Eigentlich sollte Redakteurin Marie auf den abenteuerlichen Azoren viel wandern und die immergrüne Natur erkunden. Doch es kam auf São Miguel, der größten der neun Inseln des portugiesischen Archipels, vieles anders als erwartet – vom Azorenhoch war nichts zu spüren. Oder doch – denn Koks war auch im Spiel. 

Meine Erkenntnis vorweg: Die Azoren sind wie ein ungeschliffener Diamant. Wir suchen ja oft auf Reisen das Authentische. Doch wenn wir das raue Unverfälschte finden, kann das im ersten Moment irritieren. So sehr sind wir an die weichen Filter gewöhnt, die nicht nur Fotos zugänglicher und wärmer machen, sondern auch die an internationale Touristen angepassten Erlebnisse vor Ort.

Delfine im Wasser vor der Azoreninsel São MIguel

Foto: Alexandr Lipov

Es ist der erste Morgen auf meiner Reise. Ich habe mit meiner Reisegruppe eine Verabredung in der gemütlichen Lobby meines Hotels, in das ich am späten Abend vorher eingecheckt habe. Es ist das Senhora da Rosa am Rande der Hauptstadt Ponta Delgada. Ein Haus mit einer unglaublichen und wunderschönen Geschichte. Dort treffen wir in der Lobby Gabriele Colleo. »Bom dia«, begrüßt er mich mit einem charmanten Lächeln und reicht mir die Hand. Der waschechte Insel- und Outdoor-Boy hat den Ausflugsveranstalter Azores Island Experience gegründet, wobei der Fokus hier klar auf Experiences liegt: Surfen in den Wellen am Praia Santa Bárbara, ein Gleitschirmflug über den Kratersee Lagoa do Fogo, Whale Watching oder schwimmen mit Delfinen. Abenteurern sind auf den Azoren zu Wasser und Luft keine Grenzen gesetzt.

Unberechenbares Wetter auf der Azoreninsel São Miguel

Doch wir bleiben heute mit den Füßen auf dem Boden, und ich kann Gabrieles leichte Enttäuschung darüber spüren. Geplant ist eine Streetart- und Architektur-Tour durch die schnuckelige Hauptstadt Ponta Delgada, um erstmal richtig auf der Insel anzukommen. Doch es gießt in Strömen. Also plant Gabriele kurzerhand um. Rein in den Van, überraschen lassen.

»Hier auf den Azoren kannst du dich nie auf das Wetter verlassen. Wir haben zwar ausgeprägte sehr milde Jahreszeiten, aber das heißt nichts. Es ist zu unberechenbar und zu lokal. Wir fahren jetzt von der Südküste an die Nordküste. Das sind zwar nur zehn Kilometer, aber da ist gerade ganz anderes Wetter«,

erklärt Gabriele in bestem Englisch. Die weißen, rustikalen Häusschen Ponta Delgadas rauschen am verregneten Fenster vorbei, dahinter grüne Hügel mit Kühen. Als wollte das Wetter uns seine Kraft beweisen, wird vor uns just die halbe Straße gesperrt, weil der viele Regen der Nacht eine Weide auf die Straße gespült hat.

Einblick in die Keramik-Fabrik Cerâmica Vieira

»Ich bringe euch nach Rabo de Peixe nahe meinem Heimatort. Denn dort ist etwas Unglaubliches passiert. Es hat mit einer Menge Kokain zu tun, vielleicht habt ihr ja schon von der Geschichte gehört«, Gabrieles Augen blitzen verschwörerisch auf. Dann biegt er auf einen Parkplatz. »Jetzt machen wir aber erst noch einen kurzen Stopp in der Keramik-Fabrik. Denn die hat hier auf der Insel eine lange Tradition,« spannt Gabriele uns auf die Folter.

Aber tatsächlich ist die Keramik-Fabrik ein spannender Einblick in die Kultur der Insel. Denn als die Portugiesen ab dem 15. Jahrhundert auf die Azoreninseln übersiedelten, brachten sie nicht nur viele Kühe und Ackerpflanzen – sondern auch ihr traditionelles Keramik-Handwerk mit. Die kunstvollen Fliesen, Azulejos, sind hier heute weitaus weniger prunkvoll als auf dem portugiesischen Festland. Sie sind noch mehr Identität als Dekor. Die heiligen katholischen Schutzpatronen an den Häuserwänden bleiben nach wie vor symbolstark.

Collage aus zwei Fotos: Fernanda Cordeero fertigt in der letzten historischen Keramik-Fabrik auf der Azoreninsel São Miguel Cerâmica Vieira wunderschöne Kerzenständer und mehr.

Fernanda Cordeero fertigt in der letzten historischen Keramik-Fabrik auf der Azoreninsel São Miguel Cerâmica Vieira wunderschöne Kerzenständer und mehr. I Fotos: Marie

Früher gab es viele verschiedene Werkstätten für Ton-Keramik auf den Inseln. Doch heute ist Cerâmica Vieira die letzte ihrer Art. Seit 1862 wird hier in fünfter Familiengeneration geformt, gebrannt und die Keramikkultur der Insel gelebt. Fast jeder Haushalt auf São Miguel besitzt ein Unikat der Louça da Lagoa, der Keramik aus der Manufaktur in Lagoa. Noch heute formen Fernanda Cordeero und ihre Kolleginnen alle Vasen, Tassen, Fliesen, Krüge und Teller per Hand – im Minutentakt! Die portugiesische Keramik auf den Azoren ist dabei bis heute sehr funktional – authentisch – geblieben.

Die unglaubliche Geschichte von Rabo de Peixe

Mit einer Tüte voll hoffentlich bruchsicher verpackter Schüsseln sitze ich nun also wieder im Auto neben Gabriele. »Seid ihr bereit für die Geschichte?«, fragt er uns mit einem undefinierbaren Grinsen. Die zehn Minuten Fahrt von der Südküste an die Nordküste nach Rabo de Peixe vergehen wie im Fluge. Ich hänge an seinen Lippen, während es tatsächlich unterwegs gen Norden aufhört zu regnen.

Graffiti an der Küste in Rabo de Peixe

Foto: Marie Tysiak

Die Geschichte beginnt in etwa so: 2001 nahm die Historie des beschaulichen Fischerdorfes ungewollt eine unumkehrbare Wendung. Denn vor seiner Küste geriet ein Segelboot in Seenot, als das Ruder zu versagen drohte. Nur eine Person war auf dem gut 14 Meter langen Einmaster: der vermeintliche sizilianische Drogenschmuggler Antonino Quinzi, der mit mindestens 500 Kilogramm (eine halbe Tonne!) quasi reinem Kokain auf dem Weg von Venezuela nach Europa war. Seine Fracht im Wert von über 150 Millionen Euro (!) warf er über Bord und steuerte so zunächst, ohne groß Verdacht zu erregen, einen sicheren Hafen auf São Miguel an. In den folgenden Stunden und Tagen trieben hunderte der handlichen Pakete voller Drogen an Land – ganz in der Nähe des Fischerdorfes Rabo de Peixe.

Koks im Überfluss auf der Azoreninsel São Miguel

Wir passieren nun das Ortsschild, der Name bedeutet übersetzt »Fischschwanz«. Vor einer Kneipe stehen ein paar Männer in Gummistiefeln. Ihnen ist das Leben auf dem Wasser ins Gesicht geschrieben. Einfache, bunte Häuser reihen sich den Hügel hinab bis zum tosenden Meer. Roh und ungeschönt. Das hier hat nichts mit romantisiertem Fischerleben zwischen pittoresker Küste und schaukelnden Booten zu tun. Auch wenn Boote schaukeln und die Küste beeindruckt. Es ist einfach echt.

Straßenzüge in Ponta Delgada, die Hauptstadt der Azoren

Straßenzüge in Ponta Delgada, die Hauptstadt der Azoren I Fotos: Marie Tysiak

Wir biegen ein zum Hafen, wo Dutzende weiß-bunte Fischerboote mit Namen wie »Santa Maria« und »Marrachino« an Land liegen. Und just blickt die Sonne durch die Wolkendecke und erleuchtet das dunkle, raue Meer. Am Straßenrand hieven zwei Fischer eine Plastikwanne mit einem gigantischen Thunfisch. Die fangfrischen 200-Kilo-Kolosse werden in der Markthalle von Ponta Delgada verkauft. Kleiner Tipp: Ein Besuch am Morgen lohnt sich dort!

Wer wissen möchte, wie die Geschichte mit dem angespülten Kokain weitergeht, dem empfehle ich die Netflix-Doku »Weißes Meer«. Die fiktive, aber ebenso an die Geschehnisse angelehnte Serie »Turn of the Tide«, auch bei Netflix, zählte zeitweise weltweit zu den meistgestreamten Inhalten der Plattform und wurde größtenteils auf São Miguel gedreht. So viel sei verraten: Harte Drogen spielten für viele Einheimische in dem Fischerdorf bis dato keine Rolle, viele hielten das weiße Pulver zunächst für Mehl und panierten ihre Sardinen damit.

Den Erzählungen nach umrahmten Kinder Fußballfelder mit purem Kokain.

Es kam zu Konsum, Abhängigkeit und schmerzhaften Einzelschicksalen. Für viele war und ist es eine Tragödie, wenige erlangten so ungeahntem Reichtum. Die Pakete aus weißem Gold sind schon lange verschwunden aus Rabo de Peixes, die Erinnerung an diese wahnsinnige Geschichte bleibt.

Reise auf die Azoren: Thermalbäder und richtig gute Küche

Diese wilde Geschichte passt irgendwie zu dieser Insel, wo nichts berechenbar scheint. In den kommenden Tagen fällt mein Bad in dem heißen Thermalwasser der Naturschwimmbecken Caldeira Velha wegen eines Erdrutsches aus. Stattdessen besuche ich den legendären Thermalort Furnas, wo der Boden an allen Ecken und Enden dampft (und ja – es riecht nach verfaulten Eiern!). Hier können Gäste nach traditioneller Art in heißen Erdlöchern den Eintopf Cozido garen oder Brot backen. Auch dieser Programmpunkt fällt bei mir dem Wetter zum Opfer, doch bei meiner Foodtour finden meine Reisegruppe und ich schließlich bei Koch Cláudio Pontes spontan Unterschlupf in seinem Wohnzimmer, was sich als ein köstlicher Nachmittag wie bei Freunden anfühlt. Den Blick über die raue Landschaft, Regenbogen und ein guter azoischer Wein in der Hand inklusive.

Das Thermalbad Bad Poça da Dona Beija auf der Azoreninsel São Miguel

Das Thermalbad Bad Poça da Dona Beija I Foto: Marie Tysiak

In einer weiteren Planänderung besuche ich dann doch noch ein Thermalbad, das Bad Poça da Dona Beija. Dieses Gefühl, im plätschernden Regen im 39 Grad heißen Thermalwasser zwischen gigantischen Baumfarnen zu hocken, werde ich nie vergessen. Meine Wanderung über die historischen Viadukte, die einst das Wasser zu den Teeplantagen und Menschen in entlegene Orte über die zerfurchte Landschaft transportierten, wurde spontan in eine Buggy-Tour um den Kratersee Sete Cidades geändert. Was ein Abenteuer! Vorbei an den letzten blühenden Hortensien mit dem Allradgefährt düsen, über Offroadstrecken entlang des Kraterrands der Caldera, unter mir eine Nebeldecke, die sich manchmal kurz öffnet und den Blick auf den See freigibt. Dazu Regen, Wind und manchmal sogar Sonnenschein. So lebendig habe ich mich lange nicht gefühlt.

Hoteltipp auf São Miguel auf den Azoren: Senhora da Rosa

Zurück in Ponta Delgada sitze ich im kleinen, aber feinen Spabereich des Senhora da Rosa. Das »Nature and Tradition Hotel« ist zu meinem Rückzugsort geworden, immer wenn ich erschöpft und glücklich von einer meiner meist nassen Inselerkundungen »heim«kam. Joana hat hier 2021 eine wahre Oase erschaffen, mit Whirlpool inmitten einer Ananas-Plantage, Cottages im Grünen und einfachen Zimmern mit urgemütlichen Betten im Haupthaus. Und unfassbar guten Restaurants!

Koch Claudio Pontes auf der Azoreninsel Sao Miguel

Koch Cláudio Pontes beglückt seine Gäste auf seiner Foodtour mit unglaublich gutem Essen I Foto: Marie Tysiak

Das Spannende: Früher betrieben ihre Eltern hier einmal ein Hotel, was insolvent ging und schließen musste. Das Haus ging an die Bank und stand lange leer. Sie kaufte das Anwesen Jahrzehnte später zurück, machte alles neu und betreibt es heute u. a. mit ihrem Bruder. Ihre Eltern waren damals »einfach noch zu früh dran«. Touristen gab es kaum. Denn: Erst seit ca. zehn Jahren ist ein sanfter internationaler Naturtourismus auf den Azoren spürbar. Ganz anders als bei Madeira, ebenfalls eine Vulkaninsel im Atlantik und autonome Region von Portugal. Doch langsam, aber sehr sicher entdecken Natururlauber, Kulturinteressierte und Foodies die Inseln für sich. Solche, die es eben authentisch mögen.

Eine freundliche Dame in Sportkleidung gibt mir ein Zeichen. Ich schlüpfe in meinen Bademantel. Es geht für mich noch zum Reformer Pilates – mein erstes Mal. Es soll ja schließlich sportlich bleiben auf dieser Tour. Das war nicht geplant, abgeschieden auf den Azoren, diese Trendsport-Art einmal auszuprobieren (Spoiler: Es ist sauanstrengend!). Aber hey: Auf den Azoren kann man eben nicht planen. Und das hält so viele schöne Überraschungen bereit.

Mehr Infos zu einer Reise auf die Azoreninsel São Miguel

Reisezeit. Die sicherste Reisezeit für die Azoren ist wettertechnisch der Sommer. Im Frühling blühen die Hortensien und Wale ziehen an den Inseln vorbei, der Herbst kann oft noch lange mild sein.

Anreise. São Miguel ist die größte der Azoreninseln, hier liegt auch die Hauptstadt Ponta Delgada. TAP Air Portugal fliegt mehrmals täglich São Miguel von Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Berlin und München aus an – mit Stopp in Lissabon. Wer möchte, kann kostenfrei einen Städtetrip von bis zu zehn Tagen in der portugiesischen Hauptstadt einlegen. Hin- u. Rückflug in der Economy Class inkl. Steuern und 23 Kilogramm Gepäck kosten ab 351 Euro. Hier geht es zur Website von TAP Air Portugal.

Redakteurin Marie auf Buggy-Tour auf der Azoreninsel São Miguel

Redakteurin Marie auf Buggy-Tour auf der Azoreninsel São Miguel I Fotos: Marie Tysiak

Hoteltipp. Das »Senhora da Rosa« ist ein familiengeführtes Boutiquehotel am Rande der Hauptstadt Ponta Delgada. Mit Wellnessbereich, Reformer Pilates und zwei richtig guten Restaurants. Dertour hat verschiedene Reisebausteine für die Azoren für die perfekte Reise, hier geht es zum Hotel auf der Website von DERTOUR.

Der kleine, aber feine Wellnessbereich ist die perfekte Oase nach einer Wanderung. Und auch die Restaurants des Hauses wissen zu überzeugen. Das Hotel ist Teil des Dertour Deluxe Programms auf den Azoren. 7 Nächte im Doppelzimmer mit Frühstück kosten pro Person ab 319 Euro, pro Zimmer ab 619 Euro.

Kulinarik. Die Azoren sind ein einziger Food-Hotspot! Hier findest du unsere kulinarischen Tipps für São Miguel.

Strand in São Roque auf der Azoreninsel São Miguel

Foto: Marie Tysiak

Häufige Fragen: Azoren

Wo liegen die Azoren?

Die Azoren liegen mitten im Atlantischen Ozean, rund 1.500 km westlich der portugiesischen Küste – und damit geografisch näher an Kanada als an Europa. Sie sind eine autonome Region Portugals und gehören damit zur EU, fühlen sich aber an wie eine Welt für sich.

Wie viele Inseln umfasst der Archipel?

Der Archipel besteht aus neun Inseln, die in drei Gruppen aufgeteilt sind: die »Östliche Gruppe« mit Santa Maria und São Miguel, die »Zentrale Gruppe« mit Faial, Pico, São Jorge, Graciosa und Terceira sowie die »Westliche Gruppe« mit Flores und Corvo.

Wann ist die beste Reisezeit für die Azoren?

Von Mai bis Oktober – dann ist es warm, die Tage sind lang und das Meer angenehm. Der Hochsommer von Juli bis September ist am sonnigsten und beliebtesten. Die Azoren sind aber das ganze Jahr über mild; auch im Winter sinken die Temperaturen selten unter 15 °C, dafür öfter bewölkt und regnerisch.

Was sind typische Produkte von den Azoren?

Die Azoren sind ein kulinarisches Kleinod: Das subtropische Klima begünstigt saftige Weiden, exzellente Käsesorten und sogar Ananas, die hier im Gewächshaus gedeiht. Dazu kommen Wein – besonders von der Insel Pico – frischer Fisch und Meeresfrüchte direkt vom Atlantik. Gutes vom Land und gutes aus dem Meer, in kaum einer anderen europäischen Region findet sich das so nah beieinander.

Wie lange sollte ich für eine Reise auf die Azoren einplanen?

Für eine einzelne Insel reichen 5–7 Tage gut aus. Wer mehrere Inseln erkunden möchte, sollte besser zwei Wochen einplanen – die Inselhopper-Flüge zwischen den Inseln sind günstig und unkompliziert. Allerdings kann es wetterbedingt immer mal wieder zu Ausfällen kommen. Zwischen manchen Inseln verkehren auch Fähren.

Blick auf die Sete Cidades Vulkanseen auf den Azoren

Foto: Marie Tysiak