Surinam ist eines der naturbelassendsten Länder der Welt. Selbst in der Hauptstadt Paramaribo zwitschern die Vögel um die Wette. Text: Markus Grenz

Asien, Südamerika oder gar Afrika? Selten habe ich vor dem Antritt einer Reise in so viele fragende Gesichter geschaut wie vor dem Abflug nach Surinam. Eigentlich sogar noch nie. Eine Surinam-Reise?

Nun, da ich durch die Straßen der Hauptstadt streife und die warme Brise der Atlantik-Winde auf der Haut spüre, denke ich mir: Es könnte tatsächlich fast überall sein, denn um mich herum macht Paramaribo seinem Namen alle Ehre: »Stadt des Regenbogens« lautet eine der geläufigen Übersetzungen, und es scheint, als hätten die ersten Siedler das bunte Völkergemisch vorausgesehen, das hier später wandeln würde.

Dunkelhäutige Kreolen und Marrons, die Nachfahren ehemaliger afrikanischer Sklaven, beherrschen das Straßenbild. Immer wieder entdecke ich zwischen ihnen indischstämmige Vertreter.

Radfahrer in Paramaribo

Markus Grenz

Deutlich schmächtiger wirken die vielen Nachfahren der indonesischen Zuwanderer. Die Supermärkte scheinen allesamt in chinesischer Hand zu sein. Europäisch anmutende Passanten erinnern daran, dass ich mich in einer ehemaligen Kolonie der Niederlande befinde und dann sind da auch noch die indigenen Ureinwohner, die Amerindians. Hier, an der Nordküste Südamerikas, eingequetscht zwischen Gyana, French Guyana und Brasilien, ist tatsächlich die halbe Welt zu Hause. Um die 20 Sprachen werden hier gesprochen.

Architektur aus der Kolonialzeit prägt das Bild in der Hauptstadt

»Pas op«, herrscht mich ein Radfahrer in vertrautem Niederländisch an, weil ich beim Suchen nach der besten Fotoperspektive meine Augen mehr auf die beeindruckende Architektur der Hafenstadt lege als auf den spärlichen Straßenverkehr. Es ist aber auch schwer, seinen Blick von den langen Reihen der Herrenhäuser zu lösen, die in der Nachbarschaft der »Waterkant« die Kolonialzeit, den Beginn der Selbstständigkeit in den 1970er-Jahren, die Diktatur der 1980er-Jahre bis hin zur gegenwärtigen Demokratie überdauert haben.

Stolz brüsten sich die weißen Holzhäuser mit ihren Säulen und prachtvollen Veranden. Die hohen Fenster erinnern mehr an das rund 7.500 Kilometer entfernte Amsterdam als an den nahen Urwald. Hunderte dieser Prachtbauten aus Zedernholz oder Mahagoni lassen im Hafenviertel die Zeit wieder aufleben, als sich die Europäer in ganz Südamerika prächtige Verwaltungsviertel bauten. Und wie so oft in den Tropen, haben Zahn der Zeit und Luftfeuchtigkeit mächtig an der Substanz genagt. Nur ein kleinerer Teil von ihnen erstrahlt in frischer Tünche. Abseits der repräsentativen Wassernähe blättert die Farbe von den
Bohlen wie die verbrauchte Schminke vom Gesicht einer gealterten Schönheit.

Paramaribo Volksmuziekschool

Markus Grenz

Die Unesco hat die historische Altstadt im Jahr 2002 zum Weltkulturerbe ernannt. Doch die innere City ist kein Museum. Noch nicht einmal am Sonntagmorgen. Dann erschallt in aller Frühe ein Gezwitscher, dass sich der Besucher eher im Urwald wähnt als auf dem Unabhängigkeitsplatz. Galt im Ruhrgebiet lange Zeit die Taube als das »Rennpferd des Bergmanns«, so heißen die gefiederten Sportler der Surinamer Twatwa, Picolet oder Rowtie.

»Die Songbird Competitions sind in Surinam Volkssport. In fast jedem Haus findet man irgendwo einen Vogelkäfig«, berichtet Zaid Lalmahomed, einer der Organisatoren dieses Spektakels.

Das große Vogel-Wettkampf-Spektakel

Gerade hat er noch als Kampfrichter hochkonzentriert fein säuberliche Striche auf eine Tafel gemalt, für jedes Tschilpen einen. Denn bei den Songbirds geht es nicht um Bestzeiten, sondern um die reine Quantität. Angetreten wird eins gegen eins, zwischen den Lauten muss eine deutlich vernehmbare Pause sein, der fleißigste Sänger gewinnt, so das einfache Prinzip. »So einfach ist das nicht«, antwortet Zaid auf meine Bemerkung. »Die Vögel werden gehegt und gepflegt, und das kostet viel Zeit. Um sie auf den Ort vorzubereiten, bringen wir sie in den Wochen vor dem Wettkampf mehrfach vorbei«, erklärt mir der passionierte Vogelsportler.

Ringrichter während eines Vogelwettbewerbs in Surinam

Markus Grenz

Er selbst hütet viele der Tierchen. Seinen ganzen Stolz, »Neymar«, hat er heute mit dabei. Noch erfolgreicher als der brasilianische Fußballstar, hat er nur einen Wettbewerb in drei Jahren verloren. Zwar hinkt er den 200 Millionen Euro Ablösesumme hinterher, die beim letzten Wechsel des Kickers fällig wurde. Doch um die 10.000 Surinam-Dollar, immerhin rund 1.500 Euro, sind in diesem Land eine ziemlich beträchtliche Summe. Ein hoher Preis für den Nervenkitzel und die Tierliebe.

Sogar in der Hauptstadt ist der Dschungel zu Hause

Doch das ist eigentlich kein Wunder, denn in diesem Land leben die Menschen fast überall in der Natur. Sogar im nördlichen Paramaribo gibt es noch drei Dschungelabschnitte. Und macht sich der Besucher in den Süden auf, werden die Wälder schnell dichter und dichter. Wir befinden uns nun rund 100 Kilometer südlich der Atlantikküste, und während wir mit unserem Boot langsam durch das Wasser schippern, beobachtet uns ein roter Ibis aufmerksam von seinem Ast aus.

Der Brokopondo-See, offiziell auch W. J. van Blomstein-See genannt, ist die größte Wasserfläche des Landes. Gemächlich passieren wir knochige Baumstämme, die wie erhobene Zeigefinger ein lange zurückliegendes Unglück anmahnen. Es ist eine einzigartige Atmosphäre, in die wir hier eintauchen. Die bewaldeten Ufer liegen im Dunst, und über unseren Köpfen ziehen ein paar Wölkchen durch den blassblauen Himmel. Unsichtbar unter uns liegen die Zeugen der Vergangenheit. Denn als die Regierung und die amerikanische Alcoa (Aluminium Company of America) im Jahr 1958 vereinbarten, für die Versorgung des nahe gelegenen Bauxit-Werkes mit Strom den Surinam-River mit einem Damm aufzustauen, da war das Schicksal von rund 30 Marron-Dörfern besiegelt.

Mit dem Boot über den Fluss in Surinam

Markus Grenz

Mit einer Fläche von um die 1.500 Quadratkilometern fraß dieser Fortschritt ein riesiges Stück Land, der Brokopondo-Stausee gehört zu den 50 weltweit größten Wasserreservoiren. »5.000 Menschen mussten umgesiedelt werden«, erinnert unser Führer Hans Lucien Parana an die Zeit bis 1965, als das Kraftwerk erstmals ans Netz ging. Bis zuletzt harrten viele von ihnen aus, mussten zum Teil spektakulär mit Booten evakuiert werden. »Für viele war es schwer, sie mussten ihre Heimat und ihre Vorfahren verlassen, die hier immer noch auf den Friedhöfen ruhen. Weil es zu aufwendig war, wurde nicht einmal der Dschungel gerodet«, erklärt Hans mit Blick auf die fast unzerstörbaren Hartholzstämme, die trotz Dasein im Wasser überlebt haben. Mittlerweile versorgt der See die Hauptstadt Paramaribo mit Strom.

Inselparadies, um die Natur zu genießen

Langsam steuert unser Bootsmann auf zwei winzige Eilande zu, die wirken, als habe die Welt sie vergessen. Sauber geschnittene Rasenflächen, vereinzelte Bäume, ein paar Holzbauten, das reicht hier zum Glücklichsein. »Es begann alles als Hobby. Und dann wurde es zu einem sehr teuren Hobby«, erklärt mir die Besitzerin Noldei Healy, nachdem ich mein Gepäck in meiner Schlafstelle im Gemeinschaftssaal verstaut habe. Denn bei Noldei Healy werden die Bedürfnisse auf das Wesentliche reduziert. »Hier genießt man die Natur und die Stille, geht angeln, spazieren oder liest ein Buch, und in der Nacht beobachtet man am Lagerfeuer einen spektakulären Sternenhimmel. Aktive Besucher benutzen auch gerne unsere Kanus, um auf dem See herumzufahren«, fasst sie ihr persönliches Paradies zusammen, das sie passenderweise gleich Paradise 1 und 2 genannt hat.

Bootstour in Surinam

Markus Grenz

Vor der Flut waren die Inselchen noch die Spitzen von zwei Hügeln. Doch als das Wasser mehr und mehr stieg und der Brokopondo-See für Angler immer attraktiver wurde, baute sich ihr Bruder hier einen Fishing-Hot-Spot für Gäste. Vor neun Jahren übernahm die Schwester, sie führt einige Boutiquen in Paramaribo, das Familien-Hobby. »Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mal zwei Inseln besitzen würde«, sagt sie. Wichtig ist ihr, das exklusive Vergnügen der Abgeschiedenheit unbedingt zu bewahren, sie lässt nie zwei Gruppen gleichzeitig auf eine Insel.

»Je häufiger man kommt, desto mehr liebt man es«, ist sie überzeugt. Noldei Healy gehört, wie andere Einheimische auch, zu den Pionieren, was den Tourismus angeht.

Aus Deutschland verirrten sich im Jahr 2016 gerade einmal knapp 1.200 Besucher in dies unentdeckte Land, das immerhin vier Mal größer ist als die Niederlande. Aber in dem mit rund 540.000 Einwohnern gerade einmal so viele Menschen leben wie in Dresden. 90 Prozent Surinams sind von Urwald bedeckt – damit ist das Land Weltspitze.

Das Leben spielt sich auf dem Surinam River ab

Dass südlich des Stausees, und der liegt geografisch im oberen Drittel, nur noch Dschungel kommt, erlebe ich auf der nächsten Etappe. Wir sind wieder unterwegs auf dem Surinam River, einer der großen Lebensadern des Landes. Zwar gibt es hier auch noch einige Straßen, aber das Leben spielt sich auf dem Wasser ab. In gemächlichem Tempo geht es vorbei am saftigen Dickicht, das so aussieht, als würde am Ufer ein grüner Wasserfall sprudeln. Gewaltige Baumriesen überschauen mit ihren prächtigen Kronen die Szenerie, und ab und an kündet die Kakophonie der Geräusche, die vom Ufer zu uns hinüber tönt, vom überbordenden Leben an Land.

Immer wieder begegnen uns Wassertaxis oder kleine Transportboote, die die nötigsten Waren in die Dörfer am Fluss transportieren. »Wir sind hier im Marron-Land«, erklärt mir unser Führer Hans. Noch vor dem offiziellen Ende der Sklaverei 1863 waren viele der zum großen Teil aus Westafrika verschleppten Sklaven in den urwüchsigen Süden geflohen. Immer wieder passieren wir kleine Dörfer, schauen den nackten Kindern beim Planschen zu und beobachten die Mütter, wie sie Wäsche im braun-grünen Fluss waschen. Eine Horde Mädchen und Jungen in Uniform stürmt aus einem schlichten Schulgebäude. Und am Ufer wirft uns ein alter Mann mit Angelrute einen finsteren Blick hinterher, weil wir ihm die Fische vertreiben.

Naturparadies Surinam

Markus Grenz

Wir passieren kleine Flussinseln, bis wir schließlich an einer anlegen. Wir sind am Ziel. »Die Danpaati River Lodge wurde im Jahr 2002 erbaut«, erklärt uns Besitzer Sireno Zelmen, nachdem wir uns mit frischem Mangosaft und einer köstlichen Essbanane mit Erdnuss-Sauce gestärkt haben. Zu seinem Engagement auf der Insel (»Paati«) war der Sohn eines Ureinwohners und einer Niederländerin eher unfreiwillig gekommen, denn der Eigentümer ist der Fremdenführer und studierte Fotograf nicht. Die nur 450 Meter breite und 750 Meter lange Insel gehört dem benachbarten Marron-Dorf Dan (»Stromschnellen«), der Bau der Lodge war seinerzeit ein Strukturhilfe-Projekt, damit Geld in die unterentwickelte Region gespült wird und Gesundheitshilfe und Bildung vor Ort weiter ausgebaut werden können.

Die Lodge als zuverlässige Einnahmequelle

Doch die Mentalitätsunterschiede zwischen den einheimischen Eigentümern und dem örtlichen Personal auf der einen sowie den engagierten niederländischen Tourismusprofis auf der anderen Seite ließen sich niemals überbrücken. Sireno war die letzte Chance für das darbende Geschäft, bevor es ganz an einen Investor abgegeben worden wäre. Und so übernahm er so etwas wie die Verwaltung des Ganzen. Schon vorher war er hier bei Hilfsprojekten aktiv, kennt die einheimischen Saramacca, einen Stamm der Marron, sehr gut.

»Da war so viel Potenzial! Ich habe ihnen hier freie Hand gelassen, und innerhalb eines Jahres war es eine völlig andere Lodge«, freut er sich über das Geschäft, von dem er selbst eigentlich nicht viel mehr als Arbeit hat.

Er betreibt weiterhin sein eigenes Tourismusgeschäft im Norden des Landes, kommt nur alle paar Wochen im Kanu vorbei. Wie wichtig eine zuverlässige Einnahmequelle für die rund 300 Dorfbewohner ist, sehe ich, als ich am kommenden Tag mit dem Boot übersetze.

Nahe dem Ufer stoßen wir auf einen großen Versammlungsbau mit Bibliothek, kleiner Bühne und einer Ecke für Filmvorführungen, den es ohne die Lodge nicht gäbe. Nach zehn Minuten stehe ich rund 500 Meter weit entfernt zwischen verstreut gebauten Holzhütten.

Dorf in Surinam

Markus Grenz

Kaum eine Menschenseele begegnet dem Besucher hier. Die jüngeren Männer sind in Paramaribo oder verdingen sich als Jäger, Fischer, Feldarbeiter, Goldsucher oder Holzfäller. So oder so ist das Leben karg und ursprünglich, Selbstversorgung wird großgeschrieben.

Große Hoffnungen ruhen auf dem Öko-Tourismus

»Das Cassaba-Brot gehört zu den wichtigsten Nahrungsmitteln«, erklärt uns unser Führer Hans, während wir einer Dorfbewohnerin dabei zuschauen, wie sie helle Knollen abschabt und die weiße Pampe in eine Art Rüssel, einen Matapi, presst und ihn an einen Baum hängt. »So kann der giftige Saft vor dem Backen herauslaufen«, erläutert Hans und grinst. Denn diese Technik haben die Marrons seinen Vorfahren, den Amerindians, abgeschaut. Die kochen zusätzlich noch aus dem ehemals unbekömmlichen Sud eine wohlschmeckende Suppe.

»Geld brauchen wir hier am meisten«, sagt auch der Dorf-Captain Canel Quadjani. 1939 geboren, hat er hier auch andere Zeiten erlebt. »Früher hatte man sich immer im Gegenzug geholfen. Aber heute wird eben nach Geld gefragt«, berichtet er vom Wandel. Aber eines, da ist er sich sicher, werde die Gemeinschaft niemals zulassen. »Das Goldsuchen ruiniert das Wasser und schadet dem Dschungel. Wir brauchen die Natur, um zu überleben.« Auf dem Öko-Tourismus, da ruhen hier viele Hoffnungen. Und dass viele Menschen dies unentdeckte Land kennenlernen wollen.

Die Suriname Tourism Foundation unterhält keine Außenstellen in Deutschland. Informationen gibt es in englischer Sprache im Internet. Erreichen können Interessierte das Büro mit Sitz in der Hauptstadt Paramaribo per E-Mail an: info@surinametourism.sr

Anreise. Von Deutschland aus gibt es keine Direktflüge nach Surinam. Die staatliche Suriname Air bietet täglich außer dienstags und donnerstags einen Direktflug von Amsterdam in die Hauptstadt Paramaribo an.

Veranstalter. Der Reiseveranstalter Reisen mit Sinnen mit Sitz in Dortmund hat organisierte Reisen nach Surinam im Angebot. Reisen mit Sinnen. Pardon/Heider Touristik GmbH. Erfurter Straße 23. 44143 Dortmund.
Tel. 0231 58 97 92 13. Kontakt per E-Mail: lateinamerika@reisenmitsinnen.de

Den reisen-EXCLUSIV-Guide gibt’s hier.

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