Rasanter Fortschritt oder entschleunigtes Naturerlebnis? Die Insel Taiwan hält für den »Chang Bi« beides parat. Text: Markus Grenz

Wo liegt eigentlich die »Ilha Formosa«? Etwa bei den Azoren? Oder vielleicht vor der Küste Brasiliens? Alles falsch. Auf der Landkarte des Welttourismus spielt die »Schöne Insel«, wie sie portugiesische Entdecker nannten, jedenfalls keine große Rolle. Dabei finden die »Chang Bi« (Langnasen) auf Taiwan einen fernöstlichen Reigen aus rasantem Fortschritt und formidablem Naturerlebnis.

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Taipeh – Eine der modernsten Metropolen Asiens

Mit 16 Metern pro Sekunde schieße ich butterweich und, dank künstlichem Druckausgleich unmerklich, in die Höhe. Die glitzernde Decke lässt mich an eine Diskothek denken. Doch das nur recht kurz, denn schon nach 36 Sekunden bin ich im 89. Stock angelangt. Vor ein paar Jahren war dies noch der Weltrekord im »Fahrstuhlsprint«. Zwei Etagen muss ich noch – deutlich gemächlicher – zu Fuß absolvieren, dann bläst mir der Wind um die Ohren. Über mir wächst das »Taipei 101«, zweithöchster Wolkenkratzer der Welt, noch zehn Stockwerke weiter bis auf gigantische 503 Meter.

Doch der Blick von dem Vierhundert-Meter-Ausguck auf das Sinnbild Taiwans, nämlich den Mix aus glitzernder Moderne und Tradition im Pagodendesign, reichen mir vollkommen aus. Tief unter mir breitet sich die 2,6-Millionen-Stadt Taipeh wie ein Meer aus Legosteinen aus. Es ist ein dicht gewebtes Patchwork aus roten, weißen oder braunen Dächern und Perlenschnüren von Hochhäusern, die von hier oben ganz klein wirken. Ich beschließe, meine Finger noch direkter an den Puls der Stadt zu legen, die eine der modernsten Metropolen Asiens ist.

Eine Welt für die Jugend

Das klappt am besten dort, wo das junge Blut am stärksten fließt. Rund um den »Ximending Circle«, ausgerechnet in Taipeis »Old Town«, haben clevere Investoren, hippe Designer und zukunftsaffine Stadtplaner eine Welt für die Jugend geschaffen. Von einer »alten Stadt« kann hier keine Rede sein. Um mich herum leuchten großformatige Plasma-Bildschirme, zahllose Modeshops mit grellem Ambiente und dem letzten Schrei in Sachen Fernost-Coolness. Und auf dem Pflaster zwischen den Häuserschluchten sorgt ein Breakdancer-Duo für die Unterhaltung von mehr als hundert Teens. In der Hauptstadt der »Republik China«, wie die Insel heute noch offiziell heißt, ist man auf jeden Fall näher an Japan oder Korea als am großen Bruder China. Doch das ist nicht überall so.

Die Hafenstadt Lukang

Knapp zweieinhalb Stunden mit dem Auto entfernt, im südlich gelegenen Lukang, sieht die Inselwelt schon ganz anders aus. Während um mich herum ein unaufhörliches Durcheinander von Fußgängern, knatternden Motorrollern, Verkäufern mit glänzenden Plastikluftballons, Radfahrern und Sonnenschirmträgern herrscht, wähne ich mich mitten in einer chinesischen Provinzstadt. Die zeitgenössische Mode ist einer unauffälligen Gebrauchskleidung gewichen. Liebevoll haben die Hausbesitzer ihre zweistöckigen Betonschachteln mit den typischen roten Lampions, bunten Tafeln mit »Hanzi«-Schriftzeichen und knalligen Sonnenschirmen geschmückt. Auf dem digitalen Bord über dem Portal des örtlichen Tempels leuchtet mir die Uhrzeit des nächsten Gottesdienstes entgegen. Zwei chinesische Drachen haben ihre fauchenden Köpfe auf dem Pagodendach zueinander gedreht und wachen über die schlurfenden Besucher. Diese haben Plastiktüten voller Obst, Kekse oder Blumen mitgebracht. Erstaunlich, worauf die Hausherrin »Matzu« so alles Appetit hat. Sinnigerweise ist sie eine Meeresgöttin, schließlich war Lukang einmal der wichtigste Hafen an der Westküste, der jedoch seit der japanischen Besetzung geschlossen ist. Den heutigen Besuchern steht der Sinn im Hafen eher nach Wassersport.

drachenbootrennen in Taiwan

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Alljährlich rudern hier am fünften Tag im fünften Monat des Mondkalenders, meist also unser Juni, die Drachenboote um die Wette. Rund einen Kilometer müssen die 16 Männer oder Frauen in ihren schlanken farbenfrohen Booten mit den angriffslustigen Drachenköpfen voraus auf dem Wasser zurücklegen, bevor die Sieger feststehen. Angetrieben vom Einheizer am Bug mit mächtiger Trommel, stechen sie die Ruder ins Wasser, als ginge es um den Wettstreit zwischen Oxford und Cambridge. Aufmerksam beobachtet werden sie dabei von Tausenden Besuchern und den elektronischen Augen der Kameras am Ufer. Natürlich darf das Fernsehen bei so einem Ereignis in Taiwan nicht fehlen. Währenddessen drängeln sich Mann, Frau und Kind durch den »Amüsiertunnel«, eine mit Planen überdachte Vergnügungs- und Fressmeile parallel der Rennstrecke.

Hier gibt es alles, was das taiwanesische Herz am Vergnügungswochenende so begehrt. In quietschbunten Limonaden stecken grelle Strohhalme, und bergeweise stapeln sich die »Dim Sums«, die gedämpften Teigtaschen. Die abstrusesten Spielgeräte, vom flipperähnlichen Kugelspiel aus blaugelbem Plastik bis zum Acrylglaskasten, aus dem die Kinder mit elektrischen Greifern richtige Fische angeln, rattern und quietschen, was das Material hergibt. Für Trubel am Wochenende, und da stehen die Taiwanesen den »Festlandchinesen« in nichts nach, ist man hierzulande immer zu begeistern.

Sun-Moon-Lake in Taiwan

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Die Natur? Wunderschön!

Und auch das ist auf dieser Insel der kontrastreichen Kulturen und Landschaften nur eine Momentaufnahme. Wer Ruhe und Naturerlebnis sucht, findet beides ganz leicht. Schließlich durchzieht eine oftmals menschenleere bewaldete Gebirgskette das Land. Auf einem Plateau zwischen dem nördlichen und dem zentralen Bergland, nahe der geografischen Mitte Taiwans, glitzert der Sonne-Mond-See, umrahmt von einer prallen grünen Pflanzenwelt, leuchtenden Tempeln und grazilen Pagoden. Wenn die Morgen- und die Abenddämmerung das Wasser in Rot und Orange einfärben und der Nebel sanft auf den Hängen liegt, wähnt man sich in einem klassisch-kitschigen Liebesfilm aus China. Kein Wunder, dass am größten See des Landes nicht nur die beliebteste Honeymoon-Suite zu finden ist. Der See ist zudem der Favorit unter den Ausflugszielen auf Taiwan. Lässt sich der durchschnittliche einheimische Urlauber am liebs­ten mit dem Kleinbus von Tempel zu Tempel entlang des Ufers fahren, um sich davor fotografieren zu lassen, wähle ich mir ein umweltfreundliches Fortbewegungsmittel.

Die Bräute sorgen für weiße Kleckse in der grünen Landschaft

Dass die taiwanesischen Mountainbikes zu den besten der Welt gehören, will ich einmal am eigenen Leib erfahren, und ausgerüstet mit einem silbern blitzenden Drahtesel der Marke »Giant«, einer Karte und einer vollen Wasserflasche mache ich mich auf den Weg. Gigantisch ist die 33-Kilometer-Strecke rund um den mehr als elf Quadratkilometer großen See nicht gerade, dennoch reicht mir auch eine kürzere Tour auf der grünen Berg- und Talbahn. Über Schotterwege und Holzbrücken radle ich entlang des Ufers. Immer wieder fällt mein Blick auf weiße Kleckse in der grünen Landschaft. In bauschigen Prinzessinnen-Kleidchen posieren hier die frisch vermählten Damen mit ihren Liebsten vor der malerischen Kulisse für das Hochzeitsalbum. Schnell bin ich über den mitgeführten Durstlöscher froh, denn auch mit einem federleichten Rad und schnurrender Gangschaltung ist der Ausflug ganz schön schweißtreibend. Angesichts der hügeligen Szenerie vergisst man schnell, dass man sich am Sonne-Mond-See nicht weit entfernt vom Wendekreis des Krebses aufhält, der die Insel in Tropen und Subtropen teilt. Es ist heiß. Auch nachdem der Durst gelöscht ist, kann ich mich vom Anblick nicht recht losreißen. Über die klare Wasseroberfläche bewegen sich mit aller Gelassenheit die Kanus, Paddel- und Tretboote. Und zum ersten Mal auf dieser Reise empfinde ich, was die langsame Seite des Landes für den Besucher parat hält: das Gefühl der Ruhe.

Anreise. Den einzigen Nonstop-Flug in Taiwans Hauptstadt Taipei kann man bei China Airlines buchen. Jeden Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag starten die Maschinen in Frankfurt a. M.

Info. Taipei Tourismus Büro, Rheinstraße 29, 60325 Frankfurt a. M. Information unter Tel.: 069 61 07 43 oder im Internet unter www.taiwantourismus.de

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