Chefredakteurin Jenny fotografiert unglaublich gern auf Reisen mit dem Handy. Das Bild geht dann auf Instagram. Hand aufs Herz: Reisen wir unbewusst für die Likes?
In dieser Kolumne von Chefredakteurin Jennifer Latuperisa-Andresen wird nichts beschönigt, dafür viel beobachtet, ausprobiert und eingeordnet. Persönlich, pointiert und mit einem Augenzwinkern.
Neulich stand ich gedanklich wieder am Borough Market in London. Vor mir diese berühmten Erdbeeren. Hübsch aufgetürmt in Schokolade. Preislich irgendwo zwischen Luxusgut und Dreistigkeit. Essen? Später! Erst einmal Handys hoch, Kameras bereit. Geschmacklich? Erdbeeren eben mit Schokolade. Aber auf Instagram? Ein Knaller.
Oder Tromsø. Rentier-Hotdog. Eine kleine Bude, ein kleines Fenster, eine sehr lange Schlange. Eine Stunde Wartezeit für etwas, das am Ende vor allem eines ist: ein Foto. Wer Pech hat, sieht nur noch das Schild »Sold out«.

Foto: Zoe
Bali darf in der Aufzählung natürlich auch nicht fehlen. Die berühmte Schaukel über den Reisfeldern. Einmal schwingen. Foto von hinten. Vorher noch schnell ein fließendes Kleid ausleihen, Farbe egal, Hauptsache dramatisch. Danach das Handy checken, Filter drüber, fertig ist das perfekte Freiheitsbild. Also rein theoretisch.
Vor Kurzem lief im Fernsehen eine Doku über eine Fotografin in China. Sie fotografiert ausschließlich für TikTok und Instagram und zwar junge Frauen im Brautkleid auf wackeligen Booten im Dunkeln. Wichtig ist eine Laterne in der Hand, am Bug ein angeketteter Kormoran. Das Tier wartet, bis das Bild im Kasten ist. Erst dann geht es weiter. Da musste ich schlucken. Nicht wegen der Ästhetik, die natürlich funktioniert.

Foto: Christopher Alvarenga
Reisen wir, um zu verstehen, zu riechen, zu schmecken, um fremde Welten wirklich an uns ranzulassen?
Irgendwo hat sich etwas verschoben. Reisen wir, um zu verstehen, zu riechen, zu schmecken, um fremde Welten wirklich an uns ranzulassen? Oder reisen wir, um Beweise zu sammeln? Um zu zeigen: Ich war hier. Ich habe das auch gemacht. Bitte liken.
Versteht mich nicht falsch. Ich stecke da genauso drin. Schon aus beruflichen Gründen. Ohne Bilder keine Geschichten, ohne Geschichten keine Klicks, ohne Klicks keinen Job. Das rede ich mir zumindest ein. Ob das immer die Wahrheit ist oder manchmal nur eine sehr praktische Ausrede, weiß ich selbst nicht immer so genau.

Foto: Dominik Dancs
Es gibt Momente, da lasse ich Kamera und Handy ganz bewusst in der Tasche. Nur der Augenblick. Ganz egoistisch für mich.
Und trotzdem reise ich ja auch für reisen EXCLUSIV. Bilder mitbringen gehört zum Job. Und ihr wollt sie ja auch sehen, sonst hättet ihr jetzt das Magazin nicht in der Hand. Also finde ich den goldenen Mittelweg und freue mich, ganz ehrlich, immer wieder über jeden Like. Das müssen wir wirklich nicht ändern!
