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Chefredakteurin Jenny trifft unterwegs allerhand spannende Menschen – mit teils unglaublichen Leidenschaften! Doch diese Begegnung im Flugzeug toppt alles. Und hat ihr viel über die Geschichte der Gartenzwerge gelehrt.

In dieser Kolumne von Chefredakteurin Jennifer Latuperisa-Andresen wird nichts beschönigt, dafür viel beobachtet, ausprobiert und eingeordnet. Persönlich, pointiert und mit einem Augenzwinkern.

 

 

 

 

Neulich im Flugzeug von Äthiopien nach Frankfurt saß neben mir Omar. Ein großgewachsener Herr aus Eritrea. Und Omar hatte eine Leidenschaft, die ich nicht erwartet hätte. Er ist Gartenzwerg-Experte und unterwegs zur Recherche-Mission in hessischen Laubengärten. Was er dort genau vor hat, habe ich ehrlich gesagt nicht verstanden. Aber er hatte auch anderseits kein Verständnis für mein Unwissen zum Thema kulturellrelevanter Gartendekoration. Seine Fragen, die er hatte, konnte ich ihm nicht beantworten, denn meine Berührungs- punkte mit dem Thema gleicht meinem Verständnis für mathematisch komplexe Probleme. Also null. Für Omar undenkbar. Kopfschüttelnd nimmt er neben mir Platz und sagt:

»Very dissapointed that you are not a fan.«

Ich entschuldige mich, es kommt ein schlechtes Gewissen in mir hoch, bisher habe ich den Zwerg für einen Spießer gehalten. Also stelle ich die Frage, was ich dringend wissen müsste?

Urplötzlich ist Omar nicht mehr enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Er ist hellwach. Und weil ich bei einem Tomatensaft und äthiopischen Crackern so viel gelernt habe, möchte ich euch daran teilhaben lassen.

Gartenzwerge im Wald

Foto: thomas eder/Shutterstock.com

Woher kommt der Gartenzwerg? Achtung, die erste Überraschung! Er kommt aus der Östtürkei und ist etwa 800 Jahre alt. Damals haben in den Bergwerken kleingewachsene Afrikaner gearbeitet, denen übersinnliche Fähigkeiten nachgesagt wurde. Davor hatte man Angst. Um diese Magie in Zaum zu halten, wurden bemützte kleine Männer aus Ton hergestellt, die Familie und Haus schützen sollten. Diese Figuren sind dann von italienischen Kaufleuten entdeckt worden und so auch nach Deutschland verkauft worden.

Das steckt hinter der Geschichte der Gartenzwerge

Nur ein echter Zwerg, ist ein guter Zwerg! Omar mag kein Plastik. Die Zwerge sind zu leicht und sind auch nicht so schön anzusehen sagt er. Ein echter Zwerg sollte aus Ton sein. So wie vor 800 Jahren. Denn nur dann wohnt in ihm eine Seele. Zudem darf der Gartenzwerg nicht größer als 69 Zentimeter sein. Er sollte auch einen Bart haben und männlich sein. Das hat einst die »Internationale Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge« bestimmt.

Feminismus, nein danke! Omar möchte keine Zwerg-Dame. Zwerginnen gibt es erst – unglaublich! – seit 2000. Damals hat sich eine deutsche Manufaktur getraut eine Zwergin zu produzieren. Ich traue mich zu äußern, dass das doch jedem Gartenbesitzer selbst überlassen sei, ob es nun eine weibliche, männliche oder gar nicht binäre Figur in den Garten neben die Petersilie stellt. Omar is not amused. Er schüttelt vehement den Kopf und sagt »Oh no! No no! Can’t do! It needs to be a male!«

Gartenzwerge-Paar in einer Wiese

Foto: anela.k/Shutterstock.com

Omars Mission: Gartenzwerge zählen in hessischen Gärten

Ich wünsche ihm, dass es auf seiner Tour durch deutsche Gärten nichts Überraschendes findet. Einen tätowierten Zwerg beispielsweise, oder einen mit kurzen Hosen. Das würde Omar nicht gefallen. Meine kurze Recherche hat übrigens ergeben, dass es mittlerweile auch personalisierte Gartenzwerge gibt, die das Gesicht des Besitzers haben. Oder eben der Besitzerin.

»I go and count« hat er mir zum Abschluss noch hinterhergerufen. Zwerg-Volkszählung eines eritreischen Mannes in hessischen Gärten. Ich bin ehrlich gesagt auf sein Ergebnis gespannt und warte noch auf seine E-Mail. Was soll ich sagen: Reisen bildet!