Den Gürtel eng geschnallt, eine knackig sitzende Wrangler Jeans und Cowboyboots mit Sporen. Dazu ein kariertes Hemd, ein Gesicht, das bereits auf den ersten Blick Geschichten erzählt, und einen Hut, der ihm tief im Gesicht sitzt. Mit diesem authentischen Mitbringsel wollte ich planmäßig das kanadische Alberta verlassen. Ein Besuch der Calgary Stampede durfte da nicht fehlen. Text: Jennifer Latuperisa-Andresen

Nur keine falschen Vorstellungen – diese Kanada-Reise sollte nicht als Kontaktbörse dienen. Das scherzhafte Ziel dieser Mission war es eher, jemanden zu finden, der das Mann-Sein in einer ganz anderen, in einer eher erdigen und kernigen Version darstellt. Der aus dem Stegreif auf einen Gaul springen, Zäune zimmern und sich acht Sekunden einhändig auf einem Bullen halten kann. Kurzum der Cowboy als Starschnitt zum Anfassen. Aber …

Alberta ist von imposanter Größe. Die Prärieprovinz misst stattliche 66.0000 Quadratkilometer sattgrüne Weiden, etwas mehr als drei Millionen Einwohner und eine aufstrebende Metropole, Calgary, die seit 1940 insbesondere wegen der Öl-Industrie wächst und wächst. Wo nur, in dieser Weite, soll ich da den perfekten Cowboy finden?

Mission: Erfolglos! Aufgeben? Niemals!

Der erste Versuch: Rafter Six Ranch. Eine Gäste­ranch, 81 Kilometer von Calgary entfernt. Idealer Ort für die nordamerikanische Version des Bauernhofaufenthalts. Bodenständig unterkommen, reiten und allabendliches Grillfleisch. Touristen-Cowboy-Feeling. Doch ich nehme es gleich vorweg: Mission erfolglos. Der einzige Cowboy, der sich zu diesem Zeitpunkt auf der Ranch befindet, kommt aus Australien und ist so kernig, dass er meinem Damenherz gleich Angst einjagt. Sein Job: einsamer Reiter und Pferdeflüsterer.

Joe Guy ist ein Vagabund, der mit seiner Familie, bestehend aus Frau und drei Kindern, durch die Welt tingelt und ungestümen Pferden beruhigend zuflüstert, um sie dann kilometerlang durch die Pampa zuzureiten. Nebenbei spielt er ordentlich Gitarre und hat eine exzellente Stimme, mit der er seine eigenen Countrysongs vertont. Ein aufregendes Leben, das er in einem Buch erzählt. Momentan ist er auf der Suche nach einem TV-Produzenten. Er selbst findet sich ausreichend spannend für ein Reality-Format, wo ihn Kameras täglich begleiten. Vielleicht ist das ein Grund, warum er keine langfristigen Zukunftspläne kennt. Ihm reicht die Aussicht auf die nächsten Monate, in denen er mit seiner Familie mittellos durch das winterliche Europa wandern will.

Lebensweisheiten sind wichtiger als Schule, sagt Joe. Doch von ihm erhalte ich einen kleinen Einblick in die Psyche der Pferde und sehe ihm begeistert dabei zu, wie er einem amerikanischen Traber in nur wenigen Tagen die Furcht nimmt, einen Reiter zu halten. Zahlreiche Pferdekenner haben vor ihm versucht, den wunderschönen braunen Hengst zu bändigen. Doch niemand konnte bisher auf ihm reiten, ohne abgeworfen zu werden. Joe bleibt zuversichtlich: »Bei Pferden war ich mein Leben lang immer erfolgreich.«

Mac ist smart, redegewandt und charmant

Ein moderner Lucky Luke. Nein, das entspricht nicht der engmaschigen Suchmaske des perfekten Cowboys. Joe Guy ist tatsächlich zu viel guy (zu Deutsch: Kerl). Vielleicht ist mir das Glück auf der nächsten Ranch hold. Dort wartet bereits Mac Makenny. Seine Homeplace Ranch ist ein beliebte Unterkunft für Touristen. Ein uriges, aber auch zugleich liebevolles Plätzchen. Neben dem Komfort ist sicherlich auch der enge Kontakt zu Mac und seinen Jungs ausschlaggebend für den Aufenthalt in der roten Horseman’s Lodge. Mac ist kein Marlboro-Mann. Ganz im Gegenteil. Wäre das Leben ein Sergio-Leone-Western, dann wäre Mac ein gnädiger Sheriff oder ein gut aussehendes Schlitzohr, wie Terence Hill in »Mein Name ist Nobody«.

Insbesondere passt aber das Bild eines adretten Schauspielers zu ihm. Er ist smart, redegewandt und ein wahrer Charmeur. Doch auch ein schwieriger Charakter, so habe ich es munkeln hören. Millionen Dollar soll er besitzen, aber auch eine unbändige Passion für seine Pferde. Niemand darf auf ihnen reiten, ohne das übliche Mac-Test-Ritual absolviert zu haben, wo er seine ganz persönliche Pferdestärke des Reiters bemisst. Eine Prozedur, die sich schon Biathletin Kati Wilhelm unterzogen hat, als sie bei ihm urlaubte. Sie war sicher Mac-Fan. So wie jede Frau, die diesem Cowboy der Gentleman-Liga begegnet.

Pferde, Preisgelder, Männer

Doch Mac ist für meine Suche zu adrett. Ein echter Cowboy muss auch spucken und von Herzen fluchen können. Dementsprechend fahre ich ins jährliche Mekka der O-beinigen Männer – nach Calgary. Oh nein, auch hier bitte keine Missverständnisse. Ich möchte keineswegs damit ausdrücken, dass alle Männer, die in der Metropole leben, nach außen stehende Knie haben. Aber an zehn Tagen im Juli nimmt die Population dieser interessanten Spezies zu. Und – das ist das Beste – präsentiert zudem ungefragt ihre Cowboyqualitäten. Dazu gehört neben dem Gang auch das Sportliche. Allen voran das Reiten auf einem sich aufbäumenden und bockenden Pferd.

Jedes Jahr im Juli findet die Calgary Stampede statt. Es herrscht Ausnahmezustand. Ein Event der Superlative. Nach eigenen Angaben die größte, beste und tollste Outdoor-Show der Welt, mit der zweitgrößten Parade, den meisten Pferden, den höchsten Preisgeldern und den mutigsten Männern. Denn während der Stampede findet auch eines der größten Rodeos der Welt statt. Eine Art Weltmeisterschaft der Cowboys (und Cowgirls), die sich hier in zehn Disziplinen messen.

Die Atmosphäre ist ausgelassen, die Arena ist gefüllt, und tatsächlich fühlt es sich ein wenig wie Gladiatorenkämpfe an. Brot und Spiele der Moderne. Und ich bin mittendrin in der grölenden Menge. Sogar erste Reihe. Unmittelbar am Zaun. Dort wo man alles und insbesondere jeden im Blick hat. Da spritzt mir Dreck ins Gesicht, als das hellbraune Pferd sich nur ein oder zwei Meter vor mir aufbäumt. Es bockt, es buckelt. Der Cowboy, dessen Gesicht ich nicht erkennen kann, so tief hat er den Hut in die Stirn gezogen, rudert mit dem Arm. Acht Sekunden muss er sich einhändig auf dem Pferd halten. Acht lange Sekunden für den Reiter und ein Wimpernschlag für die Zuschauer, die applaudierend von ihren Plätzen springen.

Mit etwas Glück zur zweiten Chance

Für die aktiven Männer ist dies ein ernst zu nehmender Sport, der durchaus lukrativ sein kann, wenn man sich denn lang genug auf dem wilden Pferd hält. Doch es gibt reichlich Punkte auf der Contra-Liste bezüglich eines Cowboy-Lebens. Krankenversicherung beispielsweise. Bei Veranstaltungen wie dieser sind die meisten Cowboys überhaupt nicht versichert. Zudem wird der Körper das ganze Jahr schwer beansprucht, und zahlreiche Verletzungen sind keine Seltenheit. Dementsprechend kurz sind die rastlosen Karrieren. Denn ein Cowboy reist an Wochenenden von Rodeo zu Rodeo, um im Dezember eine gesunde Summe Preisgeld auf dem Konto anzuhäufen, die durchaus sechsstellig sein kann.

Wobei zum Siegen auch ein bisschen Glück gehört. Denn ein Reiter kann nur so gut sein, wie das Pferd (wahlweise auch Bulle), auf dem er sitzt. Beide (also Reiter und Tier) werden von den Wettkampfrichtern beurteilt. Und wenn das Pferd nicht ausreichend buckelt, ist der Punktestand schlecht. Und nur mit etwas Glück bekommt man eine zweite Chance auf weitere acht Sekunden.

Was muss denn ein Cowboy so haben, frage ich Wesley Silcox, einen US-Teilnehmer aus Utah, den ich nach seinem Bullenritt kennenlernen darf.

»Durchhaltevermögen. Denn es kommen immer wieder Tiefschläge. Ich habe mir dieses Jahr beispielsweise vier Knochen im Gesicht gebrochen. Das war schmerzhaft. Da muss man schon die Zähne zusammenbeißen, um weitermachen zu wollen. Beim Ritt selbst ist es wichtig, dass man blitzschnell reagieren kann und seine Nervosität in den Griff bekommt.«

Der frischgebackene Papa, der erst 27 Jahre alt ist, möchte höchstens noch sieben Jahre dabei sein. »Bei der Stampede anzutreten ist auch immer etwas Besonderes. Die vielen Zuschauer, die TV-Liveübertragung und die Preisgelder. Dieses Jahr ist es eine besondere Ehre dabei zu sein.« Warum? Weil die Stampede ihren 100. Geburtstag feiert.

Mehr als bloß Rodeo: die Calgary Stampede

Damals, als die Tradition entstand, war Calgary noch ein unbedeutendes Kuhdorf. Die Stampede wurde als eine Art Viehmarkt gegründet. Die weitverstreuten Siedler kamen zusammen, um sich auszutauschen, Geld zu verdienen und eventuell die eine oder andere Tochter der Nachbarfarmer zu begutachten. Noch heute ist die Calgary Stampede nicht allein Rodeo. Es ist viel mehr als das: Es ist Konzert, Show, Jahrmarkt, Oktoberfest, Kulturzentrum und Landwirtschaftsausstellung in einem.

Auch im Zeitalter von Facebook werden auf der Stampede weiterhin Kontakte geknüpft und Karrieren geschmiedet. Dabei steht für die meisten Cowboys bereits seit der Geburt fest, welchen Beruf sie später einmal wählen. Natürlich Cowboy, höchstwahrscheinlich Rodeo-Reiter und mit ausreichend Talent Bullenreiter. Wenn andere Kinder auf der Schaukel hocken, sitzen die Jungs bereits im Sattel. Statt Lego-Türme zu bauen, werden Lassos geworfen … Rodeo hat eben Tradition.

Auch in der Silcox-Familie. Wesleys Vater war ebenfalls Bullenreiter, und sein älterer Bruder nahm auf einem Pferd am Rodeo teil.

»Auf unserer Ranch in Santaquin gab es nichts anderes für uns Kinder als Pferde und die Arbeit mit Pferden. Das war und ist unser Leben.«

Heute jedoch hat Wesley die Chance beim Bullenreiten, der Champions League des Rodeos, eine hohe Summe Preisgeld zu gewinnen. Keine andere Disziplin ist so gefährlich und unvorhersehbar. Was die meisten nicht wissen, die Reiter kennen die Bullen nicht, auf denen sie sich ebenfalls acht Sekunden halten müssen. Die Bullen werden ihnen zugelost, wobei ein Bulle in der Branche einen ähnlichen Ruf hat wie der Reiter selbst. Wesley hofft auf »Palm Springs«, anscheinend ein Bulle, der ihm in der Vergangenheit schon Glück gebracht hat.

Aber bei all dem Schweiß und Tränen ist die Stampede auch ein reines Vergnügen. Und für uns gibt es auch etwas zu feiern. Wesley ist am heutigen Tag Dritter geworden, von zehn Teilnehmern in seiner Disziplin. Sein Bulle »It’s time« hat ordentlich gebuckelt, und Wesley hat sich gut auf dem wutschnaubenden Tier gehalten. Am Ende wurde ihm ein Preisgeld von 5000 Dollar ausgezahlt. »Nicht schlecht für acht Sekunden Arbeit«, lächelt Wesley.

Also lassen wir den Abend doch noch ausklingen. Stilecht bei Country-Livemusik im Nashville North. Dies ist ein Zelt, das während der Stampede auf dem Festivalgelände steht und feinste Countrymusik und Partyatmosphäre bietet. Bis zu sechs Stunden stehen die jungen Western-Fans an, um in das Zelt zu gelangen. Dort erwartet sie dann ein Meer aus zertretenen Bierdosen sowie ein verschwitztes, aber glücklich feierndes Völkchen, das sich zu jedem Song, meist im Gleichschritt, bewegt. Line Dance nennt man das, und es sieht aus, als würde es Spaß machen. Allerdings sollte man dazu ein Bewegungs- und Koordinationstalent sein. Schön ist es zu sehen, dass die Menschen hier miteinander tanzen und nicht anteilnahmslos von einem Bein auf das andere hüpfen, wie das bei uns ja meist der Fall ist.

Ja und Wesley, der ist schon in der tanzenden Masse verschwunden. Auch noch Musik im Blut – der perfekte Cowboy also, mein Mitbringsel, Mission erfüllt. Denkste. Leider habe ich eines nicht bedacht: Der Cowboy hat sich für die deutsche Stadtgöre nicht mal annähernd interessiert. Wiedersehen aussichtslos.

Anreise. Air Canada fliegt täglich nonstop von Frankfurt a. M. nach Calgary. Zubringer von allen deutschen Flughäfen erhältlich. www.aircanada.de. Vor Ort empfiehlt es sich, zumindest um die Ranches zu besuchen, ein Auto zu mieten. In Calgary selbst ist ein Auto nicht zwingend notwendig.

Unterkunft. Rafter Six Ranch. 81130 Ranch Rd E Exshaw, AB T0L 2C0. Für zwei Personen eignen sich Zimmer in der Lodge, ab € 111, inklusive Frühstück. Die Unterkünfte sind nicht luxuriös, aber okay. Aktivitäten müssen dazugebucht werden. www.raftersix.com.

Homeplace Ranch. RR 1, Priddis, AB T0L 1W0. Hier gab es eine leichte Konzeptänderung: Die Horsemann Lodge kann man nun als Selbstversorger-Hütte buchen. € 100 die Nacht, Minimumaufenthalt zwei Nächte. Auch hier müssen alle Aktivitäten dazugebucht werden. www.homeplaceranch.com

Calgary Stampede. Drei bis vier Tage Zeit sollte man sich schon nehmen. Eintritt € 12 für Erwachsene pro Tag. Rodeos und Shows kosten extra. www.calgarystampede.com. Zu empfehlen ist das Hotel Le Germain Calgary, 899 Centre Street SW, Calgary. www.germaincalgary.com

Info. Mehr Informationen über die Provinz Alberta, die Stadt Calgary und die Calgary Stampede: www.travelalberta.com, www.visitcalgary.com

 

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