Die Vorhand landet zu oft im Netz? Der Rückhand-Slice ist harmlos? Der Aufschlag könnte mehr Spin vertragen? Wer beim Tennis seine Technik verbessern möchte, sollte sich ein paar Tage ins Camp begeben. Im Aldiana Club auf Fuerteventura lernen Tennisspieler und solche, die es werden wollen, das A und O beim Schlag mit der Filzkugel. Text: Frank Störbrauck

Wie zum Teufel soll ich jetzt einen Topspin-Aufschlag herzaubern? Trainer Petr blickt mit strengem, väterlichem Blick von der Seite herüber. Eben noch hat er mir im Trainerbüro das Lehrbuch des Deutschen Tennis Bundes gezeigt. Auf zwei Seiten wird dort akribisch die korrekte Ausholbewegung beim Aufschlag durchgekaut. Bild für Bild. Ich versuche, mich zu konzentrieren, mich zu erinnern, worauf es jetzt ankommt: Rückhandgriff, Ballwurf nach oben leicht hinter den Kopf, Bogenspannung, linker Arm senkrecht, steile Schlägerbewegung. Ich bin ganz durcheinander.

Dieses Mal wollte ich es wissen

O.k., ich wollte dieses Tenniscamp im Club Aldiana. Und wollte mit einem motivierten Trainer an meinem Service feilen. Dieser war nämlich bisher ein Aufschlag ohne Drall. »Dameneinwurf«, wie Kollegen hinter meinem Rücken lästerten. Nicht nur das: Als ich drei Wochen vor der Reise einem Spielpartner von meinem Vorhaben erzählte, hatte er nur Spott für mich übrig.

»Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr«, sagte er, als er sein Racket in die Wilson-Tasche zwängte.

Sein gehässiger Spruch hat mich motiviert: Warte mal ab, mein Freund, dir werde ich es noch zeigen. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Nun also soll es Petr richten. Ich hole aus, schlage zu – und treffe den Ball so, dass er meilenweit im Aus landet. »Oooooohhhh«, entseufzt es mir halb verärgert, halb beschämt.

»Wird schon noch«, sagt Petr. Ich glaube ihm gern.

Der Airbus war am Morgen zuvor in Düsseldorf gestartet und bis auf wenige Plätze gefüllt. Beim Blick aus dem Fenster wunderte das wenig: Graue Novembertristesse par excellence hielt Düsseldorf für uns zum Abschied bereit. Fast ausschließlich Pauschalreisende zwangen sich in die engen Sitze.

Das Gros von ihnen will für ein oder zwei Wochen in eines der Ferienresorts an die Küste Fuerteventuras. Familien sind jetzt, im ferienfreien November, nicht dabei, dafür aber viele Senioren. Im Gegensatz zu den abenteuerlichen Attitüden der Passagiere in den Ballermann-Bombern geht es gesittet an Bord zu, man liest Süddeutsche und Stern, trinkt Sekt und Selters. Als der Kapitän nach etwas mehr als vier Stunden den Sinkflug auf den Aeropuerto de Fuerteventura einleitet, strahlt meine Sitznachbarin wie ein kleines Kind, das gleich eine Riesenportion Eis in die Hand gedrückt bekommt.

„Wissen Sie, unser Jubiläumsreise. Zum 20. Mal sind wir schon hier”, sagt sie.

„Übermorgen kommen Vadda und Mudda nach”, ergänzt ihr Mann im tiefsten Ruhrpott-Deutsch. Als ich ihr die Frage stelle, ob sie denn auch schon einmal im November auf der Insel war, starrt sie mich irritiert an. „Nur im November. Beste Zeit auf der Insel. Schönes Wetter. Und günstig”, antwortet sie stakkatohaft.

Der erste Eindruck von Fuerteventura: sonnig, aber karg

Der erste Eindruck von der Insel passt, als ich den Flughafen verlasse: 23 Grad warme Luft umschmeichelt meinen Körper, während die Palmen unter blauem Himmel vor sich hin summen. Auf dem riesigen Parkplatz wartet ein Bus auf uns, »Aldiana« leuchtet auf einem Schild.

Bushaltestellen am Flughafen Fuerteventura aus der Vogelperspektive

Philip Lange/Shutterstock.com

Nur drei Ehepaare sind mit mir an Bord. Auch sie scheinen erfahrene Inselbesucher zu sein. Routiniert blättern sie während der Fahrt in ihren Zeitschriften. Die Landschaft scheint sie nicht besonders zu interessieren. Aber wer kann es ihnen verdenken? Während der rund 90-minütigen Fahrt präsentiert sich die Insel karg wie eine Einöde. Bäume, Pflanzen, Blumen? Nichts. Irgendwo habe ich gelesen, dass Fuerteventura gern als ein Stück Sahara im Atlantik bezeichnet wird. Ja, das passt. Ich tippe, es wäre einem Großteil der Menschheit nicht aufgefallen, wenn die Raumsonde Rosetta statt auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko auf Fuerteventura gelandet wäre …

Landschaft auf Fuerteventura

alexilena/shutterstock.com

Als ich schließlich das Hotelfoyer des Aldiana-Clubs betrete, kann ich es kaum erwarten, die Tennisanlage zu erkunden. Meine Heimat für die nächsten fünf Tage. #EndlessTennis ist schließlich nicht umsonst einer meiner Lieblingshashtags. 12 Quarzsandplätze bietet der Club, davon 2 mit Flutlicht. Mehrere Wochen im Jahr bietet Aldiana in den Clubs, die Tennisplätze haben – also in fast allen – sogenannte Camp-Wochen mit ehemaligen Spitzenspielern an. Platzhirsch und häufiger Gast im Aldiana Fuerteventura ist Jan Gunnarson. Der 55-Jährige war 1985 die Nummer 25 der Weltrangliste, damals besiegte er Tennispromis wie Boris Becker, Stefan Edberg und Mats Wilander.

Tenniscamp im Club Aldiana: ein Ex-Tennisprofi an Bord

Ich treffe ihn in der Nähe der Open-Air-Bar am Pool, wo er sich mit Holger, dem Chef der Tennisschule Sunball, auf die neue Camp-Woche vorbereitet. Die beiden gehen die Liste der Teilnehmer durch, besprechen die Trainingseinheiten und die Gruppeneinteilung der Spieler. Für Holger steht außer Frage, dass die Anwesenheit eines Ex-Tennisprofis eine besondere Anziehungskraft auf die Campteilnehmer ausübt: »Ich denke, dass es für viele Gäste interessant ist, sich mit Jan zu unterhalten, um einen Einblick in die Profitour zu bekommen und vielleicht die eine oder andere Anekdote erzählt zu bekommen.«

Jan nickt: „Man trifft sich in der Woche ja ständig. Nicht nur auf dem Tennisplatz, auch am Pool oder im Restaurant. Da stellen die Leute immer wieder mal die Frage, wie es so gewesen ist auf der Tour. Und da habe ich ja einiges erlebt”, berichtet er schmunzelnd.

Das Tenniscamp, ein großes Entertainment-Event?

Tenniscamp im Club Aldiana auf Fuerteventura, Eingang zu den Plätzen

Frank Störbrauck

Als wir am nächsten Morgen um kurz vor zehn auf dem Platz eintrudeln, könnten die Bedingungen nicht besser sein: Die Sonne steht perfekt, es ist nahezu windstill. Die Quarzsandplätze wirken wir kleine Kunstwerke, so als habe der Platzwart extra für uns eine Nachtschicht eingelegt. Ich bin bereit für mein Tenniscamp im Club Aldiana.

Fünf Tage lang werden wir nun auf dem Platz stehen, täglich von 10 bis 12 Uhr. Aber jetzt ist erst einmal Aufwärmen angesagt. Jan Gunnarson persönlich leitet die Trainingseinheit. Nach einer kurzen Begrüßung legt er los: »Hüftdrehungen eignen sich gut, um die Rumpf- und Bauchmuskulatur aufzuwärmen.« Wir laufen seitlich und kreuzen die Beine abwechselnd vor und hinter dem Körper. Die Drehung beim Überkreuzen der Beine erfolgt ausschließlich aus der Hüfte, die Arme bewegen sich entgegen der Hüftrotation. Einigen Teilnehmern hängt schon jetzt die Zunge weit aus dem Mund. Jan lächelt und gibt uns sogleich einen Tipp auf den Weg:

„Kondition und gute Bewegung sind unablässig für einen erfolgreichen Tennisspieler.”

Anders ausgedrückt: Ohne Schweiß kein Preis.

Das Training: Grundlinienschläge, Volleys, Aufschläge

Dann geht es auch schon los. Die Campteilnehmer, das Gros zwischen Mitte 30 und Ende 70, werden je nach Leistungsstärke in Zweiergruppen eingeteilt. Für Holger nicht unwichtig: »Der erste Tag ist der wichtigste. Die Gruppen müssen zusammen passen. Dann müssen wir nicht mehr umstellen. Aber das ist in der Regel kein Problem. Wir haben so viele Stammgäste, die kennen wir schon seit Jahren.«

Cheftrainer Holger auf dem Tennisplatz

Frank Störbrauck

Auf dem Court Central trainiert derweil Jan, aus dem T-Feld heraus spielt er seinen Schützlingen die Bälle abwechselnd auf die Vor- und Rückhand. Üben der Grundlinienschläge par excellence. Dass er dabei die unmöglichsten Passierballversuche immer wieder souverän zurück ins Feld schlägt, entlockt selbst eher Tennisunkundigen Respekt ab. »Haja, da siehst schon a Unterschied. Diese Eleganz, meine ich«, sagt eine Dame in den Sechzigern, die während ihres Spaziergangs über die Anlage einen Zwischenstopp auf den Zuschauerbänken einlegt und das Geschehen verfolgt.

Auf dem Nebenplatz lässt Cheftrainer Holger seine Gruppe Volleyschläge üben. Etwas unbeholfen drückt eine Teilnehmerin den Schläger beim Volley nach unten; der Ball landet im Netz.

»Meine Güte, so etwas Talentfreies, das ist ja eine Höchststrafe für den Trainer«, lästert ein Zuschauer hinter vorgehaltener Hand am Platzrand.

Aber Holger hat die Ruhe weg; ob er mit einem Anfänger oder Profispieler trainiert, er lässt sich nichts anmerken. Mit stoischer Ruhe und Einfühlvermögen erklärt er das A und O beim Volley: »Je einfacher und kürzer die Ausholbewegung ist, desto leichter wird es, den Ball sauber zu treffen. Um den Ball gut zu kontrollieren, ist ein ruhiges Handgelenk erforderlich«, erläutert er.

800 Ballkonktakte pro Tag hat jeder Teilnehmer

Und die Schläge werden in diesen Tagen geübt, unablässig. »Jeder Schlag, wirklich jeder Schlag, wird geübt«, sagt Jan. Und wenn ein Gast einen besonderen Wunsch habe, einen speziellen Schlag wie Volley, Aufschlag oder Topsin zu trainieren, dann komme man dem natürlich nach. So viel Zeit muss sein, auch im eng getakteten Camp.

Eine Beobachtung aber, die macht er sehr häufig: »Die Leute trainieren bei uns sehr intensiv, du kannst die Verbesserung ihres Spiels von Tag zu Tag sehen. Wir haben das mal gezählt, wenn du täglich zwei Stunden spielst, hast du 800 Ballkontakte pro Tag. Dann gilt es aber, daran zu Hause anzuknüpfen. Du musst Tennis regelmäßig spielen, zwei- oder dreimal Mal pro Woche. Tennis ist Quantität.«

Frank Störbrauck

Am letzten Abend des Tenniscamps krieche ich nur noch durch das Resort. Die Trainingseinheiten haben ihre Spuren hinterlassen. Die Beine sind schwer, der Muskelkater hat sich bei mir – passend zum Club – all-inclusive eingerichtet. Aber trotz der Schindereien schnappe ich mir noch einmal mein Racket und schleiche mich unauffällig zum Tennisplatz. Ich möchte es noch einmal wissen. Ganz allein. Gelingt der Aufschlag endlich? Ich nehme mir einen Ball, konzentriere mich auf Rückhandgriff und Bogenspannung, hole aus und schlage zu. Der Ball überfliegt das Netz, dreht leicht ab und rumst perfekt in die Ecke des T-Feldes. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans umso mehr. Oder so.

info. KOMPASS. Eine Übersicht aller Tenniscamps bei Aldiana findet sich hier.

Blick auf das Meer vom Club Aldiana auf Fuerteventura

Frank Störbrauck

 

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