Es gibt Reisen, nach denen die Erinnerungsbilder sich komisch anfühlen. Nicht falsch, aber irgendwie fremd. Als hätte das Gehirn sie irgendwo zwischen »das war real« und »das muss ein Traum gewesen sein« abgelegt, aber sich noch nicht ganz entschieden. An diesen Orten macht die Erde einfach, was sie will. Und das ziemlich konsequent.
Wie sieht es in der Danakil-Senke in Äthiopien aus?
Die Danakil-Senke im Nordosten Äthiopiens ist kein Reiseziel, das sich unmittelbar nach Entspannung anfühlt. Das sollte von Anfang an klar sein. Jahresdurchschnittstemperaturen über 35 Grad Celsius, dabei aber auch Spitzenwerte von bis zu 60 Grad und toxische Schwefeldämpfe klingen nicht gerade einladend. Das Ganze dann noch in einer Gegend, wo gleich drei tektonische Platten auseinander driften wie frustrierte Mitbewohner nach einem langen Winter. Das Ergebnis dieses fast schon dystopischen Naturkinos heißt »Dallol«: leuchtend gelbe, giftgrüne und orangefarbene Tümpel, aus denen Dampf steigt, als würde der Untergrund aktiv kochen. Dazu bizarre Salz- und Mineralformationen drum herum, in der Luft liegt der Geruch nach Schwefel.
Wissenschaftler nutzen die Region übrigens tatsächlich als Modell für mögliche Umgebungen auf anderen Planeten. Im wahrsten Sinne das Wortes. Die Bedingungen sind so lebensfeindlich, dass hier getestet wird, ob Leben unter ähnlichen Verhältnissen woanders im Universum überhaupt möglich wäre. Wer außerdem in den aktiven Lavasee des Vulkans Erta Ale schaut, sieht geschmolzenes Gestein, das seit Jahrzehnten vor sich hin blubbert. Für einen Augenblick lässt sich die Erde hier unter die Haube blicken. Und da brodelt es. Erklärt sich fast von selbst, aber dennoch: Einen Besuch ohne erfahrene lokale Guides und gut ausgerüstete Expeditionsausrüstung sollte niemand angehen.
Warum wurden so viele Marsfilme in Jordanien gedreht?
Wadi Rum heißt offiziell »Tal des Mondes«. Ein Apollo-15-Astronaut soll mal die Ähnlichkeit mit der Mondoberfläche persönlich bestätigt haben. Ridley Scott drehte hier »Der Marsianer«. Und wer einmal zwischen den rostroten Sandflächen und den gewaltigen Sandstein- und Granitformationen steht, die der Wind in Jahrtausenden zu bizarren Felsen geformt hat, weiß auch warum.
Die Kombination aus Weite, Stille und Licht lässt die charakteristischen Felsen in Jordanien je nach Tageszeit komplett anders aussehen. Morgens kühl und blass, mittags fast aggressiv rot und abends wie eine Szene aus einem Film, der in einer ganz anderen Welt spielt.
Nachts dreht das Ganze nochmal auf. Trockene Luft, kaum Lichtverschmutzung, ein freier Horizont und schon wirkt der Sternenhimmel so nah, dass er fast zu viel für die Augen wird. In einem Beduinencamp schlafen, Lagerfeuer, Tee, ringsum Fels und Dunkelheit: Das ist eine Art Weltraumgefühl, für das keine Rakete nötig ist. Nur etwas Geduld, dann hört das Gehirn auf, die Umgebung einzusortieren und der Entspannungsmodus kann einsetzen.
Was macht Kappadokien so surreal, wenn Heißluftballons aufsteigen?
Kappadokien sieht schon tagsüber aus wie etwas, das so eigentlich nicht existieren sollte. Tuffsteinkegel, in die über Jahrhunderte Türen und Fenster gehauen wurden, als hätten die Menschen irgendwann beschlossen, einfach direkt in den Fels zu ziehen. Was, ehrlich gesagt, keine schlechte Idee war. Die Natur hat hier ganze Arbeit geleistet und sich dabei offensichtlich nicht groß um Konventionen gekümmert.
Das eigentliche Erlebnis passiert kurz nach Sonnenaufgang. Wenn Dutzende Heißluftballons gleichzeitig über den Felskegeln aufsteigen und das frühe Morgenlicht alles in Pastellrosa und Beige taucht, greift die Hand zunächst fast automatisch zum Handy und hält dann doch inne. Weil es live einfach besser ist. Aus dem Ballonkorb heraus sowieso. Aber auch von unten, von einem der Aussichtspunkte rund ums Love Valley, reicht der Anblick völlig aus, um kurz die Orientierung zu verlieren. Wer es ohne Gedränge mag: früher Hike, eigener Aussichtspunkt, Ballons aufsteigen sehen in Ruhe. Funktioniert genauso.
Den schönsten Ort in ganz Kappadokien verrät Redakteurin Marie.
Warum sehen die Berge im Zhangye Danxia Nationalpark aus wie ein Gemälde?
Beim Anblick von Zhangye Danxia in der chinesischen Provinz Gansu kneifen Besucher im ersten Moment kurz die Augen zusammen. Kann das wirklich echt sein? Berge in Streifen aus Rot, Gelb, Orange, Violett und Grau, als hätte jemand Millionen Jahre Zeit gehabt, eine fremde Welt in Regenbogenfarben anzupinseln. Hatte die Natur hier auch. Sedimentschichten mit unterschiedlichen Mineralien, abgelagert, gefaltet, erodiert und schon sieht das Ergebnis aus wie von Bob Ross gemalt.
»Danxia« bedeutet übrigens »rote Wolken«. In Zhangye kommen aber gleich mehrere Farbschichten übereinander vor, was den Namen ein bisschen untertrieben klingen lässt.
Das beste Licht gibt es am späten Nachmittag, wenn die Sonne von der Seite auf die Hügelzüge fällt und die Streifen anfangen zu glühen. Von den Aussichtspunkten und Stegen aus fühlt es sich an, als würde die Landschaft kurz extra für einen aufdrehen. Was sie natürlich nicht tut. Hat sie gar nicht nötig.
Was macht die Atacama zur besten Sternwarte ohne Dach?
Die Atacama gilt als trockenste Nicht-Polarwüste der Erde. Das Land weiß das zu nutzen: Einige der größten Observatorien der Welt stehen genau hier, weil kaum Niederschlag, saubere Luft und große Höhe zusammen etwas ergeben, das für Sternenbeobachtung schlicht konkurrenzlos ist.
Wenn nachts die Milchstraße über das Valle de la Luna aufgeht, reicht der Blick direkt in die unendlichen Weiten des Universums. Als wäre die schützende Schicht zwischen Erde und Kosmos einfach nicht da. Tagsüber erinnern die Fels- und Salzformationen des Tals an Mond oder Mars. Abends dann Liegestühle, Teleskope, Fachkundige, die erklären, was da oben gerade passiert. Und plötzlich ist ein ganz normaler Abend in der Wüste ein Open-Air-Planetarium. Nur halt echter.
Übrigens: Die Atamaca-Wüste ist einer der besten Orte auf dem ganzen Planeten, um den Nachthimmel zu beobachten.
Was passiert in der Salar de Uyuni, wenn es regnet?
Der Salar de Uyuni auf dem bolivianischen Altiplano ist mit über 10.000 Quadratkilometern die größte Salzwüste der Welt. Auf über 3.600 Metern Höhe endloses Weiß nach allen Seiten. Bis der Regen kommt.
Nach Regen wird die harte Salzkruste zum perfekten Spiegel, bei dem Himmel und Erde verschmelzen. Der Horizont löst sich auf. Wer darüber läuft, läuft scheinbar mitten durch die Wolken und das Gehirn, das eigentlich weiß, was oben und unten ist, gibt irgendwann einfach auf. Nachts, wenn sich die Milchstraße in der nassen Salzfläche spiegelt, entsteht das Gefühl, im Sternenfeld zu schweben. Fotos davon sehen aus wie bearbeitet. Sind sie aber nicht. Hier hat die Realität einfach beschlossen, sich keine Mühe mehr zu geben, realistisch auszusehen.
Alle sechs Orte haben gemeinsam, dass sie ganz kurz unser Vertrauen ins Aussehen der Erde erschüttern. Manchmal braucht es keine Rakete für das Gefühl, irgendwo etwas völlig Fremdem gegenüberzustehen. Manchmal reicht ein Flug nach Äthiopien. Oder nach Jordanien. Oder nach New Mexico, was zugegebenermaßen auch nicht gerade um die Ecke liegt.
Lust auf Kurzstrecke? Die besten Orte zum Sternebeobachten in Deutschland kennt unser Schwestermagazin funky GERMANY.








