reisen EXCLUSIV Audio - Höre Dir diesen Artikel an
0:00
0:00

Die Karibikinsel Saint Lucia ist das einzige Land auf der Welt, das nach einer Frau benannt ist. Grund genug, den Frauen auf der Karibikinsel einmal besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Unsere Redakteurin Marie Tysiak war auf Saint Lucia und hat drei Frauen kennengelernt, die den Tourismus auf der Insel in der Karibik nachhaltig beeinflussen.

Uta Lawaetz, Balenbouche Estate (Südküste)

Uta wuselt in ihrem bunten Sommerkleid vorweg und verschwindet hinter einem Banyan-Baum mit seinen vielen und ausladenden Stämmen. Die frühe Abendsonne steht tief und taucht die Szenerie in ein warmes Gold. Die gebürtige Deutsche lebt seit über 40 Jahren auf dem »Balenbouche Estate« bei Laborie an der Südküste der Karibikinsel Saint Lucia. Die ehemalige Zuckerrohr-Plantage gehört seit den 1960ern der Familie ihres mittlerweile Ex-Mannes.

Balenbouche Estate von oben

Das Balenbouche Estate beim Dorf Laborie an der Südküste von Saint Lucia reicht bis ans Meer. I Foto: Marie Tysiak

Doch Uta Lawaetz hat es hier so gefallen, dass sie auch nach der Trennung mit den beiden gemeinsamen Töchtern blieb. Das heute noch 30 Hektar große Land mit seinen Mango-, Papaya- und Banyan-Bäumen fordert viel Arbeit für wenig wertvollen Ertrag ein. Der kommerzielle Zuckerrohranbau ist sowieso auf der Insel seit den sechziger Jahren nicht mehr lukrativ. Und so hat sie im Laufe der Zeit das B&B als ihre Einnahmequelle aufgebaut. Was als Gästezimmer für Freunde begann, ist heute ein Ort für Urlauber aus aller Welt, Hochzeiten oder Yoga-Retreats mit insgesamt sechs rustikalen Cottages, die sich über das Gelände verteilen.

verlassener Strand beim Balenbouche Estate

Der einsame Strand beim Balenbouche Estate ist zum Schwimmen leider nicht geeignet. I Foto: Marie Tysiak

Von der Zuckerrohr-Plantage zum Bed & Breakfast

Der geschichtsträchtige Charme ist dabei nicht verloren gegangen, das ist Uta sehr wichtig. Die historische Zuckerrohr-Mühle wird von den kräftigen Wurzeln des Feigenbaumes umschlungen und weckt Assoziationen an Angkor Wat. Von hier führt ein kleiner Pfad hinab zum Meer, zwei wilde und einsame Strände warten. Zum Baden sind sie aber eher ungeeignet. Rund um das »Balenbouche Estate« ist Saint Lucia urwüchsig und abenteuerlich, von den großen Hotelblöcken, wie es sie im Norden der Karibikinsel Zuhauf gibt, findet sich hier keine Spur.

Frangipani Cottage auf dem Balenbouche Estate

Das Frangipani Cottage steht Gästen zur Verfügung – ohne Klimaanlage oder Fernseher, dafür mich viel historischem Charme und lieber Gastfreundschaft. I Foto: Marie Tysiak

Das Haupthaus, an dem zum Abend die Gäste auf der hübschen Veranda zusammenkommen, beherbergt auch die privaten Zimmer der Familie Lawaetz. Die Räume gleichen einem Museum, die Möbel der einstigen Plantagen-Besitzer mischen sich mit Mitbringsel aus Utas erlebnisreichem und umtriebigen Leben in Asien und den Gemälden ihres Ex-Mannes, der Künstler ist. Uta macht mit ihren drei Angestellten hier alles alleine. »Zehn Jahre schaffe ich das bestimmt noch!«, sagt die Achtzigjährige bestimmt. »Ich decke auch alleine das Dach.«

Ihre Töchter sind oft in der weiten Welt unterwegs, auf Bali oder in den USA. Sie kümmern sich vor allem um die Buchungen. Doch wer kümmert sich langfristig um das wunderschöne Estate? Das wird sich zeigen. Noch können Gäste hier Dank Uta Lawaetz in ein Stück – teils dunkler – Vergangenheit Saint Lucias eintauchen, wie es so authentisch an nur wenigen Orten auf der Insel bewahrt wurde.

Collage mit einem Foto vom Balenbouche Estate und Uta Lawaetz

Das Balenbouche Estate wird von der gebürtigen Deutschen Uta Lawaetz verwaltet. So hält sie das Erbe der ehemaligen Zuckerrohr-Plantage lebendig. I Fotos: Marie Tysiak

Auf der Website des »Balenbouche Estate« findest du mehr Infos.

Amy Stephens, Pelican Tours (Westküste)

Doch natürlich sind es nicht nur Frauen aus dem Ausland, die hier auf Saint Lucia den Tourismus nachhaltig beeinflussen. Eine von ihnen ist Amy Stephens. Die Anfang Dreißigjährige kommt aus Anse-la-Raye an der Westküste von Saint Lucia. Hier hat sie ganz neu den nachhaltigen Tourenanbieter »Pelican Tours« gegründet. Das neue Büro liegt nur wenige Schritte vom Strand entfernt, an dem Fischerboote auf ihren nächsten Einsatz warten. Anse-la-Raye ist ein typisches Fischerdorf, das einen echten und unverfälschten Einblick in das Leben auf der Karibikinsel gewährt.

Strand im Fischerdorf Anse-la-Raye an der Westküste von Saint Lucia in der Karibik

Der Strand im Fischerdorf Anse-la-Raye an der Westküste von Saint Lucia. I Foto: Marie Tysiak

Unterstützt wird das Projekt von der Community Tourism Agency von Saint Lucia, die diverse lokale Tourismusprojekte auf der Insel unter anderem finanziell fördert. »Ich möchte Gästen die Schönheit der Natur unserer Insel zeigen, aber auf eine ganz bewusste Weise«, erklärt Amy. Ihre Leidenschaft für das Draußensein hat sie von ihrem Vater, der mit ihr viel Zeit in den umliegenden Regenwäldern und auf dem Meer verbrachte. Vor dem Büro stehen die E-Bikes in Reih und Glied.

Amy Stephens von Pelican Tours auf Saint Lucia in der Karibik

Amy Stephens ist Grafikerin und Künstlerin und hat nun Pelican Tours in ihrem Heimatdorf Anse-la-Raye gegründet. I Foto: Marie Tysiak

 »Bei unserer E-Bike-Tour geht es eher gelassen zu. Die Besucher sollen vor allem in die Natur eintauchen«, fügt Amy hinzu, bevor wir auf die E-Bikes steigen. Lautlos gleiten wir durch das Dorf und schließlich den breiten Forstweg den Hügel hinauf. Dank des elektrischen Motors ist der Aufstieg ins Hinterland mühelos. Schließlich stellen wir die Bikes ab und meistern das letzte Stück zum Wasserfall zu Fuß – und haben nur Augen für die wunderschön blühende Natur um uns herum.

wunderschöner Wald auf Saint Lucia

Foto: Marie Tysiak

Eine E-Bike-Tour mit Tiefgang

Verwunschen plätschert es vor uns im Dickicht und der Wald öffnet sich zu einer Lichtung, dahinter rollt das Wasser die Felsen hinab. »Wir baden an diesem Wasserfall nicht, denn er ist unsere Trinkwasserquelle im Dorf«, Amy setzt sich auf einen großen Stein im Schatten. Auch ohne kühles Bad ist dieser Ort magisch. Das Licht, das durch die grünen Blätter fällt. Das klare Wasser zwischen den glatten Felsen. Bunte Schmetterlinge, die im Dunst umherschwirren.

»Die Natur unserer Insel ist so reich, das müssen wir bewahren. Wir sind Gast auf dieser Erde und sollten uns auch so benehmen«,

Amys tiefe Naturverbundenheit ist mit jedem ihrer Sätze zu spüren. Und diese Verbindung möchte sie auch ihren Gästen mitgeben, die oft aus wuseligen Betonstädten für ihren Urlaub auf die Karibikinsel kommen. Und bald führt sie nicht nur per E-Bike in den Regenwald, sondern auch mit dem Kanu durch die Mangrovenwälder an der Küste. Gemeinsam mit ihrem Team aus einheimischen Guides, die allesamt im Naturschutz engagiert sind.

Mitarbeitende von Pelican Tours auf Saint Lucia mit E-Bikes

Ale Mitarbeitenden von Pelican Tours sind super engagiert und in die Community und den Umweltschutz eingebunden. I Foto: Marie Tysiak

Amy Stephens Projekt in Anse-La-Roye setzt auf Slow Travel, der die Menschen in der Gemeinde einbindet und Einheimische wie Touristen über die Wichtigkeit der Natur aufklärt. Noch ist sie in Saint Lucia eine der wenigen, doch die Initiativen wachsen täglich – auch Dank der Unterstützung der Community Tourism Agency von Saint Lucia. Die übrigens auch von einer Frau geführt wird.

Auf der Website von »Pelican Tours« findest du mehr Infos.

Helena Thomas, Helen’s Daughters (Norden)

Die Farm von Helena gleicht einem Paradiesgarten: Schrumpelige Zitronen hängen an den Bäumen, dichtgrüne Salatköpfe drängen sich unter der Plane des Gewächshauses und die Paprikas sehen aus wie von der KI perfekt geformt. Der Duft ist schwer von Basilikum und allerhand Kräutern, die sich zwischen dicken Ingwerknollen vermehren wie Unkraut.

Grüne Farm auf Saint Lucia

Gäste sind auf der Farm »In Bloom Mother Nature’s Way« herzliche Willkommen und lernen viel. I Foto: Marie Tysiak

Geschützt unter ihrem breiten Sonnenhut zupft Helena eine Muskatnuss vom Baum, und bricht die gelbe Frucht entzwei. Sie zeigt die darin versteckte dunkle Kugel, die von roten Fäden umwickelt in ihrer Hand liegt und an kleine Gehirne erinnern. Um an die eigentliche Nuss zu kommen, muss man allerdings noch diese zweite Schale knacken. Rund um den Baum liegen etliche der freigelegten kleinen Gehirnkugeln – spannend, wie wenig die meisten Menschen über ihre Nahrung wissen.

Das können Besucher auf der Farm »In Bloom Mother Nature’s Way« ändern. Helena Thomas hat das Grundstück von ihren Eltern geerbt, die das Land lange bewirtschafteten und auch ihr alles, was sie über den Anbau verschiedener Pflanzen weiß, beigebracht.

Muskatnuss frisch vom Baum

So sieht eine Muskatnuss frisch vom Baum aus. I Foto: Marie Tysiak

Frauen in der Landwirtschaft auf Saint Lucia brauchen mehr Sichtbarkeit

Oft sind es Frauen, die beim Anbau der Pflanzen und auch später im Verkauf auf den Märkten in Saint Lucia die größte Arbeit haben. Und dennoch sind es oft Männer, denen die Grundstücke oder Bauernhöfe gehören, und die oft wesentlich mehr verdienen als ihre Kolleginnen. Um dem entgegenzuwirken und die Frauen in der Landwirtschaft auf Saint Lucia sichtbarer zu machen, wurde die NGO »Helen’s Daughters« ins Leben gerufen. Sie ermächtigt Bäuerinnen wie Helena, indem sie allerhand Kurse zur Aus- und Weiterbildung anbietet oder zum Beispiel einen eigenen Farmer’s Market für die Bäuerinnen von Saint Lucia ins Leben gerufen hat. Hinter »Helen’s Daughters« steckt eine Initiative von 2016, die sich rein durch Spendengelder finanziert. Die größte Geldgeberin ist niemand anderes als die Berühmtheit der Nachbarinsel Barbados: Rihanna mit ihrer Stiftung »Clara Lionel Foundation«.

Helena verdient nun eben auch mit solchen Touren Geld dazu. Es sind Gäste der Kreuzfahrtschiffe, Honeymooner oder auch lokale Schulklassen dabei. Vorher hat sie ihre Ware vor allem auf dem wuseligen Markt in der Hauptstadt Castries verkauft. Das macht sie immer noch. Auch wenn der Transport zum Markt manchmal fast mehr kostet als sie an dem Tag verdient. Heute liefert sie Dank der Kurse von »Helen’s Daughters« auch an Hotels und Restaurants direkt und verkauft auf dem »FarmHers Market« in Rodney Bay. Ihre Kakaobohnen gehen ans »Hotel Chocolat«, wo Besucher aus den Bohnen der Insel ihre eigene Schokolade herstellen können.

Helena Thomas mit einer Mitarbeiterin von Helen's Daughters in Saint Lucia

Helena Thomas (rechts) wird von der NGO Helen’s Daughters unterstützt. I Foto: Marie Tysiak

»If you ate today, thank a farmHer.«

Helena macht an einem Bambusunterstand am Rande ihrer Beete Halt. Hier stehen Bananenchips und eine Marmelade aus der Fruchtschale der Muskatnuss bereit. Die habe schon ihre Mutter früher gemacht, um in harten Zeiten alles zu verwerten. Sie dreht sich um, um allen Besuchern eine Portion zu reichen. Auf der Rückseite ihres T-Shirts steht die Aufschrift »If you ate today, thank a farmHer.« Danke an all die wundervollen Frauen, die Saint Lucia und den Tourismus auf der Insel nachhaltig gestalten.

Auf der Website von »Helen’s Daughters« findest du mehr Infos zur Tour auf Helena Farm »In Bloom’s Mother Batures Way«.