Shipper nippte an seinem Pfefferminztee. Schon wieder. Dabei konnte er seinen Blick kaum von der jungen Marokkanerin am Nebentisch lösen. Der Dampf, der aus seinem rotgold schimmernden Teeglas aufstieg, ließ ihr feines Gesicht wie eine flüchtige Skizze, einen surrealen Geist aus der Flasche wirken. Fehlten eigentlich nur die transparenten Pluderhosen und das bauchfreie Top. Text: Harald Braun

Shipper liebte das Gewimmel in der Medina von Marrakesch. Er kam beinahe täglich zu den Schlangenbeschwörern, Äffchendompteuren und Feuerschluckern am »Djemaa el Fna«, dem wahren Zentrum Marrakeschs, das man überall nur den »Grand Place« nannte. Vor allem, wenn er in der Dämmerung zum Leben erwachte und von bunten Lichtern illuminiert wurde.

Seitdem König Mohammed VI. 2004 das Familienrecht reformiert und sich für die Belange von Frauen eingesetzt hatte, geschah es immer häufiger, dass sich auch unverschleierte junge Marokkanerinnen hier einfanden und sich beim Tee von den Einkäufen in den Souks erholten. Er lächelte zu ihr hinüber. »Haben wir nicht Glück?« Die junge Frau lächelte ein wenig unbestimmt zurück. »Sie meinen, das Gefühl, sich wie in einem Traum zu bewegen?« Ihre Stimme klang voll und angenehm, aber zuckten ihre Mundwinkel nicht ein wenig spöttisch? Shipper musste lachen. Dieses Zitat kannte er – wenn Einheimische die exotische Pracht Marrakeschs beschwörten, fiel es immer wieder.

»Die gute alte Edith Wharton. Sie hat mehr für den Fremdenverkehr getan als all eure Politiker …« Die junge Frau lachte auf. »Wie lautet Ihr Name?«, fragte Shipper. »Ich bin Samira«, antwortete sie knapp, erhob sich dann schnell und legte einen 100-Dirham-Schein auf den Tisch. Sie berührte Shipper kurz an der Schulter und sagte: »Ich muss jetzt leider gehen. Es war … unerwartet, hier einen Kenner der amerikanischen Literatur zu treffen …«

Die meisten Hotels sahen für Shipper aus wie kümmerliche Versionen des La Mamounia

Shipper lächelte. Seine Bemerkung war absichtslos gewesen, doch ihre beinahe zärtliche Geste berührte ihn. »Treffe ich Sie wieder einmal hier?« »Möglich …«, antwortete Samira unbestimmt, und als Shipper schon dachte, das sei schon alles, ergänzte sie leise: »Heute Abend bin ich im Four Seasons Marrakesch. Wenn Sie wollen, werden Sie mich dort finden …« Shipper schaute ihr hinterher, bis sie im Schimmer der Dämmerung verschwand.

Shipper kannte das Four Seasons Marrakesch bislang nicht. Das Hotel war in der Nähe der Medina eröffnet worden. Er hatte von einer 40 Hektar großen Anlage im maurischen Stil gleich neben den berühmten Menara Gardens gehört. Doch wenn er ehrlich war, erwartete er nicht zu viel. Hotels schossen im boomenden Marokko wie Pilze aus dem Boden.

Auf alberne Folklore wird im Four Seasons Marrakesch verzichtet

Die meisten sahen für Shipper aus wie kümmerliche Versionen des La Mamounia, einem luxuriösen Hotel, an dem ein französischer Stararchitekt seine Vorstellung von »Tausend und einer Nacht« in bunte orientalische Folklore umgesetzt hatte. Deshalb war Shipper überrascht, als er auf seinem Weg in die leicht erhöhte Lobby des Four Seasons Marrakesch nicht von verkleideten Bediensteten in Pluderhosen und rotem Fez begrüßt wurde. Stattdessen präsentierte sich der lichte Eingangsbereich in sandfarbenen klaren Formen angenehm reduziert – ein Gestaltungselement, das sich in der gesamten Anlage fortsetzen sollte. Shipper registrierte erfreut, dass man hier auf eklektisches, pseudo-orientalisches Gewese verzichtet hatte. Er betrat die »Inara Bar & Lounge«, in der man mit gedimmter Wandbeleuchtung und hellem Mobiliar eine diskrete Chillout- Stimmung geschaffen hatte, und begrüßte seinen Freund Holger, der im »Four Seasons« das Sales Management leitete.

»Es braucht schon eine schöne Frau, bis du uns hier einmal die Ehre erweist?«, begrüßte er seinen Freund. Shipper hatte ihm schon am Telefon von seiner romantischen Mission berichtet, doch in diesem Punkt konnte Holger ihm nicht helfen. »Selbst wenn ich wüsste, nach wem du suchst, dürfte ich dir den Namen und die Zimmernummer unseres Gastes nicht nennen.« Holger ließ einen »Gin Tonic« an der Bar servieren, doch Shipper war viel zu unruhig, um den Drink zu genießen. »Zeigst du mir das Hotel?« Holger nickte. »Aber wir nehmen eins der Golf Carts«, sagte er, »zu Fuß brauchen wir zu lange, das ist eine richtige kleine Stadt hier!« Shipper schaute sich um, doch Samira war nirgendwo zu sehen. Holger lächelte wissend. »Ich kann dir fürs Erste ein paar andere Schönheiten zeigen … Sie heißen 400 und 410 …«

Plötzlich ertönte ein Trommelwirbel auf dem Gelände. Was war das?

Shipper runzelte die Stirn. »Unsere beiden Presidential Suiten …« Shipper erfuhr, dass man im »Four Seasons« für rund 5660 Euro die Nacht auf über 200 Quadratmetern residieren durfte. Auf dem Weg in die »Royal Villa« (10 000 Euro pro Nacht, aber das immerhin für zehn Personen) passierten sie gleich zwei große Swimmingpools. »Einen für Familien mit Kindern, den anderen für Gäste, die es etwas ruhiger haben wollen.«

Shipper blickte fragend auf ein etwas abseits stehendes Gebäude. »Das Spa …«, antwortete Holger beiläufig, als würde er da keinen Palast, sondern bloß eine kleine Hütte vorführen. »Natürlich mit einem eigenen Hammam, diversen Saunabädern und 15 diskret designten Räumen für viele unterschiedlichen Massagen. « Shipper fühlte, wie sich die luxuriöse Eleganz der Umgebung wie ein warmer Mantel um seinen Körper legte. Trotzdem: Alle 141 Zimmer des Hotels würde er jetzt nicht mehr ansehen wollen.

Als ob Holger seine Gedanken lesen konnte, fragte er in diesem Moment: »Wollen wir eine Kleinigkeit essen?« Shipper nickte. »Was schlägst du vor? Französische Küche im Bleu d’Orange oder lieber marokkanisch-andalusisch im Solano«? Doch bevor Shipper sich entscheiden konnte, ertönte plötzlich ein Trommelwirbel auf dem Gelände. Eine Liveband? Irritiert schaute Shipper sich um. Woher kam die Musik? »Richte deinen Blick nach ganz oben!«, lachte Holger und wies auf das Dach eines kleinen Palazzo im Sichtwinkel des Solano-Restaurants vor dem großen Brunnen, wo morgens das Frühstück serviert wurde.

Oben auf der Dachterrasse gibt es einen Kamin-Club

»Die Musik kommt aus dem Zest, unserem Kamin-Club auf der Dachterrasse. Ich kann dir sagen, von dort hast du einen atemberaubenden Blick über die Stadt.« »Nur für Hotelgäste?«, fragte Shipper. »Nein, nein, das wäre doch wohl zu schade. Das Zest ist inzwischen einer DER Clubs in Marrakesch.« In diesem Moment setzte eine weibliche Stimme ein und erfüllte die marokkanische Nacht mit samtigen Jazzklängen. Shipper erkannte nicht nur die Musik nach dem ersten Ton: »Killing me softly with this song«. Sein Herz setzte für einen Moment aus, und er wusste plötzlich, dass er heute Abend keine Zeit mehr in einem Restaurant verlieren würde.

Anreise. Mit Royal Air Maroc ab Frankfurt a. M. nach Marrakesch. Vom Marrakech Menara Airport erreichen Sie das Hotel in 15 Minuten.

Four Seasons Marrakech. 1 Boulevard de la Menara, Marrakech, 40000 Morocco, Tel.: +212 524 359 200, Reservierungshotline: 00800 6488 6488, www.fourseasons.com/marrakech. Der Preis für eine Übernachtung beginnt bei € 330 für das Doppelzimmer.

Info. Marokko bzw. Marrakesch allgemein: Staatliches marokkanisches Fremdenverkehrsamt in Düsseldorf, Graf-Adolf-Straße 59, www.visitmorocco.com

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