In den kanadischen Rocky Mountains ist die Welt noch in Ordnung. Die Skilehrer sind Entertainer, die Pisten menschenleer und der Schnee pulverweich. Grund zum Skifahren in Alberta. Text: Karolina Golab

In Alaska wird es um diese Jahreszeit kaum kälter sein. Minus 40 Grad Celsius! Himmel, meine Tiefkühltruhe fängt schon bei minus 18 Grad an zu brummen. Der Wind peitscht mir um die Ohren, und mein Atem entweicht dampfend aus meinen Nasenlöchern. Und man mag es glauben oder nicht, aber tauschen würde ich diesen Platz, an dem ich mit angeschnallten Skiern und im »Zwiebellook« stehe, gegen keinen anderen Ort der Welt.

Grund dafür ist die fast unwirklich schöne Kulisse vom Lake-Louise-Skigebiet. Egal, in welche Richtung ich mich wende, der Anblick bleibt gleich. Schneebedeckte Gipfel der kanadischen Rocky Mountains thronen vor einem strahlend blauen Himmel, während Millionen von Eiskristallen in der Luft tänzeln. Auch die Skibedingungen sind exzellent: Die knackige Kälte betäubt meinen Jetlag, die Pisten sind menschenleer, an den Liften also kein Gedränge, dafür sind die Skilehrer wahre Entertainer.

Skifahren in Alberta heißt: ziemlich amüsante Skilehrer kennenlernen

Schnöden Unterricht gibt es hier nicht: Sie singen, tänzeln, witzeln! Das hört sich ungefähr so an: »Get on that horse. You are in Alberta, be a cowboy!« Ed Rechnitzer, eben zitierter Skilehrer, stammt aus Calgary, das für seine Stampede (mit einem hoch dotierten Rodeo) so bekannt ist wie München für sein Oktoberfest. Also rauf auf den imaginären Gaul! Und wenn ich vom Pferd (nur zum Verständnis: Hier sind die Skier gemeint.) falle, lande ich im feinsten Champagner Powder, weich wie Daune. »Fluffy stuff«, meint Ed. Auf dem extrem trockenen Pulverschnee fällt mir das »Reiten« jedenfalls leichter als John Wayne das Gehen.

Szenenwechsel. Nur wenige Autominuten vom Lake-Louise-Skigebiet entfernt, liegt auf 1730 Metern Höhe das gleichnamige Örtchen. Genau genommen ist es nur eine Kreuzung aus dem Trans-Canada-Highway mit der Range Road. Ach, zwei Tankstellen und ein Paar verstreute Chalets gibt es zudem. Wer Skifahren in Alberta will, für den ist das ein sehr guter Ort.

Imposante Berge, keine Frage

Das Stadtzentrum besteht lediglich aus dem mächtigen Fairmont Chateau Lake Louise. Mit seinen Shops und Restaurants auf verschiedenen Ebenen ist das Chateau ein Anlaufpunkt nicht nur für Hotelgäste, sondern auch für Tagestouristen, die ein »Ich-war-hier-Weitwinkel-Panoramafoto« schießen und weiterziehen. Das majestätische Chateau ist von einer imposanten Bergkulisse umgeben. In den Sommermonaten spiegelt es sich im smaragdgrünen Gletschersee, der nun zugefroren ist und den Eishockeyspielern und Schlittschuhläufern gehört. Beliebte Freizeitbeschäftigung (besonders für Nichtwintersportler): eine Fahrt im Pferdeschlitten, eingehüllt in flauschige Büffelfelle, einmal um den See. Bei den Temperaturen dampfen die Vierbeiner wie Lokomotiven.

Alljährlich im Januar findet in Lake Louise das »Ice Magic Festival« statt, bei dem Bildhauer aus den USA und aus Kanada das tun, was man bei diesen Temperaturen am besten tun kann: Skulpturen aus Eis erschaffen. Aus 15 Eisblöcken wird Filigranes geschaffen. Erstaunlich, wie feinfühlig die dick behandschuhten Hände mit Meißeln und Kreissägen umgehen können, während sie Panthern, Bergziegen und Luchsen aus Eis die Zähne und Klauen schärfen.

Auf Spurensuche im Banff National Park

Seit zwei Stunden redet er schon von dem Vorteil der traditionellen Schneeschuhe gegenüber den Hightech-Schuhen aus Metall. Auch interessant sind die Storys über Grizzly-Winterverstecke und wie man einen Iglu baut. In den 25 Jahren, die Michael Vincent als Heritage Mountain Guide im Banff National Park arbeitet, hat er mehr Zeit draußen als drinnen verbracht. Seine Wangen sind gesund gerötet, und seine großen Augen strahlen, als er mir von einer Begegnung mit einem Luchs erzählt.

Bei der Wanderung durch den knietiefen Schnee versuche ich tapfer, seinen gleichmäßigen Schritt nachzuahmen, gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ich zum ersten Mal Schneeschuhe an den Füßen habe. Michaels Hauptaugenmerk liegt aber nicht auf den stampfenden Touristen, nein, er versucht, Spuren zu lesen. Eichhörnchen rechts, Vögel links und Hasen geradeaus.

»But no bears«, sagt Michael. Natürlich nicht – die schlafen ja, und dank Trapper Michael wissen wir auch, wo.

Hoffentlich behält er diese Information für sich und erzählt sie nicht den Kinderscharen, die praktisch vor seinem Büro darauf warten, dass er von seinen Ausflügen wieder einkehrt. Denn auch die Kleinen hören dem Naturburschen gerne zu – und welche Folgen könnte es haben, wenn diese sich auf die Suche nach dem schlafenden Bären machen …

Achtung Glatteis! In Alberta kümmert das die Autofahrer nicht weiter. Während in Deutschland schon die gesamte Infrastruktur zusammengebrochen wäre, ist man in Kanada ganz gelassen. Ich versuche das auch. Aber insgeheim kontrolliere ich auf der dreistündigen Fahrt von Lake Louise hinauf nach Jaspar bestimmt zehn Mal, ob mein Anschnallgurt auch sitzt. Immerhin ist der Parkway komplett vereist. Ob er deswegen Icefields Parkway heißt? Es ist eine einsame Fahrt. Nur zwei Autos begegnen uns, sowie eine Elchherde und zwei Raben. Der Wind bläst ganze Schneedünen von links nach rechts. Sicherlich gehört der Parkway zu den malerischsten Panoramastraßen der Welt, vorbei an 25 Gletschern und diversen zugefrorenen Wasserfällen, an denen sich zu dieser Jahreszeit Eiskletterer versuchen und somit Hunderte von Metern über dem Boden hängen – einziges Fortbewegungsmittel ist der Eispickel, den sie in die Eiswülste schlagen. Aufregend – na ja, mir reicht die Autofahrt.

Skifahren in Alberta: Gepflegter Hüttenzauber in Jasper inklusive

»Lots of elbow room.« Eine gute Umschreibung für das Skigebiet Jaspar, indem auch nicht gerade viel los ist. 4000 Einwohner, eine Brauerei, einige Bungalows und zahlreiche deutschsprachige Skilehrer. »Hier gibt es einfach genug Platz«, sagt Andi aus Österreich. Sein Finger deutet auf seinen Schweizer Kollegen, der einer Familie mit vier Kindern gerade den Schneepflug im Marmot Basin beibringt.

»Ja, die Kurven, die man hier fahren kann, sind gigantisch. Davon können wir in den Alpen nur träumen.«

Kaugummikauend grüßen die Helfer am Skilift mit einem saloppen »How is it going?« Wo gibt es das schon – ich glaube, in Sölden würde ich eher in den Lift geschubst als begrüßt – aber das nur nebenbei. »Ah, Après-Ski haben wir hier auch. Aber es gibt halt Beefsteak im gepflegten Restaurant statt Backerbsensuppe und Jagertee auf der Almhütt’n.« Das ist übrigens das Einzige, was Andi vermisst in Jaspar – den Hüttenzauber. Dafür aber empfiehlt er mir eine nächtliche Canyonwanderung.

45 Grad unter null

Es ist stockfinster. Ohne die Bergbaulaterne in der Hand sieht man nichts außer dem unendlichen Himmel, der von Sternen übersät ist wie ein Mohnbrötchen. Ich trage Gummistiefel mit Filzeinlage (sonst wären die Füße wahrscheinlich schon nach zwei Schritten blau gefroren) und Spikes unter den Füßen. Diese klacken rhythmisch auf dem zugefrorenen Maligne River. Ansonsten ist es mucksmäuschenstill. Benebelt vom eigenen Atem, wir haben 45 Grad Celsius unter null, versuche ich, mir den Maligne Canyon im Sommer vorzustellen. Dann rauscht hier (15 Autominuten von Jaspar entfernt) der Maligne-Fluss durch die kalkige Schlucht, und die Gischt spritzt über 15 Meter hoch.

So erklärt es mir Murray Morgan, der Guide vom Jasper Adventure Centre, der die Stille in regelmäßigen Intervallen mit seinen begeisternden Erläuterungen zu den Wasserfällen »Angel Falls« und »Queen of Maligne« unterbricht. Tagsüber sieht man auch hier die Eiskletterer, die selbst aus Australien anreisen, weil die Qualität des Eises hier praktisch perfekt ist. Insgesamt stapfen wir drei Stunden durch den Canyon. Es kommt mir nicht annähernd so lange vor. Zu groß war die Begeis­terung für die sternenklare Nacht, für die gewaltige Natur und für das magische Erlebnis, das leider ein Ende finden musste.

Letzte Station: Banff, das Tour zu den Rocky Mountains

Baff in Banff. Jede Tour hat ein Ende – und mein letztes Ziel heißt Banff. Im Vergleich zu meinen bisherigen Stationen ist es das touristische Epizentrum des Banff National Park, weil es das Tor zu den Rocky Mountains ist. In den schachbrettartig angelegten Straßen finden sich schicke Restaurants, Kunstgalerien, Hot Springs (dampfend warme Poolanlagen), und es gibt hier das »Wild Bill’s« – einen waschechten Saloon.

Staunend stehe ich mit einem Bier an der Bar und beobachte die dort Anwesenden (man kann sie durchaus Cowboys nennen) beim Tanzen. Doch Stehen und Trinken wird hier nicht geduldet. Jeder tanzt – auch ich. Zum ersten Mal wird mir in Kanada richtig heiß, denn wie jeden Mittwoch hat die Brant Lee Band den feierfreudigen Gästen richtig gut mit ihrer Countrymusik eingeheizt, bis die Cowboyhüte fliegen. Da muss ich direkt an Ed denken, meinen Skilehrer in Lake Louise. Es war mein erster Tag, als er sagte: »You are in Alberta, be a cowboy!« Ich glaube, an diesem Abend wäre er stolz auf mich gewesen. Noch ein kleiner Schluck Bier, und dann kommt ein mutiges »Yeeeeeeeeeeee haaaaaaaaaaaa« aus meiner Kehle als Ausdruck meiner Begeisterung. Denn eines steht fest: Im Sommer komme ich wieder, und dann sattle ich mir ein Pferd und versuche mich als echtes Cowgirl!

Anreise. Von Frankfurt/M. mit Lufthansa oder Air Canada täglich nonstop nach Calgary. Shuttle mit Sundog Tours von Calgary nach Jasper, Lake Louise oder Banff sowie zwischen den jeweiligen Orten. One-Way-Shuttlestrecke von Calgary nach Banff kostet etwa € 35, die Fahrt von Calgary nach Jasper kostet etwa € 73 und von Banff zum Lake Louise kostet es circa € 13.

Unterkunft. Übrigens eines der Lieblingshotels von Ski-Ass Hilde Gerg: The Fairmont Chateau Lake Louise, 111 Lake Louise Drive, Lake Louise, Alberta.

The Fairmont Jasper Park Lodge, Old Lodge Road, Jasper. Besonders schön gelegen ist die Outlook Cabin mit sechs Schlafzimmern, in der auch schon die Queen übernachtet hat. Zusätzlich gibt es noch andere »Luxushütten«.
The Fairmont Banff Springs, 405 Spray Avenue, Banff, Alberta.

Reservierungsnummer für alle drei Häuser: +800 0441 1414

 

 

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