Es ist Sommer. Würde man nach den Temperaturen gehen, könnte das hier auch ein Zwischenstopp in der Sahara sein. Aber nein, wir sind in der Erlebnisregion Graz in Österreich. Erlebnis ist dabei kein Marketingwort, sondern ein Versprechen. Das wissen wir so genau, weil wir gemeinsam angereist sind, um zu schlemmen, zu staunen und zu rutschen. Wer wir sind? Jenny und Jana, zwei Redakteurinnen auf ernst zu nehmender Recherche.
Text:
Jennifer Latuperisa-Andresen
und Jana Freiberger
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Graz ist die zweitgrößte Stadt Österreichs. Hand aufs Herz, das überrascht. Außerdem trägt die Stadt die Titel Genusshauptstadt und City of Design. Gründe genug also, genauer hinzusehen. Los geht die Reise.
Jenny Ein Besuch in Graz beginnt idealerweise in der Altstadt. Kopfsteinpflaster, kunstvoll gestaltete Fassaden, kleine Plätze, auf denen sich (unglaublich viele!) Cafés und Bars scheinbar ganz selbstverständlich aneinanderreihen. Das Stadtbild wirkt geschlossen und lebendig zugleich. Besonders spannend ist dabei, wie selbstverständlich hier Altes und Neues koexistieren. Visionäre Bauten wie das Kunsthaus Graz oder die Murinsel setzen starke Akzente und wirken dennoch nicht deplatziert. Graz erzählt seine Geschichte fassadenreich und reizvoll. Genau das macht den ersten Spaziergang so spannend.
Jana Beim Flanieren fällt auch schnell auf, dass sich Graz in zwei atmosphärisch sehr unterschiedliche Bereiche teilt. Den links und den rechts der Mur. Während der linke mit der Postleitzahl 8010 schick und etabliert wirkt, hat sich der rechte (8020), spätestens seit dem Kulturhauptstadtjahr 2003, neu erfunden. Und genau das schauen wir uns an und laufen vorbei am Minoritenkloster, in dem heute nur noch vier Brüder leben, weiter Richtung Lendplatz. Durch ein Viertel, das sich nicht geschniegelt gibt, sondern ehrlich, kreativ und lebendig anfühlt.
Nachtleben in Graz: Kneipen in ehemaligen Bordellen
Jenny Am Lendplatz pulsiert das Leben. Im Sommer tanzen hier mittwochs Menschen zu lateinamerikanischen Klängen, bei unserem Besuch dominiert der Bauernmarkt. Und der hinterlässt Eindruck. Die Auslagen wirken wie aus einem Bilderbuch. Obst, Gemüse, Käse und Brot in einer Qualität und Vielfalt, die staunen lässt. Dazu Preise, die überraschen. Im positiven Sinn. Der Markt ist kein Pflichttermin, sondern ein Vergnügen. Zwischen den Ständen laden kleine Food-Büdchen zum Kosten ein, Gespräche entstehen ganz nebenbei. Wer hierherkommt, versteht schnell, warum Essen in Graz mehr ist als reine Nahrungsaufnahme. Fühlen wir sehr.

Foto: ANTONIO TRUZZI/Shutterstock.com
Jana Weiter geht’s in Richtung Fluss. Auf dem Weg dorthin präsentiert das Viertel noch seinen Ausgehbezirk. Einige Bars und Kneipen befinden sich in ehemaligen Bordellen, was ihnen ein verruchtes Image verleiht – und am Abend viele Studierende anzieht. Noch haben zahlreiche Reisende Graz nicht auf dem Schirm, aber wir sind uns sicher, das wird sich bald ändern. So lange spazieren wir noch ganz entspannt und ohne Touristenmassen durch die schmalen Gassen des Viertels und lassen uns von der Gelassenheit der Stadt anstecken.
Café Freiblick: Diese Dachterrasse solltest du nicht verpassen
Jenny Die Liste an Sehenswürdigkeiten in Graz ist lang. Schlösser, Kirchen, Brücken und Denkmäler reihen sich aneinander. Zeit also, einige Highlights herauszugreifen. Wir wechseln die Seite und überqueren die Mur.
Jana Sie wirkt etwas fehl am Platz, diese künstliche Insel, die wie ein geschuppter Urzeitfisch aus dem Wasser ragt. Die Murinsel. Zwei Stege führen zu dem Konstrukt aus Metall und Kunststoff, und während ich aus der Ferne noch skeptisch war, kann ich jetzt den Reiz der Insel verstehen. Hier kann man in Ruhe durchatmen und dem Trubel der Stadt kurz entkommen, während unter einem das Wasser vor sich hinplätschert. Wer etwas mehr Unterhaltung sucht, findet hier auch ein Café, einen Spielplatz und eine kleine Bühne.
Jenny Mein persönliches Highlight liegt ein paar Etagen über der Insel. Im wahrsten Sinne. Das Café Freiblick befindet sich im sechsten Stock des Traditionskaufhauses Kastner & Öhler und ist gut besucht. Kein Wunder, schließlich öffnet die Dachterrasse des Cafés den Blick auf den Schlossberg und die Stadt. Wer dort keinen Platz ergattert, nutzt einfach den Aussichtssteg. Auch dort lohnt sich das Innehalten. Besonders charmant ist die Speisekarte des Cafés. Frühstück trägt hier Namen großer Designer. Coco Chanel steht für süß mit Obstschnitte und Kombucha Quitte, Christian Dior bringt Lachs und Garnelen, Dolce & Gabbana kommt als großes Frühstück für zwei.

Foto: Jana Freiberger
Augen zu und durch: Adrenalinkick in der Schlossbergrutsche
Jana Mein Lieblingsort befindet sich noch ein bisschen weiter oben. Rund 120 Meter erhebt sich der Schlossberg mit seinem markanten Uhrenturm über die Stadt. Und der Ausblick ist einfach unschlagbar. Wir stehen jetzt nur vor der Frage: Wie kommen wir da hoch? Nehmen wir die Stufen? Die Sonne knallt so stark auf unsere Mützen, das ist keine Option. Die Bahn? Ein bisschen langweilig. Also nehmen wir den gläsernen Lift, der für leichtes Kribbeln im Bauch sorgt. Oben angekommen, gibt’s im Biergarten erst einmal eine Soda Zitron. Sommerlich, erfrischend, unkompliziert. Während die Sonne langsam untergeht, wirkt Graz erstaunlich ruhig.
Jenny Der Rückweg kann sich – auf Wunsch – weniger schaulich gestalten. Denn neben den klassischen Wegen nach unten existiert eine zusätzliche Option. Die Schlossbergrutsche. Die höchste Indoor-Underground-Rutsche der Welt. 170 Meter, zwölf Kurven, bis zu 30 Kilometer pro Stunde. Der Betreuer am Einstieg spricht von einem lang- samen Start. Nach den ersten Metern stellt sich die Frage, wie sich dann bitte schnell anfühlen würde?!? Das Tempo zieht sofort an, das Kreischen übernimmt, am Schluss dann freier Fall, zumindest fühlt es sich so an. Unten angekommen, bleibt vor allem eins. Adrenalin. Und erstaunlicherweise Hunger.
Ein Highlight für Foodies: Das Food Festival Graz
Jana Und damit kommen wir zum eigentlichen Grund unseres Besuchs. Das Essen. Graz ist Österreichs Kulinarikhauptstadt, und wo es gute Küche gibt, sind auch Jenny und ich nicht weit. Während unseres Aufenthalts findet das Food Festival Graz statt. Vom 14. bis 23. August 2026 feiert es übrigens sein zehnjähriges Jubiläum. Über 30 Veranstaltungen verteilen sich über die gesamte Region. Statt klassischem Street Food stehen hochwertige Menüs, Workshops und Tastings im Mittelpunkt. Kuratiert von Karin Marg, verbindet das Grazer Festival regionale Handwerkskunst mit internationaler Kreativität.
Mehr zu Food in Graz: Unser kulinarischer Geheimtipp: Die leckersten Restaurants in Graz!
Jenny Und in diesem Zusammenhang lernen wir auch den Kehlberghof kennen. Schon die Lage oberhalb der Stadt wirkt entschleunigend. Gault&Millau zeichnet das Restaurant 2026 mit zwei Hauben und 14 Punkten aus. Traditionelles Kochhandwerk trifft hier auf kreative Interpretation. Spinattascherl mit Florianiberg Trüffel, Bio-Goldforelle mit Polenta, rosa gebratener Rücken und geschmorte Schulter vom Weizer Lamm mit Kürbis und Liebstöckl. Dazu aufmerksamer Service und eine Weinbegleitung, die seit Jahrzehnten überzeugt.

Foto: Jana Freiberger
Essen in Graz: Hier geht’s deftig zu
Jana Aber nicht nur die Stadt, auch das Umland lockt mit kulinarischen Highlights. Wir marschieren tapfer weiter durch die Hitze, den »Ligister Schmankerlweg« entlang, der auf insgesamt 5,5 Kilometern durch Weingärten, vorbei an Obstbäumen und über Wiesen führt. Nach einem kurzen Stopp bei der Imkerei Rosenzopf und einem Honig-Tasting geht’s weiter zum Buschenschank Dokter, wo regionale Spezialitäten auf den Holztisch kommen. Zusammen mit einer großen Portion Entschleunigung.
Jenny Eine Jause gehört zu Österreich wie Sisi nach Wien. Also teilen wir uns im Buschenschank Dokter ein Brettl und treffen ganz nebenbei die steirische Weinkönigin. Ein Schilcher gehört dazu. Frisch, charakterstark und typisch für die Region.
Jana Zurück in der Stadt wird weitergefuttert, auch wenn die Hose schon spannt. Der Steirer ist DIE Adresse für Klassiker aus der Region. Nicht nur Backhendl, auf dem Menü stehen auch Wohlfühlspeisen wie Rindsuppe mit Leberknödel, Gulasch mit Polenta und »Faschierte Laibchen mit Erdäpfelpüree« (Frikadellen mit Kartoffelpüree). Und auch wenn die Weinstube passé ist – edle Tropfen aus der Region werden hier heute noch ausgeschenkt. Prosit!
Jenny Graz tischt eben auf, was der fruchtbare Boden hergibt und engagierte Produzenten herstellen. Essen spielt hier eine Hauptrolle. Nicht aufgesetzt, sondern natürlich.
Unsere Lieblingsbar: Ernst Fuchs
Jana Und kein Städtetrip in Österreich ohne Kaffeehaus. In Graz heißt eine der passenden Adressen Tribeka. Eigene Rösterei, professionelle Baristas, reduzierte Einrichtung. Der Fokus liegt klar auf der Qualität in der Tasse. Und wer nach Qualität im Cocktailglas sucht, sollte die Bar Ernst Fuchs besuchen. Die Einrichtung: stilvoll. Die Drinks: außergewöhnlich. Barchef Herr Helmut: ein Unikat.

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen
Jenny Zum Schluss noch eine kleine sprachliche Beobachtung. In Österreich sagt niemand lecker. Das Wort wirkt hier fremd, fast kindlich. Stattdessen fällt öfter gut, köstlich oder einfach hervorragend. Vielleicht, weil Essen hier mit Respekt behandelt wird. Nicht als Adjektiv, sondern als Handwerk, als Kultur, als Teil des Alltags. Und genau deshalb passt Graz so gut zu all jenen, die gerne genau hinschmecken.
Lokalteil
Wo schlafen?
Das Grand Hôtel Wiesler ist ein Luxushotel der besonderen Art. Hier treffen sich Komfort und Kreativität. Und das in bester Lage. Grieskai 4–8, 8020 Graz, https://grandhotelwiesler.com
Wo einkehren?
Österreich kann Hausmannskost. Im Buschenschank Dokter im Grazer Umland kann man sich davon selbst überzeugen. Bei bester Aussicht! Steinberg 8, 8563 Ligist, www.buschenschank-dokter.at
Traditionell geht‘s auch im Der Steirer zu. Wir empfehlen das Backhendl, dafür aber am besten eine große Portion Appetit mitbringen. Belgiergasse 1, 8020 Graz, www.der-steirer.at
Das Gasthaus Kehlberghof vereint bodenständiges Gasthaus und kreatives Haubenlokal unter einem Dach. Kehlbergstraße 83, 8054 Graz, www.kehlberghof.at
Wo trinken?
Das Café Freiblick zieht mit seiner riesigen Dachterrasse Touristen wie Einheimische an, die den Blick auf den Schlossberg und die Dächer der Stadt genießen. Sackstraße 7–13, 8010 Graz, www.freiblick.co.at
Die Werke von Künstler Ernst Fuchs kann man mögen oder nicht. Die Drinks in der Bar Ernst Fuchs sind über jeden Zweifel erhaben. Sackstraße 3, 8010 Graz, www.erzherzog-johann.com/ernst-fuchs-bar/
Wo kulturell etwas erleben?
Das Kunsthaus Graz ist das architektonische Wahrzeichen der Stadt. Hier warten Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst. Lendkai 1, 8020 Graz, www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz
