Reisen kann wunderbar sein. Oder anstrengend wie ein Samstag im Möbelhaus. Zwischen Warteschlangen, Fotopunkten und permanentem Grundrauschen geht oft verloren, worum es eigentlich geht: das Gefühl, wirklich weg zu sein. Genau dafür gibt es Orte, die nicht um Aufmerksamkeit kämpfen. Sie liegen abseits, bleiben gelassen und schenken genau das, was vielerorts Mangelware ist: Platz. Für Gedanken, für Schritte, für Pausen. Diese neun Ziele in den Alpen und Europa sind keine Geheimnisse im klassischen Sinn, eher bewusste Umwege und genau deshalb so wohltuend.
St. Anton am Arlberg: Die stille Rückseite des Skirummels
Unten am Bahnhof rollen Züge ein, oben in den Hochtälern herrscht überraschende, wohltuende Funkstille. Wer sich von den bekannten Namen löst, steht plötzlich allein auf schmalen Pfaden, hört Kuhglocken statt Gondelrauschen und blickt auf Gletscherseen, die selbst im Hochsommer eiskalt bleiben. Eine E-Bike-&-Hike-Tour durchs Verwalltal zur Konstanzer Hütte fühlt sich an wie eine sanfte Flucht aus der Zivilisation, spätestens am Schottensee wird klar: Hier diktiert die Natur den Tagesplan. In St. Anton am Arlberg haben Urlauber noch das Gefühl, etwas entdeckt zu haben. Eben Urlaub abseits der Touristenmassen.

Foto: TVB St. Anton am Arlberg/Fotograf Patrick Bätz
Splüi von Foroglio, Tessin: Steinreich und herrlich still
Im Val Bavona im Tessin wirkt alles entschleunigt, sogar die Anreise. Der Empfang wird schwächer, die Landschaft zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. In Foroglio bleibt der Blick zuerst am Wasserfall hängen, dann an den in den Fels geschobenen Steinhäusern. Die Splüi scheinen sich vor der Natur zu verbeugen.

Foto: Ticino Turismo
Der Weg dorthin führt durch kühle Schluchten und über moosige Steine. Oben angekommen, sitzen Ruhesuchende auf warmem Felsen, schauen ins Tal und fragen sich, warum Eile jemals wichtig war.
Kristeinertal, Osttirol: Ein Tal mit Pausentaste
Hier gibt es keine Abkürzungen und genau das ist der Reiz. Zwischen Mittewald und den Villgrater Bergen öffnet sich ein breiter Talboden, durchzogen von Bächen und umrahmt von Lärchenwäldern. Der Wasserfallpfad führt nah ans tosende Wasser heran, Holzstege wechseln sich mit schmalen Waldwegen ab. Die Aussichtsplattformen haben Wanderer für sich allein, weil kaum vorbeikommt. Später auf der Gölbnerblickhütte schmeckt die Jause nach Bewegung und frischer Luft doppelt gut. Nicht erst auf einen Platz warten zu müssen, ist ein schöner Begleiteffekt. Im Kristeinertal in Osttirol urlauben Ruhensuchende abseits der Touristenmassen.

Foto: erwin-haiden-nyx.at
Tiroler Lechtal: Die Kunst des Weglassens
Abseits von Verkehr, Hotelkulissen und Seilbahnen liegen im Tiroler Lechtal vier stille Seitentäler, eingebettet zwischen den Gipfeln der Lechtaler und Allgäuer Alpen. Gramais, Hinterhornbach, Pfafflar und Kaisers wirken wie bewusst gewählte Rückzugsorte. Auf über 1.100 Metern bleibt die Luft frisch, der Sommer angenehm mild, was besonders empfindliche Nasen und hitzemüde Köpfe schätzen.

Foto: Verein Lechweg/Gerhard Eisenschink
Das eigentliche Herz der Region schlägt in den klaren Bächen der Seitentäler. Otterbach, Hornbach, Streimbach und Kaiserbach fließen ungefiltert ins Tal und machen Abkühlung zur Naturerfahrung. Pools braucht es hier nicht, die Kneippkur erledigt der Bergbach selbst.
Roter Hahn, Südtirol: Urlaub mit Kuhglocken-Soundtrack
Auf den Bergbauernhöfen des Südtiroler Qualitätssiegels »Roter Hahn« bestimmt die Natur den Takt. Hoch über dem Tal begleiten Vogelrufe, Kuhglocken und das Rauschen des Windes den Tag. Ab etwa 1.500 Metern fühlt sich die Welt weit weg an, der Alltag bleibt unten. Steile Hänge erlauben kaum Maschineneinsatz, hier zählt Handarbeit und genau das macht den bäuerlichen Alltag so ursprünglich. Viele Höfe versorgen sich selbst, frische Eier, Milch oder Käse kommen direkt vom Hof. Wenige Wohnungen und Zimmer sorgen dafür, dass Ruhe kein Versprechen bleibt, sondern Realität ist.

Foto: Roter Hahn/Frieder Blickle
Füssen, Allgäu: Märchenkönig ohne Menschenmenge
Die Landschaft rund um Füssen war für Ludwig II. weit mehr als schöne Kulisse. Die stillen Wege zwischen Seen, Almen und Gipfeln dienten dem Märchenkönig als Rückzugsorte, fern von Politik und höfischem Pflichtprogramm. Kein Zufall also, dass Neuschwanstein genau hier entstand. Doch Neuschwanstein kennt die Welt, die stillen Pfade drum herum kennen die Wenigsten. Genau dort liegt der Reiz. Auf den Spuren Ludwigs II. geht es durch Täler, Wälder und auf Aussichtspunkte, die mit Beschaulichkeit beeindrucken. Majestätisch, aber ohne Massenauflauf.

Foto: Füssen Tourismus und Marketing/David Terrey
Brünn, Tschechien: Entspannt statt überlaufen
Brünn ist die entspannte Antwort auf überfüllte Städtereisen. Während Prag Besucher magisch anzieht, bleibt Tschechiens zweitgrößte Stadt angenehm bei sich. Geschichte und Gegenwart greifen hier locker ineinander, Jugendstil und Funktionalismus prägen das Stadtbild rund um die Villa Tugendhat, Cafés treffen auf eine kreative Barszene.

Foto: TIC Brno
Über der Stadt wacht die Burg Špilberk, darunter läuft das Leben international, aber ohne Großstadtstress. Dank kurzer Wege, vieler Grünflächen und der traditionsreichen Weinkultur im Umland eignet sich Brünn perfekt für alle, die Kultur und Genuss schätzen und dabei lieber entdecken als abhaken.
Bad Reichenhall: Vom Stadtzentrum direkt ins Schweigen
Dass eine Wanderung mitten in der Stadt beginnt, ist selten, in Bad Reichenhall jedoch ganz selbstverständlich. Von der belebten Fußgängerzone sind es nur wenige Schritte bis zur Saalach und weiter in die stille Nonner Au. Anfangs begegnet man noch Spaziergängern, hinter der Fischzucht jedoch übernimmt die Ruhe. Der Weg schlängelt sich durch Wald und Auenlandschaft bis zum idyllischen Listsee. Die Stille passt zum Gesundheitsgedanken der Kurstadt, denn aus dem klaren Wasser der Umgebung stammen Mineral- und Trinkwasser. Der Rundweg schließt sich stilvoll am Königlichen Kurhaus.

Foto: Bad Reichenhall Tourismus und Stadtmarketing
Lechweg: Weitwandern ohne Wettkampf
Der Lechweg misst sich nicht an Rekorden und genau darin liegt seine Stärke. Auf der 125 Kilometer langen Weitwanderung zwischen Österreich und Deutschland geht es nicht um Höhenmeter, sondern um Nähe zur Natur. Der Weg folgt konsequent dem Wildfluss Lech, startet eindrucksvoll am türkisfarbenen Formarinsee oberhalb von Lech am Arlberg und zieht sich durch das ursprüngliche Quellgebiet bis nach Warth.

Foto: Verein Lechweg/Fabian Heinz
Murmeltiere pfeifen, Gämsen kreuzen den Pfad, Adler ziehen ihre Kreise. Im Tiroler Lechtal spannt sich bei Holzgau die Hängebrücke über die Höhenbachschlucht, später öffnet sich mit der Pflacher Au bei Reutte ein Paradies für Wasservögel. Den Schlusspunkt setzt der Lechfall in Füssen, laut, lebendig und ein würdiges Finale.
