Vom chilenischen Punta Arenas zum argentinischen Ushuaia fährt die M/V Stella Australis – und umgekehrt. Vorbei führt die Seereise an Gletschern, dem Kap Hoorn und an einer der schönsten Naturlandschaften. Text: Jennifer Latuperisa-Andresen

Die Einweisung für den Landgang Kap Hoorn ist Pflicht für alle Passagiere. Die Ängstlichen hocken gespannt auf der Couch in der ersten Reihe und hören aufmerksam zu. Den Drang, das Wichtigste nicht zu notieren, können sie gerade noch unterdrücken. Die Instruktionen lauten wie folgt: Nur im Sitzen aus dem Zodiac steigen. Okay. Schwimmweste auf der Insel anbehalten. In Ordnung. Bei starker See wäre ein Landgang nicht möglich, aber die Wettervorhersage für den morgigen Tag ist positiv. Bestens. Vielleicht haben die Ängstlichen auf etwas anderes gehofft. Das Kap Hoorn liegt zwar noch ein paar Stunden entfernt, der Mythos jedoch ist bereits jetzt in der Sky Lounge der Stella Australis zum Greifen nah. Grund dafür ist sicherlich der soeben gehaltene Vortrag. Das Beste an einer Expeditionskreuzfahrt sind nämlich die Lektionen, bei denen der Passagier tatsächlich etwas lernen kann. Endloses Schlemmen, wie man es bei »normalen« Kreuzfahrten kennt, wird hier durch das Stillen von Wissensdurst ersetzt.

Der wohl größte Schiffsfriedhof der Welt

Mythologisch, so der Referent, umarmen sich am Kap Hoorn Atlantik und Pazifik und es ist das Ende Südamerikas. Faktisch ist beides nicht korrekt. Die furchtbare Wahrheit jedoch ist, dass viele Kapitäne daran gescheitert sind, den südlichsten Punkt des Feuerlandarchipels zu umsegeln. 800 Schiffe sind hier gesunken, über 10.000 Seelen sind in den Tiefen des Ozeans ertrunken. Es soll der größte Schiffsfriedhof der Welt sein. War es doch vor dem Bau des Panamakanals der Weg von einem Weltmeer ins nächste. Unfassbare Tragödien haben sich an Bord der Segler vor Kap Hoorn abgespielt, selbst bei denjenigen, die eine Umseglung überlebt haben. Grund dafür ist das unberechenbare Wetter unter subpolarem Einfluss. Die Wucht der westlichen Luftströmung kann die See in gewaltige Höhen auftürmen, sodass monströse Wellen von 20 Metern Höhe keine Seltenheit sind. Während des Vortrags könnte man eine Nadel fallen hören.

Jennifer Latuperisa-Andresen

Patagonien für Ängstliche

Es ist der letzte Tag an Bord. Die Passagiere der Stella Australis müssen um fünf Uhr in der Früh aufstehen. Dennoch fehlt keiner der Passagiere, als die Crew zum Landgang zur Insel Hornos ruft. Ohne Frühstück und mit reichlich Adrenalin nehmen sie hintereinander Platz in den Zodiacs, so nennt man die Taxi-Schlauchboote. Aber was ist dort auf der Insel? Die Antwort lautet: fast nichts. Eine chilenische Familie lebt auf dem zwei Kilometer breiten und sechs Kilometer langen Felsbrocken. Die nächsten Nachbarn sind drei Inseln entfernt, und alle zwei Monate bringt ein Versorgungsschiff Proviant. Zwischendrin ist Miguel Apablaza, ein 34-jähriger chilenischer Soldat und Spezialist zur Überwachung des Schiffsverkehrs, für die Sicherheit der Schiffe zuständig – auch dafür, dass der Leuchtturm ständig blendet. Sieben Segelschiffe hat er bei seinem Dienst hier schon gerettet – ansonsten ist es eher ein routinierter ruhiger Alltag. Aber verantwortungsvoll.
Etwas über 10.000 Besucher besuchen jährlich die Insel Hornos. Cruceros Australis ist die einzige Kreuzfahrtgesellschaft, die regelmäßig kommt. Hier an Land gehen zu können, ist ein Privileg. Die Familie Apablaza weiß, wann die Expeditionsschiffe kommen. Vielleicht freuen sie sich sogar auf die Touristen, die hier zweimal die Woche entlangspazieren und durch den Leuchtturm sowie den Mini-Souvenirshop huschen. Der deutsche Schäferhund scheint das Spielchen schon zu kennen, und zeigt nicht mal einen Anflug von Interesse an den Fremden. Und wenn es einmal Streit gibt? Manuels Frau Catherine lächelt es weg. Keine Chance, dem anderen zu entfliehen.

Ein Andenken für die Ewigkeit

280 Tage im Jahr soll es regnen. Heute nicht. Das Meer ist zahm wie ein Hauskätzchen. Nichts deutet auf haushohe Wellen hin. Glück für die Ängstlichen. Das Anbehalten der Rettungswesten sollte als Schutz gegen den beißenden Wind dienen. Auch dieser ist nicht zu spüren, nicht einmal ein laues Lüftchen. Dafür ist es ein amüsanter Anblick, die 210 neon-orangefarbenen Westen die Stufen hinauf zum Denkmal pilgern zu sehen. Jeder Passagier ein Foto. Ein Andenken für die Ewigkeit. »Ich war hier«, wollen sie eigentlich in den Stein meißeln. Das geht leider nicht, und so bleibt nur das ordinäre Gästebuch. Für die Ängstlichen ist heute das perfekte Wetter. Auch wenn sie sich vielleicht im tiefsten Inneren ein wenig Aufregung und leichten Wind gewünscht hätten. Nur ein ganz kleines bisschen.

Ein ruhig beseeltes Geschippere war die Kreuzfahrt zuvor. Die höchste Spannung an Bord entsteht beim Bingospiel. Besonders unter den jungen Passagieren, und davon gibt es einige. Immerhin gibt es ein Souvenir der Kreuzfahrt zu gewinnen. Das gefällt den Junioren wie Senioren. Auch die Exkursionen sind massentauglich arrangiert. Perfekt für jeden Touristen. Für diejenigen, die nicht so aktiv sind, kann es auch nur bei dem Anblick eines Gletschers bleiben. Es besteht kein Zwang, die Berge zu erklimmen. Wenn man es denn tut, dann wird das Panorama einen nicht mehr loslassen. Wie beispielsweise das Bild der Wulaia-Bucht. Mehr als 60 Minuten dauert es, auf den Aussichtspunkt zu kraxeln, und die Steigung geht wahrlich in die Beine.

Rafael Gimeno

Wunderbar willkommen also so ein kurzer Zwischenstopp bei den Bibern. Diese haben einen Damm gebaut. Irgendwo in der Wildnis. Und so sehr Guide Christobal auch versucht, zu locken und auszuharren, das eingewanderte Tier möchte sich den neugierigen Touristen nicht zeigen. Ein Händler hatte Mitte des 20. Jahrhunderts ein Dutzend Biber zur Fellzucht nach Patagonien gebracht – ohne entsprechenden Erfolg. Er ließ die Tiere frei, auf Kosten der dortigen Natur. Aus dem Dutzend sind Hunderttausende geworden, die ihre Zähne nun in die Bäume schlagen.

Ein friedliches Leben in unberühter Natur

Die Yámana, einer der Stämme, die Feuerland besiedelten, hatten in dieser unberührten Natur ein friedliches Nomadenleben geführt. Das Kanu war ihr Lebensmittelpunkt, mit dem sie, je nach Witterungsverhältnissen, umherzogen. Obwohl die Temperaturen in Feuerland meist ungemütlich sind, waren die Yámana nackt und trugen kaum Kleidung. Die Männer jagten und die Frauen tauchten in dem eiskalten Wasser nach Muscheln und Krebsen. Eines Tages kam Robert Fitz-Roy, ein englischer Seefahrer, und verschleppte vier Yámana nach England. Missioniert und bekleidet, nahm er die drei Überlebenden bei seiner zweiten Seefahrt wieder mit nach Südamerika, zurück in ihre Heimat. Die erhoffte Christianisierung durch die drei Wiederkehrer blieb aus. Die ersten Siedler besiegelten dann das Schicksal der Yámana, indem sie Krankheiten einschleppten, gegen die es keine Antikörper in den Immunsystemen des Urvölkerstammes gab. 1924 existierten dann nur noch 50 lebende Yámana. Heute gibt es noch eine Nachfahrin des Stamms – Cristina Calderón, die im Alter von 73 Jahren in Puerto Williams lebt.

Rafael Gimeno

Für die Passagiere der Stella Australis ist die Wulaia-Bucht der Himmel auf Erden. Zwei Minuten Schweigen. Nur die Natur bewundern. Und am Ende bleibt die Feststellung, wie wunderschön diese Welt ist, wie unverwechselbar. Eben weil die Kreuzfahrtgesellschaft durch ihre Reisen Tausende von Touristen in diese unberührte Natur führt, fühlen sie sich auch für dieses Fleckchen Erde verantwortlich. Sie bauen Museen, wie in der alten Radiostation auf der Insel Navarino, um über die Historie Feuerlands aufzuklären. Sie sorgen für einen umweltfreundlichen Umgang mit der hiesigen Natur. Geben Acht bei Schritt und Tritt. Keiner soll wagen, den Müll vor Ort zurückzulassen.

Von kalbenden Gletschern und desinterssierten Pinguinen

Ein Stein bewegt sich. Weil er kein Stein ist, sondern ein Seeelefant. Wahrscheinlich hat er vorher geschlafen und wurde deswegen nicht bemerkt. Fast zu selbstverständlich lag er zwischen all den Kreuzfahrern am Ufer der Magellanstraße. Sein Maul ist blutbeschmiert. Er gähnt und krächzt. Ein Naturschauspiel am Vormittag. Der Nachmittag des ersten Tages geht reizvoll weiter. Ein Besuch bei den Magellanpinguinen, die zu Hunderten auf Tucker Island hocken und kein Interesse an den Touristen auf den Schlauchbooten zeigen, die neugierig ihre Kameras zücken. Jeder will ein Foto. Am besten mit Pinguinen. Und so lernen sich die Passagiere im Zodiac kennen, treffen sich zum Abendessen, um die weltbewegenden Naturereignisse des Tages zu verarbeiten.

Jennifer Latuperisa-Andresen

Temperament pur, nur heute leider nicht

Sie ist Chilenin. Temperament pur, könnte man meinen. Nur leider heute nicht. Alle warten auf ein lautes Knacken, auf ein Krachen – doch nichts geschieht. Pìa, der Gletscher, ist ruhig. Leichte Bewegungen sind zu hören, aber mehr als ein leichtes Kreisen der Hüften kann man es nicht nennen. Schade. Dabei wäre selbst für die Ängstlichen ein kalbender Gletscher ein Naturspektakel gewesen. Denn auf den ersten Blick ist Pìa keine Schönheit. Sie sieht eher verhärmt, ja geradezu ergraut aus. Von ihrer eigentlichen eiskalten Frische ist nichts zu spüren. Das allerdings ändert sich, wenn man zu dem Aussichtspunkt wandert. Von dort hat man eine exzellente Sicht auf die Bergkette, wo der Gletscher entspringt und sich langsam bis ins Meer hinunter schiebt.
Bei der Weiterfahrt durch den Nordwestarm des Beagle-Kanals passiert die Stella Australis die Allee der Gletscher. Europas Länder nebeneinander vereint. Hat man doch den Gletschern, praktisch als Gruß an die Heimat, die Namen der Länder gegeben, aus denen die ersten Siedler stammten. Die Crew serviert derweil Häppchen und Köstlichkeiten den Nationen entsprechend. Die europäischen Passagiere feiern »ihren« Gletscher, der an den Panoramafenstern der Sky Lounge vorbeizieht. Ein Jubeln geht durch den Raum. Zu Beginn wird Spanien begrüßt und gekostet. Ein paar Minuten später werden Weißwürste und Bier gereicht, Oktoberfestmusik dröhnt aus den Lautsprechern, und die Ängstlichen frohlocken und klatschen im Takt.

M/V Stella Australis. 2010 wurde das Schiff gebaut. Der Standard an Bord ist luxuriös und zurückgenommen, ohne schwere Teppiche und goldene Lüster. Insgesamt ist Platz für 210 Passagiere in 100 Kabinen, davon sechs verschiedene Kategorien. Alle Mahlzeiten und Getränke (auch Alkohol) sind inklusive, Trinkgelder nicht mit eingerechnet. Die Kreuzfahrtguides sprechen bei den Landgängen auch Deutsch. Die Vorträge sind auf Englisch oder Spanisch.

Infos. www.australis.com

Hier könnt ihr die Reportage als Podcast hören.

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