Im Flugzeug hoch über der Erde – zwischen Zeit und Raum – kommen Chefredakteurin Jenny oft die verschiedensten Gedanken. In ihrer Kolumne teilt sie einige mit uns, die sie bei einem Inlandsflug in Südamerika hatte.
In dieser Kolumne von Chefredakteurin Jennifer Latuperisa-Andresen wird nichts beschönigt, dafür viel beobachtet, ausprobiert und eingeordnet. Persönlich, pointiert und mit einem Augenzwinkern. Hier kommst du zu ihrem Instagram-Account.
Während ich diese Zeilen schreibe, fliege ich über die Anden. Von Santiago de Chile nach Calama in die Atacama-Wüste. Unter mir glitzern die Gipfel im Wintersonnenlicht, überzogen von einer Schneedecke, die so fein aussieht, als hätte Gott persönlich eine Prise Puderzucker über die Berge gestäubt.

Foto: Maria Baldini/Shutterstock.com
Ich bin allein unterwegs. Nur ich und meine Gedanken. In meinem Kopf ist es laut. Glück, Hoffnung, Zweifel, Sehnsucht – alles dreht sich wie ein Karussell aus Gefühlen. So abwechslungsreich wie die Landschaft unter mir. In der Tiefe tun sich Furchen auf, Erinnerungen, die ich tief in mir vergraben hatte. Dann erscheinen wieder helle Momente, Gipfel aus Freude und Dankbarkeit, die in der Sonne glühen. Und dazwischen: weite, leere Flächen. Weiß. Ruhig. Ein bisschen so wie Frieden.
Der eigene Zauber des Alleinreisens
Allein zu reisen hat einen eigenen Zauber, treffender gesagt, eine eigene Wucht. Unterwegs ohne die Stimmen anderer, ohne Ablenkung, ohne den Blick eines Begleiters auf die Welt, nur mein eigener. Da höre ich mich selbst wieder denken, spüre, wie die Gedanken kommen und gehen dürfen, ohne dass ich sie erklären muss. Es gibt kein Gegenüber, dem ich Rechenschaft ablege, keine Meinung, die ich abgleiche.
Es ist befreiend und beängstigend zugleich. Allein zu reisen heißt, sich selbst auszuhalten: mit allen Ängsten, aller Melancholie, aller überbordenden Freude. Es heißt, ehrlich hinzuschauen, loszulassen, im Kopf Platz zu schaffen. Und doch gibt es diese Momente, in denen die Stille laut wird. Beim Abendessen etwa, wenn rundherum Paare und Gruppen lachen, sich Geschichten erzählen, Wein nachschenken, und man selbst sitzt allein da. Dann wird klar, wie schön es wäre, das Erlebte zu teilen. Dieses Staunen, das Fühlen, das Miteinander.
In jeder Reise liegt ein großes Geschenk
Und trotzdem: In dieser Reise liegt ein großes Geschenk. Die Wüste wird zum Spiegel, die Reise zu einer Begegnung mit dem Wesentlichen. Ich bin überwältigt. Von der Schönheit da draußen und der Erkenntnis, wie viel Glück ich in diesem Leben habe. Dass ich das hier erleben darf.

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen
Dass ich losfliegen konnte. Dass ich Menschen habe, die mich lieben. Und dass ich mich nach ihnen sehnen darf: nach meiner Familie, meiner Hündin, meinen Freunden. Wie oft vergesse ich im Alltag, wie privilegiert ich bin. Eine Frau, geboren auf der sicheren Seite der Welt, zur richtigen Zeit. Teil einer Generation, die nie Hunger kannte, nie in Kellern Schutz suchen musste, nie um das eigene Überleben fürchtete. Eine Generation, die mit Liebe aufwuchs, mit Sicherheit und mit der Freiheit, sich überhaupt Gedanken über Sinn und Richtung machen zu dürfen.
Zwischen Himmel und Erde meint das Leben es gut mit uns
Natürlich haben auch wir unsere Sorgen. Unsere kleinen Dramen, unsere first world problems, die wir ernst nehmen dürfen. Aber manchmal – irgendwo zwischen Himmel und Erde – begreife ich, dass das Leben es gut mit uns meint. Dass wir Möglichkeiten bekommen haben, die uns prägen. Orte sehen dürfen, die uns verändern. Menschen treffen, die Spuren hinterlassen.
Unter mir werden die Anden dunkler. Das Weiß weicht Ocker, dann Braun. Ich bin auf dem Weg in eine Landschaft, in der alles reduziert ist: kein Überfluss, keine Ablenkung, nur das Wesentliche. Vielleicht zieht mich genau das an. Die Stille, die Klarheit, das Gefühl, dass alles hier einen Sinn hat.
Ich lehne den Kopf an die Scheibe. Draußen die Berge, innen mein wilder Gedankensalat. Und irgendwo dazwischen ein tiefer Friede. Danke, dass ich das erleben darf.

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen
