Island fasziniert. Die einsame Insel, weit draußen im Nordatlantik, zieht Naturliebhaber und Ruhesuchende fast schon magisch an. Und auch unseren Autor Martin Wein. Einen seiner liebsten Roadtrips in Island, durch den pittoresken Norden, teilt er hier mit uns.
Text: Martin Wein
Island fasziniert unseren Autor Martin Wein ungemein. So sehr, dass er einen ganzen Reiseführer mit acht traumhaften Roadtrips über die Vulkaninsel geschrieben hat. Eine davon gibt es hier zu lesen. Wer sich davon inspiriert fühlt, greift zu.
Martin Wein, Roadtrips Island. Unvergessliche Traumrouten für den perfekten Urlaub mit Auto, Camper & Motorrad, Bruckmann, 160 Seiten, 27,99 Euro
Islands Norden ist insgesamt etwas lieblicher als der vielfach dramatische Süden. Das Wetter ist beständiger und der Regen meist weniger ergiebig. Auf den üppigen Wiesen grasen viele Pferde und manchmal auch Rinder oder Schafe. Im Sommer gibt es zahlreiche Blumen und nicht nur die vielerorts verbreiteten Lupinen, die ursprünglich eingeführt wurden, um der Erosion durch Wind und Wasser Einhalt zu gebieten. Von diesem Gesamteindruck sollte man sich aber nicht täuschen lassen. Auch im Norden Islands brodelt es noch unter der Erde. Besonders deutlich wird das unter dem flachen Mückensee, der mit Milliarden Mückenlarven im Sommer vielen Wasservögeln den Tisch reichlich deckt. Auf kleiner Fläche lassen sich hier alle Spielarten vulkanischer Aktivität bestaunen.
Vorbereitung in Akureyri
Vor dem Start gilt es in Akureyri noch Proviant zu bunkern und zu tanken. Möglichkeiten sind zwar auch unterwegs vorhanden, aber begrenzt und meist teurer. Auf dem Damm über den Eyjafjörður geht es anschließend schnell aus der Stadt raus. Gleich am ersten Kreisverkehr sollte man zumindest im Sommer die Ringstraße auf die 83 verlassen. Die Fahrt durch den Tunnel Vaðlaheiðargöng spart nur wenig Zeit und muss zudem binnen 24 Stunden online bezahlt werden. Außerdem kann man sich auf der alten Strecke an einem Aussichtspunkt mit einem letzten Blick von Akureyri und den Bergen im Hintergrund verabschieden.
Auf der anderen Seite der Küstenberge taucht die Straße dann in ein breites Tal mit dem Ljósavatn ab. Kurz darauf taucht der prächtige Wasserfall Goðafoss auf. Vom Parkplatz vor dem Fluss geht es zu Fuß über die schmale Fußgängerbrücke ans andere Ufer und zu mehreren Aussichtspunkten auf diesen imposanten Wasserfall. Er ist zwar nicht hoch, aber überaus malerisch und steht für die Annahme des Christentums auf der Insel. Auch wer nicht die lange und holprige Sprengisandur-Piste durch das Hochland nehmen möchte: Bei ausreichend Zeit lohnt darüber hinaus ein Abstecher am westlichen Flussufer entlang zum schönen Aldeyjarfoss. Das letzte Stück ist allerdings Piste und bis in den Mai hinein meistens gesperrt.
Gefährliche Raubtiere auf Island
Auf der Weiterfahrt passiert man den kleinen Ort Laugar mit seinem großen Internat und dem Másvatn, bevor die Straße endgültig ins Becken des Mývatn absteigt. Dies ist ein flaches, kaum fünf Meter tiefes Gewässer, entstanden durch die Aktivität des Krafla-Vulkans an seinem Ostufer, das sich im Sommer schnell auf bis zu 20 Grad erwärmt und damit als Brutstätte für Milliarden Mücken dient. Das ausgasende Kohlendioxid zieht die Insekten zusätzlich magisch an.
Mancher Schwarm der eigentlich harmlosen Zuckmücken fühlt sich dabei von der Atemluft von Mensch und Tier und dem CO2 aus dem Auspuff von Fahrzeugen angelockt und fliegt ungeniert in Mund und Nase oder durch offene Autotüren. Die Straßen rund um den See sind dann häufig rutschig von toten Insekten. Ein Mückennetz über dem Kopf verschafft in den Sommermonaten bei Windstille aber gut Linderung. Und bei allem Unbehagen sollte klar sein, dass die Insektenmassen die proteinreiche Nahrungsgrundlage für rund 10.000 Brutpaare von Eider-, Löffel- oder Krickenten und weiteren Wasservögeln wie Singschwänen oder Graugänsen sind, die rund um den Mückensee brüten.
Seine Uferlinie besteht aus einem Gewirr kleiner Buchten, Halbinseln und einzelnen Lavasäulen. Die meisten Sehenswürdigkeiten liegen auf der Südseite an der Straße 848. Hier ist besonders im Sommer viel Verkehr und die Parkplätze sind häufig voll. Es lohnt sich, früh aufzubrechen oder auch mal eine kleine Abendwanderung einzuplanen. Die Sonne bleibt im Juli bis zum späten Abend am Horizont. Ein längerer Spazierweg führt beim Weiler Skútustaðir mit seinem großen Milchviehbetrieb – hier wird auch eigenes Speiseeis hergestellt – hinaus auf eine kleine Halbinsel. Dabei erklimmt und umrundet man verschiedene Pseudokrater, die die Landschaft wie ein Teppich aufgeplatzter Blasen sprenkeln.
Auch hier war es die Lava der Krafla, die vor rund 3.000 Jahren die Landschaft formte. Sie floss dabei über den sumpfigen Untergrund. Das aufgeheizte Wasser wurde explosionsartig gasförmig und sprengte dabei die kleinen Krater in den Lavastrom. Inzwischen sind ihre Wände mit Gras bewachsen und bilden ein eigenartiges Ensemble. Hier hält oft starker Wind auch die Mücken in Schach.
Hinauf zu den dunklen Burgen
Das eindrucksvollste Landschaftsbild befindet sich aber hinter einem Wall aus Lavagestein in einer Senke am Ostufer des Sees. Eine Stichstraße führt hinauf nach Dimmuborgir, zu den »dunklen Burgen«. Oben gibt es ein Café und Toiletten. Früher erzählten die Leute sich, der Teufel höchstpersönlich habe hier seinen Fuß erstmals auf die Erde gesetzt, als er aus dem Himmel vertrieben wurde. Wie ein solches Gewirr aus Mauern, Türmen, eigenwilligen Skulpturen und tiefen Klüften entstehen konnte, konnte sich einfach niemand erklären. Noch heute täuschen die schroffen Gebilde die Sinne. In einem Moment glaubt man, in ihnen Gesichter zu erkennen, Figuren, versteinerte Trolle vielleicht. Im nächsten Augenblick ist der Eindruck verflogen, doch schon beim nächsten Schritt wecken die Lavaburgen neue Assoziationen.
Besonders stimmungsvoll wirken sie in der Dämmerung. Früher kochte hier ein ganzer See heißer Lava aus einem Nachbarvulkan der Krafla. Als auch an dieser Stelle Thermalwasser im Untergrund eingeschlossen wurde und bei der Hitze unter Druck geriet, bildeten sich dabei über zehn Meter hohe Schlote. Sie sind übrig geblieben, als die restliche Lava irgendwann abfloss. Seither bilden sie ein schrundiges Labyrinth schwarzer Zinnen und Zacken, zwischen denen unvorsichtige Wanderer sich abseits der abgesteckten Wege leicht verlaufen können.
Vom Versorgungszentrum Reykjahlíð lohnt sich überdies eine Autotour hoch zum noch immer aktiven Krafla-Vulkan. Der Gipfel selbst ist gesperrt, aber vom letzten Parkplatz kann man halb um den Víti-Krater mit seinem türkisblauen Maar herumwandern. Kieselsäurebakterien sorgen für seine leuchtende Farbe; der Ausblick von oben auf die umliegende Landschaft ist grandios.
Worauf es beim Vulkan-Trekking zu achten gilt, weiß unsere Chefredakteurin Jenny.
Tanz auf dem Vulkan
Während dieser Krater aus dem 18. Jahrhundert stammt, fand der letzte Vulkanausbruch in der Gegend erst vor 40 Jahren ganz in der Nähe auf dem heutigen Lavafeld Leirhnjúkur ein Ende, das auf dem Rückweg wieder passiert wird. Vom »Krafla-Feuer« war damals auf Island die Rede. Noch Jahrzehnte später ist der Boden hier an vielen Stellen warm, und es gasen Dämpfe aus Spalten aus. Eine Wanderung auf Holzbohlen durch diese Landschaft ist deshalb sehr eindrucksvoll. Aus demselben Reservoir bezieht auch das Thermalkraftwerk seine Energie. Seit 1995 liefern die beiden dampfgetriebenen Turbinen 60 Megawatt Leistung über eine Fernleitung nach Akureyri. Der Dampf dafür stammt aus mittlerweile Dutzenden Bohrlöchern, denn durch die zahlreichen Erdbeben in der Gegend sind immer neue Bohrungen notwendig geworden. Auch das beliebte Myvatn Nature Baths bekommt sein Thermalwasser aus diesem Reservoir.
Für all das sollten zwei bis drei Tage eingeplant werden, bevor die Ringstraße dann weiter nach Osten führt. Am Námafjall verabschiedet sich die Mývatn-Region zünftig mit den fauchenden Solfataren und Fumarolen von Námaskarð. Danach muss man sich entscheiden, ob es über die 862 nach Norden in Richtung Dettifoss oder weiter auf der Ringstraße in Richtung der Ostfjorde geht.
Roadtrip auf Island: Dieses Ziel gehört dazu
Wer ein Allradfahrzeug fährt und in Reykjahlíð aufgetankt hat, der sollte einen langen Ausflug ins nördliche Hochland zur Riesencaldera der Askja in Betracht ziehen. Kurz vor der Brücke und dem Gehöft Grímsstaðir biegt die Piste F88 dazu nach Süden ab. Die Fahrt ist ein echtes Abenteuer durch eine gottverlassene und fast vegetationslose Urlandschaft. Am mächtigen Vulkan Herðubreið mit seiner kleinen Oase in der Kältesteppe vorbei und weiter über die Piste 910 geht es bis zur Dreki-Hütte am Rand der vulkanischen Bergkette Dyngjufjöll. Das Gebiet steht heute als Teil des Nationalparks Vatnajökull unter Schutz. Hier kann man campieren und sich nach den örtlichen Verhältnissen erkundigen.
Im Regenschatten des großen Vatnajökull haben drei Vulkane in Äonen das riesige Vulkanmassiv Dyngjufjöll bis zu 1.500 Meter hoch aufgetürmt. Es ist eine archaische Landschaft aus schwarzem Basalt, in der sich der Schnee vom Winter oft bis weit in den Juli hält und im September neu fällt. Die Temperaturen steigen hier kaum je über zehn Grad. Wissenschaftler der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA haben in den 1960er-Jahren keinen anderen Ort der Erde gefunden, der der Oberfläche des Monds näher kam. Also ließen sie Astronauten vor ihrem Mondflug hier trainieren.
Der Vorhof zur Hölle
Schließlich endet auch die letzte Piste nach neun weiteren Kilometern an einem provisorischen Wanderparkplatz mit einem Beobachtungsposten mitten in einem riesigen Krater mit neun Kilometer Durchmesser und 800 Meter hohen Wänden. Darüber dräuen häufig dunkle Wolken. Über Schnee oder Vulkanschlacke wandert man weiter hinein bis ans Ufer des Öskjuvatn, heute einer der tiefsten Seen der Insel, mit dem kleinen Víti-Krater daneben. Sein Boden ist mit milchgrünem schwefeligem Wasser gefüllt, das von der Erdwärme noch immer lauwarm gehalten wird. Auf einem glitschigen Pfad geht es rutschig hinab. Víti heißt »Hölle«, aber das bezieht sich weniger auf das Bad als auf den mühsamen Aufstieg zurück zum Kraterrand.
Man sollte sich diesem einzigartigen Ort mit Respekt nähern. 1907 kenterten der deutsche Geologe Walther von Knebel und der Maler Max Rudloff mit ihrem Faltboot auf dem Öskjuvatn. Sie wurden nie wieder gesehen. Und auch heute beobachten Forscher die Askja mit Argwohn. Der letzte Ausbruch war 1961. Ihre Magmakammer in drei Kilometer Tiefe hat sich seither wieder gefüllt. Erdbeben künden davon, dass es im Boden rumort. 2014 ist dabei ein Stück der Kraterwand eingestürzt und hat im See einen Tsunami ausgelöst. Die Askja gilt als Kandidatin für eine Rieseneruption. Ein Besuch in der Caldera wird damit zum Tanz auf dem Vulkan – ein wenig unheimlich, aber gleichzeitig unglaublich faszinierend.
Wer auf dem Roadtrip durch Island stilvoll unterkommen möchte, schaut sich diese Unterkünfte auf Island an. Allgemeine Informationen zum Urlaub in Island gibt es unter www.visiticeland.com.






