Sich auf die jamaikanische Küche einzulassen, bringt so manche Überraschung mit sich. Höllisch scharf oder himmlisch fruchtig – eine wahre Gourmetfahrt für den Gaumen.Und das feurigste Essen wird nicht im Hotelrestaurant serviert, sondern am Straßenrand. Text: Vanessa Hoellen

Wer sich ins Flugzeug setzt, um nach Jamaika zu fliegen, der will im türkisblauen Meer baden, unter Palmen träumen und barfuß über weiße Sandstrände spazieren. Wer im Fünf-Sterne-Resort Sandals Whitehouse im Süden der Insel absteigt, der will den exklusiven Butlerservice genießen, sich eine Piña Colada an den Liegestuhl bringen lassen, sich am berühmten Blue-Mountain-Kaffee laben, der im Café de Paris serviert wird, und sich ein belebendes Spa-Treatment gönnen. Daran ist nichts falsch. Doch wer seine Mahlzeiten ausschließlich im Hotel einnimmt, wird die sagenhaften Gerichte der jamaikanischen Küche und die Vielfalt der einheimischen Früchte kaum kennenlernen.

»Um die jamaikanische Küchen zu verstehen, muss man ein wenig zurück in die Geschichte der Insel blicken«, erzählt Chefkoch Walter Staib, den es vor 40 Jahren aus Pforzheim in die Ferne zog.

So ist die jamaikanische Küche, ähnlich wie die Einwohner, ein bunter Mix all jener Kulturen, die die Insel über die Jahrhunderte hinweg bewohnten. Wie man jamaikanische Küche auf den ersten Blick beschreiben kann? Ein ordentlicher Schuss Afrika, chinesische und indische Würze, französische Raffinesse, garniert mit Sonnenschein, guter Laune und einer Prise Erfindungsreichtum.

Kokosnüsse, Bananen, Papayas, Mangos, Mais und Süßkartoffeln, frischer Fisch, Meeresfrüchte und scharfe Gewürze: Walter Staib liebt den einfachen und doch erlesenen Geschmack der jamaikanischen Küche. Er kennt das Land wie seine Westentasche, ist kulinarischer Botschafter der Sandals Resorts und hat sogar bereits Harry Belafonte von seinen »Jerk«-Künsten überzeugt. Einmal pro Jahr ist der insbesondere in Amerika sehr bekannte Staib exklusiv als Gourmetführer buchbar.

Authentisches Essvergnügen am Wegesrand

Einige der authentischsten kulinarischen Erlebnisse warten am Rand der zumeist unbefestigten Straßen der karibischen Insel. An kleinen Holzständen bieten Jamaikaner ihr »Fastfood« an. Bereits auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel fallen die unscheinbaren Holzbuden auf. Es gibt keine Kasse, keinen Parkplatz, nicht mal ein Willkommensschild. Zu sehen ist lediglich ein Koch, der in einem halben Dutzend Töpfen die unterschiedlichsten Speisen zubereitet.

Einen leckeren Einstand in die jamaikanische Küche gewährt Billy’s Grassy Park in Middle Quarters, St. Eli­zabeth, im Südwesten der Insel (unweit des Sandals White­house Resort oder anderen Hotels) zwischen den Stränden Bluefields Beach und Treasure Beach gelegen. Das Steckenpferd von Billy Kerr, der seinen Imbiss bereits seit 14 Jahren betreibt, ist die Zubereitung von »shrimp«-Gerichten, eine lokale Spezialität.

Aus den Garnelen, die frisch aus einem Teich hinter der Küche kommen, zaubert er an offenem Feuer würzige »pepper shrimps«, knusprig frittierte »shrimps« oder eine feurige »shrimpsoup« mit Kartoffeln. Lecker sind auch die Erdnusssuppe oder die typische Beilage »peas and rice« (Bohnen und Reis), die in Kokosnussmilch gekocht wird. Die improvisierte Garküche bietet außerdem Eintöpfe wie »chickenfoot soup«, »pepperpot«, Ziegencurry und natürlich das beliebte »jerk chicken« und »jerk pork« (scharf mariniertes Hähnchen- und Schweinefleisch im Ölfass gegrillt) an. Eine besondere Delikatesse ist auch die gebratene Brotfrucht. In jedem Imbiss gibt es außerdem »patties«, Blätterteigtaschen mit verschiedenen scharfen Füllungen, zu kaufen.

Im Little Ochie wird ausschließlich Fangfrisches serviert!

Eine gute Autostunde entfernt von Billy’s, am Strand des kleinen Ortes Alligator Pond, liegt Little Ochie. Das ist ein bei Jamaikanern seit vielen Jahren sehr beliebter Treffpunkt, um frisch zubereiteten Fisch zu essen.

Das Motto des Chefs Evrol »Blackie« Christian lautet: »Nur Fangfrisches auf den Tisch.«

Mit Strohdächern gedeckte Hütten, die teilweise aus den Hüllen ausgedienter Fischerboote gezimmert sind, sprenkeln den Sand. Fischer bieten ihre gerade erst gefangenen Hummer feil, die im Little Ochie in vielen verschiedenen Varianten – »jerked«, gedünstet, gebraten oder gegrillt – zubereitet werden.

Außerdem findet man auf der Speisekarte »fresh conch« (Schnecken), »snapper«, Steinbutt, Papageienfisch, Meerbarbe und Königsdorsch sowie Beilagen wie »bammies« (flache, runde Teilchen aus Maniokmehl) oder »festivals« (süße, frittierte Knödel). Eine jamaikanische Spezialität ist auch »escoveitch«: Hier wird Fisch mindestens 24 Stunden in einer würzigen Essigsauce mariniert. Gegen die Schärfe der »allspice« und des »habañero pepper« hilft eine Flasche Red Stripe, dem auf der Insel gängigen Bier.

Auf der anderen Seite der Insel, in der Nähe von Ocho Rios, trifft man bei gutem Wetter auf Miss Whissy. Miss Whissy’s Riverside Canteen ist nicht wirklich ein Straßenstand, denn sie ist nur via Bambusfloß zu erreichen. Vor mehr als 50 Jahren durch den Schauspieler Errol Flynn populär gemacht, sind diese Flussfahrten von Port Antonio den Rio Grande hinunter ein aufregender Trip. Zwei Personen passen auf die Sitzbank eines Rafts, das aus gut zehn Meter langen Bambusstämmen besteht. Der Kapitän stakt mit einem Bambusstab sicher durchs breite, von Regenwald umgebene Gewässer.

Köstliches in der Riverside Canteen

Ende der 70erJahre startete Whissys Mutter »Miss Betty« ihre Geschäftsidee und begann mit der Verköstigung von Touristen, die sich den Rio Grande entlang schippern ließen. Anfangs lief sie eine knappe Stunde zu Fuß durch den dichten Busch, beladen mit Zutaten und Aluminiumtöpfen, und eröffnete am Flussufer ihre Riverside Canteen. Am Herd, der aus drei großen Steinen, die den Topf tragen, und einem Feuer darunter besteht, werden auch heute noch wechselnde Gerichte serviert. Curry-Ziege, »Mannish Water« (Eintopf mit Ziegenhoden), Hühnerfrikassee oder Gulasch und als Dessert »gizadas« (Kokosnusstörtchen).

Nicht auf dem Speiseplan stehen übrigens Krokodile. Wer am längsten Fluss Jamaikas aufgewachsen ist, nennt die Tiere seine Freunde. »Dort drüben, das ist George«, sagt der Bootsmann auf dem Black River mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Mit weit aufgerissenem Maul liegt das mächtige Tier mit der langen Schnauze und den scharfen Zähnen auf einem Holzsteg und sonnt sich. Zwei Artgenossen treiben im Schatten der Mangroven. So lässt es sich doch aushalten!

Unterkunft. Sandals Whitehouse, Zimmer ab € 145 pro Person (Mahlzeiten, Getränke und diverse Aktivitäten inklusive), www.sandals.com. Rustikales »Stovepot Dinner«, Kochstunden und viele kulinarische Ausflüge in die jamaikanische Kühce unter dem karibischen Sternenhimmel mit Walter Staib gefällig? Das Genießer-Arrangement wird ausschließlich im September angeboten. Es kann zum Preis von ca. € 300 von allen Urlaubern gebucht werden, die mindestens drei Nächte im Sandals Resorts verbringen.

Tipp.
Sollten Sie nicht zufällig in der Nähe von Billy’s, Little Ochie oder Miss Whissy’s sein und keinen Walter Staib an Ihrer Seite haben, fragen Sie einfach einen Einheimischen nach seinem liebsten Platz zu speisen. Er wird Ihnen sicher ein halbes Dutzend guter Tipps geben, damit Sie einen Einblick in die jamaikanische Küche bekommen.

Jamaica Tourist Board. Mettmann, Tel.: 02104 832 974, Fax: 02104 912 673, www.visitjamaica.com