Elefanten, die wie Picasso malen, oder Dorfbewohner, die Maden in Seide wandeln – auf einer Fahrt mit dem »Eastern and Oriental Express« durch Thailands Nordwesten bekommen die Gäste Außergewöhnliches zu sehen. Den perfekt inszenierten Weg! Text: Ulrike Klaas

Der Abschied

Bei Anabelle fließen Tränen. Blake legt ungelenk den Arm um sie und murmelt beruhigende Worte. Helen, Carla und Mia haben sich untergehakt und schunkeln zum Takt. Sogar das Ehepaar Kunze hat sich dazu herabgelassen, von dem ausgeteilten Liedblatt ein paar Zeilen mitzusingen. Obwohl Frau Kunzes dezent hochgezogene Augenbraue viel darüber aussagt, was sie von solchen Sentimentalitäten hält.

»But I’m waiting on the green train, we hope to see you back again, so sad to see you go.«

Das Zugpersonal, angeführt von Pianist Peter, setzt inbrünstig zur letzten Strophe an. Und dann ist es fast vorbei: die Fahrt mit dem grünen Luxuszug. Der Abschied? Wieder eine wirklich bewegende Inszenierung. Wer hätte das gedacht, dass sich am Ende solche Verbrüderungsszenen abspielen würden. Reisen verbindet. Vor allem eine Reise im »Eastern and Oriental Express«. Denn man bleibt unter sich. Im exklusiven Kreis derer, die für sechs Tage fast 6.500 Euro pro Person berappen können. Wir, das sind 38 Personen. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Alleinreisenden, Ehepaaren oder sonst wie Verbandelten.

Wie alles begann …

Es begann vor sechs Tagen, in der Fünf-Sterne-Luxusherberge Mandarin Oriental am Chao-Phraya-Fluss mitten in Bangkok. Dort treffen wir zusammen: die quirlige Engländerin Helen, die verzweifelte Französin Anabelle, der tattrige, aber sehr liebenswerte Amerikaner Blake, die penetrante Schweizerin Mia und das etwas überhebliche deutsche Ehepaar Kunze. Nach den Anmeldeformalitäten, zu denen feines Gebäck, Kaffee und Tee gereicht werden, bekommen wir einen ersten Vorgeschmack, was uns die nächsten Tage erwartet: Wir werden durch das Hotel zum Bus geleitet, indem wir brav wie eine Schafsherde hinter einer Dame hertrotten, die ein Schild in die Luft hält: Epic Thailand.

Eastern Orient Express

Ulrike Klaas

Nur zweimal im Jahr begibt sich der »Easter and Oriental Express« auf diese Sonderreise in den Nordosten des Landes, rollt sozusagen auf Abwegen: von Bangkok in die Region Isan, über Sikhoraphum, Phanom Rung nach Chiang Mai, der größten Stadt Nordthailands, von dort wieder zurück in Richtung Bangkok über Lampang und Khao Yai. Die Epic-Thailand-Route ist eine Route für Zugliebhaber. Die Passagiere allesamt weitgereist. Sie haben die Welt erkundet – zumeist in Zügen oder Schiffen.

Doch dies liegt noch vor uns. Wir erreichen zunächst die quirlige Hua Lamphong Station, den Hauptbahnhof Bangkoks, wo ein fulminanter Empfang wartet: Thai-Tänzer führen das klassische Khon-Tanzdrama auf – mit anmutigen und langsamen Bewegungen. Die Darbietung? Ein ers­tes Häppchen thailändischer Kultur. Alle bleiben stehen und schauen uns an, beäugen die Tänzer und das schick gekleidete Personal. An die Blicke gewöhnen wir uns mit der Zeit. Sie folgen und begleiten uns, wo immer unser dunkelgrüner Luxustempel entlangrollt oder eben haltmacht.

Der Zug setzt sich in Bewegung – quietschend, klappernd und ruckelnd. Schwerfällig wie eine alte Dame, die eine Weile braucht, um auf Touren zu kommen. Ein Gezuckel und Geruckel. Ein einziges Rattern und Knattern. Bis der Zug in Fahrt kommt – wobei: schneller als 60 Kilometer die Stunde wird es nicht. Dann geht das Geratter in ein dezentes, monotones Klackern und sanftes Wogen über.

Ulrike Klaas

Aussichten aus dem Abteil

Der erste Tag an Bord vergeht gemächlich, während der Zug sich unermüdlich seinen Weg bahnt. Es ist eine andere Art des Reisens. Langsam. Abgeschirmt. Bis ins Detail geplant. Eine Reise mit einseitigen Ansichten, denn ich bekomme an meinem Fenster sitzend nur die eine Seite des Landes zu Gesicht. In meinem Fall ist es die rechte. Hinter der Fensterscheibe ziehen Wellblechkolonien vorüber, zwischen denen Hunde streunen und sich Müllansammlungen türmen.

Es klopft. Jack tritt ein, der Kabinensteward, und bringt mir ein Tablett mit einer filigranen Porzellan-Teetasse, einer nostalgischen Messingkanne nebst Zuckerdose und Milchkännchen im selben Design sowie thailändischen Süßigkeiten. Ein schönes Ritual, das sich jeden Nachmittag wiederholt. Stil wird an Bord großgeschrieben.

Anything else, Miss Ulrike?

Jedes Abteil, bestehend aus vier Kabinen, hat seinen eigenen Steward, der sich rund um die Uhr um das Wohlbefinden der Reisenden kümmert. Meine Kabine ist ein kleines, aber elegantes und kühles Reich. Auf dem Tischchen steht eine Schale mit Äpfeln, Birnen und Orangen neben einer Vase mit einer fliederfarbenen Orchidee. Das Bad hübscht ein Sträußchen Yasminblüten auf, neben dem Bulgari-Amenities aufgereiht sind. Die Kabine ist mit drei großen Schritten erkundet. Gemütlich, mit dunklen Holzarmaturen.

»Anything else, Miss Ulrike?«, erkundigt Jack sich nach meinen weiteren Wünschen. Danke, ich bin wunschlos glücklich!

Ein Leichtes im »Eastern and Oriental Express«. Das Personal begrüßt einen beispielsweise schon am ersten Tag mit Namen, und in beiden Restaurants weiß man bereits nach dem ersten Essen, dass man stilles Wasser sprudelndem bevorzugt. Vor allem der Service macht eine Fahrt mit dem Luxuszug zu einem außergewöhnlichen Erlebnis.

Die meisten Cabin Stewards haben zuvor im Shangri-La, der Crème de la Crème der Hotellerie, gearbeitet. Das merkt man. Auch Jack besitzt diese Gabe, stets präsent zu sein, aber so diskret, dass man sich niemals in seiner Privatsphäre gestört fühlt. 15 Jahre arbeitet er bereits im Zug. Kein Einzelfall. Angie aus der Bord-Boutique steht seit 20 Jahren hinter ihrem Tresen und bewacht funkelnde Schmuckstücke, exotische Stofftiere und Gläser mit dem Eastern-Orient-Emblem. Auch der Pianist Peter unterhält seit 20 Jahren allabendlich in der Pianobar die Gäste.

Intellektuelle Unterhaltung ? Ehrensache!

»Liebe Gäste, um 17.30 Uhr erwartet Sie unser heutiger Guest Speaker Tim in der Bar und freut sich, Ihnen einen Einblick in die Kultur und das Leben der indigen Region Isan zu geben«, ertönt Ulf Bucherts Singsang aus dem Lautsprecher. Der Zugmanager ist ebenfalls seit 20 Jahren mit dem »Eastern and Oriental Express« unterwegs und stammt aus Deutschland. Er verließ seine Heimat allerdings gleich »nach Nenas Hit 99 Luftballons« und landete nach diversen Zwischenstopps – St. Moritz, Hongkong, Bali – in Singapur, wo er im Juni 1992 angeheuert wurde, den »Eastern and Oriental Express« zu dem zu machen, was er heute ist: ein Luxushotel auf Schienen. Im September 1993 ging der grüne Luxuszug auf Jungfernfahrt.

Der Besitzer James Sherwood, ein amerikanischer Multimillionär, hatte den Zug vor mehr als 30 Jahren erworben. Damals nannte er sich noch Silver Star, stammte aus Japan, ratterte durch Neuseeland und war wenig hübsch anzusehen, bestand er doch im Inneren hauptsächlich aus Plastik in grellem Orange. Er ließ ihn komplett renovieren – nach dem Vorbild des Orient Express und des Shanghai Express. Das Resultat: ein nostalgischer, edler Zug im Stile goldener Zeitalter.

Geschichtsstunde mit Tim

Wir sitzen in der kühl temperierten Pianobar auf hellroten Polsterbänken, lauschen Tims Ausführungen über die Sprache in Isan, die zu 90 Prozent von den Laoten übernommen sei, oder über das Essen, das wesentlich schärfer als das Thai Food sei. Während Tim erzählt, schlürfen wir Champagner und knabbern Nüsse. Der Teppichboden federt die Schritte der Nachzügler ab, die an die Tischchen, auf denen goldene Lampen mit hellrosa Schirmchen stehen, Platz nehmen. Die Wände sind mit hellem Holz verkleidet, das zur Decke hin mit Schnitzereien verziert ist. Dazwischen spiegelt sich das Bordleben.

Und hinter den behäbigen Vorhängen mit Troddeln? Ja, da zieht das wahre Leben vorüber. Plattes, braunes Land, gespickt mit Dörfern, deren Häuschen sich zwischen Palmen quetschen. Hier und da steigen Rauchwolken auf. Isan ist das Holland Thailands. Später wechselt das Panorama: grüne Reisfelder mitsamt schlammverkrusteten Büffeln, die gelangweilt kauend auf ihren nächsten Arbeitseinsatz warten.

Ulrike Klaas

Die Nachmittags-Wissensstunde wird von nun an fes­ter Bestandteil. Wissenschaftler wie Anthony, der für die Widlife Conservation Society arbeitet und am vorletzten Tag einsteigt, erklären uns viel zur Flora und Fauna des Khao Yai Nationalparks, den wir am letzten Tag besuchen. Oder Experten wie Richard, den wir an einem kühlen Morgen nahe der Stadt Lampang am Bahnhof treffen und der sein Leben mit dem Erforschen des Asiatischen Elefanten verbringt, passend zu unserem Besuch des Thai Elephant Conservation Center.

Speisen auf Gleisen

Das Land und die Erlebnisse werden serviert wie das Abendessen: auf einem goldenen Tablett mit Glocke, die mit einer eleganten Bewegung gelupft wird. Die Gäste schätzen diese Art des komfortablen Reisens. Tatsächlich gewöhnt man sich erschreckend schnell daran, überall kühle Getränke, feuchte Tücher und köstliche Snacks gereicht sowie den Weg zurückhaltend, aber bestimmt, vorgegeben zu bekommen, sodass man sich nach kurzer Zeit schon fragt: Bin ich jemals anders gereist?

Eine Reise mit dem Luxuszug bleibt vor allem eines: eine Frage des Stils! Schicke Abendgarderobe gehört zum guten Ton – Herren mit Jackett und Krawatte, Damen in angemessener Abendkleidung. Yannis, der französische Küchenchef, zaubert jeden Tag zwei 3-Gänge-Menüs auf den polierten Teller. Von europäisch bis asiatisch. Eines köstlicher als das andere. Mariniertes Lachsfilet auf Garnelen-Mango-Salat, begleitet von mit Chili verfeinerter Tomatensuppe zur Vorspeise, gefolgt von Lammkeule im Pistazien- und Pinienkernmantel auf Rotweinsauce mit Selleriepüree und jungem Gemüse als Hauptspeise, und als Dessert Schokoladen-Ganache mit Thai-Kokos-Nuss-Eis auf Orangensauce.

Der Wein wird in schweren Kristallgläsern serviert, die selbst bei unebenen Wegstrecken niemals Fassung und Gleichgewicht verlieren. Schräglagen gehören zum Leben an Bord dazu – ob beim Essen, Duschen oder Schlafen. Man gewöhnt sich schnell daran.

Zügig gehen? Fehlanzeige!

Eine Herausforderung bleibt das einfache Gehen. Es ist fast unmöglich, eine Linie zu halten, so schlingert man von links nach rechts, schlägt dort mit dem Ellenbogen und hier mit dem Knie an.

Schon morgens wirken wir Reisende wie Betrunkene, die hilflos umhertaumeln.

So ist der Weg zu meinem absoluten Lieblingsplatz beschwerlich, denn der Aussichtswagen liegt am entgegen-gesetzten Ende des Zuges. 20 Minuten Wegstrecke muss ich dafür einplanen. Gefühlte 50 Türen, die die Waggons voneinander trennen, öffnen und wieder schließen. Doch es lohnt, denn der Aussichtswagen ist mein Verbindungsstück zu Thailand. Dort kann ich die Landschaft sehen, schmecken und riechen – den holzigen, rauchigen Duft, der Thailand anhaftet wie klebriger Kaugummi unter der Schuhsohle. Der Wind umhüllt wie eine warme Decke, und das Gefühl, in einem goldenen Käfig umherzufahren, schwindet mit jeder Minute.
Im Aussichtswagen trifft man sich, es wird getratscht über andere Mitreisende. An Bord sammelt man nicht nur Erfahrungen, sondern auch Lebensgeschichten – auch unfreiwillig. Sich aus dem Weg gehen? Unmöglich! Man sieht sich – ob beim Essen, auf dem Gang, im Aussichtswagen, an der Bar oder eben bei den Ausflügen.

Kulturelle Vielfalt

In Isan besuchen wir das Dorf Ban Maichamuak. Es wird ein Besuch mit gemischten Gefühlen. Einerseits die Freude über das Neue: die landestypische Bai Sri Soo Kwan-Segnung im Dorftempel und der kleine Exkurs in die Seidenfabrikation, wo tatsächlich aus gelben sich räkelnden Maden ein begehrter feiner Faden entsteht. Nachdem die Kinder der ortsansässigen Schule traditionelle Tänze aufführen, kommt der etwas schwierige Teil. Denn dem Verteilen von Handtüchern an die Erwachsenen und den Spielzeugen an die Kinder haftet ein eigenartiger Beigeschmack an. Haben sich damals die Kolonialherren so gefühlt? Ein befremdliches Gefühl, das jenem gleicht, wenn wir am Abend Halt in einem der Provinzbahnhöfe machen, wo wir uns aufgerüscht die zarte Lammkeule auf der Zunge zergehen lassen, während draußen ein Obdachloser im Müll nach etwas Essbarem sucht.

Ulrike Klaas

Am Abend machen wir halt in Hin Dat, wo sich vor der atemberaubenden Kulisse des Khmer-Tempels von Sikhoraphum Tänzer versammeln und zum Begrüßungsspalier aufgestellt haben. Auch zwei üppig dekorierte Elefanten, die eine Decke mit dem »Eastern and Oriental«-Emblem  übergeworfen haben, postieren sich am Eingang und werden von den Gästen mit Bananen und Gurken gefüttert. Später, als die Sonne glutrot hinter dem Shiva-Tempel versinkt, beginnen die Tänzer mit ihrer Show. Ein beeindruckendes Spektakel. Eine Art Tempelfest – ausschließlich für die »Eastern and Oriental-Express«-Reisenden. Und die sind hin und weg. Sogar Frau Kunze lässt sich zu der Aussage hinreißen: »Das ist grandios. Ein wirkliches Spektakel auschließlich für uns« – dies sei der Grund, warum sie und ihr Mann die Reisen in diesem Luxuszug so schätzen würden. Auch Helen und Mia sind begeistert und rätseln, ob »dieser großartige Abend überhaupt noch steigerungsfähig ist«.

Eine unbegründete Angst, stehen wir doch am nächs­ten Tag im Thai Elephant Conservation Center, wo Elefanten Bilder malen, als wären sie Picasso. Motiv: Stilleben. Dabei steht die Staffelei unter Bäumen, während der Elefant Jojo mit einem Pinsel im Rüssel die Silhouette seines Artgenossen zu Papier bringt. Beeindruckend!

Am nächsten Morgen sind wir dann zurück. Die Hua Lamphong Station in Bangkok ist ebenso quirlig wie bei unserer Abfahrt. Etwas verloren und überfordert stehen wir am Gleis. Die reale Welt kann ganz schön hart sein!

 

 

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