Seit vergangenem Jahr gibt es in Pomer im Süden Istriens den ersten Glamping-Platz Kroatiens: das One 99 Glamping. Besucher finden hier im luftigen Kiefernwald opulente Zelte mit offenen Küchen, Galerien und Hängematten. Hier lässt sich urlauben, findet unser Autor Stefan Weißenborn.

Seit nun fast vier Jahrzehnten verschlägt es mich regelmäßig nach Kroatien. 1982 das erste Mal, es war der Familienurlaub auf der Insel Rab, ich war acht Jahre alt, stürzte auf dem Weg zum Strand von einem Fels drei Meter in den Kies. Geblieben sind Erinnerungen an ein sozialistisches Krankenhaus, das dem bundesrepublikanischen Standard kaum zu entsprechen schien. Alles ein bisschen schmuddeliger, die Spritze dicker. Den Rest des Urlaubs lief ich mit einem verbundenem Loch im Kopf rum, der Arm bandagiert, der Badespaß an der Adria war dahin.

Badende in der Adria

Stefan Weißenborn

Dann das vergangene Jahr: Mit meinem Bruder machte ich eine Radtour, die uns an die wilde Ostküste im Süden Istriens führte, wo oft nur Einheimische die letzten, klaren, in der Hochsaison noch nicht von Sonnenmilch getrübten Buchten zum Sonnenbaden aufsuchen. Es ging weiter in Richtung Kap Kamenjak, die beeindruckende steile Südspitze Istriens, oft umtost. Später vorbei an der Marina des Dörfchens Pomer. Und dann: ein Schlagbaum.

Opulente Zelte im Kiefernwald: das One 99 Glamping

Ich schaute mich um, zur Rechten ein stylisches Gebäude mit nach innen geknicktem Dach, als hätte jemand den Deckel falsch herum aufgesetzt. Zur Linken das azurblaue Meer, klares Wasser über weißem Kies. Am Hang verteilt im luftigen Kiefernwald opulente Zelte mit offenen Küchen, mit Galerien, doppelstöckig, Sitzsäcke, Hängematten von Stamm zu Stamm.

Glamping-Unterkünfte in Kroatien

Stefan Weißenborn

»Wir sind die erste Glamping-Anlage in ganz Kroatien«, hieß es an der Rezeption des One 99 Glamping. Gerade frisch eröffnet. »Interessant«, entgegnete ich und dachte mir: Ich komme wieder, als Gast.

»Der Bellboy wird sich um Ihr Gepäck kümmern«, so die freundlichen Worte ein Jahr später.

Mit einem elektrischen Golf-Wägelchen kommt der Page um die Ecke gesaust und lädt die Koffer auf. Mit den Neuankömmlingen surrt das bepackte Wägelchen an jenen Schlagbaum, der sich diesmal automatisch öffnet.

Geschäftsführer Alex, One 99 Glamping

Stefan Weißenborn

Angekommen, trägt der Page das Sack und Pack in die klimaanlagenkühlen Gemächer, die Betten in den beiden Stockwerken sind faltenfrei und frisch gemacht. Im Bad ein akkurater Stapel weißer Handtücher, die Toilette mit einem Papierstreifen versiegelt, auf dem Esstisch als Wilkommensgruß eine Flasche regionalen Olivenöls und ein Reagenzglas mit getrockneten Kräutern gefüllt. Es steckt in einem kleinen Pappaufsteller, auf dem zu lesen ist: »100 % Glamping«. Es gibt eine Menge Möglichkeiten, in Kroatien zu glampen. Doch sind die Luxuszelte immer nur Teil eines normalen Camping-Platzes. In Pomer sind die Glamper unter sich.

192 Luxuszelte mit technischem Schnickschnack

Unsere Unterkunft ähnelt einer Blockhütte mit Planen statt soliden Wänden. 192 solcher luxuriösen, mit Induktionsherd und Kühlschrank, Wifi und Flatscreen-TV ausgestatteten Lodge- und Safarizelte für zwei bis sechs Personen hat das kroatische Tourismusunternehmen Arena dort errichten lassen, wo das Vorgängerunternehmen im sozialistischen Jugoslawien in den Siebzigern einen schnöden Campingplatz eröffnete, auf dem die Übernachtung ein paar Dinare kostete und das Essen – Pizza, Fleisch, Pasta, Fisch – einem fast hinterhergeworfen wurde, so billig war es. Heute chattet man mit der Rezeption über eine App.

Handy-App des One 99 Glamping

Stefan Weißenborn

Ich erinnere mich an 1982. In unserer Ferienunterkunft auf Rab, es war ein Zimmer im Wohnhaus von Fischer Dragan und seiner Frau in einem Inseldorf hausten Prachtexemplare von langbeinigen Tausendfüßlern, die nachts die Wände entlang sausten und mich in meine Träume verfolgten, während ich in der subtropischen Hitze die Decke vom Körper strampelte. Gegen Morgen tönte im Garten ein Esel, was sich anhörte wie das Quietschen eines Bahnwaggons auf schief verlegten Gleisen. Die Verzückung war so groß wie die Ohren des behuften Sturkopfs.

Kult-Buffet Kuki

Tagsüber luden uns Dragan und seine Frau aufs hölzerne Fischerboot ein, an dem der Lack blätterte. Sie zogen nasstriefende Reusen an Bord. Mit von früheren Begegnungen vernarbten Händen griff die Fischersfrau hinein und zog Scampi heraus. Die Krustentiere, die zur vergeblichen Abwehr ihre Zangen aufstellten, landeten abends auf dem Grill. Wir ließen sie in einem Restaurant zubereiten, das »Buffet Kuki« hieß, und das es laut TripAdvisor auch heute noch gibt. Bezahlt haben wir für all das gar nichts. Man freute sich allein über den Durst der Familie aus Deutschland, und die Beilagen, die wir kostenpflichtig bestellten, grob geschnitzte Pommes zum Beispiel. Ein einarmiger Deutscher namens Höller, ein Aussteigertyp mit Leopardenmusterweste, fuhr tagsüber mit einem Jetski übers Wasser und betrank sich abends mit Wein, den er aus Biergläsern effizient in sich reinlaufen ließ.

Hütte im One 99 Glamping

Stefan Weißenborn

Nach den Bürgerkriegen Anfang der 1990er-Jahre, die zum Zerfall Jugoslawiens führten und auch den Tourismus selbst im von Kampfhandlungen nie heimgesuchten Istrien zum Erliegen brachten, hat die einstige Teilrepublik in Sachen Fremdenverkehr eine steile Karriere hingelegt. Als es noch Teil Jugoslawiens war, erwirtschaftete Kroatien mit 80 Prozent zwar auch schon den Bärenanteil der jährlichen Tourismuseinnahmen des Landes.

Doch zu einer europäischen Topdestination, die auch Hollywood-Stars zum Urlauben animierte, entwickelte sich das Adrialand mit ihren Tausenden Küstenkilometern erst in den 2000er-Jahren, als etwa Michael Douglas und Catherine Zeta-Jones ihre Yacht zum Shoppen in Dubrovnik verließen, oder weitere Paare wie Brad Pitt und Angelina Jolie oder Tom Cruise und Katie Holmes auf Inseln wie Korcula oder Hvar gespottet wurden.

Kroatien ist heute kein Billig-Reiseziel mehr

Während viele Promi-Ehen zerbrochen sind, hat sich Kroatien auch zur kulinarischen Topdestination mit feinsten Trüffeln, Weinen und Olivenölen gemausert. Das Preisniveau in Supermärkten ist höher als im benachbarten und zum Schengenraum gehörige Slowenien. Die Schnäppchenzeiten, als Kroatien wie einst auch Ungarn als Billig-Reiseland galt, längst sind vorbei. Für die Blüten, die die Entwicklung treibt, gibt kaum ein besseres Beispiel, als das One 99 Glamping in Pomer.

Frau auf Terrasse vor einem Zelt im One 99 Glamping

Stefan Weißenborn

Als Journalist wird man für solche Reisen oft gesponsert, und dass die Glamping-Anlage für zahlende Gäste kein günstiger Spaß ist, war klar. Doch die Preisliste, die ich im Zelt neben dem Laptop-Safe vorfinde, weist je nach Zelt und Saison bis zu 5.925 Kuna pro Nacht aus. Bitte festhalten: Umgerechnet sind das 800 Euro, als Selbstversorger wohlgemerkt, wir zelten schließlich. Der Kurs für unser Domizil, es ist ein 2+2-Premium-Zelt, und wir sind noch nicht ganz in der Hochsaison, liegt bei 350 Euro die Nacht. Auch wenn der Vergleich hinkt, für zweieinhalb Wochen Rab bei Fischer Dragan zahlten wir einst »weit unter 1000 Mark«. So erinnert sich mein Vater.

Klassiker auf den Teller: Cevapcici oder Tintenfisch

Alex Zivkovic, Geschäftsführer der Anlage, in der zur Hochsaison 100 Mitarbeiter beschäftigt sind, holt mich für eine Besichtigungstour mit einem der Golf-Wägelchen ab. Ich spreche ihn auf die Preise an.

»In Kroatien ist den letzten zehn Jahren ist sehr viel an Qualität erarbeitet worden«, sagt er.

Zudem sei das Land längst ein international anerkanntes Reiseziel, das die Preise rechtfertige – wenn man so viel geboten bekomme, wie auf der Glamp-Site in Pomer.

Zum Glück aber wird nicht so heiß gekocht, wie gegessen – Stichwort: Buchung im Internet. Wer sich auf gängigen Plattformen wie Booking.com umsieht, wird fündig wie Eva Maria Sommerer und Michael Pichler aus Salzburg, die für drei Nächte eines der Luxuszelte bezogen und dafür insgesamt 700 Euro bezahlt haben. Ein Preis, der für sie noch gerade so okay ist, zumal sie vor Ort zufrieden sind. Das Essen in den vier Strandrestaurants schmeckt, wenngleich es die Scampi nicht mehr frei Haus vom Fischer gibt, aber immerhin zum ortsüblichen Preis. Auf die Teller kommen Kreationen wie mit Tinte vom Tintenfisch schwarz gefärbte und gegrillte Polenta, aber auch landestypische Hausmannskost: Cevapcici für 60 Kuna (8 Euro), Tintenfisch mit Mangold und Kartoffeln für 90 Kuna (12 Euro).

Cevapcici-Teller mit Pommes und Fleisch

Nagy Julia/Shutterstock.com

Highlight: das Open-Air-Spa im Stil eines Indianerdorfes

Wie ein lockeres Netz legen sich Asphaltwege über den Hügel, gesäumt von Trockenmauern. Sie finden sich in ganz Kroatien und wurden oft über Jahrzehnte aufgeschichtet, um das Land zu parzellieren, aber auch von Steinen zu säubern und damit überhaupt erst nutzbar zu machen. Um der Glamp-Site einen landestypischen Anstrich, das Antlitz einer istrischen Kulturlandschaft zu geben, wurden sie hier nachgebaut – auf über 2,5 Kilometern Länge. Eine hübsche Idee.

Zivkovic steuert das Mobil über sich schlängelnde Wege die Anhöhe hinauf – in Richtung »Herz der Anlage«, wie er sagt. Es duftet nach Currykraut und Lavendel, in den Beeten wallt es gelb und violett, rechts und links sandfarbene Planen der Luxus-Wigwams. Für einen Esel wie einst ist kein Platz, dafür zirpen die Grillen, die Stämme der Kiefern werfen ihre Schatten über die Tipis.

Das Herzstück ist ein Open-Air-Spa im Stil eines Indianerdorfes am höchsten Punkt der Halbinsel. In den baumhohen Spitzzelten kann man sich à la Carte massieren lassen, auf einer Steinplattform verbiegen sich in den kühlen Morgenstunden unter Anleitung yogatreibende Gäste. Abends lassen Familien im Blubberwasser der umherstehenden Holzzuber den Tag ausklingen. Und im Herbst geht die Sonne schon so früh unter, dass noch zu Öffnungszeiten vom Spa aus die Sterne beobachtet werden können.

Hinweisschilderr im One 99 Glamping in Kroatien

Stefan Weißenborn

Wie wäre es mit Sauna?

Und wer will, nutzt die Sauna, die selbst im Hochsommer auf 100 Grad geheizt wird – ein Angebot vor allem für Gäste aus Skandinavien, die immer häufiger nach Istrien kommen, seit Low-Cost-Flieger aus dem Norden Europas den Flughafen Pula ansteuern. Vor allen Touristen aus dem ultrateuren Norwegen dürfte Kroatien beim Preisniveau so vorkommen wie mir 1982 oder 1984, als ich in malerischen istrischen Küstenort Rovinj erstmals urlaubte, lange bevor auch dort ein Fünf-Sterne-Hotel aufmachte. Doch damals war Kroatien noch Teil einer Diktatur, so romantisierend der Rückblick in Kindheitsurlaubstage auch sein mag. Wobei: An die große Spritze im Krankenhaus auf Rab erinnere ich mich noch ganz genau.

Infos für eine Reise ins One 99 Glamping

Anreise. Mit dem Auto von Berlin oder Köln aus über Ljubljana in 11 Stunden, ab München dauert die Fahrt 5,5 Stunden. Mit dem Flugzeug bis Pula.

Glamping. Das One 99 Glamping besteht aus 192 Luxuszelten für bis zu sechs Personen und liegt auf einer Halbinsel bei Pomer an der Südspitze Istriens; Unterkunft in der Mini-Lodge für zwei Personen in der Nebensaison ab 120 Euro/Nacht bis zu 800 Euro/Nacht im Premium-Safarizelt für bis zu sechs Personen in der Hauptsaison. Mehr Infos und Buchung hier. Über Plattformen wie Booking.com oder Expedia.de gibt es weit günstigere Angebote.

Aktivitäten. Am Strand der Glamping-Anlage gibt es eine Surfschule. Schnupperkurs: 31 Euro; Einzelstunde 45 Euro; achtstündiger Kurs in der Gruppe 155 Euro. Auch Motorboote mit Sonnendach können geliehen werden: 95 Euro/ganzer Tag; 55 Euro/halber Tag. Empfehlenswert ist ein Trip zum Kap Kamenjak, doch muss bei Wind mit Seegang gerechnet werden, da man sich aus dem Schutz der Buchten begibt. Sehenswert ist auch die von kristallklarem Wasser umspülte kleine Insel Levan mit für die Gegend untypischem Sandstrand.

Mehr Infos zur Gegend gibt es hier.

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