Unkraut vergeht nicht – und ist noch dazu wohlschmeckend und wirkt heilsam. Was in Garmisch-Partenkirchen in Wäldern, auf Wiesen und am Wegesrand wächst, ist essbar. Sozusagen fangfrische Kräuter zum Mitnehmen, die bei Wehwehchen helfen und zudem Speisen schmackhaft würzen. Auf Kräuterwanderung zum Gschwandtnerbauern. Text: Ulrike Klaas

»Es gibt nichts, wofür die Brennessel nicht gut wäre«, erklärt Irmgard Schwarz und greift beherzt in die widerspenstigen Pflanzen. Instinktiv halte ich die Luft an. Das hilft doch gegen die brennenden Pusteln?

»Wenn man sie von unten nach oben anpackt, sind sie nicht picksig«,

sagt Imgard. Komplett eleminiere man die picksigen Härchen mit einem Nudelholz. Das haben wir allerdings nicht dabei. In der Natur muss man sich eben so behelfen. Die Brennessel ist eine wahre Wunderpflanze: ob in Form einer Tinktur als Haarspülung für kräftigeren Haarwuchs, als Tee aufgebrüht mit blutreinigender Wirkung oder als leckere Süßigkeit ausgebacken in einer Masse aus Ei, Bier und Mehl. Vor allem die jungen Triebe im Frühjahr sind wahre Vitaminbomben: sie enthalten Flavonoide, Mineralstoffe wie Magnesium, Kalzium und Silizium, Vitamin A und C (siebenmal mehr Vitamin C als eine Orange), Eisen, aber auch einen sehr hohen Eiweißgehalt.

Kräuterführung mit Irmgard

Ulrike Klaas

Der Geschmack? »Ähnlich wie Spinat, nur aromatischer und etwas säuerlicher«, sagt Irmgard. Ihr Tipp: Auch die Samen schmecken prima, wenn man sie in Salat oder auf Bratkartoffeln streut.

Gestartet waren wir in Garmisch. Einem Städtchen, das es nur im Doppelpack gibt – nämlich mit Partenkirchen. Im südlichen Zipfel Deutschlands gelegen, ist Garmisch-Partenkirchen vor allem als Wintersportdestination bekannt. 26.000 Menschen leben in dem Tal, das im Schatten von Deutschlands höchstem Berg liegt: der Zugspitze. Diese müssen sich die Garmisch-Partenkirchner allerdings mit den Österreichern teilen, denn über dem Westgipfel verläuft die Grenze zwischen den beiden Ländern. 1935 vereinten sich die Orte Garmisch und Partenkirchen. Gezwungenermaßen. Die Olympischen Spiele im darauffolgenden Jahr standen an und die regierende Partei NSDAP war der Meinung, dass die beiden Orte sich vereinen sollte und die beiden Orte gaben dem Druck nach. Doch noch heute trennt nicht nur der Fluss Partnach Garmisch von Partenkirchen. Die Einheimischen kommen aus Garmisch. Oder aus Partenkirchen. Aber niemand antwortet auf die Frage seiner Herkunft mit: aus Garmisch-Partenkirchen.

Vorbei geht’s an urigen bayrischen Häusern

Imgard ist eine gebürtige Garmischerin. Und legt einen strammen Schritt vor. Wir pasieren urige traditionelle bayrische Häuser, die sich mit ihren verschnörkelten Holzbalkonen, üppig bepflanzten Blumenkästen und traditionellen Malereien an der Hauswand gekonnt in Schale werfen.

Urige Häuser in Garmisch-Patenkrichen

Ulrike Klaas

Dann werden die Häuser lichter, der Berg steiler und die Wiesen breiten sich links und rechts des Weges aus wie das Meer bei Flut. Wir folgen abseits der Straße einem kleinen Flusslauf bis zu einem Miniatur-Wasserfall.

»Seht her, das ist eine Rarität«.

Irmgard steht beängstigend nah am Ufer und hält lange Stengel mit grünen Blättchen in die Höhe. Die Brunnenkresse sei fast ausgestorben, denn sie wachse ausschließlich an sauberen, fließenden Gewässern und die gäbe es eben immer weniger. Kleines Kraut, viel dahinter: Sie ist die einzige Pflanze mit natürlichem Jodgehalt, das wiederum die Schilddrüse reguliert und jede Menge Vitamin C enthält. Auch hier hat Irmgard wieder einen kulinarischen Tipp: In den Kartoffelsalat streuen und eine extra Würze, nämlich einen bitter-scharfen Geschmack, genießen. Mittlerweile umgibt uns die vollkommene Natur. Glockengeläut erschallt wie ein Echo aus allen Richtungen, und bald kommen auch die grasenden Kühen passend zu den Glocken in den Blick.

Kuh-Geläut in Garmisch-Patenkrichen

Ulrike Klaas

Wenn im Frühjahr der Schnee die Wälder und Wiesen freigibt, ist Garmisch-Patenkirchen ein Paradies für Wanderer und Frischluftfanatiker. Und ein Freiluft-Supermarkt – vorausgesetzt man besitzt das Wissen von Irmgard. Es ist ein Wissen, das Jahrhunderte lang überliefert wurde – von der Mutter an die Tochter. Die rüstige 73-Jährige ist das, was man ein Nachkriegskind nennt. Noch während des zweiten Weltkriegs geboren, war ihre Kindheit geprägt von Armut. »Wir lebten von dem, was Wiesen und Wäldern hergaben«, erzählt Irmgard.

Gepflückt wird, was gerade im Angebot ist

Was der Supermarkt der Jahreszeiten heute im Angebot hat? Wir sammeln Löwenzahn, der bis zu 40mal mehr Vitamin A enthält als ein Salat aus dem Supermarkt. Wer bis zu zehn Stängel isst, braucht als Diabetiker kein Insulin spritzen, so die Kräuterexpertin. Aus den Blättern wiederum lässt sich ein schmackhafter Salat mit Speck und Ei kreieren. Das gleiche gilt für Thymian. Auch er eignet sich hervorragend, um einem Salat die nötige Würze zu verleihen. Die Blüte der Kohl-Kratzdistel schmecken in Pfannekuchen ausgebacken wunderbar fein und nussig.

»Not macht erfinderisch!«,

meint Irmgard. So hätten sie früher einfach viel ausprobiert und Dinge entdeckt wie die Könisgwurz, deren Wurzel ausgekocht wie ein delikater Schinken schmeckt. Oder das man mit der Pflanze Mädesüß, die zur Gattung der Rosengewächse zählt, Getränke aromatisieren kann. Gleichzeitig wirkt Mädesüß wie Aspirin. Junge Birkenblätter, frittiert in der Eisenpfanne und anschließend über Nudeln gestreut, ist laut Irmagrd »ganz a gutes essen«. Die erstaunlichste Erkenntnis bei unserem »Einkauf« im Wald: Fast jede Pflanze samt Blüte ist essbar. Und am Ende steht auf dem Kassenzettel: Null Euro.

Allerdings: Wer im Wald auf Einkaufstour geht, sollte sich auskennen. Vor der Eibe, einem tannenähnlichen Baum, machen wir halt und essen die blutrote, schleimig-süße Frucht. »Den Kern sofort ausspucken, der ist sehr giftig«, weist uns Irmgard an. Eine Süßigkeit mit Nervenkitzel. Sonst verwechselt man schon einmal den aromatischen Bärlauch mit der äußerst giftigen Herbstzeitlosen, die tödlich enden kann.

Giftig oder nicht? Aufpassen beim Kräutersammeln

Ulrike Klaas

»Die giftigsten Pflanzen wie Tollkirsche, Eisenhut und Herbstzeitlose sind aus der  Homöopathie nicht wegzudenken«, weiß Irmgard.

Natur hilft bei Ziperlein

Denn Pflanzen sind nicht nur schmackhaft, sie heilen auch. Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen. »Einen Arzt konnten wir uns früher nicht leisten«, erzählt Irmgard. Medikamente? »Habe ich noch nie genommen, aber ich bin auch nie krank.« Sie mixt sich täglich einen Smoothie aus dem, was sie am Tag sammelt. Das, was die Region hergebe, solle man zu sich nehmen. Doch die Natur brauche Zeit.

»Man darf nicht erwarten, dass die Kräuter so schnell wirken wie eine Tablette«,

meint Irmgard. Das Schöllkraut beispielsweise, ein Pflanze mit gelben Blüten, wirke hervorragend gegen Warzen. Oder auch gegen entzündete Augen. Dies habe sie sich bei den Schwalben abgeguckt, die ihren blinden Jungen die Pflanzen aufs Auge picken würden. Als Tee helfe das Schöllkraut gegen Parasiten im Magen. Irmgard ist eine wandelnde Apotheke. Während wir Steigungen hinauf wandern, durch dichte Wälder, verzauberte Lichtungen und Wiesen spazieren, die wie ein Blütenmeer anmuten, gibt es kaum eine Pflanze, ein Baum oder ein Kraut, dessen Wirkung ihr nicht bekannt ist. Das Gewächs Storchenschnabel, das man leicht mit einer Geranie verwechseln könnte, hilft bei Ohrenschmerzen.

Pflanzenkunde mit Irmgard

Ulrike Klaas

Das kleinblütige Weidenröschen wirkt Prostataleiden entgegen und befreit von Blasenbeschwerden. Nelkenwurz, ein eher unscheinbares Pflänzchen mit gelben Blüten, hilft bei Zahnfleischschwund und entgiftet zudem die Leber. Ein Öl, hergestellt aus Baldrian und Johanneskraut beruhigt geschundene Haut bei Sonnebrand. Thymian, Königskerze und Schlüsselblume lindern Erkältungen. Doch der König des Waldes und der Wirksamkeit, liegt unscheinbar und platt auf dem Boden: der Wegerich. Im satten Grün der Wiese ist die krautige Pflanze kaum auszumachen.

»Hat jemand einer Blase?«,

fragt Irmgard in die Runde. Wegerich sei nützlich bei Wunden aller Art, denn er enthalte viel Antibiotikum. Einfach zerquetschen und auf die Wunde reiben oder eben bei Blasen in den Schuh legen, lautet Irmgards Anweisung.

Im Einklang mit der Natur

Mittlerweile haben wir die letzte Steigung erreicht. Unser Ziel: Der Gschwandtnerbauer am Fuße des Panoramabergs Wank, der sich 1.780 Meter hoch gen Himmel reckt. Oben angekommen breitet sich eine atemberaubende Bergkulisse vor uns aus.

Ausruhen nach der Wanderung beom Gschwander Bauern

Ulrike Klaas

Müde Wanderer strecken an den Tischen vor dem Wirthaus alle Viere von sich und lassen sich Köstlichkeiten wie Gulaschsuppe und Tofpenstrudel schmecken. Es ist ein Hof wie aus einer anderen Zeit, wo Rinder, Hühner und Schafe frei herumlaufen und alles, was auf den Tisch kommt noch hausgemacht ist. Ein Hof im Einklang mit der Natur. Kindergeschrei tönt zu uns rüber. Kinder spielen auf der Wiese fangen. »Es wäre schön, wenn das Wissen um Kräuter nicht ganz verloren gehen würde«, meint Irmgard. Ob sie es an ihre Enkel weiter gibt? Das Interesse sei da gering, sagt sie achselzuckend. Aber ein Enkelsohn ginge ab und an mit ihr in den Wald. Zumindest ein Hoffnungsschimmer!

Übernachten. Charmantes und konfortables Hotel direkt in der Innenstadt: Hotel Zugspitze. Klammstraße 19, 82467 Garmisch-Partenkirchen, Tel.: 08821 9010, www.hotel-zugspitze.de

Kräuterwanderung. Die Wanderung mit Kräuterexpertin Irmgard Schwarz dauert mit Einkehr beim Gwschandtnerbauern ca. fünf Stunden. Jeden zweiten Mittwoch finden die Wanderungen statt. www.gapa.de. Täglich geöffnet außer Montag und Freitag. Tel.: 08821 2139, 82467 Schlattan-Höfele Anreise.

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