Jahrhundertealte Kindermumien, ein bizarrer Landeplatz für Außerirdische und ein Amerikaner, der im Nirgendwo gekonnt die menschliche Wahrnehmung manipuliert – Argentiniens Nordwesten versetzt in andere Welten.  Text: Ulrike Klaas

Zusammengekauert und erstarrt sitzt er auf einem Sockel, den neugierigen, teils erschrockenen, teils faszinierten Blicken ausgeliefert. Seinen Kopf hat er mit der rechten Wange auf den Knien abgelegt, und die pechschwarzen Haare fallen ihm ins Gesicht, sodass er den frontalen Blicken nicht standhalten muss. Mich fröstelt’s.

Hinter der Glasscheibe, wo der sechsjährige Junge drapiert wurde, herrscht ein Klima wie auf höchsten Andengipfeln – eine trockene Kälte bei minus 21 Grad. Die 20 Grad im Museum verursachen nach der Wärme draußen allerdings auch Gänsehaut. Oder ist es doch eher das Bewusstsein, dass vor mir ein rund 500 Jahre alter sechsjähriger Junge hockt?

Ulrike Klaas

Überraschungen am Wegesrand

Die Region Salta im Nordwesten Argentiniens birgt ungekannte Phänomene, wie eben jene Kinder-Eismumie im Museo de Arquelogía de Alta Montaña (MAAM) in der gleichnamigen Hauptstadt der Region. Es sind überraschende Erlebnisse, die den Nordwesten besonders machen. Unverhofft tauchen sie bei meiner Rundreise von Salta über Cachi nach Cafayate am Wegesrand auf. Eine Reise gegen den Uhrzeigersinn – und so scheint auch manches Mal die Zeit zurückgedreht.

Es muss wohl zwischen den Jahren 1430 und 1520 gewesen sein, als sich die drei Kinder auf ihre letzte Reise begaben. Wo es hingehen sollte? Auf den 6739 Meter hohen Vulkan Llullaillaco, im Nordwesten des heutigen Argentiniens, wo sie, wie das Inka-Ritual es verlangte, ausgesetzt und den Göttern geopfert wurden. Berge galten bei den Inkas als heilig, denn in ihnen sahen sie Götter, die ihre Gemeinschaft beschützen. Erst gut 500 Jahre später, im Jahre 1999, fanden Wissenschaftler die drei Kinder – sechs, sieben und fünfzehn Jahre alt – fast unversehrt als Eismumien in ihrem Grab. Und nun zeigt das Museum im dreimonatigen Wechsel jeweils eines der Kinder. Ihr Schicksal wird mich noch lange beschäftigen – hin- und hergerissen zwischen dem Versuch, die Kultur der Inkas, ihr religiöses Leben im Einklang mit der Natur, zu verstehen, und dem völligen Entsetzen über unschuldige Kinderopfer.

Ulrike Klaas

Stelldichein bei den Gauchos

Auf dem Weg von Salta nach Cachi kämpft der Jeep sich über Dutzende Serpentinen die Cuesta del Obispo hinauf, über 3.000 Meter in die Höhe. Am Wegesrand ergänzt ab und an ein Kokablätter kauender Gaucho auf seinem Pferd das malerische Bergpanorama. Hinter jeder Kurve wechselt die Landschaft – von kahl bis üppig grün wie mit Samt überzogen. Den Pass markiert eine kleine Kapelle, wo Vorbeifahrende etliche Plastikflaschen und einiges nun Verschimmeltes auf dem Altar für die Götter bereitgelegt haben. Bevor man den Nationalpark namens »Los Cardones« passiert, weist ein Schild mit einem rot durchgestrichenen Gewehr auf ein Schießverbot im Park hin. Kurz frage ich mich, was einem hier überhaupt vor die Flinte rennen könnte, als eine Herde Alpacas die Bergkette entlangstürmt, immer wieder Halt macht, sich umdreht und ihren Unmut mit lautem Meckern kundtut. Gespannt, was die Herde Alpacas so entrüstet haben könnte, bahnt sich der Jeep den Weg über die letzte Kuppe, und ich bin erst einmal völlig perplex. Ein Tal mit Tausenden haushohen Kakteen in bizarrsten Formen und Größen breitet sich vor uns aus – auf einem Gebiet von unvorstellbaren 65.520 Hektar auf 2.700 bis 5.000 Metern Höhe.

»Der Cordones Kaktus liebt die Höhe, wird bis zu 300 Jahre alt und bis zu zwölf Meter hoch«, erklärt Guide Claudio. So muss sich eine Ameise zu Füßen eines Menschen vorkommen, denke ich, während ich zwischen den Kakteen hindurchwandere – von Mistgabel- bis Antennenform, die Kakteen setzen der Phantasie keine Grenzen. Würde in diesem Moment ein Ufo vom Himmel abwärts schweben, aus dem ET mit den Worten steigt »Nach Salta telefonieren.« – verwundert wäre ich nicht. Und es würde auch das Verhalten der Alpacas erklären. Erde an Salta? »Wollen wir weiter?«, fragt Claudio. Wir müssen uns sputen. Das Ziel: vor Sonnenuntergang die Estancia Colomé erreichen, die rund zwei Autostunden über schlaglochübersäte Schotterpisten entfernt liegt. Als wir das weltweit höchstgelegene und zudem älteste Weingut Argentiniens sowie das Hotel erreichen, prangen auf meinem Handydisplay seit Stunden die beiden Wörter »Nur Notrufe«.

Ulrike Klaas

James Turell Museum mitten in der Pampa

Als ich das zum Gut gehörende James Turrell Museum betrete, befinde ich mich plötzlich nicht mehr in der Pampa, sondern in einer Zeitmaschine, die mich unversehens mitten nach New York oder London katapultiert hat. Die Zeit löst sich in andere Sphären auf, während ich das Museum des amerikanischen Lichtkünstlers auf mich wirken lasse und mich plötzlich nicht mehr auf meine Wahrnehmung verlassen kann. James Turrells Werke sind optische Täuschungen wie die Installation »Spread«, ein großer Raum, in dem mich scheinbar unendliches blaues Licht umhüllt. Ich kann weder Wände noch Konturen ausmachen. Zudem scheint es, als ginge es am Ende des Raums rasant bergab. Ich taste mich Schrittchen für Schrittchen vor und merke schnell, dass es keinen Abgrund gibt, meine Augen allerdings sieht dies immer noch anders.

Mein Lieblingswerk ist das »Unseen Blue«, das Turrell extra für das Museum in Colomé angefertigt hat. Der Raum ist in sanftes Licht getaucht, und eine große Öffnung im Dach gibt den Blick auf den Himmel frei. Wieder spielen mir meine Augen einen Streich, denn die Öffnung erweckt den Eindruck, als seien Himmel und Dach auf einer Ebene. Ich lege mich auf den Granitboden unter die Öffnung und verliere mich in Zeit und Raum und blicke geradewegs ins All. Bunte Lichteffekte versetzen den Himmel in Bewegung und in verblüffend unterschiedliche Stimmungen. Mal ziehen dunkelblau schimmernde Wolken vorüber, die im nächsten Moment eher rosa erscheinen. Dann wieder blinkt ein Stern nach dem nächsten auf, als hätte sie eine unsichtbare Hand angeknipst. Und wumms, ist es stockduster.

Ulrike Klaas

Wenn ich mich noch anfangs gefragt habe, warum James Turrell ein solches Museum, das in den Metropolen dieser Welt Besucher stürmen würden, an einen Ort gebaut hat, wo gerade einmal 3.500 Besucher im Jahr vorbeikommen, weiß ich es nun: weil es viel Zeit und noch mehr Raum braucht. Und Phänomene, die wie nicht von dieser Welt erscheinen, passen wohl nirgends besser als nach Salta.

Anreise. Mit TAM ab Frankfurt a. M. über Sao Paolo nach Buenos Aires, www.tamairlines.com

Maam-Museum. Sehenswertes Archäologiemuseum des Hochlandes (MAAM) in Salta: http://maam.culturasalta.gov.ar 

Rundreise. Geführte Jeeptouren: Socompa Adventure Travel, Fabrizio Ghilardi, Tel.: +54 93 87 517 12 52, www.socompa.com

Estancia Colomé. Weingut mit Luxus-Boutiquehotel und James Turrell Museum. Ruta 53, 4419 Molinos, Tel.: +54 38 68 49 42 00. DZ ab € 205. www.estanciacolome.com 

Veranstalter. Rivero Golf & Reisen: 12-tägige Rundreise für € 2.490 p. P. im DZ (ab/bis Buenos Aires plus rund um Salta), www.riverogolfreisen.de. RuppertBrasil: Fünftägige Rundreise in Salta und Umgebung, ab € 534 p. P. im DZ. Weitere Infos unter: www.ruppertbrasil.de 

Info. Fremdenverkehrszentrale Salta: www.turismosalta.gov.ar

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