Das Eastern Cape in Südafrika lockt nicht nur mit wunderbaren Landschaften und einer aufregenden Natur, sondern mit überaus herzlichen Menschen, die sich dem Erhalt der Flora und Fauna verschrieben haben. Am einfachsten ist hierbei eine Annäherung zu Fuß. Text: Andreas Dauerer

Es quietscht zwischen den Zehen. Bei jedem einzelnen Schritt beginnen Tausende von kleinen Sandkörnern unter meinem Fuß merklich aufzustöhnen, als wollten sie sagen, du hättest auch ein paar Löffel Müsli heute Morgen weniger essen können. Aber ich durfte nicht, ich wurde geradezu genötigt, mich bestens gestärkt auf den bevorstehenden Marsch hier am Eastern Cap in Südafrika zu machen. »Sonst läufst du meiner Frau nur hinterher«, höre ich Erics Worte noch in meinem Ohr. Ein bulliger Mann mit breiten Schultern und dem gemeinsten Lachen am Eastern Cape in Südafrika, einerseits. Mit dem ungewöhnlichsten südafrikanischem Singsang Dinge erklärend, die ebenso gut gemeint wie schwer zu verstehen sind, andererseits. Und ganz nebenbei ein handzahmer Junge, ein Scherzkeks.

Chokka Trail in Südafrika

Andreas Dauerer

Der ehemalige Rugbyprofi – und ausgewiesener Lebenskünstler, doch dazu später mehr – Eric Stewart hat mit seiner Frau Esti den Chokka Trail im Jahr 2013 mitbegründet. Die beiden bieten geführte viertägige Touren auf dem 62 Kilometer langen Weg zwischen Oyster Bay, St. Francis Bay und Cape St. Francis an. Die ersten Meter vom Dune Ridge Country House in St. Francis Bay sind teilweise noch schattig, aber je näher wir den Dünen kommen, desto weniger Gestrüpp schafft es durch die mächtigen goldgelben Sandberge, die zum Oyster-Bay-Dune-Bypass-Ökosystem gehören. Die Sandhaufen verändern sich nicht rasend schnell, aber beständig. Etwa alle 30 Jahre machen die Dünen eine kleine Wanderpause und geben dann wieder dieselben Stellen frei.

Stochern im Sand am Eastern Cap in Südafrika

Während ich mich noch wundere, dass der Sand unter mir so lustige Geräusche macht, sehe ich von Esti nur noch kurz den gelben Rucksack, ehe sie hinter der nächsten Kuppe verschwunden ist. Schnell kippe ich mein Schuhinneres wieder zum übrigen gelben Untergrund und steige ihr nach. Wenn sie ernst macht, dann muss man schon ein wenig Kondition mitbringen, um mithalten zu können.

Ganz so weit ist sie aber gar nicht gekommen, dafür stochert sie auf der anderen Seite der Düne fast schon gedankenverloren im Boden mit allerlei Muschelsedimenten herum. »Das sind Reste von einer Lagerstätte der Khoi«, erklärt die 52-Jährige, während sie mit ihrem Stock auf Muscheln, Knochen, Handkeile und kleine Tonscherben zeigt – und meint damit die ursprünglichen Bewohner der Kapregion, die sich selbst als Khoi bezeichneten, was nichts anderes als »Mensch« bedeutet. »Diese Überreste können bis zu 2.000 Jahre alt sein«, erklärt Esti, während sie recht anschaulich zeigt, wie die Bewohner mit den spitzen Keilen das Innere der Muschel ausgeschabt haben.

Muschel in Hand

Andreas Dauerer

Sie haben hier gelebt und gefischt und wahrscheinlich geliebt, auch wenn das unter der hochstehenden südafrikanischen Sonne gerade nur schwer vorstellbar ist. Früher soll die Vegetation aber auch üppiger gewesen sein, lacht Esti. Wir stapfen über die Dünen, durchqueren ein verbranntes Buschfeld und sehen bald das Meer. Die nächste halbe Stunde kreisen oben ein paar Bussarde, die wohl etwas argwöhnisch auf die bunte Wandertruppe unten blicken, ehe wir endlich unsere Glieder in den kalten Ozean stecken können.

Ein Wintermantel schadet nicht

Der muss noch ein bisschen Strecke gut machen, damit er seine Bezeichnung Indischer Ozean auch verdient, rein temperaturtechnisch, allerdings ist er wunderbar erfrischend für die leicht erschöpften Glieder. Nach der Pause geht es dann schattenfrei weiter, und Eric meldet sich wieder, obwohl er gar nicht dabei ist, weil Wandern nicht so seine Sache ist. Aber er fragte mich morgens noch, ob ich einen Wintermantel im Rucksack hätte. Auf mein Warum führte er aus, dass lange Ärmel für zarte europäische Haut schon von Vorteil sein könnten. Wie recht er doch behalten sollte. Schließlich sind fünf Stunden in meist praller Sonne trotz ausreichend Sonnencreme doch eine enorme Herausforderung, zumal manche Stellen erfahrungsgemäß immer etwas weniger abbekommen als andere. Sprich, nichts geht über eine gute Bedeckung von Kopf und Körper.

Die Küste ist schroff, wild und ursprünglich schön. Vorbei an einer alten Khoi-Feuerstelle immer weiter hinauf bis nach Cape St. Francis, das regelmäßige Donnern der am Fels berstenden Wellen als steter Begleiter, wie auch das Seal Point Lighthouse, das uns über eine Stunde lang am Horizont begleitet, bis wir endlich vor ihm stehen. Im Gebäude daneben hat die Rettungsstation für Seevögel SANCCOB ihr Zuhause. Ausgestoßene, verletzte, von Öl verschmutzte Vögel werden hier wieder aufgepäppelt und nach Möglichkeit lebenstüchtig in die Natur entlassen. Dazu zählen vor allem Kormorane, Möwen und Pinguine. Der Bestand afrikanischer Pinguine hat in letzter Zeit stark gelitten, und die kleinen Vögel stellen auch das Gros der aktuellen Bewohner dar.

SANCCOB-Station in Südafrika

Andreas Dauerer

Den Pflegerinnen kann man bei der Arbeit zuschauen

So putzig sie auch anzusehen sind, mit nur noch rund 20.000 Exemplaren haben sie es sehr weit nach oben auf der roten Liste bedrohter Tierarten geschafft. Koordinatorin Kerry Bellcross führt die Besucher hier durch die Station und erklärt, wie personalintensiv eine Vogelrettung ist.

»Vögel, die direkt nach einem Ölunfall zu uns kommen, brauchen gleich vier Pfleger, um sie überhaupt in verschiedenen Schritten vom Öl zu befreien. Anschließend folgt zwei Mal pro Woche ein Federcheck, so lange bis die stark gerötete Haut darunter endlich wieder intakt weiß schimmert und der Vogel somit schwimmfähig ist und in freier Wildbahn nicht erfriert.«

Alle schaffen es trotzdem nicht, wieder ausgewildert zu werden. 35 Pinguine haben hier am Leuchtturm ihren Gnadenhof gefunden, und man kann den Pflegerinnen bei ihrer rührenden Arbeit zuschauen. Anschließend braucht man keine Aufforderung mehr, um der NGO eine dicke Spende dazulassen.

In St. Francis Bay wird Chokka gefangen

Am nächsten Morgen hat Eric seinen großen Auftritt. Nach einer zweistündigen Küstenwanderung durch Nieselregen erreichen wir den Hafen von St. Francis Bay, eine Hochburg des Chokka-Fangs. So werden hier die Tintenfische, oder besser Kalmare, bezeichnet, und sie dienten dem Trail als Namensgeber. »Seit Mitte der 80er-Jahre wird hier industriell Chokka gefischt«, erzählt Eric, »alles in Handarbeit.« In seinen großen Pranken hat der ehemalige Rugbyspieler einen Kalmar, den er jetzt ganz genüsslich vor den Augen der Gäste in all seine Einzelteile filetiert. Woher er das alles kann? »Ich war früher auch Fischer«, lacht er. Natürlich, denke ich mir. Fischen und Rugby sind irgendwie auch artverwandt, aber so sehr man sich es kurz wünschen würde, es wäre Seemannsgarn, letztlich ist es durchaus reale Lebenskunst.

Eric Stewart am Eastern Cape in Südafrika

Andreas Dauerer

Drei Wochen lang bleiben zwischen zwölf und 18 Mann Besatzung auf See. Die Schwärme werden mit dem Echolot geortet, mit Sardellen oder Muschelfleisch geködert und dann mit Handleinen in einer Tiefe von 15 bis 30 Metern gefangen und anschließend direkt an Bord als Ganzes eingefroren. 90 Prozent der Tintenfische gehen anschließend direkt in den Export. Damit liegt der südafrikanische Chokka weltweit an Platz zwei. Ein stolzer Wert und ein Grund mehr, ihn direkt hier im Deli am Hafen zu probieren. Er ist ein Gedicht. Natürlich könnte eine Reise nach Südafrika einen kleinen schalen Beigeschmack bekommen, wenn man neben den Chokka nicht auch den größeren Tieren seine Aufmerksamkeit schenken würde. Auch hier zeigt sich das Eastern Cape in Südafrika als äußerst guter, wie protektiver Gastgeber.

Jeep-Safari mit Elefanten-Garantie

Im Addo Elephant National Park, etwa 90 Minuten Fahrt von Port Elizabeth, sind vor allem die Dickhäuter seit 1931 in ihrem Reservat geschützt, nachdem die Siedler hier den Bestand der Elefanten derart dezimiert hatten, da diese regelmäßig ihre Saat verwüsteten. Heute hat man auf der klassischen Jeep-Safari quasi eine Garantie, Elefanten aus nächster Nähe zu sehen.

Elefantenfamilie auf der Straße im Addo Elephant National Park

Andreas Dauerer

Daneben leben jedoch auch Löwen, Kudus, Zebras und Büffel im Reservat, für die man – die Natur lässt sich so schwer planen – die eine oder andere Stunde mehr an Geduld mitbringen sollte. Geduld ist auch bei Lloyd Edwards gefragt, wenn man einen Abstecher zu den gefährdeten Brillenpinguinen vor der Küste Port Elizabeths auf der Insel St. Croix machen möchte, die Einzigen ihrer Art, die in Afrika noch in freier Wildbahn zu bewundern sind.

Eine Tour auf Edwards Boot hier am Eastern Cape in Südafrika ist allerdings schon deshalb Pflicht, weil er der Einzige mit der Erlaubnis in der Algoa Bay ist, nah an die Brutstätten der Pinguine heranfahren zu dürfen. Zum anderen ist es ein artenreicher Ausflug mit einem Kapitän, der seine ganz eigene Geschichte zu erzählen hat. 1980 begann er mit dem Studium der Meeresbiologie und kartografierte Wale. Danach landete er nicht an der Universität, sondern bei einer Spezialeinheit der Polizei, um linken Terror zu bekämpfen, und quittierte schließlich 1995 seinen Dienst. Ein Jahr nach Mandelas Wahl zum Präsidenten. »Ich habe zu viel Scheiße gesehen«, sagt der 56-jährige mit leerem Blick, »und das alles wollte ich nicht an die nächste Generation weitergeben.«

Delfine auf dem Weg nach St. Croix

Ganz anders verhält sich das mit der Natur. Nach 18 Monaten beginnt Edwards an Schulen am Eastern Cape in Südafrika über das Ökosystem Meer zu referieren und wie man es besser schützen kann. Der Rest ist Geschichte. »Irgendwann kaufte ich mir ein Boot und habe jetzt bis zu dreimal in der Woche Touristen dabei, um sie nach St. Croix zu bringen.» Eine Stunde dauert es bis zu den Inseln, aber die verstreicht nicht einfach so. Die Chance, Wale und Haie zu sehen ist durchaus groß, für Delfine und Pinguine gibt es quasi eine Garantie, auch wenn Edwards sich da nicht festlegen möchte.

Delfine im Meer am Eastern Cape in Südafrika

Andreas Dauerer

»Das gibt sonst immer nur Ärger, wenn es doch anders läuft«, lacht er, um gleich darauf ernst nachzuschieben, »es ist so schön, wenn wir die Tiere sehen, natürlich ist es auch immer ein wenig Stress für sie.«

Den beiden Delfin-Schulen heute scheint sein Einwand jedenfalls egal zu sein. Sie schwimmen unzählige Male vorbei, und die Touristen knipsen, was der Fotoapparat hergibt. Edwards hat am Ruder stets alles im Blick. Der Mann mit den wachen Augen und charmanten Lachfalten um die Augen ist zufrieden mit sich. Und die Natur ganz offensichtlich mit ihm, weil sie weiß, dass da oben am Ruder jemand sitzt, der sich vollständig ihrem Schutz verschrieben hat und das unbedingt anderen erzählen und weitergeben möchte.

Anreise. South African Airways bietet von Frankfurt a. M. oder München täglich Flüge nach Kapstadt und Johannesburg und weiter nach Port Elizabeth an.

Informationen. Allgemeine Informationen zum Eastern Cape in Südafrika gibt es hier.

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