Lange habe ich auf eine Reise nach Mandalay gewartet. Meine Inspiration? »Der Glaspalast« – ein Bestseller von Amitav Ghosh. Schließlich habe ich es gewagt. Mein erster Kontakt mit einem Burmesen: Khin und sein Micky-Maus-Heftchen. Text: Ala Zander

Am internationalen Flughafen von Rangun in Myanmar (Burma) werden Einreisende von einer Schar wartender Burmesen empfangen, die alle darauf hoffen, dass Touristen sie als ihren persönlichen Guide auserwählen. Für einen Tag, eine Woche oder die ganze Reiseroute. Umso länger, umso besser, umso mehr Geld für die Familie … vielleicht berührte mich das ziemlich zahnlose Gesicht von Khin besonders, jedenfalls wurde er unser erster Führer durch Myanmar, der uns ob seiner kompromisslosen Hilfsbereitschaft erst mal misstrauisch machte.

Man braucht ein paar Tage, um zu verstehen, dass dem nicht so ist – ganz und gar nicht so ist, dass der Burmese vielleicht der wirklich netteste Kerl überhaupt ist, unverdorben, unvoreingenommen, offen, herzlich – und immer lächelnd.

Khin, der uns zum Beweis seiner Führungsqualitäten gleich in den ersten fünf Minuten sein zerfleddertes Micky-Maus-Heftchen zuschob, in dem Touristen aus aller Welt ihm lobende Worte geschrieben hatten, fuhr uns in ein einfaches Hotel, in dem er uns unaufgefordert einen Sonderpreis aushandelte und versprach, am nächsten Morgen in der Lobby und zu unseren Diensten zu sein.

Rangun ist uns zu schmutzig, wir ziehen weiter Richtung Küste

Eigentlich hatten wir ja zwei Tage für die Besichtigung dieser größten burmesischen Stadt und »einzigem Tor ins Land« eingeplant – doch der abendliche Spaziergang durch völlig heruntergekommene, laute und schmutzige »Straßen« frustrierte uns völlig, und wir beschlossen, schon am nächsten Morgen Richtung Küste weiterzureisen. Natürlich bot Khin uns an, uns zu unserer nächsten Station zu fahren. Dafür lieh er sich kurzerhand das Taxi eines Freundes, bei dessen Anblick wir allerdings daran zweifelten, je am Ziel anzukommen – Autos sind Mangelware in Myanmar.

Reise nach Mandalay: Stopp in Rangun

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Aber die Busfahrt sollte acht Stunden dauern (für eine Strecke von 200 Kilometern!), und so erschien uns die Fahrt in der alten Schrottkiste als die eindeutig bessere Wahl. Fünf Stunden Schotterpiste, Schlaglöcher, Reisfelder, Ochsenkarren, kleine Dörfer, zahllose lächelnde Gesichter und Khin-Geschichten über Land und Leute später erreichten wir einen der schönsten Strände der Welt – endlos lang, strahlend weiß, gähnend leer. Auf mehrere Kilometer erstrecken sich ein paar wenige Hotelanlagen, von komplett verfallen über liebevoll angelegt bis hin zum protzenden Luxus der für Regierungsmitglieder erbauten Riesenpaläste.

So enttäuscht wir vom Beginn der Reise waren, so paradiesisch waren unsere Tage im Palm Beach Resort und dem klitzekleinen Örtchen: vereinzelte westliche Touristen, überwältigende burmesische Offenheit und Gastfreundlichkeit, einfaches, aber hervorragend zubereitetes Essen (frischer kann Fisch vermutlich nicht sein!), große Armut, die mit Stolz und Würde ertragen wird.

Ich bekam ein schlechtes Gewissen wegen meiner Kosmetikprodukte …

Touristen und Einheimische bilden in diesem Land eine Einheit, die ich vorher noch nirgends erleben durfte. Mein schlechtes Gewissen, alleine Kosmetikprodukte im Gepäck zu haben, deren Wert das durchschnittliche Pro-Kopf Einkommen im Jahr – das bei 200 US-Dollar liegt – um ein Vielfaches übersteigen, löste sich schnell in Luft auf, als ich die unbändige Großherzigkeit und Gastfreundschaft dieser – aus materieller Sicht – armen Menschen, kennenlernte … Es fiel uns unendlich schwer, Ngwe Saung zu verlassen – wie würde es dort wohl aussehen, wenn wir je wiederkämen?

Die erneut fünfstündige Schlaglochtour zurück nach Rangun erinnerte uns an die mühseligen Reisebedingungen und die so gut wie nicht vorhandene Infrastruktur Burmas, und um am nächsten Tag per Flugzeug weiter nach Mandalay zu reisen, mussten wir eine Nacht Rangun in Kauf nehmen – und nutzten diesen Abend, um nun doch auch das Wahrzeichen des Landes, die imposante Shwedagon-Pagode, zu besichtigen. Das 2500 Jahre alte Bauwerk ist das religiöse Zentrum Myanmars und über und über mit echtem Gold, Diamanten, Rubinen und Saphiren bedeckt – unvorstellbar, dass das von Menschenhand errichtet wurde.

Reise nach Mandalay: Shwedagon-Pagode

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Am nächsten Tag war es soweit: Mit mühsam ergatterten Flugtickets ging es Richtung Mandalay. Langsam verstanden wir die Empfehlungen deutscher Reisebüros, alles bereits im Vorfeld zu organisieren, da man vor Ort in wahrlich dubiose Situationen gerät: Für unsere Flugtickets oder das Wechseln von Dollar-Scheinen lungerten wir in schäbigen Hinterhöfen herum und mussten stundenlang warten, ob der Deal klappte …

Zahllose Pagoden und Tempel übersäen Burma

Ich konnte es kaum glauben, nun endlich den Glaspalast zu sehen und auf den Spuren meines Waisenjungen Rajkumar zu wandeln. Zwar wusste ich, dass das Gebäude im Zweiten Weltkrieg fast gänzlich zerstört wurde, dennoch war meine romantische Vorstellungskraft ungebrochen – und wurde bitterlich enttäuscht: Ähnlich wie schon Rangun war Mandalay nichts weiter als eine sehr arme, sehr heruntergekommene Stadt, die wahrlich nicht zum Verweilen einlud. Zwar bestiegen wir zum Sonnenuntergang den 236 Meter hohen Mandalay-Berg und konnten von dort aus zum ersten Mal die typisch burmesische Landschaft wahrnehmen, die von zahllosen Pagoden und Tempeln übersät ist und mystisch wirkt – aber »mein« Mandalay hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Und wieder flohen wir schneller als geplant, auf nach Bagan, einer historischen Königsstadt, 155 Kilometer entfernt und am sagenumwobenen Irrawaddy-Fluss gelegen. Bagan faszinierte uns vom ersten Augenblick: In einer rötlich wirkenden, kargen Landschaft erstrecken sich auf fast 40 Quadratkilometern über 2 000 meist gänzlich erhaltene Tempel und Pagoden – so weit das Auge reicht!

Reise nach Mandalay: Stopp in Bagan

Nattapoom V/Shutterstock.com

Silvesterfeier in Bagan

Bagan bildet eine der größten archäologischen Stätten Südostasiens, und so sehr man hier Touristenmassen erwartet, in Bagan müsste man sie fast suchen … man trifft sich gerade mal zum Sonnenuntergang auf einer der Pagoden sitzend, andächtig schweigend ob der imposanten Schönheit. In Bagan feierten wir auch ins neue Jahr, am Ufer des Irrawaddy, zwischen beleuchteten Tempelruinen und mit burmesischem Unterhaltungsprogramm. Unbedingt einplanen: der spektakuläre Sonnenuntergang auf dem Fluss.

Zum Ende der Reise hatten wir noch einmal Strand geplant, doch uns war tatsächlich das Geld ausgegangen, obwohl wir wirklich großzügig gerechnet hatten – im Land selber kommt man nirgends an einen einzigen Dollar! In einem staatlichen Flieger mit beängstigenden Propellerproblemen (die einzigen Tickets, die wir nach zwei Tagen erneutem Hinterhof-Herumlungern auftun konnten) ging es dennoch an den Ngapali Beach, der einzigen etwas bekannteren Urlaubsdestination in Myanmar. Deutlich weiterentwickelt und von mehr westlichen Touristen besucht als Ngwe Saung, ist es aber auch dort noch völlig verschlafen und ursprünglich und der Strand endlos weit.

Npapali Beach in Myanmar

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Wir durften während dieser außergewöhnlichen Reise ein ganz wunderbares Volk kennenlernen, das zwar mit einer riesigen materiellen Armut zu kämpfen hat, zwischenmenschlich jedoch unvorstellbar reich ist. Myanmar – ich komme wieder! Ich habe es Khin versprochen … das steht jetzt schließlich auch in seinem Micky- Maus-Heftchen!

Anreise. Lufthansa fliegt von Frankfurt a. M.. oder München aus via Bangkok nach Rangun.

Visum. Für die Einreise benötigt man ein Visum. Zu beantragen hier.

Info. Weitere Informationen gibt es beim Fremdenverkehrsamt Myanmar

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