Kuli Striche und Punkte in meine Handfläche. Ich solle mir nicht immer so viele Sorgen machen, sagt er, und tätschelt mitfühlend meine Hand. Sein Tipp: in Jodhpur den Markt besuchen. Im Trubel würde ich schnell die Schwermut hinter mir lassen. Würden Sorgen mich bedrücken, solle ich mich ins Leben werfen. Oder ihm schreiben. Wir seien nun Freunde. Eine deutsch-indische Brieffreundschaft sozusagen.

Farbenrausch mitten in der Wüste: die Straßen Jodhpurs.

Es ist ein Gehupe wie in Deutschland bei einem großen Autokorso. In Jodhpur gehört die stetige, niemals abebbende Geräuschkulisse zum Stadtbild. Ebenso die Kühe, die völlig sorglos und ohne mit der Wimpern zu zucken zwischen Tuk-Tuks, Lastern, Bussen, Jeeps, Fahrrädern und Fußgängern über die Straße stolzieren, gerne mitten auf der Kreuzung oder am Straßenrand stehen bleiben, um in den auftürmenden Müllbergen nach Essbarem zu suchen. Sie sind heilig – und das wissen sie auch. Der indische Verkehr folgt einer Ordnung, die uns Westlern unbegreiflich ist. Doch es funktioniert meistens reibungslos wie in einem Ameisenhaufen – nur dass es für die Inder kein Durcheinander ist, sondern ein logisches System.

Ich empfinde Jodhpurs Straßen als ein quirliges Wirrwarr. Ein geschäftiges Treiben. Ein Bombardement aus Stimmungen, Düften, Farben, Emotionen und Ängsten.

In den Straßen von Jodhpur

Ulrike Klaas

Wie hat Judi Dench im Kinofilm »Best Exotic Marigold Hotel« so schön gesagt:

»Indien trifft dich wie eine Welle. Stellst du dich dagegen, wirst du umgeworfen. Tauchst du durch sie durch, wird alles gut.«

Heute hat mich die Welle allerdings voll erwischt. Wie ein Ertrinkender taumele ich von links nach rechts, umringt von einem Schwarm Fliegen und einem Geruch, der die Sinne betäubt. Ich weiche dort einem Tuk-Tuk und hier einem hupenden Jeep aus. Einfach treiben lassen, die Ängste ablegen und sich im indischen Rhythmus verlieren – leicht gesagt, schwer getan. Ich vergesse zwar meine Sorgen, aber mache mir nun Gedanken um den Mann der scheinbar leblos am Straßenrand liegt. Um die Kuh, die mitten auf der Straße in den Wehen liegt, umringt von anderen Kühen, die sich wie ein Schutzschild um sie herum platziert haben. Der Kampf ums Überleben begegnet einem an jeder Straßenecke.

Jodhpur ist mit einer Million Einwohnern die zweitgrößte Stadt Rajasthans, dem Land der Könige. Entstanden aus 19 Fürstentümern, die sich 1947 bei der Unabhängigkeit Indiens vereint haben. Rajasthan ist bekannt für seine wuchtigen Paläste, seine Festungen und Tempel – sie finden sich auch in Jodhpur, eingebettet in die raue, karge Landschaft der Thar-Wüste. Unüberwindbar mit einer zehn Kilometer langen und 125 Meter hohen Mauer, trotzt das wuchtige Mehrangarh Fort auf einem Felsen über der Stadt umringt von einem Meer blauer Häuser.

Sieben Tore müssen die Besucher passieren, bis sich der eigentliche Prunk und Pomp des Palastes offenbaren. Die Königsfamilie und der damalige Herrscher Maharaja Svasti Shri Rajadhiraja Sahib Umaid Singh II. Bahadur haben hier bis 1943 gelebt, und auch heute ist das Mehrangarh Fort in Familienbesitz. Dann siedelten sie in den Umaid Bhawan Palace um, der quasi auf Augenhöhe liegt – auf den ebenfalls erhöhten, stadtnahen Chittar Hills.

Wie die Maharadschas den Tourismus ins Land brachten.

Oberhaupt Maharaja Svasti Shri Rajadhiraja Sahib Umaid Singh II. Bahadur sollte der letzte amtierende Herrscher Jodhpurs sein, denn mit der Unabhängigkeit  Indiens 1947 wurden die insgesamt 565 Maharadschas im ganzen Land entthront. Doch was nun? Die Maharadschas standen mit ihrem Machtanspruch der Demokratie im Weg, und das Volk lehnte sich gegen den bis dahin unangetasteten Reichtum der Maharadschas auf. Um Aufstände beider Seiten zu verhindern, einigten sich die Oberen darauf, dass die Maharadschas ihren Titel behalten sowie steuerfrei leben durften, aber einen Teil ihrer Besitztümer an den Staat abgeben mussten.

Unbedingt einen Besuch abstatten: das Mehrangarh-Fort - Rajasthan

Ulrike Klaas

Erst unter Indira Ghandi, der ersten Premierministerin Indiens, wurde 1970 auch das Privileg der Steuerfreiheit abgeschafft. Aus Angst, ihren Status und Reichtum zu verlieren, suchten sich die Maharadschas andere Wege, fanden im Tourismus eine einträgliche Einnahmequelle und markierten damit den Beginn desselben in Indien. Sie verpachteten Teile ihrer Anwesen an Restaurants, eröffneten Museen in den alten Gemächern und verwandelten die prächtigen Paläste in Hotels.

So auch der Umaid Bhawan Palace. Im linken Flügel residiert Maharaja Umaid Singh, Sohn des letzten Herrschers von Jodhpur. Im rechten wohnen die Gäste des edlen Fünf-Sterne-Hotels. Erbaut wurde der Umaid Bhawan Palace mit seiner neoklassizistischen Fassade Mitte der 1920er-Jahre, als eine schwere Dürre die Region rund um Jodhpur beutelte. Das Volk hungerte und bettelte nach Arbeit. Auf Rat seines Hofastrologen beschloss der damalige Maharaja Umaid Singh II., einen neuen Palast bauen zu lassen, um dem Volk Arbeit zu geben. Unter Anleitung des englischen Architekten Henry Vaughan Lanchester, der schon für den britischen König Eduard VII. Bauten entworfen hatte, errichteten 3.000 Arbeiter innerhalb von 14 Jahren den Palast aus Sandstein mit der 56 Meter hohen Renaissance-Kuppel – ohne Mörtel und Zement, mit einem ausgeklügelten Fügungssystems.

Heute ist der Palast ein erhabener Rückzugsort. Pfaue staksen in einem üppigen Garten Eden umher, und an jeder Ecke duftet es herrlich blumig. Die frenetische Energie der Stadt, die elektrisiert, aber auch alles fordert, bleibt außen vor.

Taj Umaid Bhawan in Jodhpur

Ulrike Klaas

Einzig das Hupen der abfahrenden Züge, die im Minutentakt den Bahnhof von Jodhpur verlassen, dringt gedämmt hinauf. Maharaja Umaid Singh war allerdings nicht der Erste, der auf die glorreiche Idee kam mit der Zurschaustellung des eigenen Reichtums selbigen zu erhalten. Es war unter anderem der letzte Herrschers von Jaipur, genannt Sawai Man Singh II., der als Erster auf die Idee kam, seinen Palast zu vermieten.

Schlafen wie ein Maharadscha: der Rambagh Palace in Jaipur.

Sawai Man Singh II., in seinem Staat »SMS« genannt, hatte ein glamouröses Leben. Er frühstückte mit den Kennedys, dinierte mit dem Schah von Iran und ging mit Königin Elisabeth II. und ihrem Mann Philip auf Tigerjagd. Doch das Jetset-Leben, seine drei Gattinnen – allen voran seine dritte und Vorzeige-Gemahlin Gayatri Devi – fraßen nach und nach sein Vermögen. Zum Entsetzen seiner drei Ehefrauen beschloss er 1958, den Familiensitz in ein Hotel für gut betuchte Reisende umzuwandeln.

Der Rambagh Palace ist eine immense Palastanlage etwas außerhalb der Drei-Millionen-Metropole Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans. Ebenso wie der Umaid Bhawan Palace in Jodhpur wird der Rambagh Palace von der Luxushotelkette Taj Hotels betrieben. Der Palast ist ein lebendes Museum, jedes der 79 Zimmer ein Unikat.

Rambargh Palace in Jaipur - ein lebendes Museum

Ulrike Klaas

Meine Suite misst die Größe eines Tanzsaals, mit Himmelbett, Marmorbad, dunklem Mahagoni-Mobiliar und schweren Vorhängen, die den Blick auf eine immense symmetrisch aufgebaute Parkanlage freigeben. Das Plätschern des großen Brunnens in Sonnenform und das Gegurre der Fasane dringt durch das geöffnete Fenster.

Sawai Man Singh II. und seine drei Gattinnen begegnen einem auf dem ganzen Gelände – ob in der Lobby, den Suiten oder im ballsaalartigen Restaurant, wo die Gäste aus goldenen Bechern trinken. Stets in Öl gemeißelt, die Gesichtszüge auf angemessene arrogante bis herablassende Art versteinert und in Gold eingefasst. Der Maharadscha verstarb tragisch bei einem Polo-Spiel 1970. Die Liebe seines Lebens, seine dritte Gattin Gayatri Devi, brachte Hollywoodflair à la Grace Kelly in das Königshaus und wurde 1940 von der Vogue zur schönsten Frau der Welt gekürt. Bis ins hohe Alter kam sie jeden Tag in den Rambagh Palace und schwamm zur frühen Morgenstunde in dem prunkvollen und mit Gold verzierten Schwimmbad, das einst extra für sie errichtet worden war, oder trank einen Kaffee auf der Terrasse im Innenhof des Palastes.

Frühstücken, wo Geschichte geschrieben wurde - im Rambagh Palace - jaipur

Ulrike Klaas

Noch heute versprüht der Rambagh Palace glamouröses 1001-Nacht-Ambiente. Ein märchenhaftes Erlebnis aus alter Zeit kombiniert mit erstklassigem Service der Neuzeit.

Das pinke Herz von Jaipur

Die Nachkommen von SMS leben im Herzen Jaipurs. Der Stadtpalast steht in der über und über rosa verputzten Altstadt mit mächtigen rosafarbenen Stadttoren. Vor allem der Palast der Winde mit seiner außergewöhnlichen Architektur und den kleinen Fenstern fällt ins Auge. So konnten die Damen des Hofes unbemerkt das Geschehen auf der Hauptstraße beobachten, ohne in den kleinen, abgedunkelten Fenstern gesehen zu werden. Quasi eine 24-Stunden-Reality Show zum An- und Abschalten.

Wieder bombardieren mich Gerüche, Farben, Stimmungen und Ängste in der Stadt. Die unablässige Überflutung der Sinne in der Millionenmetropole hält mich erneut gefangen. Doch ich mache es wie die Damen des Hofes damals und setze mich an eine Straßenecke: Männer mit Turbanen und imposanten Schnurrbärten, Frauen mit bunten Saris und blinkenden Pailletten, die als Spiegel fungieren und böse Geister zurückwerfen sollen, über und über behangen mit schwerem Silberschmuck und blinkenden Pailletten, gehen an mir vorüber.

Straßenverkäufer in Rajasthan

Ulrike Klaas

Dazwischen die jungen Leute mit Jeans und T-Shirt bekleidet. Früher konnte man auf den Straßen anhand der Art, wie der Turban gebunden ist, und an seiner Farbe die Zugehörigkeit zur Kaste auf einen Blick sehen. Es existierten 200 verschiedene Arten, einen Turban zu binden, 50 sind heutzutage übrig geblieben. Schräg gegenüber sitzt eine Frau vor einem Berg Grünzeug und hält eine Kuh am Strick. Immer wieder halten Tuk-Tuks und Autos, Anzugträger springen raus, werfen der Frau Scheine hin und füttern die Kuh mit dem Grünzeug. Es heißt, im Bauch der Kuh leben alle Götter Indiens – und das sind immerhin über drei Millionen.

Heilige Kuh in Rajasthan

Ulrike Klaas

Tradition und Moderne sind keine Widersprüche in Rajasthan. Die Männer lesen englische Zeitungen, halten aber unterwegs zur Arbeit beim Tempel an und füttern eine Kuh. Sie tragen Anzüge, möchten aber, dass ihre Frauen traditionelle Saris tragen. Sie schicken ihre Kinder auf englischsprachige Schulen, aber nach wie vor werden rund 80 Prozent der Ehen von den Eltern arrangiert.

Mir schwant: Rajasthan bereist man nicht einfach und macht sich schnell ein Bild oder beurteilt es gar. Es ist – wie ganz Indien – eine Art zu Leben und stellt permanent die eigene Art des Denkens und Lebens infrage und auf den Kopf. Ein Land, das einen zwingt, die menschliche Natur mit all ihrer Schande, aber auch ihrer Größe zu sehen. Energie und Ohnmacht liegen nah beieinander und treiben einen an die Grenze des Zumutbaren. Die ist heute bei mir noch nicht erreicht. Ich stürze mich in das Gewimmel der Seitengassen. Heute schwimme ich mit der Welle und werde inmitten dieses fast unzumutbaren Trubels ganz ruhig und leer im Kopf. Ob das mein Freund Mr. Sharma gemeint hat?

Neulich habe ich ihm eine E-Mail geschrieben und ihn um Rat in einer wichtigen Angelegenheit gebeten. Auf die Antwort warte ich nun schon seit Wochen. Aber in Indien hat eben alles seine Zeit.

Schlafen. Im Rambagh Palace kostet eine Nacht im DZ ab € 257 zzgl. Steuern; die Nacht im Umaid Bhawan Palace kostet im DZ ab € 255 zzgl. Steuern. Buchbar unter: www.tajhotels.com

Reiseveranstalter. Enchanting Travel bietet maßgeschneiderte Reise nach Indien an: Eine zehntägige Radjasthan-Rundreise (mit den Stationen: Mumbai – Jodhpur – Jaipur – Agra – Delhi) mit Übernachtungen in Taj-Hotels kostet ab € 3925 p. P. im DZ, inkl. Auto mit Fahrer, Mahlzeiten, Flughafen- und Hoteltransfers.

Info. India Tourism, Baseler Straße 48, 60329 Frankfurt a. M., Tel.: 069 2429490.

Klicken und mehr errfahren: Den reisen-EXCLUSIV-Guide zu Rajasthan mit den Städten Jaipur, Jodphur und Udaipur finden Sie unter hier.

 

 

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