reisen EXCLUSIV Audio - Höre Dir diesen Artikel an
0:00
0:00

Sightseeing war gestern. Der Reisetrend Skillcation verändert gerade, was wir überhaupt mit Urlaub meinen und ist Grund dafür, warum ausgebuchte Töpferkurse in Athen kein Zufall sind. Aber was steckt dahinter?

Unsere Art zu Reisen hat sich in den letzten Jahren gehörig verändert. Das Foto ist gemacht, landet in der Story — und im Flieger zurück bleibt das Gefühl, dass da doch noch etwas mehr hätte sein können. Mehr als Jetlag und ein überteuertes Mittagessen an einem Platz, dessen Name schon wieder weg ist. Genau in diese Lücke stößt das Konzept Skillcation. Als ein Versuch, dem Tourismus eine andere Richtung zu geben. Wer in einem Weindorf in der Toskana gelernt hat, Pasta von Hand zu rollen, erinnert sich ziemlich wahrscheinlich drei Jahre später noch an den Namen der Köchin.

Nahaufnahme von Teilnehmern einer thailändischen Cookingclass, zu sehen sind die Hände mehrerer Personen, die mit einem Mörser arbeiten.

Foto: shellygraphy/Shutterstock.com

Was ist Skillcation eigentlich?

Zugegeben: Skillcation klingt wie ein Wort, das jemand erfunden hat, der zu viel Zeit in einem Co-Working-Space verbracht hat. »Skill« plus »Vacation« und fertig ist das Reiseformat »Urlaub mit Lerneffekt«. Das Programm: ein Töpferkurs in Griechenland, ein Barista-Seminar in Wien oder eine Wildkräuterwanderung im Allgäu. Das klingt ein bisschen nach VHS-Katalog, ist aber in Wirklichkeit ein ernsthafter Versuch, dem Sightseeing-Überdruss etwas entgegenzusetzen. Der Gedanke dahinter ist nicht neu. Denn Urlaub ist längst mehr als eine Pause vom Alltag. Immer mehr Menschen suchen stattdessen nach echten Erlebnissen, Begegnungen und Erfahrungen.

Worum geht es bei einer Skillcation?

Brauchen Urlauber ein besonderes Talent? Kurzum: nein, Neugier reicht. Der Großteil der Angebote richtet sich an Anfänger. Niemand erwartet, dass nach einem Wochenende in Bayern der Schmiedemeister-Titel winkt oder nach drei Tagen Surf-Unterricht auf Teneriffa die Wellen derart geritten werden, das die Action-Stunts bei YouTube landen. Und das Angebot ist beachtlich: kulinarisch vom Pasta-Workshop bis zum Käserei-Besuch mit Eigenproduktion, handwerklich von Glasblasen bis Korbflechten, sportlich von Reitkursen bis Tennis-Camps. Dazu Fotografiekurse, Zeichnen, sogar DJ-ing. Und natürlich Yoga-Lehrer-Ausbildungen auf Bali, die je nach Philosophie mehr Retreat als Ausbildung sind. Wer das noch für esoterisches Urlaubsprogramm hält, hat die letzten Jahre verschlafen. Das Beste daran? Die meisten dieser Kurse werden von Einheimischen angeboten. Genau das sorgt für die Art Begegnung, die über die üblichen Reiseanekdoten hinausgehen.

Yogagruppe von hinten beim Sonnenuntergang in einem offenen Gebäude aus Holz.

Foto: shellygraphy/Shutterstock.com

Was kostet eine Skillcation?

Billig ist es nicht. Ein Tagesworkshop beginnt so ab 50 Euro, intensive Wochenprogramme kommen schnell auf 300 bis 500 Euro — ohne Unterkunft und An- und Abreise. Wer ein bestimmtes Retreat bucht, wie etwa ein mehrtägiges Yoga-Programm auf Bali oder ein Weinbau-Seminar im Burgund, landet auch schnell mal im vierstelligen Bereich. Günstigere Varianten gibt es trotzdem, wie Angebote ab 20 bis 30 Euro pro Einheit, Gruppenangebote in der Nebensaison oder Stadtworkshops ohne Übernachtung. Wer clever sucht, findet auch im mittleren Preissegment gute Sachen. Die Plattform MySkillcation.com (hier geht es zur Website) hat sich genau auf diesen Markt spezialisiert.

Ist Skillcation dasselbe wie Workation ?

Das ist die Frage, die in jeder Diskussion über das Thema auftaucht. Beide Konzepte verbinden Ortsveränderung mit Nicht-Urlaubstätigkeit, aber der Unterschied ist klar: Bei einer Workation wird gearbeitet. Reguläre Arbeit, echte Deadlines, Laptop auf dem Balkon. Eine Skillcation bedeutet echte Auszeit mit etwas, das persönlich interessiert. Ohne beruflichen Zweck und ohne Rechenschaft.

Es gibt allerdings eine wachsende Grauzone, die besonders Freelancer und digitale Nomaden für sich entdeckt haben: vormittags im Co-Working-Space arbeiten, nachmittags Kochkurs oder Surfstunde. Das ist zwar weder Workation noch Skillcation, aber es erklärt, warum Málaga, Lissabon und Chiang Mai gerade so volle Kurskalender haben.

Welche Orte eignen sich für eine Skillcation?

Überraschenderweise muss es nicht gleich Bali sein. Deutschland hat ein unterschätztes Skillcation-Potenzial, das abseits der offensichtlichen Tourismus-Achsen liegt. Auf Usedom können etwa Bootsbaukurse gebucht werden, ein handwerklicher Kurs mit einem echtem Ergebnis. In der Fränkischen Schweiz wiederum gibt es Kletter-Intensivkurse, in Franken Wein-Seminare, in Bayern Schmiedekurse. Berlin hat sich als urbanes Zentrum für Töpfern und Kreativworkshops etabliert. Wer in der Stadt wohnt, kennt das längst. Wer von außerhalb anreist, entdeckt eine Seite der Hauptstadt abseits der üblichen Touristenpfade.

Schilder an einer Steinwand in der Toskana, die zu einem Oliven-Workshop und diversen Läden führen.

Foto: marziaver / Shutterstock.com

Außerhalb von Deutschland ist die Toskana das vielleicht klassischste Skillcation-Ziel Europas. Kochkurse, Weinwissen, Olivenöl-Seminare und das alles eingebettet in einer Landschaft, die den Lerneifer schon optisch rechtfertigt. Griechenland punktet mit Töpferkursen auf Kreta und Lesbos, Island mit Stricken und Naturkunde, Kroatien mit Sprachkursen in alten Städten. Wer noch weiter reist: Bali ist für Yoga-Retreats und Meditationskurse seit Jahren gesetzt, Thailand für Kochkurse und Buenos Aires für Tango. Und zwar nicht als Urlaubsfolklore, sondern mit echten Lehrern.

Taugt Skillcation auch für Familien?

Workshops, bei denen Eltern und Kinder zusammen arbeiten, sind eines der am stärksten wachsenden Formate des Reisetrends. Und das ist wenig überraschend: Kinder lernen unter anderen Bedingungen als zuhause, ohne Leistungsdruck und mit den Händen. Der Selbstbewusstseinsboost, den ein Zehnjähriger erlebt, wenn er am Ende eines Töpferkurses seine eigene Schale in den Händen hält, ist schwer mit einer klassischen Museumsführung zu vergleichen. Sogar wenn Dinos im Spiel sind.

Und die Eltern? Parallelprogramme für verschiedene Altersgruppen bedeuten, dass nicht zwingend alle dasselbe tun müssen. Es gibt Resorts, die dieses Konzept wunderbar umsetzen, wie zum Bespiel das Naturhotel Forsthofgut, das explizit Lernformate für Kinder und Erwachsene kombiniert. Chefredakteurin Jenny hat ihre Eindrücke vom Hotel bereits niedergeschrieben.

Ein älterer Mann, ein Vater und ein Kind bei einem Holzworkshop.

Foto: Geber86 / Shutterstock.com

Ist Skillcation nur ein Trend?

Influencer haben das Format sichtbar gemacht, weil es sich perfekt auf Fotos inszenieren lässt. Mehlbestäubte Hände auf einem Holztisch in der Toskana performen eben gut. Der eigentliche Treiber ist aber eine Unzufriedenheit mit dem klassischen Tourismus. Zu viele Menschen an denselben Orten, zu wenig echte Begegnung, zu viel Konsum. Urlaub als Investition in sich selbst ist kein neues Konzept. Aber wer eine neue Fähigkeit lernt, nimmt etwas mit nach Hause, das nicht nach ein paar Tagen verloren geht. Ja, das klingt vielleich erstmal nach Selbsthilfebuch. Doch dass Gefühl, in etwas gut zu werden, macht uns einfach zufrieden. Und das ist sogar psychologisch erwiesen.

Foto einer PoC-Frau in einer Töpferwerkstatt, die stolz und lachend eine Schale in den Händen hält. Im Hintergrund ein Regal mit getöpferten Gegenständen.

Foto: Zamrznuti tonovi / Shutterstock.com

Häufige Fragen

Wie früh muss eine Skillcation gebucht werden?

Das hängt stark vom Format ab. Kleine Handwerkskurse mit lokalen Anbietern sind oft kurzfristiger buchbar, manchmal sogar vor Ort. Intensive Wochenprogramme, wie Retreats auf Bali oder spezialisierte Kurse in Luxusresorts sollten dagegen zwei bis vier Monate im Voraus gebucht werden, in der Hochsaison gerne früher. Wer auf ein bestimmtes Format festgelegt ist, bucht besser früh, denn die Gruppengrößen sind bewusst klein gehalten.

Wie läuft ein Workshop ab, wenn die Kursleitung kein Deutsch spricht?

Meistens besser als gedacht. Handwerk und Kochen funktionieren weitgehend ohne Worte — zeigen, nachmachen, korrigieren. Viele Anbieter, besonders in Resorts, arbeiten mit Übersetzern oder englischsprachigen Assistenten. Wer kein Englisch spricht, sollte das vorab klären, aber die Erfahrung zeigt, dass gemeinsames Tun eine eigene Sprache entwickelt, die Sprachbarrieren erstaunlich oft überbrückt.

Gilt eine Skillcation als Bildungsurlaub — und lässt sich das steuerlich absetzen?

Bildungsurlaub ist in Deutschland Ländersache und an strenge Voraussetzungen geknüpft: Der Kurs muss anerkannt und beruflich relevant sein. Eine Skillcation im klassischen Sinne — Töpfern in Griechenland, Surfen auf Teneriffa — fällt in der Regel nicht darunter. Anders sieht es aus, wenn der Kurs einen klaren beruflichen Bezug hat, etwa ein Fotografieworkshop für jemanden, der freiberuflich fotografiert. Steuerlich gilt dasselbe Prinzip: ohne nachweisbaren Bezug zur beruflichen Tätigkeit keine Absetzbarkeit. Im Zweifel lohnt ein kurzes Gespräch mit dem Steuerberater.

Was gehört in den Koffer für eine Skillcation?

Alte Kleidung, die schmutzig werden darf, denn beim Töpfern, Kochen oder Schmieden ist das keine Frage der Eitelkeit. Festes Schuhwerk für handwerkliche Kurse, bequeme Kleidung für Sport und Yoga. Wer fotografieren möchte, nimmt die Kamera mit, nicht nur das Handy. Und ein Notizbuch. Ja, altmodisch, aber unterschätzt. Vieles, was in einem Workshop gelernt wird, verflüchtigt sich schneller als gedacht, wenn es nicht irgendwo festgehalten wird.