Was uns in der Redaktion alle vereint, ist die große Leidenschaft fürs Reisen. Dass es dabei nicht immer nach Plan läuft, gehört dazu. Im Wechsel stellen wir unsere größten Reise-Fails vor. Teil 17 kommt von Redakteurin Marie. Auf der Rückreise aus der Karibik hatte sie knapp 22 Stunden Aufenthalt in Toronto. Dieser Stopover gestaltete sich aufregender als geplant.
»Bitte holen Sie Ihren Koffer in Toronto ab, bei so einem langen Stopover können wir ihn nicht direkt durchschicken«, gab mir die Angestellte von Air Canada bei meinem Check-in auf der karibischen Insel Saint Lucia für meinen Rückflug mit Stopover in Toronto mit.

Illustration: Gemini
Mein Flieger flog erst am kommenden Abend um 21 Uhr weiter nach Frankfurt, Aufenthalt in Toronto: knapp 22 Stunden. Eine kurze Nacht im Hotel, und schließlich noch die Gelegenheit für etwas Sightseeing in der kanadischen Metropole. Vom »The Drake Hotel« schlenderte ich am Nachmittag also los entlang der Queen Street West Richtung der berüchtigten Graffiti Alley. Danach wollte ich weiter ins Viertel Kensington Market. Immer mit dabei: mein Trolley. Von Downtown wollte ich direkt mit der Bahn zum Flughafen, so der Plan.
Das Wetter in Toronto: Mäßig
Es war der 2. April und das Wetter mehr als mäßig: zwei Grad, Nebel und Nieselregen. Ich bummelte, ging hier in eine kleine Boutique, schaute da die Fensterauslagen einer Papeterie an. Doch es war einfach ungemütlich draußen. Ein gelb-rotes Taxi hielt am Straßenrand.

Illustration: Gemini
Ich klopfte ans Beifahrerfenster, der Fahrer ließ die Scheibe runter. »Sure, get in!«, entgegnete er auf meine Frage, ob er mich einfach zwei Kilometer die Straße runterfahren könnte – zur Graffiti Alley. Und so drückte ich ihm keine fünf Minuten später zehn kanadische Dollar in die Hand und hüpfte aus dem Auto. Vor der Graffiti Alley stutze ich. Dafür, dass sie so bekannt war, sah sie recht schäbig aus, außerdem war niemand hier, nur zwei zwielichte Gestalten lungerten in einem Hauseingang. Ich hatte ja alle meine Sachen dabei … Doch, Moment: Wo war eigentlich mein Koffer?
Koffer im Taxi vergessen – was jetzt?
Jäh fuhr ich zusammen, als mir mit einem Mal klar wurde, dass ich ihn im Kofferraum des Taxis gelassen haben musste. Ich drehte mich um, aber natürlich war das Taxi schon weg. Leichte Panik stieg in mir auf. Es war 16 Uhr, keine fünf Stunden mehr bis zu meinem Abflug, eigentlich wollte ich mich in gut einer Stunde aufmachen zum Flughafen. Mit meinem Koffer. Ich hatte kein Foto vom Taxi, keine App benutzt oder mit Karte gezahlt.

Illustration: Gemini
Gleich gegenüber dem Eingang zur Graffiti Alley befand sich ein Restaurant. Ich ging kurzerhand ins »Java Café«. Nur ein Tisch am Fenster war besetzt, der Besitzer begrüßte mich freundlich. Ob ich kurz sein Wlan nutzen dürfte. Er wies auf einen Zettel an der Wand mit dem Passwort. Ich googelte »taxi rot gelb toronto« – und fand das Taxiunternehmen – und die Telefonnummer.
Anruf beim Taxi Operator
Der Cafébesitzer lieh mir netterweise sein Festnetztelefon. Über 30 Minuten hing ich in der Warteschleife, langsam wurde mir in meiner dicken Winterjacke warm. Ich stand noch immer im Eingang des »Java Cafés«. Schließlich sprach ich mit einem Operator. Bei Google Maps versuchte ich meinen ungefähren Einstiegsort zu bestimmen. Er schickte eine Nachricht an alle Fahrer über das Funkgerät raus. Ich blieb in der Leitung und hörte seinen Bemühungen zu. Leider nichts.

Illustration: Gemini
Eine Stunde später hatte ich auch alle anderen Taxiunternehmen in Toronto informiert und bei allen meine Kontaktdaten hinterlassen. Mein Koffer war nirgends aufzutreiben. Ich begann, wütend auf den Fahrer zu werden. Doch es nützte nichts: Wenn ich noch rechtzeitig zum Flughafen wollte, musste ich jetzt dringend los. Es war bereits 18 Uhr. Ich bezahlte mein Getränk mit großzügigem Trinkgeld und bedankte mich beim Cafébesitzer. Draußen schaute ich mich noch einmal gründlich am Eingang zur Graffiti Alley um – nicht, dass ich nachher doch den Koffer hier irgendwo hatte stehenlassen.
Abflug in 3 Stunden
Da rannte mir plötzlich der Cafébesitzer entgegen. »They got it!«, rief er. Ich sprintete zurück ins Café. Die Verbindung des Rückrufs vom Taxiunternehmer auf das Festnetztelefon war leider schon unterbrochen, doch eine Viertelstunde Warteschleife später sprach ich mit dem Operator des rot-gelben Taxiunternehmens. »Dein Koffer ist gefunden, aber der Fahrer ist leider aktuell in Scarborough, das dauert noch eine Stunde, bis er wieder bei dir ist«, erklärte er mir die Situation.
Ich rechnete durch: Wenn ich das Taxi dann direkt zum Flughafen und meinen Koffer wieder nur als Handgepäck nahm, müsste ich es schaffen. Zudem ich eben eine Mail bekommen hatte, dass der Flug eine halbe Stunde Verspätung hätte. Ich bestellte mir also ein Bier und wartete. Gegen Ende des Glases fand ich die Situation fast amüsant. Und so kam es, dass das rot-gelbe Taxi gegen 19 Uhr wieder dort eintraf, wo es mich drei Stunden zuvor rausgelassen hatte. Ich klopfte an das Fenster der Beifahrertür. Der Fahrer ließ das Fenster runter und grüßte mich herzlich. Er war extra für mich nochmal zurückgekommen.

Illustration: Gemini
Ende gut, Reise gut.
Leicht beschwingt öffnete ich den Kofferraum – da lag er. Mein dunkelbrauner Samsonite Trolley. Ich hopste auf die Rückbank. Eine Stunde später stand ich mit meinem Koffer an der Schlange für die Sicherheitskontrolle fürs Handgepäck. Bis zum Abflug waren es nun eineinhalb Stunden, Dank der Verspätung. Ich grinste als ich meinen Trolley auf das Gepäckband hievte. Er war schwer, aber das machte nichts. Ich war so froh, dass er da war. Gedanklich hatte ich mich schon von all meinen Lieblingskleidern verabschiedet.
Innerlich dankte ich den drei Männern, die dies möglich gemacht hatten: Der Besitzer des »Java Cafés«, der unermüdliche Operator am Telefon und der Taxifahrer, der mich zeitig wieder zurückgebracht hatte. Kensington Market und die Graffiti Alley schaue ich mir beim nächsten Besuch an. Aber vorher trinke ich ein frisch gezapftes Sapporo im »Java Café«.
Auf unserem Kanada-Blog Kanadastisch findest du viele spannende Tipps zu Toronto.
