Pünktlich verlässt der K21 den Westbahnhof Pekings und nimmt Fahrt auf die Region Guangxi. 28 Stunden, 34 Minuten und 2.135 Kilometer lang ist die Reise. In der zweiten Klasse hat es sich reisen-EXCLUSIV-Autorin Simone Sever halbwegs bequem gemacht.

Heimlich werden wir gefilmt und fotografiert – bestaunt allemal, denn mein Sohn David und ich sind definitiv die einzigen europäischen Zugreisenden auf dieser Fahrt durchs Reich der Mitte. Unsere Plätze sind schnell gefunden. Beim Einstieg ist alles streng reglementiert. Wir richten uns gerade in unserem Zweite-Klasse-Abteil ohne Türen ein, als sich der Zug auf die Minute genau um 8:18 Uhr langsam in Bewegung setzt. Das Abenteuer beginnt. Meine Aufregung nimmt zeitgleich mit dem Zug Fahrt auf.

Foto mit Frau Wu

Ich bin unterwegs mit meinem 17-jährigen Sohn, der ein Jahr lang im Rahmen eines Auslandsjahres Teil einer chinesischen Familie in Peking wurde, zur Schule ging und die meistgesprochene, aber wohl zugleich schwierigste Sprache der Welt erlernte. Das kann er nun auch mir beweisen, als er höflich mit verständlichen internationalen Gesten nach einem gemeinsamen Foto gefragt wird. Die chinesische Dame ist deutlich überrascht von seiner Antwort in verständlichem Mandarin und sitzt Sekunden später neben ihm, wobei sie fröhlich in die Handykamera ihrer mitreisenden Freundin lächelt. Frau Wu ist kontaktfreudig, andere Mitreisenden trauen sich nicht, uns anzusprechen. Ein Mann, der auf einem Klappsitz im Gang Platz genommen hat, hält lieber »unauffällig« sein Handy in unsere Richtung. Wir sind die Attraktion an Bord.

David Sever Zug China

Simone Sever

Um die 21,5-Millionen-Megametropole Peking zu verlassen, braucht es eine halbe Ewigkeit. Vorbei rauscht Zug K21 immer wieder an Hochhaussiedlungen, die sich lediglich am Dachornament – das mal üppiger, mal schlichter ausfällt – und im Beigeton des Betons – der mal grauer und mal weniger grau erstrahlt – unterscheiden. In den Abteilen herrscht derweil munteres Treiben. Großfamilien, die lauthals über mehrere Schlafnischen hinweg kommunizieren, chinesische Schmachtsongs, die auf diversen Smartphones gleichzeitig und eigentlich immer ohne Kopfhörer genossen werden. Games, deren Lautstärke wohl nicht regulierbar ist, und eine omnipräsente chinesische Musikdarbietung über die abteileigenen Lautsprecher, die in etwa so blechern klingen wie der Sound alter Schwarz-Weiß-Filme.

Mehr China als im Zug geht nicht

Ich bin mitten drin im Reich der Mitte. Mehr China geht nicht, denke ich und werde sogleich korrigiert, als der Herr im Gang genüsslich und unüberhörbar seine Frühstücks-Instantnudeln schlürft. Andere Länder, andere Sitten. Oder auch: Alles, was ich meinen Kindern in Deutschland beigebracht habe, nicht zu tun, gehört hier offensichtlich zum guten oder zumindest normalen Ton. Das kann ja noch lustig werden. Noch 26 Stunden und 15 Minuten. Das Rattern des Zuges ist bald schon meditativ und die China-Kakophonien verhallen immer mehr zur Hintergrundmusik. Es schläft sich irgendwann auch gar nicht schlecht auf dem Hard Sleeper, der eigentlich recht weich ist und mit frischem weißen Baumwolllaken und dazugehörigem Kissen nur 458 uan, also knappe 60 Euro für die Strecke kostet.

Schlafbetten in einem Zug in China

Simone Sever

Ein Land im Aufbruch

Aus dem Nichts erscheinen draußen vor dem Zugfenster auch in der Nacht immer wieder Millionenstädte, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren: Shijiazhuang, 10,7 Millionen. Xinxiang, 5,7 Millionen … morgens um 8:30 Uhr hält K21 in Hengyang, 7,1 Millionen. Die einen steigen aus, andere steigen ein. Ein Kommen, ein Gehen. Ganz China, so scheint es, ist im Aufbruch. Noch etwas mehr als vier Stunden bis Guilin. Die Landschaft verändert sich: Grün statt Beton, Reisfelder statt Atomkraftwerke. Dahinten sind Berge zu erkennen, und dann erreicht Zug K21 Guilins Nordbahnhof. Fast am Ziel.

Traumlandschaft

Glücklicherweise hat das Hotel ein Taxi geschickt. Noch mal 1,5 Stunden Fahrt südwärts und hinein in die dramatische Landschaft der Region Guangxi, nach Yangshuo mit den so ungewöhnlich bezaubernden Karststeinkegelbergen. Langsam wird es dörflicher. Rostige Lastendreiräder knattern an lautlosen Elektrorollern vorbei. Hinter der Brücke über den Yulonfluss biegt das Taxi von der Hauptstraße rechts ab, Karststeinfelsen strecken sich so zahlreich in die Höhe wie Hochhaussiedlungen in der Hauptstadt.

Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss

Das Yangshuo Mountain Retreat liegt am langen, ruhigen Yulongfluss. Die Szenerie ist wie in Hollywood erdacht: Avatar, Der Herr der Ringe – nur ganz anders. Alles ist sattgrün, und neben dem Rauschen kleiner Wasserschnellen ist lediglich Grillenzirpen und Vogelgezwitscher zu hören. Auf dem Fluss ziehen Bambusflöße mit bunt gestreiften Schirmen vorbei. Ich glaub, ich heul’ mal ‘ne Runde vor Glück.

Yulon-fluss in China

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An der Rezeption empfängt Anna die Gäste, ihr Englisch ist prima, ihre Freundlichkeit hinreißend. »Hunyng«, »Welcome«. Das gebuchte Zimmer macht uns nicht nur durch die direkte Lage am Fluss glücklich. Die dunklen Holzmöbel muten chinesisch an. Alles ist gemütlich und geschmackvoll für uns hergerichtet.

Yangshuo Mountain Retreat, Zimmer

Yangshuo Mountain Retreat

Vom Balkon haben wir den Yulong im Blick, wo unaufhörlich mehr und mehr Bambusfloßkapitäne ihre Passagiere sicher über die Wasserschnellen navigieren. Ein chinesisches Bier im Garten, dabei Flöße zählen und die Schönheit der Natur genießen – mehr braucht es gerade nicht für Glückseligkeit, allerhöchstens noch einen dieser frisch gepressten Ananassäfte. Irgendwann am Spätnachmittag kommen keine Flöße mehr. Es wird noch ruhiger, und mit einem Sprung wird der Fluss zur Badewanne.

Chinesinnen am Ufer des Yulong Flusses

Simone Sever

Blumige Accessoires

Anna hat uns Räder für eine Fahrt entlang des Yulong River bereitgestellt, doch bevor wir uns in die Sättel schwingen, verkauft mir ein chinesisches Mütterchen, weißhaarig, krumm und mit nur noch einem Zahn im Mund, selbst geflochtene Blumenhaarkränze. Das blumige Accessoire setzt meinem geplanten Ausflug die Krone auf.

Simone Sever mit Blumenhaarkranz in China

Simone Sever

Immer am Fluss entlang, fahren wir vorbei an Reisbauern, die mit Wasserbüffeln ihre Reisfelder bestellen, an üppiger bunter Vegetation, wir tragen unsere Räder über kleine Brücken.

Es fährt sich fast wie von selbst auf dem betonierten Fahrradweg. Nach 13 Kilometern mit wenig Schatten und einer prallen Sonne erreichen wir die Yulongbrücke, eine Art chinesisch-touristischer Anziehungspunkt a la Neuschwanstein. Reisebusse spucken Hunderte von einheimischen Touristen aus und mindestens genau so viele Bambusflößer warten auf Kundschaft. Es ist ein Farbenfest für die Augen. Der Rückweg tut aus vielerlei Gründen weh.

Traummomente in der Region Guangxi

Sie sind weg. Verschwunden. Nichts ist mehr zu sehen von den Karststeinfelsen auf der anderen Seite des Flusses. Ein Platzregen lässt am nächsten Morgen die Welt vor meinen Augen verschwinden. Erst nach 20 Minuten lichtet sich der watteartige Dunst und gibt den traumhaften Anblick auf die Kegelberge wieder frei.

Menschen auf einem Floß auf dem Yulong-Fluss in der Region Guangxi

Simone Sever

Die Luft ist erfrischt, zur nächsten Floßstation ist es nur ein kleiner Spaziergang. Wenig später gleiten wir glücklich und gut gelaunt, gehüllt in orangene Sicherheitswesten, auf einem der Bamboorafts sanft über das klare Wasser des Yulong Rivers an unserem Hotel vorbei. Dürfte ich mir zehn Momente in meinem Leben wünschen, die ich immer und immer wieder erleben könnte, dieser wäre wohl unter meinen Top 10.

Vogelperspektiven

Am Li-River in Guilin, mitten in der Bilderbuchlandschaft des 20-Yuan-Geldscheins, haben mein Sohn David und ich eine Verabredung zum Sonnenuntergang. Mit einem motorisierten Floß aus uncharmanten Plastikrohren setzen wir über zur Flussinsel, wo wir mit Herrn Huang verabredet sind. Der 79-Jährige scheint sich aus einer längst vergangenen Epoche ins Hier und Jetzt gebeamt zu haben. Mit spitzem Reishut, weißem Bart und mit einem fast zahnlosen Lächeln hockt er bildschön auf einem schmalen Bambusfloß, eingerahmt von zwei schwarzen Vögeln.

Herr Huang auf seinem Floß in der Region Guangxi

Simone Sever

Herr Huang ist einer von Guilins Kormoranfischern, jenen Männern, die schon seit vielen Hundert Jahren ihren zahmen Vögeln zum Fischfang den Hals abschnüren, damit die den Fang nicht verschlingen. Absurd und irgendwie undenkbar, aber in China noch heute Realität. Gefüttert werden die Kormorane mit kleinen Fischen. Die gibt es gerade aus einer Plastiktüte, die, kaum ist sie leer, mit Schwung in den Fluss entsorgt wird. Umweltdenken ist in dieser Traumnatur noch nicht wirklich angekommen.

Unbeeindruckt von all dem versucht ein Fotograf derweil, die einzigartige Landschaft mit seiner Drohne einzufangen. Das Hightech-Fluggerät surrt per Knopfdruck hoch in den Himmel und zeigt auf einem Bildschirm unten an der Bodenstation die atemberaubende Szenerie aus der Vogelperspektive. Da staunt auch Herr Huang, bevor er mit seinen Kormoranen wieder Position auf dem Floß bezieht. Er weiß, wie er sich am besten in Szene setzt, denn seine größte Einnahmequelle sind inzwischen die Touristen. Für mich glänzt Herr Huang nun im goldenen Gegenlicht Guilins.

Der kronende Abschluss

Die Impression Sanjie Liu Show, ein chinesisches Musical, steht am letzten Abend auf dem Programm. Die Show am River Li ist die asiatische Variante der Karl-May-Festspiele am Kalkberg; nur viel größer, bunter, kitschiger und deutlich dramatischer. Eine Open-Air-Show in realer Landschaftskulisse mit 2.000 Plätzen und einer zwei Quadratkilometer großen Fläche als Bühne. Ein Wahnsinn. Und so endet mein Abenteuer mit einem Paukenschlag des chinesischen Spektakels unter südchinesischem Himmel, bevor mich nun der Zug mit der Nummer K158 aus der Region Guangxi zurück in die Millionenmetropole Beijing bringt.

Tipps für eine Reise in die Region Guangxi

Das Yangshuo Mountain Retreat ist ein Doppelzimmer ab 49 haben. Das Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China liefert viele Tipps eine Reise in das Land. Infos in Sachen Visum für China gibt es hier. Auf der Website von The Man in Seat 61 gibt’s Infos über Zugreisen weltweit.

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